6 getötete Palästinenser & eine Fehlgeburt binnen einer Woche: Siedler-Pogrome im Westjordanland
via Wafa News Agency

6 getötete Palästinenser & eine Fehlgeburt binnen einer Woche: Siedler-Pogrome im Westjordanland

Im völkerrechtswidrig besetzten Westjordanland eskalieren Pogrome israelischer Siedler und der Besatzungsarmee dramatisch, 6 Palästinenser wurden binnen einer Woche getötet. Eine Palästinenserin erlitt nach einem Brandanschlag eine Fehlgeburt. Aktuell brennen in mehreren Orten rund um Nablus palästinensische Wohnhäuser, nachdem bei einem Siedlerangriff 4 Palästinenser und ein Siedler sowie ein Armeeangehöriger ums Leben kamen. Zeitgleich blockiert Deutschland Sanktionen der EU gegen eben jene Siedler und verstößt damit gegen eine Anordnung des Internationalen Gerichtshofs.

4 tote Palästinenser in Tel

Israelische Siedler und Besatzungssoldaten töteten am gestrigen Freitag bei einem Angriff auf das Dorf Tel nahe Nablus im Westjordanland vier Palästinenser. Dabei wurden auch ein Soldat und ein Siedler erschossen. Augenzeugen berichten, wie eine Gruppe bewaffneter Siedler am frühen Morgen Häuser und Felder am Dorfrand stürmten und versuchten, Häuser in Brand zu setzen. Die Einwohner versammelten sich, um den Angriff abzuwehren. Die Konfrontation eskalierte zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen unbewaffneten Palästinensern auf der einen Seite und mit Gewehren bewaffneten Siedlern und israelischen Soldaten auf der anderen Seite. Laut den Dorfbewohner eröffneten israelische Soldaten und Siedler daraufhin das Feuer.

Das palästinensische Gesundheitsministerium teilte mit, dass vier Männer getötet und vier weitere verletzt wurden, drei von ihnen befinden sich noch immer in einem kritischem Zustand. Die meisten Schussverletzungen fanden sich in den Oberkörpern.

Bei den Getöteten handelt es sich um die Brüder Ibrahim und Jawad Hussein Ali Saifi, ihren Cousin Farouq Adnan Ali Saifi sowie ihren Verwandten Imran Ahmed Ali Saifi. In dieser Gegend kommt es oft zu Angriffen von Siedlern.

Israelische Medien berichten, dass auch ein Wachmann der Siedlung und ein Offizier der Armee durch Schüsse getötet und zwei weitere Siedler verletzt worden seien. Videoaufnahmen zeigen den Moment, als ein unbewaffneter Palästinenser einem Siedler die Waffe entriss, ihn und einen anderen tötete und zwei weitere Personen verletzte.

Die israelische Armee teilte mit, die Siedler hätten sich in der Gegend nur auf einer „Wanderung“ befunden, als es zu „Zusammenstößen“ mit palästinensischen Einwohnern kam. Sie behauptet in ihrer Stellungnahme weiter, die Siedler hätten Warnschüsse abgegeben, bevor Truppen eintrafen und versuchten, die Auseinandersetzung aufzulösen.

Augenzeugen berichteten gegenüber Middle East Eye, dass israelische Besatzungssoldaten nach der Schießerei die Siedler aus dem Dorf eskortierten, bevor sie das Dorf stürmten und die nach Nablus führenden Militärcheckpoints sperrten. Später führten die Besatzer zudem eine Razzia im Spezialkrankenhaus von Nablus durch, stürmten die Notaufnahme, griffen medizinisches Personal an und verhafteten Patienten.

Racheaufrufe – Politiker heizen Mob an

Wenige Stunden nach dem tödlichen Überfall der Siedler auf Tel griffen weitere Israelis mehrere palästinensische Dörfer in der Nähe des besetzten Nablus und Qalqilya an, setzten Autos und Ackerland in Brand und gingen gewaltsam gegen die palästinensischen Bewohner vor. Die Siedler riefen zudem über sozialen Medien zu Rache und weiteren Angriffen auf Palästinenser auf. Zahlreiche Palästinenser mussten im Laufe des gestrigen Tages nahe Nablus aus ihren Häusern fliehen, nachdem diese von Siedlern angezündet worden waren.

Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich, der in einer illegalen Siedlung in der Nähe des besetzten Nablus lebt und seit langem die Annexion des Westjordanlandes anstrebt, forderte harte militärische Maßnahmen. „Die Dörfer Tel, Burin und Beit Furik sollten so werden wie die Flüchtlingslager in Nablus und Tulkarm“, sagte er und bezog sich dabei auf die weitreichende Zerstörung der Lager durch Israels Besatzungsarmee im Jahr 2025. Smotrich erklärte außerdem, er werde den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu bitten, eine neue Siedlung in der Nähe von Tel zu genehmigen.

Der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, der in einer illegalen Siedlung in Al Khalil (Hebron) lebt, sagte, palästinensische Dörfer im besetzten Westjordanland sollten Beit Hanoun ähneln, jener Stadt im Norden des Gazastreifens, die von Israel während des Völkermords fast vollständig zerstört wurde. „Für jeden getöteten Juden muss der Feind den Verlust von Land und Häusern tragen“, so Ben Ben Gvir.

Netanjahus Büro teilte mit, der Ministerpräsident habe sich mit dem Verteidigungsminister und dem Armeechef getroffen, um Israels Reaktion auf den sogenannten „Angriff“ in Nablus zu besprechen. „Wir werden entschlossen gegen die Terroristen und diejenigen, die sie entsenden, vorgehen, und wir werden nicht zulassen, dass der Terrorismus im Westjordanland wieder auflebt“, sagte Netanjahu. Israels Armee gab später bekannt, dass sie ihre Präsenz im gesamten besetzten Westjordanland durch die Entsendung von fünf weiteren Kompanien verstärken werde.

Siedlerterrorismus nimmt immer größere Ausmaße an

Gewalt von Siedlern gegen Palästinenser ist seit langem ein fester Bestandteil des Alltags im besetzten Westjordanland. Sie hat jedoch kurz vor Beginn des Gaza-Genozids im Oktober 2023 stark zugenommen.

Siedler verüben mittlerweile fast täglich Angriffe auf palästinensische Gemeinden. Diese beinhalten u.a. Brandstiftung, Vandalismus, Übergriffe, Diebstahl oder gar Tötung von Viehherden und Zwangsvertreibungen der Menschen. Oft stehen sie dabei unter dem Schutz israelischer Besatzungssoldaten.

Am Sonntag wurden zwei Palästinenser durch israelische Schüsse getötet, als Siedler mit Unterstützung der Armee einen Angriff auf die Stadt Deir Jarir nordöstlich von Ramallah verübten. Am gleichen Tag wurde das Haus der schwangeren Ruqayya Rabai von Siedlern angezündet. Sie überlebte den Brandanschlag, verlor aber aufgrund des Schocks zwei Tage später ihr ungeborenes Kind durch eine Fehlgeburt.

Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden im Jahr 2026 im besetzten Westjordanland bisher mindestens 87 Palästinenser durch israelische Schüsse getötet, darunter 21 durch Siedler. 55 % aller Verletzungen, die im Westjordanland in diesem Jahr behandelt wurden, gehen auf Siedlerangriffe zurück. Etwa 1000 Kinder wurden in diesem Jahr bisher durch Siedlergewalt aus ihrem Zuhause vertrieben, wie AJ Plus berichtet.

Deutschland verhindert EU-Sanktionen gegen Siedlungen

Die Gesamtzahl der offiziellen Siedlungen liegt aktuell bei etwa 210. Nach aktuellen Plänen der israelischen Regierung sollen diese vergrößert werden. Rund 750.000 israelische Siedler leben derzeit illegal im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem.Siedlungen stellen gemäß Völkerrecht ein Kriegsverbrechen dar. Die Genfer Konvention untersagt einer Besatzungsmacht den Transfer der eigenen Bevölkerung in besetztes Gebiet. Auch der Internationale Gerichtshof (IGH) bestätigte im Jahr 2024 in einem Rechtsgutachten, dass die jahrzehntelange Besatzung der palästinensischen Gebiete durch Israel rechtswidrig ist und beendet werden muss, und dass die „fast vollständige Trennung“ der Menschen im besetzten Westjordanland gegen internationales Recht in Bezug auf „Rassentrennung“ und „Apartheid“ verstößt. 

Der IGH forderte mit seinem Rechtsgutachten Israel dazu auf, die Besatzung so schnell wie möglich beenden, unverzüglich alle neuen Siedlungsaktivitäten einzustellen und alle Siedler aus den besetzten palästinensischen Gebieten zu evakuieren. Alle Staaten sind verpflichtet die aktuelle Situation der Besatzung nicht als rechtmäßig anzuerkennen und keine Hilfe oder Unterstützung bei deren Aufrechterhaltung zu leisten. Deutschland scheint dies egal zu sein.

Die EU-Außenminister trafen sich am 13. Juli 2026 in Brüssel, um über neue Sanktionen gegen die illegalen israelische Siedlungen im Westjordanland zu beraten. Deutschland lehnte die vorgeschlagenen EU-weiten Einfuhrbeschränkungen für Produkte aus diesen Siedlungen ab und zog damit sogar Kritik aus den Reihen der eigenen Regierungskoalition auf sich. Einige SPD-Mitglieder kritisierten öffentlich das Veto des CDU-Außenministers Johann Wadephul und betonten, dass die Kritik an Verstößen gegen das Völkerrecht weder antiisraelisch noch antisemitisch sei. Die geplanten EU-Sanktionen scheiterten allein an Deutschland sowie an dem von einer Neofaschistin regierten Italien. Außenminister Johann Wadephul erklärte am Rande des Treffens der EU-Außenminister, er wolle zunächst auf wirksame Gespräche mit der israelischen Regierung setzen.

Quellen: Middle East Eye, Wafa, Aljazeera, AJ Plus

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