Dr. Hussam Abu Safiya, ein international bekannter palästinensischer Kinderarzt und Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses in Gaza, sitzt seit Ende Dezember 2024 ohne Anklage in israelischer Haft, seit 3. Juni sogar in Isolationshaft. Berichten zufolge ist er dort täglichen Misshandlungen und Folter ausgesetzt und wird weder adäquat medizinisch noch mit ausreichend Nahrung versorgt. Seine Situation ist symbolisch für die systematische Zerstörung des palästinensischen Gesundheitssektors.
Der Gesundheitszustand des palästinensischen Kinderarztes Dr. Hussam Abu Safiya (52) ist besorgniserregend. Seit der willkürlichen Festnahme durch die israelische Armee während ihres Angriffs auf das Kamal-Adwan-Krankenhaus am 27. Dezember 2024 in Beit Lahyia, im Norden des Gazastreifens, sitzt er ohne Anklage in Haft in Israel.
Im Gefängnis hat er laut Berichten seines Anwalts stark abgenommen, ist ausgemergelt und hat neben sichtbaren Folterspuren Probleme beim Atmen und mit dem Herzen. Die wenigen von Israel veröffentlichten Aufnahmen untermauern dies.
Seit 3. Juni dieses Jahres sitzt Dr. Abu Safiya durchgängig in Isolationshaft in “Rakevet”, einem Hochsicherheitstrakt des Nitzan-Gefängnisses in Ramleh.
Der berüchtigte Trakt liegt unterirdisch – ohne Sonnenlicht oder Frischluft. Hygieneartikel und medizinische Versorgung werden den Inhaftierten verwehrt. Die dortigen Bedingungen werden für das physische wie mentale Befinden als hochgradig störend eingestuft.
Berichte über schwere Misshandlungen, Folter und fehlende medizinische Versorgung
Sein Anwalt Nasser Odeh berichtete nach einem Besuch am 2. Juli, dass er den Arzt anfänglich kaum wiedererkannt habe, als er von den Wärtern an Händen und Füssen gefesselt in den Besucherraum gebracht wurde. Laut Odeh waren an seinen wenigen freiliegenden Körperstellen, wie dem Gesicht, Hals und Kopf, frische und schwere Verletzungen sichtbar. Dr. Abu Safiya habe körperlich sehr schwach und verängstigt gewirkt und sich aus Angst vor den Folgen nicht getraut frei zu sprechen. Mehrmals habe Odeh Sorge gehabt, dass der Arzt in Ohnmacht fallen würde. Während des Besuchs habe Dr. Abu Safiya zudem gesagt: „Das ist das letzte Mal, dass du mich siehst. Sie haben mich hierhergebracht, um mich zu töten. Ich glaube nicht, dass ich das Überleben werde. Das ist das Ende.“
Die jüngste Haftanordnung gegen Dr. Abu Safiya wurde erst wenige Wochen zuvor am 16. Juni 2026 vom Obersten Gerichtshof Israels bestätigt. Demnach muss er bis mindestens Oktober in Haft bleiben und ist von einer potenziell erneuten Haftverlängerung nach dem Gesetz über „ungesetzliche Kombattanten“ bedroht.
Laut Amnesty International verstößt das Gesetz gegen das Völkerrecht und muss unverzüglich abgeschafft werden. Es dient zur willkürlichen Inhaftierung von Palästinensern und Palästinenserinnen auf unbegrenzte Zeit ohne Anklage oder Prozess, legalisiert Isolationshaft und ermöglicht laut der NGO erzwungenes Verschwindenlassen.
Die unabhängige internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für das besetzte palästinensische Gebiet, einschließlich Ost-Jerusalem, und Israel ist tief besorgt um Dr. Abu Safiya und fordert sowohl die sofortige, bedingungslose und sichere Freilassung von Dr. Abu Safiya als auch des gesamten medizinischen Personals, das von Israel willkürlich festgehalten wird. Zudem fordert sie die israelischen Behörden auf, für Dr. Abu Safiya unverzüglich eine unabhängige medizinische Versorgung in einem zivilen Krankenhaus sicherzustellen.
Dr. Abu Safiya – eine Symbolfigur
Anfang Oktober 2024 begann Israels Armee den Norden vom Rest des Gazastreifens komplett abzuschneiden. Durch Belagerung und ständige Bombardements wollte Israel den Norden ethnisch säubern und letztendlich einnehmen. Dr. Abu Safiya war zu dem Zeitpunkt der Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses, welches eines der letzten noch im Betrieb stehenden Krankenhäuser im Norden des Gazastreifens war. Trotz der vielen gezielten israelischen Angriffe und Entführungen medizinischen Personals weigerte er sich, das Krankenhaus zu räumen und seine Patienten und Patientinnen im Stich zu lassen.
Durch verschiedene Berichte internationaler Plattformen und Videos in den Sozialen Medien war er zu einem der bekanntesten Gesichter geworden, die das Leid Gazas sichtbar machten. Er sprach über die gezielten Angriffe Israels auf Krankenhäuser und appellierte eindringlich an die internationale Gemeinschaft, einzugreifen.
So war die Welt auch Zeuge, wie Dr. Abu Safiya Ende Oktober 2024 seinen damals erst 15-jährigen Sohn Ibrahim verlor. Er war durch eine israelische Drohne getötet wurden. Einen Monat später wurde der Arzt selbst durch die Folgen eines israelischen Quadrocopter Angriffs auf das Krankenhaus schwer verletzt. Alles gut durch Videoaufnahmen dokumentiert. Trotz eigener Schicksalsschläge und Verletzungen machte der Arzt weiter.
Nebenbei versorgten Dr. Abu Safiya und seine Kollegen und Kolleginnen Menschenrechts- und Hilfsorganisationen zudem mit zuverlässigen, wichtigen Informationen über die Gesundheitslage im Norden des Gazastreifens.
Als Israels Armee das Krankenhaus schließlich Ende Dezember 2024 zum letzten Mal attackierte und sowohl ihn als auch viel anderes Personal und Patienten verschleppte, gingen die Bilder um die Welt und Dr. Abu Safiya wurde zur Symbolfigur der systematischen Zerstörung und Auslöschung des Gesundheitssektors Gazas.
Seit diesem letzten Großangriff ist das Kamal-Adwan-Krankenhaus außer Betrieb.
Systematisches Vorgehen Israels
Der Fall Abu Safiya ist kein Einzelfall, sondern reiht sich ein in die systematische Inhaftierung, Misshandlung und Tötung von medizinischen Fachkräften sowohl im Gazastreifen als auch im Westjordanland. Krankenhäuser und Kliniken sind regelmäßig von israelischen Überfällen und Angriffen bedroht. Ambulanzen werden gezielt an der Arbeit gehindert, festgehalten oder bombardiert. Wie auch der offizielle Bericht der unabhängigen internationalen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für das besetzte palästinensische Gebiet (einschließlich Ost-Jerusalem) und Israel, der am 16. September 2025 erschien, belegt.
Im Bericht heißt es zudem: „Die Kommission stellt fest, dass sich die israelischen Behörden dessen bewusst waren, dass ihr Vorgehen – durch die Zerstörung des Gesundheitssystems im gesamten Gazastreifen – zur Vernichtung der Palästinenser als Gruppe führen würde.“ Die Kommission sieht es als bewiesen, dass das Verbrechen des Völkermords durch die israelischen Behörden begangen wurde.
Laut der NGO Health Care Workers Watch wurden seit dem 7. Oktober 2023 1571 palästinensisches medizinisches Personal durch Israels Armee getötet, 446 unrechtmäßig festgenommen, 6 in Haft getötet und 5 gelten als verschwunden (Stand April 2026).
Eines der bekanntesten Opfer israelischer Folter aus dieser Zeit ist Dr. Adnan Al-Bursh (50), einer der führenden Orthopäden Gazas und Leiter der orthopädischen Abteilung des Al-Shifa-Krankenhauses. Er starb am 19. April 2024 im Ofer-Gefängnis an den Folgen intensiver Folter.
Dr. Ahmad Mhanna, ehemaliger Direktor des Al-Awda-Krankenhauses in Gaza, hat israelische Haft und Folter überlebt. Er war im Mai dieses Jahres nach 22 Monaten Haft ohne Anklage freigelassen worden. Nach seiner Entlassung berichtete er eindrücklich von sowohl systematischer, physischer als auch psychologischer Gewalt. Während seiner Inhaftierung wurde ihm angedroht, dass man seiner Frau und Tochter etwas antun würde, Hunde wurden auf ihn und andere Gefangene losgelassen und kochendes Wasser auf ihn gegossen, um nur einige der Foltermethoden zu nennen. Durch Mangelernährung nahm er während seiner Inhaftierung 28 kg ab und kämpft seit seiner Freilassung mit Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Traumata.
Erst Mitte August dieses Jahres erlitt die palästinensische Gynäkologin Dr. Dima Amin (55) in einem israelischen Gefängnis einen Herzinfarkt, nachdem ihre Hände sehr eng zusammengebunden waren und man sie misshandelt hatte. Sie war nur wenige Tage zuvor von der israelischen Besatzungsarmee in ihrer Wohnung in Ramallah (Westjordanland) wegen kritischer Social-Media-Posts verhaftet worden. In den Posts hatte sie die Behandlung und die Haftbedingungen von Dr. Mazen Al-Rantisi (71) angeprangert.
Al-Rantisi ist im besetzten Westjordanland als „Arzt der Armen“ bekannt, da er jeden unabhängig von finanziellem Gewinn medizinisch behandelte. Zudem ist er der Leiter des Health Work Committees (HWC), einer 1985 gegründeten palästinensischen gemeinnützigen Organisation, die Kliniken zur Versorgung Tausender Patienten insbesondere in ländlichen Gebieten betreibt. Der Arzt war im Juni durch Israels Armee in Ramallah verhaftet worden und sitzt seitdem in israelischer Haft.
Nach der Behandlung im Hadassah Hospital in Jerusalem wurde Dr. Amin direkt in das Benjamin Befragungscenter zurückgebracht. Ihren Anwälten zufolge saß sie dann mehrere Tage in Einzelhaft und ihr wurden lebensnotwendige Dinge – darunter ihre Brille, eine Matratze und Kleidung zum Wechseln – verweigert. Ein israelisches Militärgericht verlängerte ihre Haft trotz ihres Gesundheitszustands. Dr. Amin ist immer noch inhaftiert.
Die willkürlichen Verhaftungen dienen, wie man im Falle Dr. Amins sehen kann, auch zur Einschüchterung und dem Ersticken jeglicher öffentlicher Kritik.
Shatha Abdulsamad, eine palästinensische Forscherin und politische Analystin, fasst in ihrer Analyse für die Nachrichtenplattform The New Arab “The logic of erasure: Israel’s long war on Palestinian civil infrastructure” treffend das israelische Vorgehen gegen bekannte palästinensische Ärzte und Ärztinnen zusammen: “Persönlichkeiten wie Dr. Abu Safiya und Dr. Rantisi verkörpern genau jene Formen kollektiver Verantwortung, Würde, in der Gemeinschaft verwurzelter Fürsorge und sozialen Durchhaltevermögens, die Israel lange Zeit als Bedrohung für sein System kolonialer Herrschaft wahrnahm. Die Zerstörung von Krankenhäusern, Kliniken, Wohltätigkeitsorganisationen, landwirtschaftlichen Genossenschaften und Hilfsorganisationen in Palästina ist daher nicht bloß Kollateralschaden. Vielmehr spiegelt sie eine gezielte Strategie wider, die darauf abzielt, die institutionellen Grundlagen des palästinensischen Gemeinschaftslebens an sich zu untergraben.”
Die UN, Amnesty International, die European Public Health Association (EUPHA), Ärzte ohne Grenzen und viele andere Organisationen und Privatpersonen setzen auf internationalen Druck. Es laufen derzeit mehrere Petitionen, die die Freilassung von Dr. Abu Safiya und allem willkürlich gefangengehaltenen medizinischen Personals Palästinas fordern.
Weiterführende Links: Al Jazeera Dokumentarfilm “The Last Doctor Standing” (EN, 2025)
Quellen: Al Jazeera, OHCHR, Addameer, New Arab, Amnesty International, +972, Safa News, Ärzte ohne Grenzen (MSF)
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