Strukturelle Gewalt: Gazas zerstörtes Gesundheitssystem
via Wafa News Agency

Strukturelle Gewalt: Gazas zerstörtes Gesundheitssystem

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von „katastrophalen“ Zuständen. Die derzeit in Gaza tätige, kanadische Ärztin Dorotea Gucciardo beschreibt die Lage als „strukturelle Gewalt“.  Die israelische Blockade hat das Gesundheitssystem Gazas systematisch zerstört – mit tödlichen Folgen. Eine Zusammenfassung der aktuellen Lage.

Der Universitätsprofessorin Kholoud Abu Sahmoud, 33, Mutter von zwei Kindern, wurde nach 15 Chemotherapie-Zyklen mitgeteilt, dass die in Gaza verfügbaren Medikamente nicht für ihre Krebsart geeignet sind. Ihr Zustand verschlechtert sich täglich. Mahmoud Al-Aqqad, 41, hat fortschreitende rheumatoide Arthritis und ist auf Krücken angewiesen. Al-Aqqad wartet bereits seit anderthalb Jahren auf eine Behandlung im Ausland. „Ich könnte sterben und die Familie zurücklassen, die ich liebe und die mich liebt, weil ich keinen Zugang zu einer Behandlung habe“, so al-Aqqad unter Tränen während eines Interviews mit Mondoweiss.

Kholoud Abu Sahmoud und Mahmoud Al-Aqqad sind zwei von tausenden Palästinenser*innen, die verzweifelt auf eine notwendige medizinische Evakuierung warten. Die medizinische Versorgung in Gaza ist fast vollständig zusammengebrochen, und mit ihr jede Hoffnung auf Heilung.

Niemand bleibt verschont

Sie dokumentierten die Bombardierung ihrer Stadt, filmten die Zerstörung ihrer Nachbarschaft und berichteten über den Tod ihrer Kolleg*innen. Nun kämpfen auch über 40 palästinensische Journalisten und Journalistinnen in Gaza um ihr eigenes Überleben.

Der Fotojournalist Mohammed Al-Qahouji ist einer von ihnen. Er überlebte im Januar 2024 einen israelischen Luftangriff, der seine Kollegen tötete – doch nach mehr als 25 Operationen benötigt er weiterhin komplexe rekonstruktive Eingriffe, die in Gaza nicht durchgeführt werden können.

Moaz Al-Salhi, der an Morbus Crohn, einer schweren Darmerkrankung leidet, hätte bereits 2023 eine Behandlung im Ausland beginnen sollen. Er wartet immer noch auf die Ausreise. Sein Zustand verschlechtert sich unterdes täglich.

Die palästinensische Journalistengewerkschaft hat die mehr als 40 Fälle bei internationalen Organisationen eingereicht. Doch Evakuierungen bleiben strikt beschränkt – nur ein Bruchteil der über 18.500 Menschen, die nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dringend ins Ausland überwiesen werden müssten, darf ausreisen.

Ein Gesundheitssystem am Rande des Zusammenbruchs

Die Nicht-Gewährung von Evakuierungen durch Israel ist nur ein Aspekt einer umfassenden medizinischen Katastrophe. Die israelische Blockade hat das Gesundheitssystem systematisch zerstört.

Von ursprünglich 36 Krankenhäusern sind nur noch 16 teilweise funktionsfähig, mit einer Gesamtkapazität von lediglich 1.800 Betten. Die WHO spricht von „katastrophalen“ Zuständen, während Krankenhäuser weit über ihre Kapazitätsgrenzen hinaus arbeiten.

Der Mangel an lebenswichtigen Medikamenten hat siebzig Prozent erreicht. Chemotherapien für mehrere Krebsarten musste nahezu vollständig eingestellt werden. Für die rund 11.000 Krebspatienten in Gaza bedeutet dies ein langsames Todesurteil. Aktuell sterben vier bis fünf an Krebserkrankte täglich.

Die kanadische Ärztin Dorotea Gucciardo, die seit sechs Wochen in Gaza arbeitet, beschreibt die Lage als „strukturelle Gewalt“. Sie berichtet von Blutbanken, die vor dem vollständigen Zusammenbruch stehen, und von Patienten und Patientinnen, die mit dem Eselkarren stundenlang zur Dialyse fahren müssen – wie der 65-jährige Fathi Hajji, der dreimal pro Woche die qualvolle Reise von circa 65 km von seinem Zelt in Al-Mawasi zum Nasser-Krankenhaus in Khan Younis auf sich nimmt. Die Hälfte der Dialysemaschinen in Gaza ist aufgrund fehlender Natriumbicarbonat-Lieferungen ausgefallen. Mehr als 470 Nierenkranke sind bereits gestorben.

Frauen und Kinder besonders betroffen

Die systematische Zerstörung des Gesundheitssystems trifft Frauen und Kinder mit besonderer Härte. Einem Bericht der palästinensischen Menschenrechtsorganisation Palestinian Association for Human Rights (Witness) zufolge haben seit Kriegsbeginn über 10.000 Frauen ihr Leben verloren. Frauen und Kinder machen laut der Organisation etwa 70 Prozent der über 43.000 Todesopfer in Gaza aus. Schätzungsweise 49.000 Frauen seien derzeit in Gaza schwanger, 4.000 von ihnen ständen kurz vor der Geburt.

Das Fehlen pränataler und postnataler Versorgung hat das Risiko von Fehlgeburten und Müttersterblichkeit drastisch erhöht. Aktuell kommen in Gaza auf 1000 Lebendgeburten mehr als 500 Fehlgeburten. Diese Fehlgeburtenrate ist mehr als 3-mal so hoch wie im globalen Durchschnitt, wie das palästinensische Gesundheitsministerium aktuell berichtet. Schätzungsweise 540.000 Frauen haben aktuell keinen Zugang zu frauenärztlicher Gesundheitsversorgung. Behördenvertreter warnen, dass das Fehlen angemessener gesundheitlicher, ernährungsbezogener und umweltbezogener Bedingungen es zunehmend erschwert, normale Schwangerschaften aufrechtzuerhalten. Noch nie war die Geburtenrate in Gaza so niedrig wie aktuell.

Schon Anfang des Jahres 2024 berichteten zahlreiche humanitäre Organisationen, dass die Fehlgeburtenrate in Gaza um 300% angestiegen sei. Damals litten aufgrund Israels systematischer Aushungerung des Gazastreifens Zehntausende schwangere Frauen unter katastrophalem Hunger, viele weitere erlebten ebenfalls Mangelernährung und medizinische Unterversorgung. Dies hatte schwerste Auswirkungen auf die Gesundheit der Schwangeren, aber auch auf die ungeborenen Kinder mit Spätfolgen, die deren gesamtes Leben prägen werden.

Die Zerschlagung von UNRWA und die Komplizenschaft des „Friedensrats“

Parallel zur medizinischen Katastrophe wird das palästinensische Flüchtlingshilfswerk UNRWA systematisch zerschlagen. Im Januar 2026 wurden 571 palästinensische Angestellte entlassen, weitere 70 folgten im Juni. Viele der Entlassenen – wie die Lehrerin Fatima, die ihren Sohn an Krebs verlor und nun in Jordanien im Exil lebt – wurden ihrer Existenzgrundlage beraubt.

Der von Donald Trump eingesetzte „Friedensrat“ (Board of Peace) bietet dabei internationale Legitimation für eine Politik, die Ärzte ohne Grenzen als „Fortsetzung des Völkermords“ bezeichnet. Der Rat, zusammengesetzt aus Milliardären wie Jared Kushner und Steve Witkoff, schließt Palästinenser und Palästinenserinnen von Entscheidungen aus. Der Wiederaufbau ist auf ein winziges Pilotprojekt geschrumpft, während private Sicherheitsfirmen wie UG Solutions über neue Aufträge verhandeln.

Laut einem Bericht von The American Prospect, einem unabhängigen Online-Magazin, plant der Rat sich selbst weitreichende rechtliche Immunität für Handlungen in Gaza zu gewähren. Die Entscheidungen des „Friedensrats“ bergen die Gefahr, die Situation noch zu verschlimmern, indem er humanitäre Hilfe weiter militarisiert und profitorientiert gestaltet. Das von ihm entworfene Programm ähnelt bedenklich seinem Vorgänger, der Gaza Humanitarian Foundation, die in erster Linie als Mechanismus für militärische Kontrolle und finanziellen Gewinn fungierte.

Die medizinische Katastrophe in Gaza ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer systematischen Zerstörungspolitik. Der „Friedensrat“ bietet dabei keine Lösung, sondern legitimiert die fortgesetzte Gewalt. Solange Israel die Einfuhr von Medikamenten blockiert, Evakuierungen verweigert und die Zivilbevölkerung in einen immer enger werdenden Raum sperrt, wird Gaza ein vom Leid und Tod geprägter Ort bleiben.

Quellen: Middle East Eye, Pahrw, Good Sheperd Collective, Al Jazeera, Unric, Doctors Without Borders

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