Massafa Yatta.
Massafa Yatta. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von activestills

“Das ist so ungerecht, dass ich schreien möchte”— Spotlight zu Zwangsvertreibung

Ein General & seine Opfer sitzen gemeinsam auf einer Holzbank im Obersten Israelischen Gericht. Ein israelischer Aktivist stellt abseits den General zu Rede. Hier kommen sie alle zu Wort. Die Dörfer der Gegend Massafer Yatta im Westjordanland sollen für einen Truppenübungsplatz der Besatzungsarmee zwangsgeräumt werden, 1.300 Palästinensern drohen Vertreibung & Obdachlosigkeit, die Sache liegt vor Gericht. Was Menschen gestern im Gerichtsaal erlebt & gefühlt haben, könnt ihr hier lesen.

Yuval Abraham — israelischer Aktivist

“Ich habe heute zu jemandem gesagt: “Du, dein ganzes Leben lang hast du den Menschen nur Leid zugefügt.” Ich dachte, er würde mich anschreien, aber zu meiner Überraschung sagte er: “Komm schon, bring mich zum Auto.” Und so begann ein schwieriges Gespräch, das ich noch nicht verdaut habe.

Der jemand, dem ich dies sagte, ist Direktor der Einheit für die Durchsetzung der israelischen Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten. Sein Name ist Nir. Groß, bärtig, sein Haar weiß. Er ist für alle Hauszerstörungen im Westjordanland verantwortlich. Ich sehe ihn manchmal in den Feldern, im Süden der Berge Hebrons (Al Khalil). Er kommt seit 20 Jahren, um dort die Häuser der palästinensischen Familien abzureißen.

Massafa Yatta
Massafa Yatta. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von activestills

Wir trafen uns zu einer Anhörung im Obersten Israelischen Gericht über die Deportation aller Palästinenser von 8 Dörfern in Massafer Yatta. In den kommenden Monaten wird es vielleicht ein Urteil geben, das es der Besatzungsarmee erlaubt, 1.300 Palästinenser aus diesen alten Dörfern zu vertreiben, um ein Militärgebiet auf dem Gelände zu installieren. Die Bewohner leben seit Generationen dort. Das ist eine große Ungerechtigkeit. Geben Sie in Google ein: Massafer Yatta.

Bei der Anhörung im Gericht, auf Holzbänken, saßen sie heute Seite an Seite: Angehörige des israelischen Verteidigungsministeriums wie Nir & Bewohner der Dörfer in Massafer Yatta, die dafür eine einmalige Einreiseerlaubnis nach Jerusalem erhielten. Es war ein halluzinatorisches Spektakel. Ich erkannte im Publikum in der Weißen Halle Mohammad, den ich vor ein paar Monaten in einem Dorf gesehen hatte, als er seinen kleinen Sohn hielt, der schrie, kurz nachdem Bulldozer ihr Haus zerstört hatten. Sie zerstörten alles bis auf die Schafherde. Nachts sah ich, wie Mohammed die Schafe in ein Zelt brachte & dort in der stinkenden Herde Matratzen für seine Frau & seine kleinen Kinder aufstellte. Sie haben dort geschlafen.

Als die Anhörung beendet war, gingen alle. Die Schuhe knarrten im polierten Foyer des Gerichts. Mohammad, in eine weiße Kuffiyeh gekleidet, näherte sich Nir im Flur. Ein anderer Offizier, der in der Nähe stand, sagte zu Mohammad: “Oh, oh, wie geht es dir?” Ich nehme an, die beiden trafen sich kürzlich bei der Hauszerstörung. Mohammad sagte: „Hier sprichst du plötzlich anders“ & der Offizier entgegnete: „Du sprichst auch plötzlich anders, eh?“. Es war kein lustvolles Gespräch. In ihm war viel Wut.

Dann sagte ich Nir, was ich gesagt hatte. Dein ganzes Leben lang hast du Menschen nur Leid zugefügt. Und er sagte, lass uns zum Auto gehen. Und ich stimmte zu, fasziniert. Und auf dem Weg dorthin sagte er: “Ich habe mal einen Post von dir gelesen, könnte das sein?” Und ich sagte, könnte sein. Das hat mich überrascht. Er sagte: „Noch bevor Sie geboren wurden, arbeite ich dort in der Gegend [Hebrons], mein Lieber. Ich sage Ihnen, alle Häuser der Araber, die heute dort stehen, waren vor dem Jahr 2000, als ich anfing, in der Zivilverwaltung zu arbeiten, nicht dort — sie lebten nur in Höhlen.”

Ich hatte das Gefühl, dass er aus irgendeinem Grund wirklich mit mir reden wollte. Ich sagte: „Nun, sag mal. Na und? Sie haben außerhalb der Höhlen neue Häuser für ihre Kinder gebaut.” Er sagte: “Aber sie haben illegal gebaut.” Ich sagte: “Weil Ihr keine Gesetze erlassen habt, die ihnen das Bauen erlauben.” Und er sagte: „Sie bekommen ausländische Gelder zum Bauen aus Europa. Sag mir, meine Tochter, könnte sie morgen früh aufstehen & so bauen? Kannst du es? Du kannst nur davon träumen, so wie sie leben zu dürfen.“

Nir drückte einen Knopf, etwa einen Summer, um die Gerichtstüren zu öffnen & nach draußen zu gehen. Ich sah seine Finger & plötzlich erinnerte ich mich: Er ist derjenige, der Farsas Haus zerstört hat. Ich habe ihn damals dabei fotografiert. Ich erinnerte mich aus irgendeinem Grund daran, dass er ihr, der alten Frau, Guten Morgen gesagt hatte, kurz bevor er ihr Haus zerstörte. Sie & ihre Kinder schliefen im Freien auf zerrissenen Matratzen. Ich fragte ihn, ob er sich an sie erinnere. “Ja, ja”, sagte er, “ich erinnere mich.”

Einen Monat später schoss ein Soldat Farsas Sohn Harun Abu Iram in den Hals. Die Soldaten schossen [grundlos] auf den 24-jährigen Mann, als sie kamen, um einen Generator zu beschlagnahmen, mit dem Harun ein zerstörtes Haus wiederaufbaute. Ja, auch Generatoren & Baumaterialien werden beschlagnahmt. Ich fragte Nir noch einmal, ob er sich erinnerte. „Ja. Ich kenne den Fall, ja“ & etwas verhärtete sich in seinem Blick, „ich glaube, es war ein Schuss mit einer Kugel.“

Ich sagte ihm: „Bevor ich gehe, nur damit du es weißt — ich war gestern dort. Sie leben in einer Höhle, Farsa & Harun. Er ist seit dem Schuss gelähmt. Kann seinen Körper nicht bewegen. Und jetzt liegt er dort auf einer Matratze, in einer dreckigen Höhle & du hast es zu verantworten. Seine Mutter duscht ihn mit einem Eimer, weil es kein fließendes Wasser gibt & sie entfernt den Eiter von seinem Rachen mit einem Vakuumschlauch. Das Gerät funktioniert nicht gut, weil sie keinen Strom in der Höhle haben. Und ihn rausholen, an die Sonne, dafür bracht man 3 Männer als Hilfe, weil die Höhle nicht leicht zugänglich ist. Seine Mutter hat nicht die Möglichkeit, ein barierrefreies Haus zu bauen, weil ihr es dann zerstören werdet.”

Ich sah Nir wütend. In seinen Augen sah ich es. Er sagte: „Sag mir, was denkst du, dass wir kein Herz haben? Vor dem Zerstören können wir nachts nicht schlafen.“ Und dann schwieg er. Er fügte hinzu: „Aber das ist das Gesetz. Und ich entscheide mich, es zu tun. Setze es durch. Und das Gesetz ist fair.“

Auf dem Rückweg sah ich Mohammad, dessen Familie in einem Pferch schlief. Sie haben bereits eine Art Blechgebäude errichtet, in dem sie jetzt leben. Nir wird es in der Zukunft auch zerstören. Oder vielleicht macht es ein anderer Israeli.

Ich sagte ihm: “Wir sind alle bei dir. Ich wünsche, es wird alles gut.” Und er sagte: „Ich wünschte, es wäre alles gut“ & dann sagte er: „Warum kommst du nicht mehr zu Besuch?“ & lächelte. Ich fragte: „Wie war deine Anhörung“, & er sagte: „Ich habe nichts verstanden, alles ist auf Hebräisch“. Und ich merkte, wie sie da saßen, Dutzende von Bewohnern Massafer Yattas & hörten, wie Richter über ihre Vertreibung diskutieren, in einer Sprache, die nicht ihre ist. In höflichem Hebräisch. Sir, Euer Ehren…. “

(wir danken der Jüdischen Stimme für einen Gerechten Frieden in Nahost für ihre Vorabübersetzung aus dem Hebräischen!)

Basel Adra — Palästinenser aus Massafer Yatta

“Als ich 3 Jahre alt war, vertrieben Soldaten alle Familien in den Dörfern neben mir. 700 Menschen, aus 14 Dörfern, im südlichen Westjordanland. Sie wurden zu Flüchtlingen. Das geschah im Jahr 1999. Diese Vertreibung war ein traumatisches Ereignis, das mein Aufwachsen zu einem großen Teil begleitet & beeinflusst hat.

Die israelische Besatzungsarmee behauptete, um die Vertreibung zu rechtfertigen, unsere Dörfer in Massafer Yatta lägen in einer “Feuerzone”, die sie in den achtziger Jahren errichtet hatten. Unsere Familien leben schon seit Jahrzehnten hier. Die Militärübungszone war eine Lüge, ein brutales Mittel, um uns zu vertreiben.

Massafa Yatta.
Massafa Yatta. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von activestills

Als ich 4 Jahre alt war, legten die vertriebenen Flüchtlinge Berufung bei den israelischen Gerichten ein, die über uns entscheiden sollten. Sie erlaubten ihnen, vorübergehend nach Hause zurückzukehren, bis ein Urteil gefällt wird. Jetzt ist der kritische Moment gekommen.
22 Jahre lang, während ich aufwuchs, haben die Gerichte diesen schicksalhaften Fall verschleppt — ohne zu entscheiden, ob die Besatzungsarmee unsere Dörfer ethnisch säubern darf oder nicht. Am Dienstag fand die letzte Gerichtsverhandlung statt. Danach wird eine Entscheidung getroffen werden.

Ich bin während dieses 22 Jahre dauernden Prozesses aufgewachsen & wurde wie meine Eltern zu einem Aktivisten. Ich habe gefilmt & mit Schmerz beobachtet, wie die israelische Besatzung meine Gemeinde zerstörte — Häuser, Wasserleitungen & Straßen wurden abgerissen. Menschen, die ich liebe, auseinandergerissen.

Die Besatzungsarmee arbeitete daran, uns langsam zu vertreiben, während sie darauf wartete, grünes Licht vom Besatzungsgericht zu bekommen, um eine Massendeportation durchzuführen, so wie 1999. Das Gericht könnte ihnen bald grünes Licht geben. Es ist ein kritischer Moment. Wir sprechen von einer großen ethnischen Säuberung, es geht um 1.300 Palästinenser in Massafer Yatta. Meine Nachbarn, Lehrer, besten Freunde. Wir alle.

Massafa Yatta
Massafa Yatta. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von activestills

Wir leben unter einer Besatzung, die der Westen unterstützt. Sie erlauben Israel, damit weiterzumachen. Bald riskieren 1.300 Menschen in Massafer Yatta, vertrieben & zu Flüchtlingen zu werden, damit die Soldaten einer fremden Besatzung “auf unseren Dörfern trainieren” können. Das ist so ungerecht, dass ich schreien möchte.

Dienstag war ein harter Tag für uns in Massafer Yatta. Vor dem Gericht der Besatzung, neben den Soldaten, die unsere Häuser brutal abreißen & die Richter haben wiederholt angedeutet, dass sie der Armee erlauben wollen, unsere Dörfer in Massafer Yatta zu räumen. Ihre Entscheidung wird in den nächsten Monaten fallen.”

Original Beiträge:

https://www.facebook.com/Yuval.Abraham1/posts/10226067935352187?__cft__[0]=AZUD2N2wYVNs70z7II2ECAoB71Xuup2tc5arjG-tPDKvCnJZ6tVml5ReH45T28JfP8k1Ys-PheJIPOJgA1shbE_3ydy5Aq_B8mVhmIvMPpD7VRyKCdYjg-439IK8NbNhPCyzIzuQODO_7BsfAJQvwiWZDJ_k5bdDAOaXcB0wLHHvig&__tn__=%2CO%2CP-y-R)

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Artikel 49 der Vierten Genfer Konvention von 1949 die “individuelle oder massenhafte gewaltsame Verbringung sowie die Deportation geschützter Personen aus dem besetzten Gebiet in das Gebiet der Besatzungsmacht oder in das Gebiet eines anderen Landes, ob besetzt oder nicht, ungeachtet ihrer Beweggründe” verbietet. Darüber hinaus legt Artikel 7 Absatz 1 Buchstabe d des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs fest, dass die Deportation oder der gewaltsame Transfer der Bevölkerung ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt, wenn sie als Teil eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung begangen wird. Auch die Artikel 6, 7 & 8 des Römischen Statuts legen fest, dass Deportation oder Zwangsumsiedlung Kriegsverbrechen sind.

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