“Wir können die Toten nicht mal zählen” — Daily Update 12.11

“Wir können die Toten nicht mal zählen”

Gaza

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  • Totenzahlen: Aktuell 11180 Tote, unter ihnen 4609 Kinder, mindestens 192 medizinische Fachkräfte, 101 UNRWA-Mitarbeiter und 44 Journalisten. Die genaue Zahl wird wegen der israelischen Angriffe immer schwerer zu ermitteln und viele mehr liegen unter den Trümmern.
  • Als Reaktion auf die Forderung der israelischen Streitkräfte, das al-Shifa-Krankenhaus zu evakuieren, erklärte der Sprecher des Gesundheitsministeriums von Gaza, Ashraf al-Qudra, gegenüber Al Jazeera: “Es ist absolut unmöglich, die Verwundeten zu evakuieren.” Er sagte, eine Reihe von Kindern sei gestorben, als sie von den israelischen Streitkräften gezwungen wurden, auf die Straße zu gehen, weil es keine lebenserhaltenden Geräte gab. “Deshalb wollen wir dieses Verbrechen an den 650 Patienten im Shifa Medical Complex nicht wiederholen. Der Komplex kann nicht in die Krankenhäuser im südlichen Gazastreifen evakuiert werden, die ebenfalls mit Verwundeten überfüllt sind und ebenfalls in weniger als zwei Tagen ihren Betrieb einstellen werden, weil ihre Generatoren keinen Treibstoff mehr haben.” Zur Zeit ist das Al-Ahli Krankenhaus das einzige Krankenhaus im Norden Gazas, das noch im Betrieb ist.
  • Im Khan Younis im südlichen Gazastreifen gab es einen neuen Angriff auf das Flüchtlingslager Jabalia, bei dem mindestens 15 Menschen getötet und viele weitere verwundet wurden. Die Verletzten werden in das Nasser-Krankenhaus gebracht. “Dieses Flüchtlingslager wurde in der letzten halben Stunde durch israelische Luftangriffe bombardiert. Ein Gebäude, in dem eine Familie wohnte, wurde vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Fünfzehn Palästinenser sollen getötet worden sein”, sagte Tareq abu Azzoum von Al-Jazeera. Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte schrieb, dass die “unverhältnismäßigen Angriffe auf Kriegsverbrechen hinauslaufen könnten”.
  • Die britische humanitäre Organisation Medical Aid for Palestinians (MAP) befürchtet, dass in der Neugeborenen-Intensivstation des Al-Shifa-Krankenhauses bald weitere Babys sterben werden. “Wir sind zutiefst besorgt über die unkritische Medienberichterstattung über die Erklärung des israelischen Militärs, dass es dabei helfen wird, die im Krankenhaus eingeschlossenen Frühgeborenen in ein “sichereres Krankenhaus” zu verlegen”, so die Organisation. “Die einzige sichere Option zur Rettung dieser Babys wäre, dass Israel seine Angriffe und die Belagerung von al-Shifa einstellt, die Versorgung des Krankenhauses mit Treibstoff ermöglicht und sicherstellt, dass die überlebenden Eltern dieser Babys wieder mit ihnen vereint werden können.”

  • Nach Angaben des palästinensischen Kommunikationsministers Yitzhak Sidr werden ab Donnerstag alle Kommunikations- und Internetdienste im Gazastreifen eingestellt, da der Treibstoff zur Neige geht. Auf einer Pressekonferenz sagte der Minister laut der palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA, dass das Fehlen von Kommunikationsdiensten “die humanitäre Katastrophe verschärfen wird”. Dies werde die Kommunikation zwischen dem Zivilschutz, dem Roten Halbmond und anderen humanitären Organisationen beeinträchtigen und “den Verlust vieler Menschenleben bedeuten”.
  • Die Angriffe auf Gaza haben nach Angaben internationaler Organisationen gravierende sozioökonomischen Auswirkungen:

Wohnen:

Nach Angaben der UN-Agentur OCHA wurden durch israelische Angriffe mehr als 41 000 Wohneinheiten zerstört und etwa 222 000 Wohneinheiten beschädigt. Mindestens 45 Prozent der Wohneinheiten im Gazastreifen wurden beschädigt oder zerstört.

Krankenhäuser und Schulen:

279 Bildungseinrichtungen wurden beschädigt, das sind mehr als 51 Prozent der Gesamtzahl, so dass keiner der 625.000 Schüler im Gazastreifen Zugang zu Bildung hat. Außerdem sind mehr als die Hälfte der Krankenhäuser im Gazastreifen und fast zwei Drittel der Zentren der medizinischen Grundversorgung außer Betrieb und 53 Krankenwagen beschädigt.

Wasser und sanitäre Einrichtungen:

Der Wasserverbrauch ist seit Beginn des Krieges um 90 Prozent zurückgegangen. Die meisten der 65 Abwasserpumpen in Gaza sind laut OCHA außer Betrieb.

Ernährungssicherheit:

Es gibt keine Vorräte mehr an Pflanzenöl, Hülsenfrüchten, Zucker oder Reis. Die Menschen stehen im Durchschnitt vier bis sechs Stunden in der Schlange, um die Hälfte der normalen Brotrationen zu erhalten.

Wirtschaftliche Auswirkungen:

Laut einem gemeinsamen Bericht der UN-Wirtschafts- und Sozialkommission für Westasien und des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen sind seit Beginn des Krieges rund 390.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. In einer vorläufigen Schätzung gehen die UN-Organisationen davon aus, dass die Armut je nach Dauer des Krieges um 20 bis 45 Prozent steigen wird. Sie sagten auch voraus, dass der Krieg den Gazastreifen im Jahr 2023 zwischen 4 und 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten würde.

Westjordanland

  • Kamal Abu al-Rub, der amtierende Gouverneur von Jenin, sagte gegenüber Al-Jazeera, Israel greife die Stadt und das Flüchtlingslager täglich an und mache sie damit zu einer dritten Front nach Gaza und Libanon. “Die aufeinanderfolgenden Angriffe auf die Stadt Dschenin, das Lager und die umliegenden Dörfer, die Angriffe auf Zivilisten und Krankenwagen, die Straßensperren und die Angriffe auf Moscheen zeigen, dass Israel Rache übt”, sagte er. Die Einwohner seien besorgt, dass die israelische Armee “in den kommenden Tagen eine größere Operation durchführen wird, da die Welt mit der anhaltenden Aggression im Gazastreifen beschäftigt ist und zu dem, was dort und im Westjordanland geschieht, schweigt”.
  • Die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichtet, dass die Notärzte in Jenin fast jede Nacht in das öffentliche Krankenhaus gerufen werden, da die israelischen Angriffe mit Panzern und Bodentruppen die Stadt belagern. Im vergangenen Monat haben die israelischen Streitkräfte allein in Jenin 30 Menschen getötet und mindestens 162 weitere verletzt, so MSF. Die Sanitäter im Flüchtlingslager von Jenin müssen sich mit einem von Ärzte ohne Grenzen gespendeten dreirädrigen Motorrad durch die engen Gassen des Lagers schlängeln, um die Verwundeten abzuholen. Die israelischen Streitkräfte blockieren oft den Eingang des Lagers, so dass es für Krankenwagen fast unmöglich ist, die Schwerverletzten rechtzeitig hinein- und hinauszubringen, um ihr Leben zu retten.

  • Nach Angaben der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) sind palästinensische Städte und Dörfer im Westjordanland weiterhin blockiert, während Jerusalem vollständig abgeriegelt und in eine Militärkaserne verwandelt wurde. Die Bewegungsfreiheit von und nach Jordanien über die König-Hussein/Allenby-Brücke, der einzigen Verbindung des besetzten Westjordanlandes zur Außenwelt, wurde stark eingeschränkt, so die PLO.

Libanon

  • Durch Angriff einer Panzerabwehrrakete wurden an der Grenze zu Libanon mehrere Israelis verletzt. Die Hisbollah hat sich zu dem Angriff bekannt. Dieses Feuergefecht fand Stunden nach einem Besuch des israelischen Kriegsministers Yoav Gallant bei israelischen Soldaten im Norden statt, der die Hisbollah davor warnte, Israel zu diesem Zeitpunkt zu provozieren.

Israel

  • In einer Pressekonferenz sagte Regierungschef Netanjahu, eine Neubesiedlung des Gaza-Streifens wäre nicht das Ziel. “Ich finde das kein reales Ziel” sagte er. “Wir werden komplette militärische Kontrolle haben, samt der Fähigkeit, in den Gaza-Streifen immer reinzugehen, wann wir wollen, um Terroristen zu vernichten, die wieder auftauchen könnten”.
  • Zu der Kritik aus westlichen Staatsoberhäuptern sagte gestern israelischer Kriegsminister Yoav Gallant: “woher haben sie diese Frechheit, uns mitten in einem Krieg Moral zu predigen?
  • Die Israelische Zeitung Haaretz berichtet, die Universität Haifa hat ein gefälschtes Video verbreitet, das behauptete, Hamas würde “Fake News” verbreiten. Der angebliche Beweis dafür waren Aufnahmen aus einem 2013 Protest in Ägypten, bei dem Menschen als Tote und Verletzte geschminkt waren. Die Universität hat diese Aufnahmen als verlogene Hamas-Videos dargestellt. Erst nach vier Tagen hat die Universität das Video aus dem Netz entfernt.
  • Dutzende von israelischen Frauen fordern in Tel Aviv die Freilassung der von der Hamas gefangengenommene Menschen. Die Frauen tragen Transparente mit Bildern und Namen der am 7. Oktober Gefangenen. Tausende von Menschen haben in den letzten Wochen in Tel Aviv und anderen israelischen Städten für die Freilassung der Gefangenen demonstriert und gleichzeitig die israelische Regierung für ihren Umgang mit der Krise kritisiert.

Global

  • In Kapstadt hat die südafrikanische Polizei Blendgranaten und Wasserwerfer eingesetzt, um Zusammenstöße zwischen pro-israelischen und pro-palästinensischen Demonstranten zu unterbinden. In den großen Städten Südafrikas, wo die regierende ANC-Partei die palästinensische Sache seit Jahrzehnten vehement unterstützt, finden seit Wochen zahlreiche Demonstrationen zur Unterstützung beider Seiten statt.
  • Ein milliardenschwerer Immobilienmagnat aus den Vereinigten Staaten wirbt um Unterstützung für einen hochdotierten Medienkreuzzug, um das Image Israels zu verbessern und die Hamas inmitten weltweiter pro-palästinensischer Solidaritätsproteste zu dämonisieren. Die Medienkampagne mit dem Namen “Facts for Peace” bittet um Millionenspenden von Dutzenden der weltweit größten Namen in den Bereichen Medien, Finanzen und Technologie, wie aus einer E-Mail hervorgeht, die der Nachrichten-Website Semafor vorliegt. Mehr als 50 Personen werden umworben, darunter der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt, Dell-CEO Michael Dell und der Finanzier Michael Milken. Zusammen verfügen sie über ein Nettovermögen von rund 500 Milliarden Dollar, so Semafor.

Korrektur: In einer vorherigen Version dieses Artikels stand, dass alle Patienten in der Intensivstation im Al-Shifa-Krankenhaus ums Leben kamen. Diese Meldung wurde entfernt, da wir sie nicht verifizieren könnten.

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