Wie zionistische Gruppen Kriegsopfer gegeneinander ausspielen
Plakat der Kampagne in Berlin

Wie zionistische Gruppen Kriegsopfer gegeneinander ausspielen

Kürzlich tauchten in Deutschland Plakate für eine neue Kampagne an Werbetafeln auf – mit dem Foto eines traurigen Kindes und ausschließlich in englischer Sprache fordert das Plakat dazu auf, „gegen einen realen Genozid“ die Stimme zu erheben („speak up against a real genocide“). Wer die Formulierung komisch findet – was macht einen Genozid „realer“ als einen anderen? – wird auf der per QR-Code verlinkten Website schnell fündig: In schlechtem Englisch wird erklärt, die Kampagne wolle die „Heuchelei entlarven“, die dazu führe, dass dem „Gaza-Konflikt“ mehr Aufmerksamkeit geschenkt werde als dem Völkermord im Sudan. Die Kampagne wird nicht von sudanesischen Organisationen oder gar europäischen Menschenrechtsgruppen getragen, sondern ausschließlich von der Organisation „European Foundation for Democracy“, deren Adresse zu einem „Co-Working Space“ in Brüssel führt.

Aus der Webseite der Kampagne

Auch Sudanesische Aktivisten sind durch die Kampagne verblüfft. „Warum taucht diese Kampagne plötzlich erst jetzt, nach neun Monate?“ fragt die Aktivistin Mai Shatta. „Warum haben sie keine echte Adresse, warum arbeiten sie mit keiner einzigen sudanesischen Person? Deren Sprache ist nicht die unserer Kampagnen“ sagt sie Occupied News.

„European Foundation for Democracy“

Die „European Foundation for Democracy“ (EFD) ist eine Lobbyorganisation mit dem Schwerpunkt Anti-Radikalisierung. Ein kurzer Blick auf Wikipedia zeigt, dass zu den Gründern auch Nicola Dell’Arciprete gehört, der früher für einen Europaabgeordneten der italienischen Rechtspartei Lega Nord arbeitete und an Veranstaltungen der rechtsextremen israelischen Siedlerorganisation „Ateret Kohanim“ teilnahm. Die EFD gilt als „pro-israelisch“ und befürwortet EU-Maßnahmen gegen die Hisbollah und den Iran, einschließlich eines EU-Verbots von Fernsehsendern wie Al-Manar und Al-Aqsa TV.

Nach Recherchen der Wissenschaftler Sarah Marusek und David Miller ist die EFD eng mit neokonservativen und antimuslimischen Netzwerken verbunden. Der österreichische Politikwissenschaftler Farid Hafez untersuchte die Aktivitäten der EFD in Österreich und fand Muster der Diffamierung und Delegitimierung von Muslimen und muslimischen Gruppen.

Die EFD wird zu einem großen Teil von der US-Regierung sowie von der „Foundation for Defence of Democracies“ (FDD), einem neokonservativen Think Tank, finanziert. Marusek und Miller behaupten, die EFD sei eigentlich direkt aus der FDD hervorgegangen und als deren europäischer Ableger zu betrachten. Weitere Geldgeber sind laut Wikipedia etwa die IDF-nahe „Hochberg Family Foundation“, die „Marcus Foundation“, die Israelreisen christlicher amerikanischer Studenten finanziert, oder Stiftungen, die dem pro-israelischen Republikaner Paul Singer nahestehen.

Die Realität ist anders

Afrikanische Geflüchtete in israelischer Abschiebehaftanstalt „Holot“ (Mit freundlicher Genehmigung: Activestills)

Eine solche Kampagne, die von Kriegstreibern finanziert wird und offenbar vor allem dazu dient, die Solidarität mit den Menschen in Gaza zu diskreditieren, erscheint umso heuchlerischer, wenn man bedenkt, dass Israel seit Jahren Waffen in den Südsudan liefert und sich gegenüber Flüchtlingen aus dem Sudan, die über Ägypten ins Land kommen, extrem rassistisch verhält. All dies macht die Kampagne, die von keiner sudanesischen Organisation unterstützt wird, umso instrumentalisierender und zynischer. Sie ist ein durchsichtiger und billiger Versuch, Kriegsopfer und solidarische Menschen gegeneinander auszuspielen.

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