Wenn die Sonne zu deinem größten Wunsch wird — Eine Nacht in Gaza

Wenn die Sonne zu deinem größten Wunsch wird — Eine Nacht in Gaza

Der Erlebnisbericht des Journalisten Youssef Faris aus Gaza — seine Flucht und erste Nacht in einem UN-Schutzzentrum in Jabalia. Der Originalartikel erschien am 08.12.2023 in der Zeitung Al Akhbar unter dem Titel “ليلة في مركز إيواء: أن تصبح الشمس مُنيتك الكبرى”. Hier veröffentlichen wir unsere deutsche Übersetzung.

Wir hatten keine andere Wahl als zu fliehen. Die israelischen Panzer kamen unserem Aufenthaltsort sehr nahe und alle Männer standen vor zwei Möglichkeiten: entweder gefangen genommen und physisch liquidiert zu werden, oder unter dem schweren Artillerie- und Luftangriff zu fliehen und sich zu einem der UN-Schutzzentren zu begeben, die nur wenige hundert Meter von der letzten Schusslinie entfernt sind. Wir beschlossen, dass wir — Ärzte, Journalisten, Lehrer und junge Männer im Alter von zwanzig Jahren — das Risiko eingehen würden, anstatt Gefangene in den Händen der Soldat:innen zu werden.

Die Uhr schlug zehn Uhr abends und wir hörten das Brüllen von Panzern. Wir brachen unter Artilleriebeschuss und von Drohnen abgefeuerten Kugeln auf. Mitten in völliger Dunkelheit stolperten unsere Schritte über die Trümmer zerbombter Häuser und die über dem Boden verstreuten Leichen. Wenn Sie eine beliebige Lichtquelle einschalten, werden Sie zu einem leichten Ziel für Scharfschützen und Drohnen. Wir fielen mehr als einmal in mit Abwasser gefüllte Gruben. Wir beschlossen, uns gegenseitig an der Hand zu halten. Nur wer an der Spitze der Reihe steht, wird stolpern und fallen, vorausgesetzt, er ermahnt die Menschen hinter ihm, vorsichtig zu sein. So vergingen 20 Minuten.

In einer der Schulen des UN-Flüchtlingshilfswerks landeten wir. Mehr als 15.000 Vertriebene schlafen auf den Fluren und auf dem nicht überdachten Schulhof. Es gab keine freie Stelle, auf die man seine Füße setzen konnte. Einige junge Männer waren so freundlich, uns am Fuß der Schultreppe in einem Bereich von nicht mehr als 3 Metern sitzen zu lassen. Wir, 13 junge Männer, stapelten uns übereinander. Dieser „Luxus“ hielt jedoch nicht lange an, da Regen und Granatenbeschuss aufkamen und so Hunderte von Familien, die auf dem Boden und im Freien auf dem Schulhof schliefen, gezwungen waren, die Flure und überdachten Klassenzimmer zu betreten. Es verging eine ganze Stunde, bis der Regen etwas nachließ und Hunderte von Familien aus der Menge hervortraten und wieder in die Zelte gingen. Doch es vergingen nur wenige Minuten, bis der Artilleriebeschuss begann, dessen Granatsplitter auf die Schule fielen und drei Kinder verletzten. Es gab einen Tumult und Geschrei, bevor die jungen Männer die Kinder zur medizinischen Behandlungsstelle in der Mitte des Lagers bringen konnten.

Eine weitere Stunde verging, während Angst die große Menschenmenge umgab. Es wurde Mitternacht und die Menschen beruhigten sich, auch wenn die Bombenangriffe nicht aufhörten. In den überfüllten Schulfluren schützt nichts außer Ritterlichkeit die Privatsphäre der Hunderten von Frauen, die auf dem Boden liegen.

Abu Ahmed, der „Bügermeister“ der Vertriebenen, verließ in den ersten Kriegstagen sein zerstörtes Haus in Beit Hanoun. Er sagt zu Al Akhbar: „Diese Nacht ist eine der härtesten Nächte des Krieges. So viel Gedränge haben wir noch nicht erlebt. Die Menschen aus Tal Al Zaatar und Al Ternis Jabalia evakuierten ihre Häuser wegen der Bomben und Granaten und drängten sich nun hier. Wer die Toilette betreten will muss in einer langen Schlange anstehen, in der man bis zum Morgengrauen warten kann. Brot ist ein knappes Gut, Trinkwasser fehlt, Strom und Grundbedürfnisse des Lebens sind nicht vorhanden.“ Der Mann, dessen Gesichtszüge nicht darauf hindeuten, dass er weit über fünfzig ist, fügt hinzu, dass dies nicht in den ersten Tagen der Vertreibung der Fall gewesen sei. Die katastrophalen Zustände sind auf den ständigen Druck zurückzuführen, der durch die Zunahme der Zahl der Vertriebenen entstand, die sich am Tag darauf verdoppelt hat. Ein Brunnen, der das Lager mit Wasser versorgte, funktionierte nicht mehr, somit gab es nur noch einen großen Wassertank — am Tag darauf wurde er durch Luftangriffe zerstört, die Lage im Schutzzentrum verschlimmerte sich so weiter.

Die Nachtstunden sind schwer. An das Schlafen auf wasser- und schlammgetränkten Fliesen können wir uns nicht gewöhnen. Alle warten darauf, dass die Sonne aufgeht, denn der Tag ist ist eine Art Befreiung aus dem Sumpf des Schutzzentrums. Es stimmt, dass die Alternativen nicht viel besser sind, aber allein ein Spaziergang in der Sonne ist etwas atemberaubendes. Der Gebetsruf im Morgengrauen erklang, nachdem der über siebzigjährige Muezzin des Lagers vor den Leuten geschworen hatte, seine Aufgabe als Gebetsrufer nicht zu unterbrechen. Al Hajj unternimmt fünfmal am Tag eine gefährliche Mission, da auch Moscheen Opfer von Bombenangriffen sind. Tausende Männer stellten sich zum Beten auf, doch beim zweiten Takbier wurden sie von israelischen Bomben angegriffen. Wieder waren die Schreie zu hören: „Krankenwagen… Krankenwagen.“

Es stellte sich heraus, dass die Kampfflugzeuge das Wohnhaus der Familien Faraj Allah, Saqr und Darabiyah sowie mehr als 20 umliegende Häuser zerstörten. Die Männer gingen in den Morgenstunden hinaus, allerdings nicht auf die Straße, sondern in die gewaltige Zerstörung. Es gibt eine Aufgabe, die von ihnen gemeinsame Anstrengungen erfordert. Mehr als 100 Menschen liegen unter den Trümmern, die Schreie einiger von ihnen sind zu hören und verschwinden dann. Die Männer zogen die Menschen heraus, die sie erreichen konnten, und die Leichen von 40 Personen wurden in der einzigen Klinik des Lagers aufgetürmt, während dort, wo die Männer tagsüber spazieren wollten, ein neues Massengrab ausgehoben wurde.

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