Was die israelische Armee über Israel selbst verrät — Weekly Spotlight

Für alle, die gern mehr wissen wollen

Diese Woche: 
Was die israelische Armee über Israel selbst verrät
1. Israelische Besatzungssoldaten platzierten anlässlich einer geplanten pal. Demonstration mehrere Sprengstofffallen
2. Nun verstarb ein israelischer Kriegsverbrecher. Wie Israel mit ihm umging
3. Täter-Opfer-Umkehr: Wie Selbstverteidigung zu Terrorismus & Besatzungsterror zur ehrenwerten Selbstverteidigung werden. Gideon Levy über den Fall Nizmi Abu Bakr und die Frage: “Was, wenn er israelischer Jude wäre?”
4. “Zu meiner derzeitigen Administrativhaft” — Prof. Omar Barghoutis Brief aus dem Militärgefängnis an seine Kolleg*innen in aller Welt.

Außerdem: Trumps ”Friedens”-Abkommen zwischen Israel, die VAE & Bahrain: Sie fördern Unterdrückung, nicht Frieden oder gar Freundschaft — eine Analyse von Noura Erekat
Kampagnen & Erfolge: UKs größte Gewerkschaft bezeichnet Israels Praktiken als Apartheid & ruft zu Solidarität mit den Palästinenser*innen auf. Eine Petition (ihr könnt unterschreiben) von Jewish Voice for Peace ruft FB zur Beendigung seiner Zensur pal. Stimmen auf.

Online-Veranstaltungen: 
1. Was hat Israel mit Kolonialismus zu tun? (Dienstag, 29. September 2020)
2. Whose Narratives? Gender, Justice, & Resistance: A conversation with Leila Khaled (Mittwoch, 23.09.2020)

Was die israelische Armee über Israel selbst verrät

Israelische Besatzungssoldaten platzierten anlässlich einer geplanten Demonstration mehrere Sprengstofffallen

Am Donnerstag, den 20. August 2020, entdeckten Bewohner des paläst. Dorfes Kafr Qadum im besetzten Westjordanland getarnte improvisierte Sprengsätze (IEDs), die in genau dem Gebiet, in dem wöchentliche Proteste stattfinden, am Rande des Dorfes platziert waren. Eine Gruppe von Frauen & Kindern, die hier spazieren gingen, stieß auf ein mit Steinen & Stoff bedecktes verdächtiges Objekt & alarmierte einen Verwandten, Wasim Al Shteiwi (31). “Ich ging zu dem verdächtig aussehenden Objekt hinüber […] dann explodierte es blitzartig & fing Feuer. Splitter eines Schrapnells trafen meinen rechten Arm & mein rechtes Auge.”

Die Menschenrechtsorganisation B’tselem dazu: “Selbst in einem Gebiet, in dem Vergeltungsaktionen von Soldat*innen zur Routine geworden sind, ist das Legen von IEDs ein außergewöhnlicher Schritt, der durch schieres Glück nicht zu schweren Verletzungen geführt hat. So operieren Milizen, nicht eine reguläre Armee. Die Aktion spiegelt den Geist der politischen & militärischen Führung Israels wider, der die völlige Missachtung des Lebens und der persönlichen Sicherheit der Palästinenser vermittelt.” Vollständiger Bericht:

https://www.btselem.org/video/20200830_soldiers_place_explosive_devices_on_outskirts_of_kafr_qadum#full

Der Tod eines Kriegsverbrechers — und wie Israel mit ihm umging

Ein Kriegsverbrecher, der 1948 ein Massaker an Dutzenden arabischen Gefangenen befehligte, starb nun mit 93 Jahren. Shmuel Lahis erschoss alle verbliebenen Männer in einem libanesischen Dorf & sprengte dann ein Haus in die Luft, “um ein Massengrab zu schaffen”. Er erhielt lediglich ein Jahr Gefängnis, eine Strafe, die später widerrufen wurde. Er wurde vom israelischen Präsidenten begnadigt & später Leiter der Jewish Agency.

https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-israeli-who-commanded-massacre-of-dozens-of-arab-captives-in-1948-dies-at-93-1.7022943

Täter-Opfer-Umkehr

“Nehmen wir an, Nizmi Abu Bakr wäre ein jüdischer Bürger Israels. Es ist Nacht in seinem Dorf, er schläft in seiner Wohnung, und dann, spät in die Nacht, hört er plötzlich lautes Geschrei aus dem unteren Stockwerk des Hauses, in dem seine Brüder & ihre Familien leben. Er ist alarmiert. Seine Frau & seine 8 Kinder wachen ebenfalls verängstigt auf. Er ist besorgt darüber, was mit ihnen geschehen könnte. Alle haben Angst, die Kinder fangen an zu weinen. Er stellt fest, dass Fremde in sein Haus eingedrungen sind & sich nun im unteren Stockwerk befinden. Er eilt auf das Dach, von wo aus er 2 Kolonnen von Soldaten der Besatzungsarmee auf dem Gelände des Gebäudes sieht. Er schnappt sich einen Steinblock & wirft ihn vom Dach auf die Soldaten, die in sein Haus eingedrungen sind. Einer von ihnen wird dabei getötet.
Nehmen wir an, Abu Bakr war Jude. Er wäre ein Held geworden, jemand, der mit seinen erbärmlichen Mitteln sein Leben aufs Spiel gesetzt hätte, um die Menschen in seinem Haus zu verteidigen. Er würde als jemand gepriesen werden, der versucht, den Eindringling mit einem Stein, einer 2020-Version von David gegen Goliath, zu vertreiben. Seine Geschichte wäre vielleicht zur Legende geworden & hätte es bis in den Lehrplan der Schulen geschafft. Vielleicht wäre eine Straße nach ihm benannt worden.

Aber Abu Bakr ist kein Jude, deshalb ist er auch kein Held, sondern ein Mörder. Er ist ein 49-jähriger Palästinenser, und der Stein, den er schleuderte, tötete den Soldaten Amit Ben-Yigal, der mit seinen Kameraden in Abu Bakrs Haus eindrang, in einer weiteren sinnlosen, beschämenden Razzia, die gewöhnlich dazu dient, politische Verhaftungen durchzuführen, Armeeeinheiten auszubilden und am Ball zu halten oder Macht und Herrschaft zu projizieren. Innerhalb weniger Stunden wurde Abu Bakr verhaftet.
Nach einem ganzen Jahr, in dem kein Soldat, aber nicht weniger als 150 Palästinenser getötet worden waren, nahm Israel sofort seine übliche Position des Selbstmitleids ein, gab sich als Opfer aus, suchte Rache & dämonisierte. Abu Bakr wurde als Terrorist & verabscheuungswürdiger Mörder dargestellt, seine Tat als Terroranschlag, sein Dorf als feindlich bezeichnet & jede Strafe, die für ihn vorgeschlagen wurde, wurde, mit Ausnahme der Todesstrafe, als zu mild betrachtet […]

Wenn Abu Bakr Jude wäre, würden wir die Geschichte so erzählen, wie sie wirklich ist. Abu Bakr ist der Verteidiger, die IDF der Angreifer. Jede Besatzung ruft Widerstand hervor. Der Terror & die Gewalt werden hauptsächlich von Israel ausgeteilt. Je gewalttätiger die Besatzung, desto gewalttätiger der Widerstand. Der palästinensische Widerstand gehört eigentlich zu den zahmsten in der Geschichte, gemessen an der Dauer der scheinbar endlosen Besatzung. Hausfriedensbruch ist eine kollektive Bestrafung, eine Verletzung der natürlichen Gerechtigkeit & des Völkerrechts. Selbst Jahrzehnte brutaler Besetzung haben Israel nicht die Lektion gelehrt, die es zu lernen gilt: In den Ruinen jedes Hauses, das es abreißt, wächst der nächste “Terrorist” heran.” — Gideon Levy. Der vollständige Artikel von Gideon Levy:

https://www.haaretz.com/opinion/.premium-if-the-terrorist-were-jewish-1.9068303

Zu meiner derzeitigen Administrativhaft

Der Astrophysiker Prof. Omar Barghouti wurde im Juli von Soldaten verschleppt & in ein Militärgefängnis geworfen. Er befindet sich nun seit Monaten in Administrativhaft — und das nicht zum ersten Mal. Sein Brief aus dem Militärgefängnis an seine wissenschaftlichen Kolleg*innen weltweit:

On my current administrative detention

Trumps ”Friedens”-Abkommen für Israel, die VAE & Bahrain sind Betrug. Sie fördern die Unterdrückung, nicht die Freundschaft.

Dieser Meinungsartikel von Noura Erakat untersucht Bahrains düstere Menschenrechtsbilanz, wie dies in das düstere Erbe der israelischen Unterstützung für Apartheid-Südafrika & El Salvador passt, & letztlich — wie es hier eher um die Erweiterung des Einflussbereichs der USA im Nahen Osten geht als um den Frieden.

“Das Abkommen zwischen Israel & Bahrain spiegelt ein geopolitisches Bündnis zwischen repressiven Regimen wider, das die Einflusssphäre der USA im Nahen Osten ausweitet, statt auf ein Ende der Gewalt oder ein Abbau der Unterdrückung hinzuweisen. Historisch gesehen haben sich die arabischen Staaten geweigert, die Beziehungen zu Israel zu normalisieren, solange, bis es die nationalen Rechte der Palästinenser*innen garantiert. Aber Bahrain hat, wie zuletzt die Vereinigten Arabischen Emirate, in seinem Abkommen mit Israel keine einzige dauerhafte Konzession für die Palästinenser gesichert — nicht einmal, um die 13-jährige Blockade des Gazastreifens etwas zu lockern, die die winzige Küstenenklave in ein Freiluftgefängnis verwandelt hat”. Vollständiger Artikel:

https://www.nbcnews.com/think/opinion/trump-peace-deals-israel-uae-bahrain-are-shams-they-boost-ncna1240085

Zwei spannende Online-Veranstaltungen

  1. Was hat Israel mit Kolonialismus zu tun? 
    Dienstag, 29. September 2020 von 19:00 – 20:30Uhr

Der Vortrag beleuchtet aus ökonomischer & politikwissenschaftlicher Perspektive aktuelle (neo-)koloniale Praktiken in Israel-Palästina. Er klärt über den kolonialen Charakter Israels auf & erläutert, inwieweit dieser eine Grundlage des israelischen Staats bildet. (Mehr unter: https://fb.me/e/1wBBq7wwL)

Gastgeber: Palästina Antikolonial und Palästina spricht in NRW

Referent: Dr. Shir Hever (Wirtschaftswissenschaftler, Journalist, Aktivist, Vorstandsmitglied der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost.).

Wenn Ihr teilnehmen möchtet, bitte eine Email an die Adresse “meaucha@protonmail.com” mit dem Betreff “Perspektiven Palästina” senden. Euch werden dann die Zoomdaten zugesendet.

2. Whose Narratives? Gender, Justice, & Resistance: A conversation with Leila Khaled
Mittwoch, 23. September 2020, 21:30–23:30 Uhr

Kommt in das offene Klassenzimmer von Prof. Rabab Abdulhadi (AMED Studies) & Professor Tomomi Kinukawa (Frauen- & Geschlechterstudien) für ein historisches Rundtischgespräch mit der palästinensischen Feministin & Freiheitskämpferin Leila Khaled, gefolgt von einer Frage-&-Antwort-Diskussion mit Studierenden, Aktivist*innen & Wissenschaftler*innen um 21:30–23:30 Uhr (Zeitzone Berlin bzw. 22:30–0:30 Uhr in Palästina & Jordanien). Mehr Infos & Registrierung für das Online-Seminar unter: https://www.facebook.com/events/754000115385200

Kampagnen

  1. Erfolg! Anti-Apartheidantrag

Großbritanniens größte Gewerkschaft, der knapp 6 Mio Mitglieder zählende Trades Union Congress (TUC), hat am Dienstag einen Antrag verabschiedet, in dem Israel als Apartheidstaat bezeichnet & zur weiteren Unterstützung des palästinensischen Volkes aufgerufen wird.

https://www.palestinechronicle.com/uk-largest-union-passes-anti-apartheid-motion-against-israel/

2. Sag Facebook: Trennen euch von Emi Palmor & beendet die Zensur der Palästinenser*innen!

Facebook hat ein ernstes Problem: Es lässt Hassreden auf seinen Plattformen gedeihen — insbesondere Reden, die sich gegen unterdrückte Gemeinschaften von Myanmar über Kaschmir bis Palästina richten — und gleichzeitig zensiert es legitime politische Reden & Beiträge. Die Politik von FB verursacht wirklichen Schaden, und während FBs Monopol weiter wächst, nimmt die Gefahr nur noch zu. Eine Petition von Jewish Voice for Peace:

https://act.jewishvoiceforpeace.org/a/stop-censoring-palestinians

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