an Infrastruktur, historischen Stätten & den Seelen der Menschen — Weekly Spotlight

Für alle, die gern mehr wissen wollen

Diese Woche:
1. Abgeriegelt & allein gelassen: Verzweiflung, Optimismus & unermesslicher Hunger auf das Leben prägen das Leben im belagerten & ausgebombten Gazastreifen. Mehrere Artikel beleuchten zum einen die Situation von Schüler*innen & Studierenden & deren Optimismus & Lebenswillen zum anderen die steigende Suzidrate unter Gazas Bevölkerung & berichten von den teils lebensgefährlichen Versuchen, den Gazastreifen zu verlassen
2. Zahlen der UN — aus dem aktuellen, alle 2 Wochen erscheinenden Bericht zum Schutz der Zivilbevölkerung & Besatzungspolitik zwingt palästinensische Familien zu einem Leben in Höhlen
3. Wie Israel versucht, die Zeugnisse palästinensischer Kultur auszuradieren & sich selber eine neue alte Geschichte zu schreiben
4. Kritik am Antisemitismusbeauftragten Felix Klein sowie dem inflationären Gebrauch des Antisemitismusvorwurfes — Stimmen von Jüdinnen & Juden sowie Migranten

Abgeriegelt & allein gelassen: Verzweiflung, Optimismus & unermesslicher Hunger auf das Leben prägen das Leben im belagerten & ausgebombten Gazastreifen

1. In Gaza, wo ich geboren wurde und studiert habe, ist Erfolg nicht freiwillig, er ist unerlässlich

“Die junge Shams Abuamra lebt in Khan Younis; sie hat dieses Jahr ihr Abitur mit einer Note von 99,3 % bestanden. Sie hat dieses unglaubliche Ergebnis erreicht obwohl sie mit ihrer großen Familie in einem vollkommen überfüllten kleinen Haus mit einem Metalldach über dem Kopf lebt, das sie weder vor Hitze noch vor Kälte schützt. Die meiste Zeit verbringt sie mit Lernen. Ihr Vater ist überglücklich über den Erfolg seiner Tochter. Er ist arbeitsunfähig, so dass es ihn mit unglaublichen Stolz erfüllt, seine Tochter solche Ergebnisse erzielen zu sehen.
In Verbindung mit den persönlichen Umständen von Lernenden wie Shams Abuamra muss man bedenken, dass sich der Bildungssektor im Gazastreifen in einer Krise befindet. Das Lernumfeld & die verfügbaren Ressourcen sind, gelinde gesagt, schwierig; dafür hat die sich durch die Blockade verschlechternde wirtschaftliche Situation gesorgt. Sie hat einen großen Einfluss auf das Leben der Schüler*innen & ihrer Lehrer*innen. Zudem ist Elektrizität im Küstengebiet nur für wenige Stunden am Tag verfügbar, dann stellt ihn die Besatzung wieder ab. Das bedeutet, dass Shams & andere Schüler*innen & Studierende in diese wenigen Stunden sehr viel lernen müssen. Ihre Ergebnisse senden eine starke Botschaft an die israelischen Besatzungsbehörden, dass sie trotz aller Bemühungen, sie zu stoppen, entschlossen sind, es zu schaffen.[…]
Offiziellen Statistiken zufolge gibt es im besetzten Westjordanland und im Gazastreifen mehr als 93.000 behinderte Menschen, davon rund 47.000 im Gazastreifen, was etwas mehr als 2,5 % der Bevölkerung entspricht. Die meisten blinden oder sehbehinderten Menschen erhalten keine Unterstützung von NGOs, die sich der Blindenhilfe widmen; auch hier wirkt sich die schlechte wirtschaftliche Lage aus. Dennoch erhalten sehbehinderte Schüler*innen jedes Jahr gute Noten in den Abitur-Prüfungen.” Vollständiger Artikel: https://www.middleeastmonitor.com/20200724-in-gaza-where-i-was-born-and-studied-success-is-not-optional-its-essential/#.Xx3Zze7pKoA.facebook

2. Massiv steigende Suizidrate in Gaza

Eine Zunahme der Selbstmorde in der 1. Hälfte des Jahres 2020 verdeutlicht die schrecklichen psychologischen Auswirkungen der israelischen Belagerung auf die Bewohner*innen von Gaza. 
Die Blockade, die auch Im- & Export massiv beschränkt, hat zu einem massiven Anstieg der Armut geführt, 3 Kriege & unzählige kleinere Angriffswellen auf Gaza haben massive Verwüstungen an Infrastruktur, aber auch in den Seelen der Menschen hinterlassen. Es gibt nur wenige Stunden am Tag Strom, das Wasser ist untrinkbar, es mangelt an Medikamenten, deren Import die Besatzung verbietet — und all dem kann man nicht entfliehen, den Israel hat Gaza zu Land, See & Luft vollständig abgeriegelt. Seit diesem Jahr gilt Gaza laut UN offiziell als unbewohnbar — dennoch sind hier 2.2 Mio Menschen eingesperrt.

>>23 Jahre nach seiner Entlassung aus einem israelischen Gefängnis kämpfte Jamal Wadi noch immer mit den Nachwirkungen seiner Erfahrung. Nachdem der 54-jährige Palästinenser 3 Jahrzehnte lang unter schweren psychologischen Traumata & psychischen Problemen gelitten hatte, nahm er sich am 21. Juni das Leben. 
Haitham Arafat, ein 37-jähriger Vater von 4 Kindern, befindet sich in ernsten finanziellen Schwierigkeiten, nachdem er seine Schulden nicht zurückzahlen konnte. Anfang Juli versuchte er, sich in Brand zu setzen, wurde aber von Passanten gerettet. “Ich erhalte von der Palästinensischen Autonomiebehörde ein Monatsgehalt, aber aufgrund meiner hohen Schulden bleibt für mich & meine Kinder nichts davon übrig”, sagte Arafat. “Ich habe versucht, in vielen Bereichen zu arbeiten, um mir ein anderes Gehalt zu sichern, aber ich konnte es nicht. Ich habe ein gesundheitliches Problem mit meiner Hand, das Krankenhäuser & Ärzte in Gaza nicht diagnostizieren konnten. Ich kann nichts Schweres halten… Ich hatte es satt, mich hilflos zu fühlen. Meine Kinder sind immer hungrig, und ich kann nichts anderes tun, als ihnen beim Weinen zuzusehen”.<< Vollständiger Artikel:

https://www.middleeasteye.net/news/gaza-2020-palestine-mental-health-suicide-israel-occupation-blockade

3. Raus aus Gaza — ein lebensgefährlicher Fluchtversuch

“Das Grenzgebiet zwischen Gaza & Israel ist für Palästinenser*innen ein höchst gefährlicher Ort. In den letzten Jahren kam es in diesem Gebiet regelmäßig zu Protesten, die als “Großer Marsch der Rückkehr/Great March of Return” bezeichnet wurden. Israel eröffnete wiederholt das Feuer auf Teilnehmer*innen, aber auch auf Sanitäter*innen & Journalist*innen. Seit Beginn der Proteste am 30. März 2018 wurden während des Großen Marsches der Rückkehr insgesamt 217 Palästinenser getötet, darunter 48 Kinder & 9 Menschen mit Behinderungen.
Einige Palästinenser, die unter einer vollständigen Blockade leben, haben versucht, aus Gaza zu fliehen, indem sie den Grenzzaun überquerten. Diejenigen, die dabei von Israel gefangen genommen wurden, haben einen hohen Preis bezahlt. Al Mezan, eine Menschenrechtsgruppe, hat 91 Kinder befragt, die zwischen 2015 & 2019 beim Versuch, den Grenzzaun zu überqueren, festgenommen wurden. In 66 dieser Fälle haben die israelischen Streitkräfte vor der Festnahme mit scharfer Munition auf die Kinder geschossen. 33 der Kinder wurden bei der Festnahme geschlagen & bei 27 von ihnen hatte man scharfe Militärhunde auf sie losgelassen. Im Januar dieses Jahres tötete Israel 3 Teenager am Grenzzaun.” Vollständiger Artikel:

https://electronicintifada.net/content/dying-leave-gaza/30781

4. Wie Israel versucht, Familien zwischen Gaza & dem Westjordanland zu zerreißen oder “Selbst Dreijährige gelten als Bedrohung für die Präsenz & Interessen der Siedler im Westjordanland”

“Adam Hemo ist erst dreieinhalb Jahre alt, als in seinem Namen 2017 eine Petition beim Obersten Gerichtshof in Tel Aviv eingereicht wird. Darin ist die Bitte enthalten, ihm die Erlaubnis zu erteilen, mit seiner Mutter & den 4 älteren Geschwistern vom Gazastreifen in die Westbank zu ziehen. Letztere waren im von Israel kontrollierten Register der palästinensischen Bevölkerung als „Einwohner der Westbank“ eingetragen. Das bedeutete nach den israelischen Einreisebestimmungen, sie konnten beantragen, dorthin zurückziehen zu dürfen — aber Adam, als „Gaza-Bewohner“ registriert, durfte nicht mit. […] Prompt geriet seine Mutter Kawthar in ein unlösbares moralisches Dilemma. Sie hatte die Wahl: entweder 4 Kindern die Chance auf ein Leben in der Westbank ohne grassierende Armut & häufige Luftangriffe bieten, indem sie ihr jüngstes Kind im Gazastreifen zurückließ, oder die Familie zusammenhalten & dort ausharren. So wurde Adam 2017 einer der jüngsten Antragsteller vor Israels Oberstem Gericht. Nach einem über zwei Jahre andauernden Rechtsstreit wurde ihm schließlich kurz vor seinem 6. Geburtstag die Erlaubnis erteilt, mit der Familie ins Westjordanland überzusiedeln.“ Vollständiger Artikel:

https://www.freitag.de/autoren/tania-hary/beherrschbar-bleiben

Zahlen der UN — aus dem aktuellen, alle 2 Wochen erscheinenden Bericht zum Schutz der Zivilbevölkerung | 30. Juni — 13. Juli 2020

  • 31 palästinensische Wohneinheiten wurden abgerissen oder beschlagnahmt, wodurch 13 Menschen vertrieben & die Lebensgrundlage von mehr als 100 anderen beeinträchtigt wurde
  • Bei mindestens 18 Gelegenheiten eröffneten israelische Streitkräfte das Feuer in der Nähe von Israels Grenzzaun um den Gazastreifen & vor Gazas Küste
  • Einer der wichtigsten Militärcheckpoints, die den Zugang zur besetzten Stadt Hebron kontrollieren, war während dieser Zeit fast täglich für mehrere Stunden geschlossen, wodurch der Zugang der Palästinenser*innen zu grundlegenden Dienstleistungen in anderen Teilen der Stadt eingeschränkt wurde
  • 5Palästinenser wurden verletzt, und Dutzende von Olivenbäumen & Fahrzeugen von israelischen Siedlern verwüstet

Der vollständige Bericht nebst Infografiken ist hier zu finden: https://www.ochaopt.org/poc/30-june-13-july-2020

Der systamtische, permamente Abriss palästinesischer Wohnhäuser, der gleichzeitige Ausbau illegaler Siedlungen, die Zwangsenteignungen pal. Familien zu Gunsten illegaler Siedler sowie die Verweigerung von Baugenehmigungen für Palästinenser*innen im besetzten Westjordanland zwingen mittlerweile dutzende pal. Familien zu einem primitiven Leben in den Höhlen der Berge um Hebron, wie in dem Artikel beschrieben ist:

https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/palestinians-live-primitive-caves-hebron-israel-demolition.html

Wie Israel versucht, die Zeugnisse palästinensischer Kultur auszuradieren

Nicht erst die derzeit laufenden Zerstörungen des palästinensisch-muslimischen Friedhofs Al Isa’af in Jaffa aus dem 18. Jh & die des aus Mamelukkenzeit stammenden Friedhofes nebst Moschee im ehemaligen palästinensischen Dorf Al Abbasiya zeigen Israels Bestrebungen, sich nicht nur der Palästinenser*innen, sondern auch ihrer kulturhistorischen Zeugnisse zu entledigen. Das Gesicht sowie die Geschichte des historischen Palästinas soll umgeschrieben werden. Nicht nur wurden während der Nakba — der gewaltsamen Vertreibung von 800.000 Palästinenser*innen aus ihrer Heimat 1947/48 — über 500 palästinensische Dörfer & Stadtteile zerstört & anschließend über die Trümmer einfach Parks & Wälder gepflanzt oder neue jüdische Siedlungen errichtet und behauptet, da war vorher nichts. Die Zerstörung hält bis heute an. Seit der Besetzung Ostjerusalems sind weite Teile der historischen Altstadt durch die Besatzung zerstört worden. Nur wenige Tage nach Beginn der Besatzung 1967 wurde das Tausend Jahre alte “Marokkanische Viertel” mit Bulldozern plattgewalzt (teils mit seinen Einwohner*innen darin), über den Trümmern befindet sich heute ein charakterloser langweiliger Plaza, der “wiederheimkehrende Juden & Jüdinnen” an der Klagemauer willkommen heißen soll. Die Jerusalemer Straßenbahn verursacht an der historischen Stadtmauer durch Dauervibrationen Risse, Ausgrabungen, die beweisen sollen (& es bis heute nicht konnten) das sich unterhalb der Al Aqsa-Moschee ein jüdischer Tempel befunden haben soll, richten massive Schäden an den Fundamenten dieses architektonischen Juwels & drittheiligsten Ortes des Islam an. Aber wenn es nach den religiösen Eifern geht, soll die Aqsa-Moschee ohnehin abgerissen werden. In Hebron ist die Altstadt kaum wiederzuerkennen, überall wurden in und zwischen der historischen Bausubstanz Militärkontrollpunkte eingezogen, die nicht nur das Stadtbild verschandeln, sondern auch die Bausubstanz massiv schädigen. Die illegalen Siedler*innen in Hebron kleben gerne Steinplatten auf alte palästinensische Häuser & Torbögen, die antik & jüdisch wirken und somit die Geschichte der Stadt umschreiben sollen — was nicht jüdisch war, soll jetzt so aussehen & somit den Besitzanspruch Israels & der Siedler*innen betonen. Einzigartige, als UNESCO-Weltkulturerbestätten zählende landwirtschaftliche Terrassen sollen bald einer illegaler Siedlung weichen…. die folgenden Artikel sollen einen tieferen Einblick in die Problematik geben:

1. Das vom Menschen gemachte Israel (und die besessene Auslöschung der palästinensischen Geschichte)

“Was erhält man, wenn man zehn Jahrzehnte Bibelstudien, ein Altes Testament, die Ideologie des Zionismus und einen Esslöffel politisch motivierter Archäologie in eine Schüssel mit historischen Beweisen mischt? Der Autor Keith W. Whitelam hat dieses Rezept ausprobiert und berichtet über die Ergebnisse in “The Invention of Ancient Israel”: Das zum Schweigen bringen der palästinensischen Geschichte”. Die kurze Antwort auf die Frage lautet, dass man mit einem aggressiven modernen Staat zurückbleibt, der wild entschlossen ist, eine Nabelschnur zwischen sich und einer mythischen 2000 Jahre alten Vergangenheit zu knüpfen. Mit anderen Worten: der Staat Israel. Wenn niemand während dieses Prozesses zu Schade käme, könnte man einfach ein Auge zudrücken. Aber wenn die Ergebnisse des Rezeptes niemals ein stabiles Produkt hervorbringen und ein ganzes Volk ständig in Vergessenheit gerät, hat jeder von uns die Verantwortung, einzugreifen und zu sagen, genug ist genug.” Vollständiger Artikel:

Man-made Israel (and the obsessive erasure of Palestinian history)

2. Israel wandelt trotz palästinensischen Protests Moscheen in Synagogen & Bars um

Israel turning mosques into synagogues, bars

Kritik am Antisemitismusbeauftragten Felix Klein sowie dem inflationären Gebrauch des Antisemitismusvorwurfes

In einem Schreiben wenden sich diese Woche besorgte deutsche und israelische Bürgerinnen und Bürger an Kanzlerin Merkel. “Unsere Sorge gilt der drohenden Annexion palästinensischer Gebiete durch Israel
sowie dem inflationären, sachlich unbegründeten und gesetzlich unfundierten Gebrauch des Antisemitismus-Begriffs, der auf die Unterdrückung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik zielt. Unsere Sorge ist besonders groß da, wo diese Tendenz mit politischer und finanzieller Unterstützung des Antisemitismusbeauftragten gefördert wird.” Unterschrieben haben unter anderen die Friedenspreisträger Jan & Aleida Assmann, der Politologe Johano Strasser, der ehemalige Verleger Michael Krüger, der Historiker Moshe Zimmermann & der Autor Sten Nadolny. Vollständiger Brief:

https://www.juedische-stimme.de/2020/07/27/israelische-und-deutsche-akademiker-offener-brief-an-bundeskanzlerin-angela-merkel/

“Es sind schon über 150 Artikel und trotzdem werden es täglich mehr. Seit dem 19. März sammelt der Islamwissenschaftler Serdar Güneş unermüdlich alle deutschsprachigen Beiträge zur Causa Achille Mbembe auf seinem Blog. Mit den Antisemitismusvorwürfen gegen den angesehenen Philosophen aus Kamerun sind auch die gesamten postkolonialen Studien unter Beschuss geraten. Doch trotz der Menge an Artikeln zum Thema: Unter den Feuilletonist*innen sind weniger als eine Handvoll Autor*innen mit Kulturhintergrund aus Westasien oder Nordafrika (WANA). Warum beteiligen sie sich mit ihren Perspektiven auf die Region nicht an der Debatte? Kann es sein, dass auch sie befürchten müssen, mit der Antisemitismuskeule erschlagen zu werden?” Vollständiger Artikel hier:

https://www.disorient.de/blog/antisemitismus-debatte-post-migrantische-stimmen-zulassen

Israel is ridiculous, antiquated and based on lies about other people’s land, Seth Rogen says, but he’s afraid to tell other Jews

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