Logo Black occupied News

“Unerträgliches Level menschlichen Leids”

Gaza:

  • In Gaza gehen die Luftangriffe sowie die zunächst noch kürzeren nächtlichen Bodenoffensiven der israelischen Armee weiter. Vor allem im Norden und Zentrum des Küstenstreifens, aus dem Israel 1,1 Millionen Palästinenser*innen wiederholt aufforderte zu fliehen, werden der Bevölkerung vor der Bombardierungen keine Warnungen gegeben. Der Nachrichtenagentur AP zufolge, fanden mehrere israelische Luftangriffe in unmittelbarer Nähe des größten palästinensischen Krankenhauses, dem al-Shifa Krankenhaus, im Norden Gazas statt. Die israelische Armee begründete diese Angriffe mit einer Hamas-Kommandozentrale, die sich unter dem Krankenhaus befinden soll, erbrachte jedoch keinerlei Beweise für diese Behauptung. Das israelische Militär gab auch an, das al-Quds Krankenhaus bombardieren zu wollen und attackierte mehrmals Ziele in einem Abstand von 50 Metern zum Krankenhaus.
  • Der Sprecher der israelischen Armee, Daniel Hagari, wiederholte Netanyahus Ankündigungen, der “lange und schwierige” Krieg gehe nun in seine nächste Phase über. Dabei kündigte Hagari neben einer Fortsetzung der Luftbombardierungen und Bodenoffensive auch israelische Angriffe aus Meeresrichtung an. Aufgrund der Wasserknappheit durch die totale Blockade des Gazastreifens, sind viele Palästinenser*innen mit Zugang zum Meer für ihr Überleben mittlerweile auf Meerwasser angewiesen.
  • Die Präsidentin des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, Mirjana Spoljaric, forderte angesichts der Situation in Gaza erneut eine Deeskalation der Kampfhandlungen und einen Waffenstillstand, sowie die Einhaltung des humanitären Völkerrrechts: “Der tragische Verlust so vieler Leben von Zivilist*innen ist schändlich. Es ist inakzeptabel, dass Zivilist*innen keinen sicheren Ort in Gaza haben an den sie während der massiven Bombardierungen gehen können, und mit der gegenwärtigen militärischen Blockade ist eine adequate humanitäre Reaktion aktuell nicht möglich. Das ist ein katastrophales Scheitern, das die Welt nicht tolerieren darf.” Die aktuelle Situation in Gaza beschrieb sie darüber hinaus mit den Worten: “Ich bin schockiert angesichts des unerträglichen Levels menschlichen Leids”. Abdullah al-Arian, außerordentlicher Professor an der Goergetown Universität in Qatar für Geschichte des Nahen Ostens, kommentierte den Krieg mit den Worten: “Alles, was wir gesehen haben, legt nahe, dass es sich um einen Krieg gegen die zivile Bevölkerung handelt.”
  • Ein Sprecher der israelischen Armee kündigte Al Jazeera gegenüber an, dass die humanitäre Hilfe im Süden Gazas ausgebaut werde, jedoch ohne Details zu nennen. Seit dem 07. Oktober und dem Beginn der totalen Blockade Gazas wurde insgesamt lediglich 87 humanitären Hilfstransportern die Einreise erlaubt. Warnungen der UN zufolge konnten diese nicht einmal einen Bruchteil der gebrauchten Güter liefern um die mehr als zwei Millionen Palästinenser*innen zu versorgen. Auch gibt es bisher keine Regelung für die Lieferung von dringend benötigtem Treibstoff. Das ägyptische Außenministerium äußerte sich zum Grund der Verzögerungen folgendermaßen: “Die Lastwagen müssen am israelischen Nitzana-Grenzübergang kontrolliert werden, bevor sie zum Rafah-Grenzübergang reisen können, wobei sie eine Distanz von 100km zurücklegen bevor sie tatsächlich den Rafah-Grenzübergang erreichen. Dies verursacht Hindernisse, die die Ankunft der Hilfe signifikant verzögern”.
  • Tausende Palästinenser*innen sind in die Warenhäuser und Verteilungsstellen der UNRWA eingebrochen um an Nahrungsmittel und andere überlebenswichtige Dinge zu gelangen. Thomas White, dem Direktor der UNRWA in Gaza, zufolge ist dies ein Anzeichen dafür, dass die Zivilordnung zusammenbricht. Das Blackout der Kommunikation habe die sich ausbreitende Panik in der Bevölkerung und das Gefühl, völlig auf sich allein gestellt zu sein, nur noch mehr verstärkt.
  • Aufgrund Israel’s Abschaltung der Telekommunikationsinfrastrukturen seit dem 27.10. sind nur wenige aktuelle Informationen zur Situation im Gazastreife bekannt, so die UN. Auch wurden dadurch die Kapazitäten von Individuen, an lebenswichtige Informationen zu kommen, sowie von Unterstützungsnetzwerken, humanitäre Hilfe zu leisten, massiv beeinträchtig. Dem palästinensischen Roten Halbmond zufolge wurden am Samstag jegliche Hilfslieferungen nach Gaza durch das Kommunikationsblackout verunmöglicht. Seit den frühen Morgenstunden werden die Telekommunikationsdienste jedoch allmählich wiederhergestellt. Viele palästinensische Familien in- und außerhalb Gazas versuchen nun, sich über das Wohlergehen ihrer Angehörigen zu informieren, zu denen der Kontakt zuvor unmöglich geworden war.
  • Gestern und heute haben bewaffnete palästinensische Gruppen wie üblich mehrere Wellen von Raketen auf israelische Städte abgefeuert. Auffallend war diesmal, dass viele direkte Treffer auf israelische Gebäude registriert wurden. Auch gestern veröffentlichten palästinensische bewaffnete Gruppen Videos von direkten Einschlägen auf israelische Militärstützpunkte und Fahrzeuge direkt neben dem Gazastreifen.
  • Hamasführer, Yahya Sinwar, gab bekannt, dass die Hamas bereit zu einem “sofortigen” Gefangenenaustausch mit Israel sei.

besetzte palästinensische Gebiete:

  • In der besetzten Westbank gehen die Razzien durch israelische Streitkräfte in vielen Städten weiter. Im Askar Flüchtlingscamp in Nablus, in Beit Rima, sowie in Tammoun wurde jeweils ein Palästinenser getötet. Im Balata Flüchtlingscamp, ebenfalls in der Nähe von Nablus, wurden vier weitere Palästinenser verletzt. Darüber hinaus kommt es aktuell zu bewaffneten Konfrontationen in Jenin, nachdem sich dort über 24 Stunden hinweg Palästinenser*innen im Stadtzentrum versammelten, um ihrer Wut über die Ereignisse in Gaza Ausdruck zu verschaffen. Die meisten Palästinenser*innen sind bei der Ankuft der israelischen Streitkräfte in die Moschee geflohen.
  • Im besetzten Ost-Jerusalem wurden mehrere Palästinenser*innen inhaftiert.
  • Frankreichs Außenministerium forderte Israel heute dazu auf, die Palästinenser*innen in der Westbank vor der eskalierenden Gewalt israelischer Siedler*innen zu schützen.

International:

  • Nach vier gescheiterten Resolutionen, die eine humanitäre Feuerpause oder gar einen Waffenstillstand hätten herbeiführen können, wird sich der UN Sicherheitsrat am Montag erneut treffen. Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten am Samstag angesichts der begonnenen israelischen Bodenoffensive in Gaza um ein solches Treffen gebeten.
  • Auch die internationalen Proteste in Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung und Forderungen, den Genozid in Gaza zu stoppen, gehen weiter. Eine Demonstration mit mehr als 100.000 Teilnehmer*innen in Kozhikode, im Süden Indiens, fand unter dem Motto “Save Palestine, save humanity” statt. In mehreren europäischen Ländern, allen voran Deutschland, wird diesen seitens der Politik und Polizei mit anti-palästinensischen Repressionen begegnet.
  • International lassen sich als Folge des Konflikts sowohl ein Ansteigen des anti-palästinensischen, sowie anti-muslimischen und anti-arabischem Rassismus, als auch Antisemitismus beobachten.
  • Der zweite US-amerikanische Flugzeugträger hat heute das Mittelmeer erreicht.
  • Laut dem Nachrichtenportal Axios soll der saudiarabische Verteidigungsminister, Khalid bin Salman, am Montag nach Washington reisen um dort über die aktuelle Situation zu sprechen. Das Treffen ist im Zusammenhang mit der aktuellen Sorge vor einer Ausweitung des Konflikts im Nahen Osten zu sehen und wurde seitens der USA nicht öffentlich bestätigt.
  • Karim Khan, Anwalt des Internationalen Strafgerichtshofs, sprach heute in einer Ansprache am Rafah-Grenzübergang über die Situation in Gaza: “Ganz grundsätzlich sollte es keinerlei Hindernis für humanitäre Hilfe, die an Kinder, an Frauen und Männer, Zivilist*innen geht geben. Sie sind unschuldig und haben Rechte nach internationalem Völkerrecht,” sagte er und fuhr fort: “Wir müssen sicherstellen, dass das Gesetz an vorderster Front ist, und dass das Gesetz dafür sorgt, dass das Leiden so vieler, die momentan in Angst und Schrecken leben, gemildert wird, sie haben ein Recht darauf von den Institutionen geschützt zu werden, die nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden sind.” “Mein Büro ist entschlossen sicherzustellen, diese Rechte zu verteidigen, wo immer möglich und wo immer wir Gerichtsbarkeit haben.”

Das kann Sie auch interessieren:

„Kommt raus, ihr Tiere“: Was beim Massaker im Al Shifa-Krankenhaus geschah

„Kommt raus, ihr Tiere“: Was beim Massaker im Al Shifa-Krankenhaus geschah

Schäden im zerstörten Al Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt am 1. April 2024. (Foto: Khaled Daoud /APAIMAGES …