Und immer noch schießen sie auf Kinder — Weekly Summary, 27.08.2021

Was in der Woche vom 19.-27.08.2021 im historischen Palästina passierte

Westjordanland

Getötet: Am 24. August 2021 tötete ein israelischer Scharfschütze den erst 15-jährigen Imad Khaled Hashash mit einem Kopfschuss. Hashash hatte mit seinem Handy ein Video von der Razzia der Besatzer in einem Nachbarhaus im Flüchtlingslager Balata aufgenommen. Die Armee behauptete, sie habe einen Palästinenser auf dem Dach erschossen, als dieser versuchte, einen schweren Gegenstand auf die (eindringenden Besatzungs-)Soldat:innen zu werfen. Nach Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen wie “Defense for Children International” & dem Palästinensischen Zentrum für Menschenrechte (PCHR) bestand zu dem Zeitpunkt, als das Kind erschossen wurde, keine unmittelbare Bedrohung oder Gefahr für das Leben der Soldat:innen.

Imad ist das 12. palästinensische Kind, das seit Anfang 2021 allein im besetzten Westjordanland von israelischen Streitkräften erschossen wurde. Rechnet man die von der israelischen Armee im Gazastreifen getöteten Kinder hinzu, erhöht sich die Zahl auf 78 Kinderleben.

https://www.dci-palestine.org/israeli_forces_shoot_and_kill_15_year_old_palestinian_boy_in_nablus

Tödlicher Schnappschuss

Siedlungsaktivitäten: Die Siedler:innen in der Westbank setzten ihre Angriffe auf wehrlose Palästinenser:innen fort.

Im besetzten Salfit errichteten sie einen neuen Außenposten (eine selbst nach israelischem Recht nicht genehmigte Siedlung) auf privatem palästinensischen Land & vertrieben die Bauern von den benachbarten Feldern. Die israelische Regierung plante eine große Siedlung in diesem Gebiet & ließ in den letzten Monaten viele Felder zerstören. Salfit ist — nach Jerusalem — das am stärksten von völkerrechtswidrigen Siedlungsaktivitäten betroffene Gebiet. Dies liegt zum einen an seinen Wasserquellen sowie dem isralieschen Bestreben, das Westjordanland in israelisch kontrollierte Stücke zu schneiden, um eine Zweistaatenlösung zu verkomplizieren.

Im besetzten Nablus gab es diese Woche viele Angriffe auf die umliegenden Dörfer. Bei einem davon verbrannten sie Dutzende von Olivenbäumen & zerstörten somit die Ernte palästinensische Farmer:innen, die in wenigen Wochen anstand.

Besatzungsalltag: Die israelische Besatzungsarmee fiel 142 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat*innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Während der Übergriffe in dieser Woche wurden 65 Palästinenser:innen verhaftet, darunter 5 Kinder & eine Frau, der 15-jährige Imad wurde dabei getötet (s. oben).

Viele dieser Übergriffe der Besatzer stießen auf Widerstand der Bevölkerung, meist nur durch Steine & Feuerwerkskörper der Bewohner:innen, in einigen Fällen mit Moltow-Cocktails & in 2 Fällen mit Schüssen auf die Besatzungssoldaten.

In der Zwischenzeit teilt die israelische Besatzung das Westjordanland weiterhin in getrennte Zonen auf, deren Verbindungsstraßen von der Besatzung seit dem Jahr 2000 blockiert werden & mit hunderten temporären & permanenten Militärcheckpoints versehen sind. Sie schränken die Bewegungsfreiheit von ausschließlich palästinensischen Zivilist:innen — nicht israelischen — massiv ein, außerdem können sie hier willkürlich verhaftet werden. Neben den 108 permanenten Militärcheckpoints errichtete die Besatzungsarmee diese Woche 49 neue temporäre Militärcheckpoints.

Palästinenser:innen in Beita & Qasra setzten auch diese Woche ihre täglichen Proteste gegen die neuen illegalen Siedlungen in der Nähe ihrer Dörfer fort. Auch in vielen anderen Städten & Dörfern wird seit Jahren jede Woche gegen Landraub, die Trennmauer zwischen Westjordanland & Israel sowie andere israelische Maßnahmen & die Besatzung demonstriert. Diese Demonstrationen werden fast immer mit Gewalt seitens der Besatzungssoldat:innen beantwortet.

Palästinensische Autonomiebehörde (PA): In dieser Woche ging die Palästinensische Autonomiebehörde gegen eine friedliche Demonstration palästinensischer Menschenrechtsaktivist:innen vor & verhaftete mehr als 20 von ihnen. Die meisten von ihnen sind ehemalige politische Gefangene der Besatzung, einige von ihnen waren sogar im Hungerstreik in israelischen Gefängnissen wie Khudur Adnan (66 Tage Hungern) & Maher Al Akhras (103 Tage Hungern). Das Vorgehen der PA löste eine breite Wut in der Bevölkerung aus. Die PA ließ alle Verhafteten wenige Tage später frei. Es wurde festgestellt, dass die Botschafter der EU-Länder während der Verhaftung & nach ihrer Freilassung Druck ausübten. Dieser Druck bleibt normalerweise aus, wenn die Besatzung die Verhaftungen vornimmt.

Politische Gefangene

6 Palästinenser befinden sich noch immer im Hungerstreik, und drei weitere haben ihre Siege errungen
6 Palästinenser befinden sich immer noch im Hungerstreik gegen ihre Verhaftung ohne Angabe von Gründen, Beweisen, Gerichtsverfahren oder Haftdauer. Einer von ihnen hungert dafür schon seit 43 Tagen.

Diese Woche haben die Gefangenen Salem Zeidat, Mujahed Hamed & Omar Al Jabari ihren Hungerstreik erfolgreich beendet, nachdem die israelischen Besatzungsbehörden ihre Verhaftungsdauer endlich begrenzt haben. Zeidat hatte dafür 43 Tage auf Essen verzichten müssen, Hamed 42 & Al Jabari 7 Tage.

40 Palästinensische Frauen sitzen aktuell in israelischen Besatzungsgefängnissen, darunter 11 Mütter, für vermeintliche Aktivitäten gegen die Besatzung, wie der Vereins “Palestinian Prisoner Club” angibt.
Er besagt, dass diese Frauen noch mehr Unterdrückung ausgesetzt sind, indem man ihnen bspw. verbietet, ihre Kinder zu sehen, sie zu umarmen oder sogar an ihren Beerdigungen teilzunehmen. So wurde es dieses Jahr der politischen Aktivistin Khalida Jarrar verboten, am Begräbnis ihrer Tochter teilzunehmen oder wenigstens ihren Leichnam zu sehen. Die inhaftierte schwangere Anhar Alhajja (26), wird gezwungen, im Gefängnis zu gebären. 11 palästinensische Frauen haben bereits in israelischen Gefängnissen entbunden. Die Babys wurden als Gefangene geboren & müssen ein Leben mit weitaus niedrigeren Hygienestandards führen, als es eigentlich sein sollte. Allein seit 2015 wurden mehr als 1.000 palästinensische Frauen verhaftet.

Palästinensische Mütter, die sich aktuell in israelischen Besatzungsgefängnissen befinden. Photo via arab48

Freiluftgefängnis Gaza

Am Samstag wurde eine Demonstration, die als friedlicher Protest begann, an dem Familien & einige Straßen- & Eisverkäufer teilnahmen, von israelischen Soldat:innen angegriffen. Dabei kamen u.a. Scharfschützen zum Einsatz: Sie verletzten 41 Palästinenser:innen, darunter 27 mit scharfer Munition. Insgesamt befanden sich unter den Verletzten 10 Kinder, Rettungssanitäter & ein Journalist, eines der Kinder befindet sich nach einem Kopfschuss in einem kritischen Zustand. Diese Schussangriffe führten zur Konfrontation zwischen den Massen der Demonstrant:innen & den Soldat:innen, die durch Schießscharten hinter der Mauer schossen. Kameras hielten den Moment fest, als ein Palästinenser seine Pistole direkt in das Schussloch steckte, aus dem heraus viele seiner Mitbürger verletzt wurden, u.a ein 13-jähriges Kind. Er schoss auf den dahinter befindlichen bewaffneten Soldaten & verletzte ihn schwer. Kein weiterer Soldat wurde verletzt. Die israelische Armee bombardierte daraufhin 2 Nächte lang schwer den Gazastreifen als Racheaktion.

Kleinere palästinensische Gruppen reagierten mit “brennenden Luftballons”. Die israelischen Behörden sprachen von 9 Bränden in den israelischen Feldern um Gaza, die durch diese Ballons verursacht wurden.

Scharfschützen gegen Demonstranten, Bomben gegen eine Pistole 

Tage später erlag Usama Al Du’iedsch (32) seinen Verletzungen, die er bei dem Samstagprotest erlitten hatte. Später gab die Hamas bekannt, dass er ein Mitglied ihres Militärs sei, dass er jedoch als einfacher Bürger des Gazastreifens friedlich an dem Protest teilnahm. Er wurde bereits mehrfach bei gewaltfreien Demonstrationen verletzt & heiratete erst vor 3 Wochen.

Am Mittwoch wurde in Gaza an einer anderen Stelle des “Grenz”zauns eine weitere Demonstration organisiert, bei der 14 Palästinenser:innen, darunter ein Kind & ein Journalist, durch übermäßige Gewalt israelischer Soldat:innen verletzt wurden.

Darüber hinaus setzte die israelische Armee ihre wöchentlichen Angriffe auf Fischer fort: 2 Mal schossen Kanonenboote der israelischen Armee auf Gazas Fischer. 3 Mal wurden Farmer durch Soldat:innen durch Schüsse von ihren Feldern vertrieben.

Systematische Vertreibung

In Jerusalem haben die israelischen Behörden 2 Häuser für ein völkerrechtswidriges Thora-Garten-Projekt gesperrt. In anderen Teilen des Westjordanlandes wurde ein Wohnhaus abgerissen, 4 Baracken beschlagnahmt & landwirtschaftliche Flächen & Werkstätten zerstört. Auf diese Weise werden Palästinenser:innen nicht nur entschädigungslos obdachlos gemacht, sondern auch ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt.

Auch innerhalb Israels wurden Häuser der palästinensischen Bevölkerung mit israelischer Staatsangehörigkeit zerstört. In Umm Al Fahm haben die israelischen Behörden am Sonntag 5 Wohnhäuser & Gebäude zerstört sowie 2 weitere kommerzielle Gebäude, die sich noch im Aufbau befanden.

https://short.arab48.com/short/21Vp

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