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“Tod ist überall”: massive Zerstörung ziviler Infrastruktur in Gaza

  • Bombardierungen gehen in verschiedenen Teilen Gazas weiter, so auch im südlichen Teil des Küstenstreifens, der von Israel zuvor als sicheres Rückzugsgebiet für Zivilist*innen ausgewiesen wurde. Das Beispiel des Gouvernement Rafah im südlichsten Teil Gazas zeigt deutlich, dass es in Gaza keinen sicheren Ort für Zivilist*innen gibt. Hier eine anschauliche Zusammenfassung der angegriffenen Häuser und Opfer vom 24.10.2023, bei der insgesamt 112 Menschen getötet wurden:

– Haus der Familie Abu Qishta: 23 Tote und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Al-Maghari: 30 Tote und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Mukhaimer: 17 Tote und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Al-Hashash: 11 Tote und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Abu Rukba: 1 Tote*r und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Abu Ratima: 3 Tote und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Al-Halaqawi: dutzende Verletzte
– Haus der Familie Zorob: 12 Tote und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Miqdad: dutzende Verletzte
– Haus der Familie Al-Hams: 7 Tote und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Musa: 4 Tote und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Masnour: 2 Tote und dutzende Verletzte
– Haus der Familie Qishta: weder Tote, noch Verletzte

Insgesamt wurden seit dem 07. Oktober mehr als 6.600 Palästinenser*innen in Gaza und der Westbank getötet (Al Jazeera, Stand 12:55).

  • Starke Schäden an zivilen Infrastruktursystemen: Laut UN sind mittlerweile mehr als ein Drittel aller Krankenhäuser und zwei Drittel der Gesundheitseinrichtungen in Gaza entweder aufgrund eines Mangels an Treibstroff oder aufgrund von Zerstörung und Beschädigung durch israelische Bomben geschlossen. Seit dem 07. Oktober dokumentierte die WHO 72 Attacken auf die medizinische Infrastruktur in Gaza. Auch andere zivile Infrastruktureinrichtungen sind stark beschädigt worden: 207 Schulen, insgesamt 39 Prozent, wurden beschädigt. 625.000 palästinensische Schüler*innen und 22.564 Lehrer*innen können die Schule derzeit nicht besuchen. Darüber hinaus wurden 177.781 Wohneinheiten beschädigt, 16.441 davon sogar komplett zerstört. Auch die Wasserinfrastruktur und -versorgungsmöglichkeiten sind stark in Mitleidenschaft gezogen worden: 11 Wasserentsorgungsanlagen wurden zerstört und die meisten Abwasserpumpstationen sind außer Betrieb. Derzeit stehen jeder Person pro Tag nur drei Liter Wasser für alle Bedürfnisse (Trinkwasser, Nahrungszubereitung, Hygiene) zur Verfügung. Medizinisches Personal vor Ort berichtet, dass sich bei Patient*innen Anzeichen von Krankheiten zeigen, die durch überfüllte Zustände und eine schlechte sanitäre Situation verursacht werden.
  • In der Westbank hat Israel Jenin mit Dronen angegriffen, dabei wurden mindestens drei Menschen getötet. Dies ist bereits der vierte Angriff auf Jenin in diesem Jahr. Im Juli führte die israelische Armee dort die größte militärische Aktion in der Westbank seit zwei Jahrzehnten durch, bei der erstmals seit langem auch wieder ein Kampfhubschrauber zum Einsatz kam. Neben dem Angriff auf Jenin und Versuchen, den palästinensischen Widerstand auch in der Westbank zu zerstören, verstärkt Israel dort aktuell seine Checkpoints und erschwert die Mobilität zwischen den palästinensischen Dörfern und Städten. Manche davon werden nun ebenfalls belagert.

Israel:

  • Auch das israelische Militär trägt eine Verantwortung für die hohe Zahl der zivilen aber auch militärischen Opfer in Israel, heißt es in einem anononymen Beitrag auf Mondoweiss. Das genaue Ausmaß der Mitverantwortung, wie auch viele weitere Details rund um die Ereignisse seit dem 07. Oktober gilt es jedoch noch zu ermitteln. Der Artikel wurde aus Angst vor wachsenden Repressionen kritischer Stimmen in Israel auf Wunsch des Autors anonym veröffentlicht.
  • Falsche Beweise: Die israelischen Behörden präsentierten mehrfach ein Video von Al Jazeera als angeblichen Beweis dafür, dass für die Toten im Al Ahli Arab Krankenhaus eine palästinensische Rakete verantwortlich sei. Diese Behauptung und der “Beleg” wurden in der Folge von diversen Zeitungen und Fernsehkanälen geteilt. Die New York Times hat das entsprechende Video jetzt untersucht, kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis:

Die im Video zu sehende Rakete ist mehr als 3 km entfernt vom Krankenhaus, über der Grenze von Israel und Gaza, explodiert.

Die zu sehende Rakete wurde von Israel aus gefeuert, nicht von Gaza. Das heißt auch auf ihrem Flugweg war sie nie in der Nähe des Krankenhauses

  • Israel verwehrt UN-Beamten Visa: Nach einer Rede des UN-Generalsekretärs Guterres, in der dieser unter anderem sagte, der Angriff der Hamas am 07. Oktober sei nicht “in einem Vakuum” passiert, gab der israelische Außenminister Eli Cohen im Armeeradio bekannt, UN-Beamten keine Visa mehr ausstellen zu wollen: “Aufgrund seiner [Guterres] Anmerkungen werden wir UN-Repräsentant*innen die Ausstellung von Visa verweigern. Wir haben bereits ein Visum für Untergeneralsekretär für Humanitäre Angelegenheiten Martin Griffiths verweigert. Die Zeit ist gekommen, ihnen eine Lektion zu erteilen.” Anschuldigungen, Guterres habe damit die Taten der Hamas gerechtfertigt, wies der UN-Generalsekretär zurück.

International:

  • Angesichts der weiter gehenden Bombardierung Gazas wächst der Unmut gegenüber der USA und anderen westlichen Verbündeteten Israels in der arabischen Welt: Viele Menschen dort sehen sowohl den Krieg in Gaza, als auch die Präsenz des Westens in ihren eigenen Ländern als koloniale Kontinuitäten. Die tunisische Aktivistin Henda Cennaoui bringt die Kritk auf den Punkt. “Wir sind wütend. Sie haben uns ständig gesagt, dass der Kampf für Freiheit und Demokratie und alle möglichen Rechte ein gemeinsamer Kampf ist. Jetzt sehen wir, dass arabische und muslimische Gemeinschaften und Kinder nicht zählen. Es ist an der Zeit zu sagen, dass die Zeit des Kolonialismus vorbei ist. Wir müssen das anerkennen und darüber reden.” Cennaoui prognostiziert, dass anti-westliche Einstellungen zunehmen werden.
  • Bei einer Pressekonferenz mit dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi entgegnete der französische Präsident Emanuel Macron Kritiker*innen, sein Land “praktiziere keine doppelten Standards”: “Das internationale Recht gilt für alle und Frankreich unterstützt die universellen Werte des Humanismus”. Macron fuhr fort: “Alle Leben zählen gleich, alle Opfer verdienen unser Mitgefühl und unser anhaltendes Engagement für einen gerechten und nachhaltigen Frieden im Nahen Osten”. Darüber hinaus sicherte der französische Präsident Kraftstofflieferungen für Krankenhäuser in Gaza zu und forderte, solche ungehindert nach Gaza zu lassen. Laut el-Sisi besprachen die beiden die potentiell hohen zivilen Opfer, die eine Bodenoffensive des israelischen Militärs bedeuten würde. Der ägyptische Präsident forderte Maßnahmen, eine solche Bodenoffensive zu verhindern.
  • Israel hat sich bereit erklärt seine Bodenoffensive erneut bis auf Weiteres zu verschieben, nachdem die USA ankündigten Raketenabwehrsysteme für Israel aber auch eigene Truppen in der Region zu liefern, berichtete das Wall Street Journal. Der US-Außenminister Antony Blinken warnte erneut, dass die USA zurückschlagen würde, wenn US Truppen in der Region im Verlaufe des Krieges angegriffen würden.

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