The Killing of Hind – 355 Kugeln abgefeuert auf eine fliehende Familie

The Killing of Hind – 355 Kugeln abgefeuert auf eine fliehende Familie

Hind Rajab. [via Twitter/Middle East Eye]

Forensische Analysen, deren Ergebnisse vor 2 Tagen veröffentlicht wurden, ergaben, dass das Auto, in dem die kleine Hind Rajab saß, von 355 Kugeln durchlöchert wurde. Des Weiteren stellte die Untersuchung fest, dass der Schütze des israelischen Panzers die Kinder in dem Auto genau gesehen hat.

Was ist passiert?

Am 29. Januar 2024 flehte Hind Rajab, ein 6-jähriges palästinensisches Kind in Gaza-Stadt, die Rettungskräfte des Palästinensischen Roten Halbmondes per Handy an, sie aus einem von Kugeln durchlöcherten Auto zu befreien. Ihre Leiche wurde 2 Wochen später, am 10. Februar, zusammen mit den Leichen von 6 weiteren ihrer Familienmitglieder in dem Auto gefunden, mit dem sie aus ihrem Viertel flohen, als die israelische Armee dort einmarschierte.

In enger Zusammenarbeit mit Journalist:innen von Al Jazeeras Fault Lines untersuchte Forensic Architecture gemeinsam mit Earshot die Umstände der Ermordung von Hind Rajab, ihren vier Cousins, ihrer Tante und ihrem Onkel sowie den beiden Sanitätern, die ihr zu Hilfe kamen.

Untersuchungsergebnisse

Um 9:32 Uhr, kurz nachdem Hind und ihre Familie das Haus verlassen hatten, um vor der vorrückenden israelischen Armee zu fliehen, veröffentlichte ein israelischer Militärsprecher auf social media einen Evakuierungsbefehl, in dem die Bewohner von West-Gaza-Stadt aufgefordert wurden, nach Süden zu ziehen. Eine Analyse von Satellitenbildern zeigt, dass es Hind & ihrer Familie an diesem Morgen nicht möglich war, nach Süden zu fahren, da die Straße durch Trümmer eines kürzlich bombardierten Hochhauses blockiert war.

Nachdem die Familie in ihrem kleinen Kia Picanto losfuhr, treffen sie auf Panzer der israelischen Armee. Er beschießt das Fahrzeug der fliehenden Familie. Gegen 14:30 Uhr wird die Rettungsstelle des Palästinensischen Roten Halbmondes von der 15-jährigen Layan Hamada, Hinds Cousine, angerufen & verzweifelt um Hilfe gebeten. Zu diesem Zeitpunkt waren Layan & Hind die einzigen Überlebenden im Auto.

Aufnahme des von Layan abgesetzten Notrufes

Sekunden bevor Layan Hamada getötet wird, hört man sie sagen: „Sie schießen auf uns, der Panzer steht neben mir“. Nach einer Analyse der Aufnahme durch Earshot sind in den letzten Momenten, in denen man Layans Stimme hört, insgesamt 64 Schüsse zu hören, die in nur 6 Sekunden abgefeuert werden. Abgefeuert von einem M4-Sturmgewehr oder dem FN MAG-Maschinengewehr auf einem Merkava-Panzer.

„Aus der Position des Panzers, die durch die größte Übereinstimmung zwischen Ein- & Austrittslöchern gekennzeichnet ist, schließen wir, dass der Schütze eine klare Sicht auf das Auto & seine Insassen gehabt hat. Mit anderen Worten, er wäre sich der Anwesenheit von 2 Kindern bewusst gewesen“, heißt es in dem Bericht. Der Panzer war keine 23m von dem Auto entfernt.

Die Untersuchung der deformierten Windschutzscheibe deutet darauf hin, dass Hinds Auto später von einem leichten Fahrzeug wie einem israelischen Militärbulldozer der Marke Caterpillar überfahren wurde.

Nachdem Layan getötet wurde, war die 6-jährige Hind die einzige Überlebende im Auto. Der Palästinensische Rote Halbmond nahm telefonisch Kontakt zu Hind auf & versuchte, der Kleinen beim Durchhalten zu helfen. Die Erlaubnis, u.a. von den israelischen Besatzern, für einen Krankenwagen zu Hind zu fahren, kam um 17:40 Uhr. Die beiden Sanitäter Yusuf Al Zeino & Ahmed Al Madhoun fuhren in einem Krankenwagen vom Al Ahli-Krankenhaus los. Sie erreichten den Ort gegen 18 Uhr & wurden bei ihrer Ankunft beschossen.

Einsatzzentrale: Könnt ihr das Auto sehen?
Krankenwagen: Ich kann hier gar nichts sehen.
Einsatzzentrale: Habt ihr Sirene & Blaulicht eingeschaltet?
Krankenwagen: Nur die Lichter, nicht die Sirene.
Krankenwagen: … oh, da ist es!
[Explosion]

Die Auswertung von Satellitenbildern & Untersuchung der Fahrzeugtrümmer ergeben, dass der Krankenwagen, der Hind zu Rettung eilen wollte, wohl von der Munition eines israelischen Panzers getroffen wurde.

Zwei Wochen später, am 10. Februar, wurde die Leiche von Hind zusammen mit den Leichen ihrer Familienangehörigen im Auto gefunden. Die Leichen der Sanitäter, die seit dem Abend, an dem sie zur Rettung von Hind entsandt worden waren, vermisst wurden, wurden im Krankenwagen etwa 50m vom Auto entfernt entdeckt.

Der vollständige forensische Bericht mit seiner Beweisführung, Analyse & Simulationen: https://forensic-architecture.org/investigation/the-killing-of-hind-rajab

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