Tel Aviv, Jenin: Eine weitere Runde?

Bei einer Schießerei im Zentrum von Tel Aviv wurden durch einen Palästinenser am Donnerstagabend 3 Menschen getötet & 16 verwundet, wie israelische Sanitäter:innen mitteilten. Der Vorfall ereignete sich in einer Bar in der Dizengoff-Straße, einer zentralen Durchgangsstraße & einem beliebten Wochenendtreffpunkt. Die israelische Polizei forderte die Menschen auf, die Gegend zu meiden. Bei den Getöteten handelt es sich um die Israelis Barak Lufan (35), Tomer Morad (28) & Eytam Magini (27).

Der rechte israelische Ministerpräsident Naftali Bennett gewährte nun allen Sicherheitskräften “volle Operationsfreiheit”, um den Anstieg der Anschläge in Israel einzudämmen. “Für diesen Krieg gibt es keine Grenzen & wird es auch keine geben”, sagte Bennett. “Wir gewähren der Armee, dem Shin Bet & allen Sicherheitskräften volle Handlungsfreiheit, um den Terror zu besiegen.”

Spezialkräfte stellten einen verdächtigen Palästinenser in der Altstadt von Jaffa (im heutigen Israel)— die Palästinenser dieser Stadt wurden 1948 im Zuge der israelischen Staatsgründung von zionistischen Milizen mehrheitlich vertrieben — und “eliminierten den “Terroristen” durch einen Schusswechsel”, so der israelische Polizeipräsident Yaakov Shabtai.

Raad Hazem (28)

Es handelt sich um den 28-jährigen Raad Hazem aus der besetzten Stadt Jenin im Westjordanland, wo die israelische Besatzungsarmee letzte Woche bei einem Überfall auf das dortige Flüchtlingslager 3 Palästinenser getötet hatte. Vor 9 Tagen töteten Soldat:innen dort ebenfalls 3 Palästinenser, darunter ein 17-jähriger & attackierten das Krankenhaus des Lagers, so das Patient:innen verlegt werden mussten. Israel erhöht nun die Polizei- & Militärpräsenz in Tel Aviv & anderen israelischen Ortschaften, aber auch im besetzten Westjordanland wie Jerusalem massiv. Dies bedeutet “noch mehr Razzien,Verhaftungen und sicherlich noch viel mehr Einschränkungen für die Palästinenser:innen, die täglich Stunden brauchen, um die [illegale] Trennmauer zu überqueren, um zu ihren Arbeitsplätzen in Israel zu gelangen”, so die Journalistin Huda Abdel Hamid (Al Jazeera).

Hazems Familie sagte gegenüber Journalist:innen, sie hätten erst aus den Nachrichten von der Beteiligung ihres Sohnes an dem Anschlag erfahren. Hazem ist im Flüchtlingslager Jenin geboren & aufgewachsen, das als eine Hochburg des palästinensischen Widerstands & Freiheitskampfes gegen die Besatzung angesehen wird. Sein Vater, Fathi Hazem, sagte gegenüber Al Jazeera:

“Die Jugendlichen haben die Hoffnung auf alles verloren, keine Arbeit, keine Zukunft & die täglichen Angriffe durch die israelischen Soldat:innen. Durch diese [Angriffe] haben sie viele Kollegen, Freunde & Nachbarn verloren [….] das palästinensische Volk fordert endlich Freiheit & Unabhängigkeit”.

Heute morgen überfiel die israelische Besatzungsarmee das Flüchtlingslager von Jenin. Mindestens ein palästinensischer Jugendlicher wurde dabei von israelischen Streitkräften erschossen & 5 weitere wurden verletzt. Palästinensische Widerstandskämpfer:innen stellten sich den einfallenden Besatzungssoldat:innen entgegen. Bei dem heute im Flüchtlingslager getöteten handelt es sich um Ahmad Saadi (23).

Lokale Quellen berichteten, dass die Besatzungsarmee von mehreren Stellen aus in das Lager eindrangen, Scharfschützen aufstellten & das Haus der Familie des getöteten Ra’ad Hazem umstellten.

Israel besetzt seit 55 Jahren völkerrechtswidrig das Westjordanland & annektierte Jerusalem — ebenfalls ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht. Seit Beginn der Besatzung leiden die Palästinenser:innen im Westjordanland unter den Militärgesetzen der Besatzer, Zwangsvertreibungen, Landraub, Siedlungsbau, täglichen willkürlichen Verhaftungen ohne Nennung von Gründen, Beweisen oder gar Anklage und Gerichtsurteil, Militärcheckpoints sowie tödlicher Gewalt von Besatzungssoldat:innen. Laut Berichten der Vereinten Nationen, Human Rights Watch, Amnesty International, B’tselem, Adaamer, Al Haq & zahlreichen weiteren Organisationen hat Israel hier außerdem ein Apartheidregime errichtet (siehe Verlinkungen). 2002 wurde das Flüchtlingslager von Jenin bei einem mehrtägigen Angriff durch die Besatzungsarmee weitgehend zerstört, Dutzende Palästinenser:innen wurden getötet.

Bei drei weiteren Anschlägen von Palästinensern in Israel seit dem 22. März wurden 11 Israelis getötet. Eine solche Anschlagsserie hat es in Israel seit über 16 Jahren nicht gegeben. Alle palästinensischen Angreifer wurden am Tatort erschossen, entweder von der Polizei oder von bewaffneten israelischen Zivilisten.

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