“Tag des Krieges gegen Krankenhäuser” — Daily Update vom 10.11.

“Tag des Krieges gegen Krankenhäuser”

Foto: Mohammed Zaanoun

Gaza

  • Mindestens 11.078 Palästinenser*innen, darunter 4,506 Kinder, wurden seit dem 07. Oktober in Gaza getötet.
  • Die heftigen Bombardierungen des Küstenstreifens gehen weiter. Dabei wurden offiziellen Angaben zufolge mindestens 50 Prozent der Wohneinheiten zerstört oder beschädigt und auch zivile Infrastruktureinrichtungen stark in Mitleidenschaft gezogen.
  • Palästinenser*innen, die aus dem Norden in den Süden Gazas fliehen, werden nach wie vor auf der Flucht vom israelischen Militär angegriffen.
  • Bei einem Angriff auf die al-Buraq Schule in Gaza wurden mindestens 50 Palästinenser*innen getötet, die dort Zuflucht gesucht hatten.

Angriffe auf Krankenhäuser im Norden Gazas

  • Bei einem Angriff auf das al-Shifa Krankenhaus sind heute nach Angaben der Hamas 13 Palästinenser*innen getötet worden. In den letzten 24 Stunden wurde das al-Shifa Krankenhaus bereits fünf Mal Ziel von israelischen Angriffen. Videos, die die Szene eines Angriffs zeigen, wurden von der Nachrichtenagentur Reuters als authentisch verifiziert. Das israelische Militär äußerte sich bisher nicht zu den Aufnahmen. Dr. Ahmed Mokhallalati, Chirurg am al-Shifa Krankenhaus, sprach Al Jazeera gegenüber davon, dass die Angriffe auf und um das Krankenhaus seit gestern Abend nicht aufgehört hätten. Viele Palästinenser*innen seien deshalb bereits vor den herannahenden israelischen Bodentruppen aus dem Krankenhaus geflohen, ohne medizinische Versorgung erhalten zu haben. Am Nachmittag meldete ein dort arbeitender Arzt, dass das Krankenhaus endgütlig kollabiert sei.

Aktuell werden heftige Luftangriffe auf das Al Shifa Krankenhaus gemeldet, es gibt auch Berichte über den Einsatz von weißem Phosphor.

  • Der Palästinensische Rote Halbmond berichtet mittlerweile auch von Scharfschützenattacken auf die Intensivstation des al-Quds Krankenhauses. Dabei wurde bisher ein Mensch getötet und 28 weitere verletzt.
  • Al Jazeera verifizierte weitere Videoaufnahmen, die israelische Panzer und weitere militärische Fahrzeuge vor dem Eingang eines anderen Krankenhauses in Gaza City, des al-Rantisi Krankenhauses, zeigen. Auch das al-Rantisi Krankenhaus und seine Umgebung gehört zu den medizinischen Einrichtungen, die am späten Donnerstag Ziel von israelischen Angriffen wurde.

Eine Frau vor Ort berichtet: „Wir sitzen im Al-Rantisi-Krankenhaus fest. Das Gebiet ist von israelischen Panzern aus allen Richtungen abgeriegelt. Wir erhielten eine Warnung zur Evakuierung, aber es gibt keinen Vertreter des Roten Kreuzes oder einer anderen Organisation, die hier die Sicherheit aller Patienten und Zivilisten garantieren könnte. Hunderte sind im Krankenhaus gefangen“.

Dem Gesundheitsministerium in Gaza zufolge sind auch drei weitere Krankenhäuser von israelischem Militär umzingelt: das al-Nasr Krankenhaus, Government Eyes Krankenhaus sowie das Mental Health Krankenhaus. Das Ministerium bestätigte, dass Tausende von Patient*innen, medizinischem Personal und Vertriebenen ohne Wasser und Nahrung in den Krankenhäusern festsitzen.

  • Zuvor hatten in Israel sowohl Rabbis als auch medizinische Doktor*innen in zwei separaten öffentlichen Statements bekannt gegeben, dass es keine moralischen Bedenken gäbe Krankenhäuser in Gaza anzugreifen, ja, dass sie dies sogar als Pflicht des israelischen Militärs betrachten. Das Militär begründet seine Angriffe auf Krankenhäuser auch in vorherigen Angriffen auf Gaza damit, dass sich darunter Tunnel und Einrichtungen der Hamas befinden würden. Langjähriges Personal des al-Shifa Krankenhauses jedoch stritt diese Anschuldigen wiederholt ab und verweist darauf, dass Israel dafür seit Jahren keine Beweise geliefert habe.
  • Das Komitee des Internationalen Roten Kreuzes spricht mittlerweile davon, dass das Gesundheitssystem in Gaza zusammengebrochen ist und fordert den „sofortigen Schutz aller Zivilisten, einschließlich humanitärer Helfer und medizinischem Personal“ in Gaza. Das Komitee verurteilt die Angriffe auf Krankenhäuser, die nach internationalem Recht geschützt sind.

Westjordanland

  • Die Palästinensische Autonomiebehörde hat mit Israel die Rückführung von 956 im besetzten Westjordanland gestrandeten palästinensischen Arbeitern nach Gaza koordiniert. Dabei handelt es sich um diejenigen Arbeiter, die selbst um Rückkehr gebeten hatten und von Israel dazu freigegeben wurden. Fast 7.000 Arbeiter saßen im besetzten Westjordanland fest, nachdem ihnen nach den Anschlägen vom 7. Oktober ihre Arbeitserlaubnis entzogen worden war.
  • Fast 80 Palästinenser*innen wurden in nächtlichen Razzien in der besetzten Westbank durch israelische Truppen festgenommen. Nach Angaben israelischer Behörden wurden seit dem 07. Oktober insgesamt 2.600 Palästinenser*innen festgenommen, insgesamt sitzen aktuell 7.200 Palästinenser*innen in israelischen Gefägnissen. Immer mehr Videos in denen israelische Soldaten palästinensische Gefangene demütigen und foltern werden öffentlich.

  • Ein von Al Jazeera Arabic auf X veröffentlichtes Video liefert erneut Beweise für die Praxis des israelischen Militärs, palästinensische Gefangene in der besetzten Westbank als “menschliche Schutzschilder” zu missbrauchen

Al Jazeera identifizierte den Palästinenser in dem Video, dessen Arme hinter dem Rücken gefesselt und dessen Augen verbunden sind, als Alaa Abu Hashhash.

Die Zahl derjenigen, die die Al-Aqsa Moschee im besetzten Ost-Jerusalem besuchen um dort zu beten hat diese Woche deutlich abgenommen. Die Journalistin Sara Khairat vermutet als Grund dafür die verschärften israelischen Bewegungseinschränkungen und willkürlichen Kontrollen, viele Palästinenser*innen verlassen aus Angst willkürlich festgenommen zu werden ihre Häuser nicht mehr.

1948 besetztes Palästina

Nach Angaben des israelischen Militärs ist ein israelischer Soldat bei seinem Einsatz im Norden Gazas ums Leben gekommen. Damit beläuft sich die Gesamtzahl der seit Kriegsbeginn getöteten Soldaten nach Angaben der israelischen Armee auf 354, davon starben 41 seit Beginn der Bodenoperationen in Gaza. Israel gab heute an 150 Hamas Kämpfer getötet zu haben.

Die offizielle Zahl der am 7. Oktober getöteten wurde heute von israelischer Seite herunterkorrigiert von 1400 auf 1200.

International

  • „Aufgrund der zunehmenden Intensität des Krieges gegen die Zivilbevölkerung des Gazastreifens ist eine Ausweitung des Krieges unvermeidlich geworden“, sagte der iranische Außenminister, Hossein Amirabdollahian, seinem Qatari Kollegen Scheich Mohammed Bin Abdulrahman Al Thani in einem Telefongespräch.
    Iran hat wiederholt vor der Gefahr einer regionalen Eskalation gewarnt und Israel aufgefordert, sich von einem Angriff auf Gaza zurückzuziehen.
  • Arabische Kommentator*innen kritisieren die von den USA angekündigten aber — wie wir gestern berichteten — von Israel noch nicht bestätigten täglichen Kampfpausen von vier Stunden. Solche Pausen helfen nicht den Konflikt langfristig zu lösen, noch die Situation der Menschen in Gaza zu lindern, sondern lediglich den Norden Gazas weiter von Palästinenser*innen zu entleeren, so der Journalist Salem Zahran. Andere wie der Wissenschaftler Mamoun Fandy sehen die Pausen als ein Anzeichen der Ermüdung Israels.
  • Aufgrund der großen Proteste in Solidarität mit den Palästinenser*innen in den umliegenden arabischen Staaten wächst der Druck auf arabische Führungspersonen nach einer Lösung für den Konflikt. Der syrische Präsident Bashar al-Assad ist auf dem Weg nach Saudi Arabien um sich in der Hauptstadt Riyadh einem Katastrophengipfel zur Besprechung der Lage in der besetzten Westbank sowie dem Krieg in Gaza anzuschließen.
  • US-amerikanische Journalist*innen veröffentlichten ein Statement, in dem sie ihre Kollegen anmahnte, ihre journalistischen Pflichten zu erfüllen und angemessen über die Situation in Gaza zu berichten und dabei nicht vor deutlichem Vokabular zurückzuschrecken. In dem Statement schreiben sie: “UN-Experten warnten, sie seien ‘überzeugt, dass das palästinensische Volk in großer Gefahr eines Völkermords ist’, doch westliche Medien zögern weiterhin, Völkermordexperten zu zitieren und die existenzielle Bedrohung, die sich in Gaza abspielt, genau zu beschreiben. Das ist unser Job: die Macht zur Rechenschaft zu ziehen. Sonst laufen wir Gefahr, zum Mittäter des Völkermords zu werden. Wir erneuern den Aufruf an Journalisten, ohne Angst oder Begünstigung die volle Wahrheit zu sagen. Präzise Begriffe zu verwenden, die von internationalen Menschenrechtsorganisationen genau definiert sind, darunter ‘Apartheid’, ‘ethnische Säuberung’ und ‘Völkermord’. Zu erkennen, dass es journalistisches Fehlverhalten und ein Verzicht auf moralische Klarheit ist, wenn wir unsere Worte verdrehen, um Beweise für Kriegsverbrechen oder die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel zu verbergen. Die Dringlichkeit dieses Augenblicks kann nicht genug betont werden. Wir müssen unbedingt den Kurs ändern.”
  • Über 500 ehemalige Wahlkampfmitarbeiter Bidens aus dem Jahr 2020 sagen, der US-Präsident solle „einen Waffenstillstand” in Gaza fordern.

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