Screengrab eines Videos, das Hafez Huraini mit zwei gebrochenen Armen nach einem Siedlerangriff in israelischer Haft im Soroka-Krankenhaus zeigt. (Foto: Muhammad Huraini)

Israelische Siedler haben meinen Vater auf unserem Land angegriffen

Dieser Bericht von Mohammad Huraini erschien am 16.09.2022 im Nachrichtenblog Mondoweiss unter dem Titel: ‘Israeli settlers attacked my father on our land. The settlers are free, while my father sits in prison.’ Hier veröffentlichen wir die Deutsche Übersetzung

Am 12. September um 16.00 Uhr verließ mein Vater unser Haus in At Tuwani, um seine Schafe zu unserem Land zu bringen, neben dem israelische Siedler:innen die illegale Siedlung Ma’on und den Außenposten Havat Ma’on errichtet haben. Bevor er mit den Schafen losging, sagte er mir, ich solle eine Flasche Wasser und etwas Kaffee mitbringen und ihm zur Arbeit folgen, um bei der Feldpflege zu helfen und neue Bäume zu pflanzen.

Nach 15 Minuten folgte ich ihm, zusammen mit dem Wasser und dem Kaffee und einem befreundeten internationalen Aktivisten. Als wir ihn erreichten, setzten wir uns hin, tranken Kaffee und Wasser und machten uns an die Arbeit: Wir entfernten Steine vom Boden und schleppten alte Autoreifen, um eine Mauer um unseren Garten zu bauen, die die Pflanzen vor Tieren oder Siedler:innen schützen sollte, die eindringen und sie zerstören könnten.

Während wir arbeiteten, weidete etwa hundert Meter entfernt ein palästinensischer Schafhirte seine Schafe. Als ich irgendwann aufschaute und zu ihm hinaufblickte, bemerkte ich plötzlich zwei Siedler, die mit Stöcken in den Händen von Ma’on aus auf uns zukamen. Als sie sich näherten, begannen sie, den Hirten in der Nähe mit Steinen zu bewerfen, was ihn erschreckte und ihn veranlasste, wegzulaufen. Währenddessen standen mein Vater, unser Freund und ich da und beobachteten alles von unserem Garten aus.

Die Schafe meines Vaters waren weit weg von uns, also sagte mein Vater, ich solle gehen und sie zurückbringen, um sie zu schützen. Als ich ging, bemerkte ich ein Auto mit drei Siedlern, die sich meinem Vater zusätzlich zu den beiden Siedlern zu Fuß näherten. Ich konnte sehen, dass mindestens einer von ihnen eine Waffe trug.

Ich hatte große Angst um meinen Vater, weil ich befürchtete, dass die Siedler ihn als nächstes angreifen würden. Als ich mich das nächste Mal umdrehte, hatten die beiden Siedler, die den Hirten verjagt hatten, meinen Vater fast erreicht. Ich drehte mich sofort um und rannte zu ihm und begann zu schreien, als ich sah, wie die Siedler begannen, meinen Vater mit ihren Schlägern zu schlagen.

Als ich näherkam und so schnell wie möglich rannte und schrie, erkannte ich, dass es sich nicht um normale Schläger handelte, sondern um Schläger mit Nägeln, die aus ihnen herausstachen.

Als der mit einem Gewehr bewaffnete Siedler sah, dass ich angerannt kam um meinen Vater zu verteidigen, schoss er in die Luft, um mich zu verscheuchen. Ich spürte, wie mein Herz stehen blieb. Dann zielte er mit dem Gewehr auf mich. Ich hatte schreckliche Angst. Wir waren allein auf diesem Hügel, wir drei, unbewaffnet, uns standen fünf Siedler mit Schlägern und mindestens einem Gewehr gegenüber. Es war niemand da, der uns helfen konnte.

Sie fingen an, mit ihren Schlägern nach uns zu schlagen und trafen dabei meinen Vater. Im Versuch, uns zu verteidigen, schlug mein Vater seine Schaufel nach ihnen und traf einen der Siedler, der ihn angriff. Die Siedler zogen sich unter dem Schutz der bewaffneten Siedler zurück und kehrten zum Außenposten Havat Ma’on zurück.

Wir riefen sofort den Krankenwagen, um meinen Vater ins Krankenhaus zu bringen, denn seine beiden Hände waren von den Siedlern bei dem Angriff offensichtlich gebrochen worden. Gleichzeitig riefen wir die israelische Polizei und das Militär an, um Anzeige zu erstatten, da wir davon ausgingen, dass die Art des Angriffs klar war und die Siedler verhaftet werden würden.

Während wir auf den Krankenwagen warteten, fuhren weitere Siedler in Autos vor und begannen, uns zu provozieren. Unsere Herzen rasten noch immer von dem Angriff, und ich begann das Gewicht der Ungerechtigkeit und Gewalt zu spüren, mit der wir konfrontiert waren — nicht nur die unmittelbare Bedrohung durch tödliche Gewalt seitens der Siedler, sondern das gesamte System der militärischen Besatzung und des Kolonialismus, das es uns nicht erlaubt, uns in unserem eigenen Land und Zuhause sicher zu fühlen.

Zu diesem Zeitpunkt lag mein Vater bereits auf dem Boden, und der Schmerz, den ich in seiner Stimme hören konnte, tat auch mir weh. Trotz seines Schmerzes dachte mein Vater an mich und sagte zu mir: “Geh jetzt nach Hause und mach keine Dummheiten. Die Besatzer werden dir nicht zuhören und dir glauben. Die Wahrheit interessiert sie nicht.”

Als ich meine eigenen Gefühle zum Ausdruck brachte, erinnerte er mich daran, dass die israelischen Streitkräfte die Siedler schützen und ihnen erlauben würden, weiterhin unsere Rechte zu verletzen und Gewalt gegen uns auszuüben. Er hatte Angst, dass, wenn ich bei ihm bliebe, ich anstelle der Siedler verhaftet würde.

Ich habe immer auf meinen Vater gehört. Mein ganzes Leben lang hat er mir vorgelebt, wie man sich gegen Ungerechtigkeit wehrt. Meine Angst und Wut brannten in meiner Brust, als ich umkehrte und zum Haus zurückging. Zwanzig quälende Minuten später hörte ich Schallbomben und die Stimmen meiner Schwestern neben der meiner Mutter, die gegen die Stimmen der Soldat:innen anschrien. In diesem Moment fühlte ich mich hin- und hergerissen und wusste nicht, was ich tun sollte — wenn ich zurückging, um meine Familie zu unterstützen, würde die Armee mich verhaften; wenn ich zu Hause blieb, wie mein Vater mir sagte, wäre ich schmerzlich nutzlos. Ich hörte die Stimme meines Vaters in meinem Kopf: “Geh jetzt nach Hause und mach keine Dummheiten”, und ich entschied mich zu bleiben.

Während ich zu Hause wartete, trafen langsam die ersten Nachrichten ein. Die israelischen Polizei- und Militärkräfte waren eingetroffen und verhinderten, dass mein Vater von dem eingetroffenen palästinensischen Krankenwagen sofort ins Krankenhaus gebracht wurde. Um dies zu unterstützen, zerstachen die Siedler die Reifen des Krankenwagens und hinderten die Ersthelfer:innen daran, mit oder ohne meinen Vater weiterzufahren.

Die israelische Polizei erklärte daraufhin, mein Vater sei verhaftet worden. Sie brachten stattdessen einen israelischen Krankenwagen und brachten meinen Vater allein und mit gebrochenen Händen ins Soroka-Krankenhaus in Beer as Seba’ auf der anderen Seite der Mauer.

Ein Plakat, das die Freilassung von Hafez Huraini fordert, kursiert in den sozialen Medien. (Foto: Twitter)

Die Soldat:innen und Polizist:innen verhafteten auch zwei Palästinenser, die meinem Vater zu Hilfe kamen, ohne jeden Grund. Danach vertrieben sie alle Palästinenser.innen von unserem Grundstück auf dem Hügel, warfen Schallbomben und Tränengas direkt auf sie und verkündeten, dass es sich um eine geschlossene Militärzone handele. Nach dieser Ankündigung sollte sich 24 Stunden lang niemand in diesem Gebiet aufhalten, auch keine israelischen Siedler:innen. Trotzdem erlaubte das Militär den Siedler:innen, in dem Gebiet zu bleiben und die Bäume in dem Garten zu zerstören, in dem wir noch kurz zuvor gearbeitet hatten, während sie alle Palästinenser mit Gewalt den Hügel hinunter und nach At Tuwani trieben.

Doch die israelischen Streitkräfte waren noch nicht fertig.

Auf Befehl der Siedler und nach der Behauptung, ein Siedler sei von Dutzenden von Palästinensern “gelyncht” worden, drangen sie mit ihren Armeepanzern und zu Fuß in At Tuwani ein, warfen Schallbomben direkt auf die Häuser und Tränengas zwischen die Häuser. Das Tränengas drang durch unsere Fenster in die Häuser ein, so dass alle Bewohner:innen, darunter viele Kinder, nach Zwiebeln riefen, um den Geruch zu überdecken, während sie husteten, würgten und ihnen die Tränen über das Gesicht liefen.

Da wir nichts anderes tun konnten, als zu versuchen, uns alle bestmöglich zu schützen, suchte ich verzweifelt nach meinem 4 Jahre alten Bruder, aber er war nirgends zu finden. In Panik rannte ich auf die Straße, um nach ihm zu suchen, und traf stattdessen auf die Armee. Sie warfen eine weitere Schallbombe auf mich, und ich drehte mich um, um mich im Zelt einer anderen Familie zu verstecken und meinen Kopf zu bedecken. Als sie sahen, wie ich mich versteckte, warfen sie sechs weitere Schallbomben auf mich. Als ich fliehen konnte, fand ich meinen Bruder weinend vor, verängstigt durch das, was um ihn herum geschah. Ich brachte ihn daraufhin an einen sicheren Ort.

Nach einer Stunde, in der mein Dorf überfallen und angegriffen wurde — sie warfen buchstäblich Blendgranaten auf Menschen, die bereits in ihre Häuser gejagt worden waren — schienen die israelischen Streitkräfte das Dorf zu verlassen, versammelten sich aber am Haupteingang, um jede Bewegung in oder aus dem Dorf zu verhindern.

Um 2:30 Uhr kehrte die Armee ins Dorf zurück und zwang diesmal die Bewohner:innen zurück ins Haus, indem sie Schallbomben auf unsere Haustüren warf. Sie kamen zu meinem Haus und hielten etwa 15 Personen fest. Der Rest von uns, erschöpft, aber wachgehalten durch die Ungewissheit, was als Nächstes kommen könnte, saß zusammen.

Wir haben die Nacht irgendwie überstanden, und als die Sonne aufging, riefen wir unsere Anwältin an, um zu erfahren, was mit meinem Vater geschehen würde. Sie teilte uns mit, dass er vom Krankenhaus zum Verhör verlegt worden sei und mindestens bis zu seinem ersten Gerichtstermin am Donnerstag im Gefängnis bleiben würde.

Als wir das hörten, herrschte im ganzen Haus Stille. Meine Mutter saß schockiert da. Unser Vater würde im Gefängnis festgehalten und möglicherweise vor Gericht gestellt werden, weil er auf seinem eigenen Land angegriffen wurde. Währenddessen saßen die Siedler, die uns angegriffen hatten, im Außenposten nebenan frei.

Wir erleben in diesem Moment eine Katastrophe, während wir darauf warteten, was mit meinem Vater vor einem Gericht geschieht, das uns nicht vertritt, keine von uns geschaffenen Gesetze kennt und den Palästinenser:innen keine Rechenschaft schuldet.

In der Zwischenzeit warten wir auf den nächsten Anschlag.

Jeden Tag sind wir mit dieser Ungerechtigkeit und Apartheid konfrontiert, nicht nur durch die Siedler, Soldaten oder die Polizei, sondern durch das gesamte System, das Gewalt anwendet, um uns zu verletzen, unser Land zu stehlen und uns einzusperren. Wir können nicht schweigen und müssen die Welt wissen lassen, was vor sich geht. Wir brauchen eure Unterstützung jetzt mehr denn je.

Originalartikel:

Israeli settlers attacked my father on our land. The settlers are free, while my father sits in prison. 

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