Teil 2: Baba, Sadeel ist hingefallen

Teil 2: Baba, Sadeel ist hingefallen

Die Fortsetzung unseres gestern veröffentlichten Vor-Ort-Berichtes von Lena aus Jenin.

Auf eine gewisse Art ist meine Tochter ein Kind des Freedom Theatres im Camp Jenin. Es war 2013 bei meinem ersten Besuch in Jenin, auf dem Rückweg vom Theater, als sich unser Sammeltaxi den Berg zwischen Jenin und Nablus herunterschlängelte, als ich entschied wiederzukommen nach Palästina. Einige Jahre später traf ich den Vater meiner Tochter, als ich mit dem Freedom Bus unterwegs war, um Playbacktheater in den Dörfern des besetzten Westjordanlandes zu machen. Zusammen mit Adnan, dem technischen Leiter des Theaters, kümmerte ich mich damals um das Bühnenbild für ein Kinderstück. Im Team machten sie immer Witze: Adnan und Lena, Adnan wa Lena, eine Cartoonserie mit diesem Namen kennt hier fast jedes Kind.

Als ich jetzt im Theater ankomme lächelt Adnan zwar noch sein Lächeln, aber er sieht so traurig aus, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Und als ich ihn frage, worüber ich anfangen soll zu schreiben, da sagt er: „Hier. Fang hier an“. Er zeigt auf die Hofeinfahrt, wenige Meter von uns entfernt: „Hier stand Sadeel als sie getroffen wurde.“

Sadeel wuchs in einem Nebengebäude des Theaters auf, Adnan ist ihr Onkel. Raneen, die Leitung der Theaterpädagogik, erinnert sich: „Sie hat immer Ärger gemacht, weil sie ins Theater wollte. Sie ist im Theater aufgewachsen, sie ist wirklich im Theater aufgewachsen. Und sie hat immer gelacht. Sie hat immer nur gelacht“. Sadeel ist das dritte von fünf Kindern, das einzige Mädchen unter lauter Brüdern. Ihr Haus und das ihres Onkels teilen einen gemeinsamen Innenhof, in der Mitte ein kleiner runder Pavillon. Sie haben Wein gepflanzt, der sich als grünes Dach über die ganze Hofeinfahrt wölbt. Es ist ein schöner Ort zu sitzen, ruhig und geschützt. Aber nicht geschützt genug. Ihr Vater erklärt im Interview mit Ali Smoudi: „Wenn sie das Camp überfallen, habe ich jedes Mal Angst um die Kinder wenn sie an den Fenstern stehen. Unser Haus steht genau gegenüber von den hohen Gebäuden, auf denen sie jedes Mal die Scharfschützen positionieren. Also versuche ich immer darauf zu achten, dass sie weit von den Fenstern entfernt bleiben.“

Sadeel

Der Angriff auf Jenin am Montag dauerte mehr als 10 Stunden. Mehr als 10 Stunden, in denen sich die Bewohner:innen des Camps in ihren Wohnungen versteckten. In denen sie entscheiden mussten, welches Zimmer das sicherste ist, ohne genau zu wissen, wo die Scharfschützen der Armee dieses Mal Position bezogen haben. 10 Stunden, in denen die Kinder irgendwie beruhigt werden mussten, irgendwie beschäftigt gehalten, weil raus, raus durften sie auf keinen Fall. Irgendwann während dieser 10 Stunden wird es Sadeel zu eng in der Wohnung. Sie will zu ihren Cousinen, im Haus direkt neben ihrem Zuhause. Ihr Vater erlaubt es ihr. Das Haus seines Bruders ist hinter ihrer Wohnung, er hofft, dass Sadeel dort sicherer ist. Als sie runtergeht ruft er ihr nochmal nach: „Sadeel, nicht dass du bei den Fenstern stehst, bleibt weg von den Fenstern!“. Sie verspricht es. Beruhigt dreht er sich um. Da sagt sein kleiner Sohn: „Sadeel ist hingefallen, Papa“. „Was habe ich gedacht? Dass Sadeel über irgendetwas gestolpert ist, gestürzt. Ich bin zurück zum Fenster, da habe ich gesehen, dass Sadeel am Boden liegt. Ich bin die Treppe runter zu ihr gerannt und habe das Loch in ihrer Stirn gesehen gesehen. Da wusste ich, dass die Scharfschützen auf sie geschossen haben.“

Sadeel & ihr Vater. Foto: ilkha.com

Sadeel hatte auf dem Weg das Handy in die Hand genommen und die Straße herunter gefilmt. Sie stand unter den Weinblättern und zoomte auf ein Militärfahrzeug am Ende der Straße. Der Jeep fährt langsam um eine Kurve, fährt weg von Sadeel. Eine Türe öffnet sich hinten. Dann bricht der Film ab.

Das ist der Moment, in dem die Kugel, die aus dem Jeep gefeuert wurde, sie in den Kopf trifft. Die Wucht der Kugel reißt sie nach hinten um. Ihr Vater findet sie auf dem Rücken liegend. Als wollte sie noch einmal den Himmel sehen. Als ich in Jenin ankomme kämpft Sadeel im Krankenhaus um ihr Leben. Ihr kleiner Bruder, vor dessen Augen sie getroffen wurde, kommt zu mir: „Willst du Bilder von meiner Schwester sehen?“ Johanna, die gemeinsam mit ihrer Familie mehrere Jahre im Theater gelebt hat und bei denen ich immer wieder zu Besuch war, schreibt auf Social Media:

Ihr Name ist Sadeel. Bis sie acht Jahre alt war, wohnten wir nebeneinander, und Sadeel spielte fast jeden Tag mit meinen Kindern. An frühen Wochenendmorgen klopfte sie an unsere Tür, kaum dass das Frühstück auf dem Tisch stand, und wollte spielen. Meistens mit Duplo und in der Kinderküche. “Yasmina”, sagte sie zu meiner zweijährigen Tochter in einer sehr erwachsenen Art und Weise, während sie sie in der Kunst des vorgetäuschten Kochens unterwies. Sadeels Lieblingsspielzeug in unserem Haus war ein Kaleidoskop. Als wir von Jenin nach Schweden zogen, blieb das Kaleidoskop bei Sadeel. Sadeel ist jetzt fünfzehn Jahre alt, und seit heute Morgen schwebt sie auf der Intensivstation zwischen Leben und Tod. Im Morgengrauen stürmten Soldaten der Besatzungstruppen das Flüchtlingslager und schossen auf den Hinterhof von Sadeels Familie. Die Kugel durchschlug ihre Stirn und trat an ihrem Hinterkopf aus. Den ganzen Tag habe ich versucht, Worte zu finden, aber es gibt keine. Also halte ich an dem Bild von Sadeel fest, die sich in dem symmetrischen Muster des Kaleidoskops verliert, und hoffe, dass das, was sie in diesem Moment in ihrem Kopf sieht, das Schöne ist, die Schichten des Universums. Es ist ein sehr eitler Gedanke, als würde man sich an einen zerbrechlichen Strohhalm klammern, um nicht wirklich alles zu verlieren. Dass es so kommen kann.“

Während wir an diesem Abend zusammensitzen, in dem Pavillion im Innenhof, da sammeln auch wir Strohhalme. Wir setzen sie zusammen und bauen uns daraus eine kleine Rettungsinsel. Während um uns immer wieder Schüsse zu hören sind — sie müssen sparsamer mit den Kugeln sein! flucht Adnan-, während Explosionen zu hören sind — sie testen nur- beruhigt mich Asma, da tragen die Frauen Hoffnungsschimmer zusammen.

„Sie sieht viel besser aus heute, die Schwellung in ihrem Gesicht ist zurückgegangen, man sieht fast nichts mehr“. „Ihre Hände waren ganz warm“. „Es gibt viele Leute, die so etwas überlebt haben. Wisst ihr noch Mohammad Tamimi aus Nabi Saleh? Sie haben ihm ein Stück Schädel entfernt, aber er lebt, er hat es überlebt. Und Sadeel kann die Narben einfach unter ihren Haaren verstecken, man wird gar nichts mehr sehen“. „Ganz bestimmt kann sie uns hören, man sieht es ihr nicht an, aber redet mit ihr, redet mit ihr!“ „Ich habe ihre Hand genommen und ihr gesagt ‚Komm Sadeel, komm, wir brauchen dich hier‘. Und ich habe es gespürt, sie hat meine Hand gedrückt“

Wir sammeln so viele Hoffnungsschimmer, dass ich mir, als ich in dieser Nacht ins Bett gehe, sicher bin: Sadeel wird leben. Und als ich am nächsten Morgen aufwache und wie immer zuerst die Nachrichten überprüfe, da bin ich besorgt um Nablus, um Huwwara, aber nicht um Sadeel. Und dann steht da: “15-year-old Sadeel Ghassan Naghnghiyeh Turkman has ascended to martyrdom after she succumbed to her wounds from the IOF invasion of Jenin two days ago [IOF: Israeli Occupation Forces, Anm. d. R.]”. Die wacklige Hoffnungsinsel, die wir uns gestern gebaut haben, trägt mich noch die Treppen runter bis in den Hof, vielleicht ist die Meldung ja falsch, so etwas passiert. Aber im Pavillon sitzen dieselben Frauen, mit denen ich gestern zu Abend gegessen, geredet und gescherzt habe, die diesen Hof mit Farben und Lachen und Leben gefüllt haben. Die Frauen, die aus den Bruchstücken der Verzweiflung gestern noch Hoffnung zusammengesetzt haben. Sie tragen schwarz. Keine sagt ein Wort.

Jana kommt zu uns, sie reibt sich noch den Schlaf aus den Augen. Die vorlaute, freche Jana. Vorwurfsvoll fragt sie „Warum ist niemand oben? Und überhaupt was ist los, warum schaut ihr so?“ Niemand bringt übers Herz ihr zu sagen, was passiert ist. Jana ist Sadeels Cousine, aber sie war ihr so nah wie eine Schwester. „Sadeel geht es nicht so gut, sie ist sehr erschöpft“, sagt schließlich eine der Frauen. Jana schaut in die verweinten Gesichter der Frauen. Und in ihrem Blick sehe ich, wie etwas in ihr zerbricht. „Nein, nein, nein …. Wenn ihr so da sitzt, dann ist sie nicht erschöpft. Dann ist sie tot!“ Und da nimmt sie eine der Frauen in den Arm und hält Jana ganz fest, immer wieder streicht sie ihr übers Haar, Jana, Jana, habibti Jana“, als könnte sie wieder zusammensetzten, was da in dem Kind auseinandergebrochen ist. „Weine nicht Jana, weine nicht, Sadeel geht es jetzt gut“. Jana schreit die Wort heraus: „Doch, ich weine! Ich weine! Sie war meine Schwester, meine Schwester Sadeel!“

Immer mehr Frauen kommen. Junge Mädchen. Freundinnen und Cousinen von Sadeel. Ihre Klassenkameradinnen. Sie sind noch so jung. 15 Jahre alt ist sie geworden, sie ging in die achte Klasse. Und sie hatte schon ihr Testament geschrieben. Wie so viele Mädchen hier. Weil niemand weiß, wen es als nächstes trifft. Wenn sie getroffen wird, dann will sie nicht in die Kühlräume gebracht werden, hat Sadeel geschrieben. Als hätte sie Angst gehabt zu frieren. Dina, eine ihrer Schulfreundinnen versucht zu erklären was passiert ist: „Wir haben doch versucht ihr zu helfen. Wir wollten sie gesund machen. Aber wir konnten es nicht.“ Sie werden ihre Schuluniformen anhaben, als sie ihre Freundin später zu Grabe tragen. Das Weinen, das Wimmern, die Schreie. Mütter versuchen ihre Töchter zu trösten. Schwestern halten sich gegenseitig fest. Raneen versucht ein Video aufzunehmen und in Worte zu fassen, wer Sadeel war, sie muss immer wieder abbrechen.

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„Sadeel, Sadeel, wie konntest du uns verlassen?“, bricht es aus einer ihrer Cousinen heraus. Eine Sanitäterin, die eigentlich als seelischer Beistand da ist, bricht weinend zusammen. „Warum Sadeel, warum sie? Ich schwöre bei Gott sie hat nichts getan“. Eine ihrer Cousinen, die gestern noch ihre Hand gehalten hat, wimmert: „Wie kann sie tot sein, ich habe sie doch gestern gesehen, und es ging ihr gut. Sie hatte doch nichts, es ging ihr doch gut“. Unsere Rettungsinsel. Sie hat nicht gehalten.

Aber als einige Stunden später der Totenzug ankommt, da weint Jana nicht mehr. Sie tröstet selbst Frauen. „Nein, ich bin nicht traurig. Ich freue mich aus ganzem Herzen. Jetzt sieht sie endlich meinen Onkel Osama wieder und Onkel Ahmad, Oma und Opa“. Und als sich die Frauen um Sadeels toten Körper drängen, um sich von ihr zu verabschieden, da beginnt die Sanitäterin, die vorhin zusammen gebrochen ist, die Zaghruta. Das laute Freudenträllern, wie es bei Hochzeiten üblich ist. Viele der Frauen stimmen ein. Es ist ein Moment, in dem wir uns aufrichten. Die Tränen noch in den Augen heben die Frauen die Köpfe. Stolz. Voller Liebe. Lebendig. Sadeel war hier. Sie hat gelebt. Ihr werdet sie uns nie nehmen können.

Teil 1 der Serie

https://occupied-news.medium.com/der-tag-danach-ein-vor-ort-bericht-aus-jenin-98b4283223d5

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