Zelte in einem der Camps bei Rafah, Dezember 2023.
Die Zelte von palästinensischen Geflüchteten sind bei Rafah eng gedrängt. Jetzt werden die Menschen auch aus diesen temporären Heimatstätten wieder vertrieben - ohne einen Ort zu haben, an den sie gehen können. Bild: Mohammed Zaanoun

Rafah: Es gibt keinen Ausweg

„Es gibt keinen Ausweg. Rafah ist die südlichste Stadt in Gaza und es gibt keinen Ausweg“, schreibt der palästinensische Autor und Redakteur Nicki Attoura auf Instagram. Und weiter: „Ägypten hat seine Grenze geschlossen und es gibt keinen Ausweg. Keine Hilfe kann hereinkommen, kein*e Palästinenser*in kann fliehen. Es gibt keinen Ausweg. Israel verlangt von den Palästinenser*innen nicht, zu evakuieren, denn sie wissen: Es gibt keinen Ausweg. Wenn sie Flugblätter über Rafah fallen lassen, dann sagen sie eigentlich: ‚Wir werden Euch töten, denn wir wissen, dass es keinen Ausweg gibt.‘ Wir können immer wieder wiederholen, dass es nicht mehr schlimmer werden kann – doch es kann schlimmer werden und es wird immer noch schlimmer. Das ist die Endlösung, denn es gibt keinen Ausweg. Mein Gott, es gibt keinen Ausweg.“

Nachdem Israel das Waffenstillstandsabkommen, dem die Hamas zugestimmt hatten, abgelehnt hat, begann die lange angedrohte Offensive auf Rafah, der südlichsten Stadt in Gaza. Die Besatzungstruppen hatten den Palästinenser*innen auf der Flucht immer wieder vermittelt, dass Rafah ein sicherer Ort bleiben würde. Nun kontrollieren die israelischen Besatzungstruppen auch den Rafah-Grenzübergang zu Ägypten und verhindern so, dass überhaupt noch Hilfsgüter in Gaza ankommen können. Die Palästinenser*innen in Rafah haben keine Möglichkeit, den Gazastreifen zu verlassen oder sich an einen sicheren Ort zu begeben.

Ein Kind trägt Holz in einem der Camps in Rafah. Bild: Mohammed Zaanoun
Ein Kind trägt Feuerholz in einem der Camps bei Rafah. Bild: Mohammed Zaanoun

Wir übersetzen einen Text, den Yusuf Fares heute auf Al-Akhbar veröffentlicht hat:

Die Vertreibung wird im Süden fortgeführt: „Wohin sollen wir gehen?“

Stunden, nachdem die Hamas angekündigt hatte, das ägyptisch-katarische Waffenstillstandsabkommen zu akzeptieren, begann die Besatzungsarmee mit einem Einmarsch in die östlichen Stadtteile von Rafah, deren Bewohner*innen sie vorgestern aufgefordert hatte, das Gebiet Mawasi westlich der Stadt zu verlassen. Unter dem Getöse von Kampfflugzeugen und schwerem Artilleriebeschuss verließen Zehntausende von Bürgern ihre Häuser, und die Vertriebenen in diesen Gebieten brachen ihre Zelte ab und verließen die Stadt, die sie sieben Kriegsmonate lang umarmt hatte, ohne zu wissen, wohin.

Für Abu Mohammed al-Attar, der sein Haus verließ, nachdem die Besatzungstruppen sein Viertel angegriffen und Dutzende seiner Nachbarn verwundet hatten, war es am schwierigsten, sein Zuhause zu verlassen. „Als Bürger haben wir seit Beginn des Krieges nicht daran gedacht, uns einen anderen Ort zu suchen“, sagte er gegenüber Al-Akhbar. Wir dachten, dass der internationale Druck und die Tatsache, dass Rafah mit mehr als anderthalb Millionen Menschen überfüllt ist, eine Offensive verhindern würde, aber wir wurden von der Anordnung überrascht, Dutzende von Plätzen zu evakuieren. Dann begannen die schweren Luftangriffe und Schießereien. Wir fanden uns auf der Straße wieder und hatten keine andere Wahl.

In den Straßen von Rafah wiederholten sich die grausamen Szenen, die sich bereits Dutzende Male im nördlichen und zentralen Gazastreifen und dann in Khan Younis abgespielt hatten: Tausende von Palästinensern luden so viele Decken wie möglich in Autos und Buggys, und alle fragten: „Wohin gehen wir?“ Die meisten derjenigen, die Rafah in diesen Tagen verlassen, wurden schon mehrmals vertrieben, bevor sie sich in diesem Gebiet niederließen, das sie für sicher hielten. Ahmed Saleha, ein Vertriebener aus dem Lager Jabalia, erzählte Al-Akhbar, dass er und seine 13-köpfige Familie aus dem Viertel al-Sakka östlich des Lagers Jabalia in das Stadtviertel Beit Lahia, dann nach Sheikh Radwan, dann nach Old Gaza und schließlich zurück nach Jabalia al-Balad vertrieben wurden. Als sich der Artilleriebeschuss verstärkte, beschloss er, nach Süden zu ziehen. „Als wir vor fünf Monaten in Rafah ankamen, konnten wir keinen Platz finden, um ein Zelt aufzustellen, außer in den östlichen Gebieten, weit weg vom Stadtzentrum. Wir sitzen buchstäblich auf der Straße.“

Palästinenser*innen versuchen, einen verwundeten Journalisten aus einem Auto zu befreien.
Obwohl Rafah als sichere Zone deklariert war, griffen die israelischen Besatzungstruppen die Stadt auch in den vergangenen Monaten schon an. Hier versuchen Palästinenser*innen nach einem Angriff im Januar einen verwundeten Journalisten aus einem Auto zu befreien. Bild: Mohammed Zaanoun

In Mawasi Khan Younis, das mit mehr als 800.000 Palästinensern überfüllt ist, kommen täglich Tausende von Vertriebenen an und suchen nach einem Zelt oder einem Platz, um ein Nylonzelt und die mitgebrachten Decken aufzuschlagen, bevor sie enttäuscht zurückkehren. In einem Gebiet, in dem die Zelte so dicht gedrängt stehen, wie das Auge reicht, sind einige Familien gezwungen, hohe Summen zu zahlen, um 25 Meter Land zu bekommen, auf dem sie leben können, aber ohne jeden Erfolg. Ahmed al-Dabaa sagte zu Al-Akhbar: „Ich wurde aus dem Viertel al-Tawam im Nordwesten des Gazastreifens nach Khirbet al-Adas, östlich von Rafah, vertrieben. Wir leben seit sieben Monaten an diesem Ort. Ich habe nie daran gedacht, ein Zelt oder einen alternativen Ort zu suchen, wir waren optimistisch, von dem Ort, der uns beherbergt, in das Haus oder die Überreste des Hauses im nördlichen Gazastreifen zurückzukehren (…) Vor zwei Tagen suchten wir in allen Gebieten im westlichen Rafah, im westlichen Khan Younis und im Stadtzentrum nach einem Ort, an dem wir ein Zelt für 20 Personen, unsere Familie und die Familien unserer Töchter und Söhne, aufstellen konnten, und wir konnten keinen finden. Es gibt nirgendwo einen Platz, wo man seine Füße hinsetzen kann.“

Angesichts der Krise in Rafah waren Tausende von Familien gezwungen, in die zerstörte Stadt Khan Younis zurückzukehren. Die Bewohner dort haben damit begonnen, ihre zerstörten Häuser zu reinigen und jeden freien Platz zum Wohnen zu nutzen, und andere haben ihre zerbombten Häuser von Schutt befreit und ein Zelt auf den Trümmern errichtet. Mustafa Hijazi sagte: „Wir sind in das Lager von Khan Younis zurückgekehrt, weil wir nirgendwo anders hinkommen. Es stimmt, dass es hier keine Infrastruktur gibt, keinen Platz zum Leben, kein Wasser oder Strom, aber wir haben keine andere Wahl“, sagt Mustafa Hijazi.

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