Pogromartige Szenen in der Jerusalem Altstadt

Pogromartige Szenen in der Jerusalem Altstadt

(Bild: Jonathan Zindel)

Tausende radikale Siedler sind am Mittwoch anlässlich des „Jerusalem-Tages“ durch die Altstadt von Jerusalem gezogen. Sie riefen Hassparolen und griffen Journalisten an.

Der „Flaggenmarsch“ der radikalen Siedler ist seit Jahren ein Höhepunkt des antipalästinensischen Rassismus in der palästinensischen Hauptstadt. Der Jahrestag der Besetzung Ostjerusalems 1967 wird oft mit Gewalt und Einschüchterung der lokalen Bevölkerung begangen. Tausende meist jugendliche Siedler ziehen durch die Straßen der Jerusalemer Altstadt, in der an diesem Tag die meisten palästinensischen Geschäfte aus Angst geschlossen bleiben. Der Tag ist auch eine Gelegenheit für die Siedlerbewegungen, die sich für den „Wiederaufbau“ des jüdischen Tempels auf dem Tempelberg einsetzen, für ihre antimuslimische Politik zu werben. Mehrere Minister der israelischen Regierung nehmen regelmäßig an dem Marsch teil.

Übergriffe auf Palästinenser und Journalisten

„Haaretz“ berichtet, dass schon Stunden vor dem Marsch Gruppen von Jugendlichen im muslimischen Viertel der Altstadt randalierten. Sie bedrohten und griffen palästinensische Passanten an. Da sich die meisten palästinensischen Bewohner aus Angst in ihren Häusern versteckten, griffen die Siedler stattdessen Journalisten an. Palästinensische Journalisten wurden von Dutzenden Jugendlichen angegriffen, sogar jüdische Journalisten wie der „Haaretz“-Journalist Nir Hasson, der am Boden liegend getreten wurde. Hasson berichtete, dass die Jugendlichen in Gruppen marschierten, die nach religiösen Institutionen eingeteilt waren, denen sie angehörten. Sie trugen weiße T-Shirts, oft mit Slogans, die sich auf die faschistische Kahana-Bewegung bezogen. Sie schlugen auf der Suche nach Opfern gegen die verschlossenen Türen der örtlichen Geschäfte.

Finanzminister Smotrich tanzt mit

Auch Finanzminister Bezalel Smotrich nahm an dem Marsch teil und tanzte fröhlich mit den Jugendlichen zu national-religiösen Liedern wie „Nimm Rache für eines meiner zwei Augen“, das zu Rache und Vergeltung gegen alle Palästinenser aufruft und seit der sogenannten „Hochzeit des Hasses“ 2015 bekannt ist, als Siedler während einer Hochzeitsfeier eine Puppe erstach, die das Kind Ali Dawabsheh symbolisierte, das bei einem Brandanschlag im palästinensischen Dorf Douma ermordet wurde. Auch Verkehrsministerin Miri Regev nahm an dem Marsch teil, aber der größte politische Star war zweifellos der Minister für Innere Sicherheit, Itamar Ben Gvir. Als er den Marsch anführte, riefen die Jugendlichen „Hier kommt unser nächster Regierungschef“.

Ben-Gvir kündigt das Ende des „Status quo“ an

„Ich bin hier, um der Hamas eine Botschaft zu überbringen“, sagte Ben-Gvir: „Jerusalem gehört uns. Das Damaskustor ist unser. Der Tempelberg ist unser.“ Und er kündigte eine neue Richtlinie für die Polizei an: „Heute dürfen Juden auf meine Anweisung hin frei in die Altstadt gehen und frei auf dem Tempelberg beten. Wir sagen einfach – das gehört uns“. Diese Aussage steht in konkretem Widerspruch zum sogenannten „Status quo“ auf dem Tempelberg, der seit dem 19. Jahrhundert durch mehrere Abkommen die muslimische Kontrolle über die heilige Stätte der Muslime in Jerusalem garantiert. Auch wenn Netanjahu Ben-Gvirs Aussage später schnell widersprach, ist sie eine klare Kampfansage an die muslimische Religion im Allgemeinen.

Deutsche Zionisten bleiben auch verblüfft

Selbst der deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, der in der Regel es vermeidet, den Zionismus zu kritisieren, zeigte sich auf Twitter unzufrieden: auf einem englischsprachigen Post teilte er ein Foto eines Angriffs auf einen palästinensischen Journalisten und bezichtigte den Jugendlichen „blinder Hass“. Seibert betonte, solche Szenen “zeugen nicht von der tiefen spirituellen Verbundenheit mit der Stadt, die die Juden seit Tausenden von Jahren spüren.“ – fast als ob der deutsche Botschafter den Unterschied zwischen einer Religion und einer siedlerkolonialen Ideologie endlich gelernt hat.

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