Pogrom- statt Weihnachtsstimmung — Weekly summary, 19.12.2021

3 Palästinenser, darunter ein erst 15-jähriger, kamen in den vergangen Tagen ums Leben. Ein Angriff noch unbekannter, vermutlich palästinensischer Gruppen auf 3 Siedler, bei denen einer ums Leben kam, führt aktuell zu Gewaltexzessen von Siedlern gegen Palästinenser:innen, Menschenrechtsaktivisten sprechen von Pogromen: u.a. brannten Siedler 20 Häuser nieder, mehrere Palästinenser:innen wurden schwer verletzt, Minarette riefen um Hilfe. Eine diese Woche von visualizing palestine veröffentlichte Infografik zeigt, welche Kindheit man als 14-jähriger in Gaza hinter sich & vor allem überlebt hat. Das & mehr, was in der Woche vom 02. — 19.12.2021 im historischen Palästina passierte:

Westjordanland

Getötet: Am 16.12. wurden 1 israelischer Siedler (25) getötet & 2 weitere verletzt, als ihr Auto im besetzen Westjordanland angeschossen wurde. Es wird vermutet, dass es sich um einen Angriff durch Palästinenser:innen handelt. Niemand hat sich bisher zum Angriff bekannt. Die 3 Siedler sind Teil einer religiösen Gruppe, die einen israelischen Außenposten (also eine selbst unter israelischem Gesetz illegale Siedlung) seit 2005 als “Religionsschule” zu beleben versucht. Seit dem Angriff ist die Besatzungsarmee in mehrere Ortschaften des besetzten Westjordanlandes gewaltsam eingedrungen, v.a. Burqa, das Dorf, auf dessen zwangsenteigneten Feldern der Außenposten gebaut wurde. Seit gestern häufen sich stark gewaltsame Siedlerangriffe gegen Palästinenser:innen im Westjordanland. Zahlreiche Videos, Bilder & Berichte zeigen, wie sie palästinensische Zivilisten & Privateigentum attackieren.

Der Palästinenser Jamil Kayyal (31) wurde am 13.12. von einmarschierenden israelischen Soldat:innen in seinem Heimatort nahe Nablus erschossen. 3 weitere Palästinenser wurden bei dieser Razzia verwundet, 2 von ihnen wurden Berichten zufolge von einem israelischen Militärwagen angefahren. Die anschließende Beerdigung von Kayyal, auf der viele Anwesenden ihren Unmut über die Besatzung & deren Gewalt zum Ausdruck brachten, wurde von Sicherheitskräften der Palästinensischen Autonomiebehörde angriffen. Dies kommt in letzter Zeit häufiger vor.

Jamil Abu Ayyash (32).

Ebenfalls in der Nähe von Nablus wurde 10.12. der Palästinenser Jamil Abu Ayyash (32) im besetzten Beita von Besatzungssoldat:innen ermordet, als er an einer Demonstration gegen die illegale israelische Siedlung auf den Feldern seines Dorfes teilnahm. Er ist der 9. aus Beita, der bei Protesten gegen diese illegale Siedlung getötet wurde, 2 davon waren Kinder.

Der erst 15-jährige Mohammad Younes wurde gestern Abend von israelischen Besatzungstruppen erschossen, als er am Militärcheckpoint Jubara südlich der besetzten Stadt Tulkaram im Westjordanland mit einem gestohlenen Auto in eine Gruppe von Soldat:innen fuhr. Das israelische Militär behauptet, er habe vorgehabt, eine Reihe von Soldat:innen am Checkpoint zu überfahren. Andere berichten von einem Unfall des Teenagers. Ein Soldat wurde schwer verwundet. Der Junge erlag kurze Zeit später im Krankenhaus seinen mehrfachen Schussverletzungen. Israelische Besatzungstruppen stürmten anschließend das Haus der Eltern im Dorf Kafr Qallil nahe Nablus (Westjordanland). Nachdem die Eltern gerade ihr Kind verloren hatten, verwüsteten Soldat:innen ohne Vorankündigung das Haus, schrien & bedrohten die Eltern & zerstörten die Möbel.

Mohammed Younes (15)

Die Straßen im gesamten Westjordanland sind mit hunderten temporären & permanenten Militärcheckpoints der Besatzung versehen. Jede Woche kommen neue hinzu. Sie schränken die Bewegungsfreiheit von Palästinenser:innen massiv ein, sie zu umgehen ist unmöglich. Nur Israelis sind diesen nicht ausgesetzt, da sie eigene Straßen im besetzten Westjordanland haben, die ausschließlich Israelis nutzen dürfen & an denen sie nicht kontrolliert werden. Immer wieder werden Palästinenser:innen an diesen Checkpoints willkürlich verhaftet oder kommen durch den Einsatz von Schusswaffen ums Leben. Regelmäßig berichten wir hier über Ereignisse an & die Schaffung von neuen Checkpoints. Seit dem 02.12. sind 69 neue temporäre Checkpoints hinzugekommen.

Alltag: Zwischen dem 02. & 15.12.2021 fiel die israelische Besatzungsarmee 224 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat:innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Auch die Birzeit Universität bei Ramallah wurde von der israelischen Armee gestürmt & angestelltes Campuspersonal dabei verletzt. Während der Übergriffe in dieser Woche wurden 201 Palästinenser:innen willkürlich verhaftet, darunter 8 Kinder & 4 Frauen.

Heute: Die israelischen Besatzungstruppen haben das palästinensische Kind Saber Jaradat aus der Stadt Sa’ir im Süden des besetzten Westjordanlandes freigelassen. Die israelische Armee verwundete Saber mit gummiummantelten Metallkugeln, bevor sie ihn festnahmen & später wieder entließen. Besetztes Sair, 19.12.2021

Viele dieser Übergriffe der Besatzer stießen auf Widerstand der Bevölkerung, meist nur durch Steine & Feuerwerkskörper der Bewohner:innen, die gegen Armeefahrzeuge geworfen werden, in einigen Fällen auch Molotow-Cocktails. Jede Form von Protest gegen die völkerrechtswidrige Besatzung, Landraub & Vertreibung wurde von der Besatzung mit massiver Gewalt beantwortet, es kam zu zahlreichen Verletzten, darunter auch Kinder. Unter anderem wurden ein Journalist, der eindeutig als Pressemann erkennbar war, verletzt, sowie ein Kind, dem Soldat:innen ein Gummigeschoss ins Auge schossen.

Siedlergewalt: Israelische Siedler im Westjordanland zerstörten & entwurzelten in den letzten Tagen 600 Olivenbäume, eine wirtschaftliche Katastrophe für palästinensische Olivenbauern:bäuerinen. Nach dem Anschlag auf 3 Siedler in dieser Woche haben sich die Angriffe gegen Palästinenser:innen massiv verstärkt. In zahlreichen Orten kam es zu Übergriffen: Palästinenser:innen wurden schwer verletzt, ihr Eigentum beschädigt. Besonders in der Ortschaft Burqa, auf deren zwangsenteigneten Feldern die illegale Siedlung steht, aus der die 3 Siedler stammen, wütete ein Mob israelischer Siedler.

Israelische Siedler griffen das Haus des Palästinensers Wael Muqbel im besetzten Dorf Qaryout im Westjordanland an, verletzten ihn & beschädigten sein Haus sowie sein Auto. Dies geschah nach dem Anschlag auf 3 Siedler im Westjordanland.

Von den Minaretten der Moscheen im Dorf Burqa wurden Palästinenser:innen am 18.12. um Hilfe gebeten, nachdem bewaffnete israelische Gruppen begonnen hatten, Angriffe gegen die Einwohner:innen zu verüben. Am Tag zuvor griffen Gruppen bewaffneter Israelis die Dörfer Burqa & Qaryoutin nahe Nablus an & versuchten, einen älteren Mann namens Wael Miqbel & seine Frau zu töten. Außerdem brannten sie 20 Häuser nieder. Bei vielen dieser Übergriffe erhielten die Siedler Rückendeckung & Schutz durch die Besatzungsarmee.

https://twitter.com/i/status/1472221540104261636

Systematische Vertreibung der Palästinenser:innen: Im gesamten Westjordanland wurden diese Woche wieder palästinensisches Wohneigentum sowie wirtschaftliche Einrichtungen gezielt durch die Besatzung zerstört. So wurden u.a in Hebron 2 Schafställe & 4 Wohnräume sowie in Yatta ein Bewässerungssystem & eine Wohnung zerstört. Ebenfalls in Hebron (Al Khalil) sprach die Besatzung ein Verbot für Palästinenser:innen aus, ihr Land zu pflügen, außerdem wurden Traktoren beschlagnahmt. In Bethlehem wurden 3 Gewächshäuser abgerissen, eine Scheune soll folgen. All dies ist eine wirtschaftliche Katastrophe für lokale palästinensische Farmer:innen.

In Jerusalem zerstörte die israelische Armee 8 palästinensische Wohnhäuser sowie die im Bau befindlichen Fundamente eines 9. Hauses. Ein 10. Wohnhaus erhielt einen Räumungs- & Abrissbescheid. 2 weitere Häuser wurden in Jerusalem auf Anweisung der Besatzung von den palästinensischen Eigentümer:innen selbst abgerissen. Da die Besatzung den illegitimen Abriss den Betroffenen zusätzlich zu Strafgebühren auch noch in Rechnung stellt, bleibt vielen nichts anderes übrig, als ihr selbst gebautes Wohnhaus selber abzureißen, um den vollkommenen finanziellen Ruin abzuwenden. Zusätzlich beschlagnahmte die Besatzung völkerrechtswidrig 4.700m² Land im Ostjerusalemer Viertel Sheikh Jarrah.

Als Vorwand für den Abriss von palästinensischem Eigentum werden meist Sicherheitsbedenken oder fehlende Baugenehmigungen herangezogen. Diese verweigert die Besatzung Palästinenser:innen in nahezu allen Fällen, außerdem investiert die Besatzung nicht in die arabische Infrastruktur. Gleichzeitig errichtet sie illegale Siedlungen für ausschließlich jüdische Israelis, während zahlreiche palästinensische Wohnhäuser, Farmen & Geschäfte zerstört & die Menschen so nicht nur entschädigungslos obdachlos gemacht, sondern auch ihrer wirtschaftlichen Lebensgrundlage beraubt werden.

Freiluft Gefängnis Gaza

Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird.

https://www.visualizingpalestine.org/visuals/four-wars-old

Trotz im Mai 2021 verkündeter Waffenruhe: Die wöchentliche Angriffe auf Gazas Fischer blieben auch diese Woche nicht aus. 7 Mal eröffneten Kanonenboote der israelischen Marine schweres Feuer auf Gazas Fischer. Die Fischer mussten zurück an die Küste fliehen & konnten folglich ihrer Arbeit nicht nachgehen. 2 Fischer wurden zudem von der Armee willkürlich verhaftet & ihr Fischkutter beschlagnahmt. Es handelt sich um eine jahrelange Praxis Israels, durch die die Fischindustrie im durch die Blockade verarmten Gazastreifen weitgehend zusammengebrochen ist. 1 Mal marschierte zu dem die israelische Armee ein Stück weit in den Gazastreifen ein. 12 Mal feuerte die israelische Armee auf Ackerfelder im Gazastreifen & schüchterte so deren Farmer ein.

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