Überlebende der israelischen Belagerung von Beirut sehen, dass sich die Geschichte in Gaza wiederholt

Überlebende der israelischen Belagerung von Beirut sehen, dass sich die Geschichte in Gaza wiederholt

(Bild: Rina Castelnuovo/AP Photo, via Al Jazeera)

Einwohner von Beirut sehen Parallelen zwischen der israelischen Taktik vor 42 Jahren und der heutigen Kampagne gegen die palästinensische Enklave.

Dieser Artikel von Justin Salhani erschien am 02.01.2024 unter dem Titel „Survivors of Israel’s siege of Beirut see history repeating itself in Gaza“ bei Al Jazeera. Hier veröffentlichen wir unsere deutsche Übersetzung.

Wenn Dichter und Schriftsteller in Sleiman Bakhtis Buchhandlung und Verlag im Beiruter Stadtteil Hamra ein- und ausgehen, begrüßt er jeden wie einen alten Freund und überreicht ihnen oft die neueste Buchveröffentlichung. Er ist seit Jahrzehnten ein „Hamrawi“ – er hat die Höhen und Tiefen von Hamra miterlebt, auch die dunklen Tage des Bürgerkriegs, die trotz ihrer Härte die Menschen zusammengeführt haben.

„Es gab Widerstandskraft, Solidarität und Hoffnung auf Freiheit gegen den Feind, der Beirut zerstören wollte“, sagt Bakhti, der jetzt 60 Jahre alt ist, gegenüber Al Jazeera in seinem Geschäft. Diese Atmosphäre des „Lichts und der Hoffnung“, so Bakhti, steht in krassem Gegensatz zu dem andauernden Gemetzel im Gazastreifen heute, wo die wenigen verbliebenen Journalist:innen vor Ort der Welt jeden Tag neue Schrecken mitteilen.

Die Blütezeit von Hamra

Hamra galt lange Zeit als kulturelles und intellektuelles Zentrum des Nahen Ostens und beherbergte in den Jahren vor dem libanesischen Bürgerkrieg alles, von Kinos über Verlage bis hin zu Cafés voller politischer Dissident:innen oder Exilant:innen aus der ganzen Region.

Unter den Exilant:innen waren viele Palästinenser:innen, darunter Jassir Arafat, der Führer der Palästinensischen Befreiungsorganisation, und der berühmte palästinensische Schriftsteller und Revolutionär Ghassan Kanafani. Sie waren zusammen mit dem Rest der palästinensischen politischen Führung in den Libanon gekommen, nachdem sie nach dem Bürgerkrieg 1970 aus Jordanien vertrieben worden waren.

Nach dem Krieg von 1967, in dem Israel weitere Teile Palästinas besetzte, wurden Hunderttausende von Palästinenser:innen in einer zweiten Vertreibungswelle nach der Nakba von 1948 gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben. Viele landeten in den Nachbarländern, darunter auch in Jordanien, von wo aus Widerstandskämpfer Angriffe auf Israel verübten, was zu Vergeltungsmaßnahmen führte, die schließlich zur Ausweisung durch Jordanien führten.

Zu diesem Zeitpunkt hatten Arafat und das Palästinensische Kommando für den bewaffneten Kampf bereits das Kairoer Abkommen mit dem Libanon unterzeichnet, das im Wesentlichen die Anwesenheit palästinensischer Kämpfer:innen erlaubte und den Palästinenser:innen die Kontrolle über die 16 palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon zusicherte.

Israel nutzte die Präsenz des palästinensischen Widerstands als Rechtfertigung für den Einmarsch in den Südlibanon und die Belagerung von Westbeirut im Jahr 1982. Die Belagerung und die Aggression Israels und seiner einheimischen Verbündeten, der libanesischen Streitkräfte, leben für die Westbeiruter weiter, denen es schwer fällt, das zu vergessen, was der damalige US-Präsident Ronald Reagan in einem Telefonat mit dem damaligen israelischen Premierminister Menachem Begin als „Holocaust“ bezeichnet haben soll.

Parallelen

Viele Westbeiruter sehen Parallelen zwischen der Gewalt von vor 42 Jahren und dem, was weithin als anhaltender Völkermord in Gaza gesehen wird. „Der einzige Unterschied ist, dass jetzt so viele Menschen sterben“, sagte Ziad Kaj, ein Schriftsteller und ehemaliges Mitglied der Zivilschutzeinheit der Stadt.

Seit dem 7. Oktober sind mehr als 21.000 Palästinenser getötet worden, etwa die Hälfte davon Kinder. Bei der Belagerung von Westbeirut sind schätzungsweise 5.500 Menschen in Beirut und den umliegenden Vororten ums Leben gekommen, wobei das Personal eines Krankenhauses angab, dass bis zu 80 Prozent der Opfer Zivilisten waren. „Ich bin nicht überrascht [über die jetzige israelische Taktik]“, sagte Kaj.

1982 errichteten die Israelis und die libanesischen Streitkräfte Checkpoints rund um Westbeirut und unterbrachen die Stromversorgung. Die Kommunikation mit der Außenwelt war selten, da die Telefonleitungen unterbrochen waren. Israelische Beamte riefen die Zivilbevölkerung auf, Westbeirut zu verlassen, und beschuldigten Arafat und die PLO, sich „hinter einem zivilen Schutzschild“ zu verstecken.

Medizinische Versorgung, Lebensmittel und andere lebensnotwendige Güter waren trotz gelegentlicher Schmuggelversuche stark eingeschränkt und rar. „Westbeirut war umzingelt. Es gab kein Brot, kein Wasser und kein Gas, und wir wurden fast täglich vom Land, aus der Luft und vom Meer aus bombardiert.“, so Kaj. „Morgens suchten wir nach Brot, und oft fanden wir es nicht“, berichtet Abou Tareq, ein 70-jähriger Bewohner von Hamra, gegenüber Al Jazeera. „Gemüse und Fleisch gab es überhaupt nicht.“

Die Geschichte wiederholt sich heute im Gazastreifen, wo israelische Beamte die Hamas häufig beschuldigen, „menschliche Schutzschilde“ einzusetzen, und 40 Prozent der Bevölkerung von einer Hungersnot bedroht sind.

In Beirut mussten die Bewohner:innen aufgrund der Wasserknappheit auf süße kohlensäurehaltige Getränke oder unsauberes Brunnenwasser zurückgreifen, das Magenbeschwerden verursachte. Auch in Gaza waren die Menschen gezwungen, nicht trinkbares Salzwasser zu trinken.

Und ähnlich wie in Gaza gab es auch in Beirut so viele Verletzte, dass die Ärzte nicht immer Zeit hatten, Narkosen zu verabreichen.Typhus und Cholera verbreiteten sich wie ein Lauffeuer unter den Kindern Beiruts, nachdem die fehlende Müllabfuhr zu einer Zunahme von Rattenbissen geführt hatte. Stress war allgegenwärtig, und in Berichten hieß es, die Bombardierung habe „extreme psychosomatische Auswirkungen“ gehabt.

Im Gazastreifen kam es zu einer Zunahme von Meningitis, Windpocken, Gelbsucht und Infektionen der oberen Atemwege, da das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist.

Schreie in den Himmel von Beirut

„Manchmal dauerten die Bombardierungen 24 Stunden am Stück“, so Bakhti über das Jahr 1982.

Der berühmte palästinensische Dichter Mahmoud Darwish wohnte damals im Dabbouch-Gebäude, erzählt Bakhti gegenüber Al Jazeera und zeigte die Straße hinunter. „Eines Tages kam er auf seinen Balkon und begann, die israelischen Kampfflugzeuge anzuschreien“

Die US-Wissenschaftlerin Cheryl A. Rubenberg beschreibt in ihrem Buch Palestine Studies Bombenangriffe, die um 4:30 Uhr morgens begannen und bis in den Abend andauerten.Nach einer Woche, so schrieb sie 1982, litt sie unter „Magersucht, Übelkeit, Durchfall, Schlaflosigkeit, der Unfähigkeit, einen zusammenhängenden Absatz zu lesen oder zu schreiben, anhaltenden Gebärmutterblutungen und einem ständigen Gefühl der Nervosität und Anspannung“.

Israel bombardiert den Gazastreifen seit fast drei Monaten ohne Unterbrechung, lediglich Ende November gab es eine einwöchige humanitäre Feuerpause.

Viele Bewohner:innen von Westbeirut flohen aus der Stadt in Häuser in den Bergen oder in Ostbeirut, doch einige blieben zurück, um zu arbeiten oder zu versuchen, Hausbesetzer von ihrem Eigentum fernzuhalten. Bakhti blieb in Westbeirut, um die Häuser seiner Verwandten im Auge zu behalten. „Ich hatte viele Schlüssel und habe nach ihren Häusern gesehen“, sagte er. „Ich sah im Haus meiner Eltern nach, und an den Wänden waren Rückstände von weißem Phosphor zu sehen.

Die Krankenhäuser in Beirut hatten Mühe, die Brandopfer zu versorgen, nachdem Israel Phosphor in Westbeirut eingesetzt hatte, wo 500.000 Menschen lebten, darunter viele Binnenvertriebene aus dem Südlibanon. Internationale Menschenrechtsorganisationen haben dokumentiert, dass Israel seit dem 7. Oktober im Gazastreifen und im Südlibanon unrechtmäßig weißen Phosphor eingesetzt hat, der von den USA geliefert wurde.

„Wir haben die Belagerung [1982] überlebt, aber das [in Gaza] ist Völkermord“, sagt Bakhti. „Das ist schlimmer als der Tod.“

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