Palästinensische Souvenirs zum Verkauf in einem Laden in Neuköllns Sonnenallee, Berlin, Deutschland, Juni 7, 2012. (Sascha Pohflepp/CC BY-NC 2.0)

Wie “Palästina” in deutschen Gymnasien zu einem “verbotenen Wort” wurde

Von Schulbüchern bis hin zu Ausflügen — das deutsche Bildungssystem fördert ein pro-israelisches Narrativ, das jeder palästinensischen Erzählung im Klassenzimmer konträr gegenübersteht.

Dieser Artikel von Hebh Jamal wurde am 05.12. im +972 Magazin unter dem Titel “How Palestine became a ‘forbidden word’ in German high schools” veröffentlicht. Hier findet ihr die deutsche Übersetzung.

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“Das Wort ‘Palästina’ war in meinem Klassenzimmer strengstens verboten”, erinnert sich Daliah Vakili, eine palästinensische Deutsche, in einem Interview mit +972 über ihre Erfahrungen an einem niedersächsischen Gymnasium. “Wann immer ich erwähnte, dass ich Palästinenserin bin, waren meine Lehrer:innen empört und sagten, ich solle mich als Jordanierin bezeichnen”, sage sie. Vakili, die heute 35 Jahre alt ist, wurde auch dafür gerügt, dass sie die schwarz-weiß karierte Kuffiyeh trug, dass einer ihrer Lehrer als “Terroristenschal” bezeichnete.

Vakili ist nicht allein. Mehrere weitere derzeitige und ehemalige palästinensisch-deutsche Schüler:innen haben +972 berichtet, dass sie aufgrund ihrer palästinensischen Identität im Unterricht diskriminiert und zensiert werden und dass sie das Gefühl haben, dass es keine Möglichkeit gibt, der Darstellung Israels in ihrer Schule zu widersprechen.

Mariam, eine Zwölftklässlerin aus Sachsen, erzählte +972, dass sie von einem Lehrer unterbrochen wurde, als sie über ihre palästinensische Herkunft sprach und ihr gesagt wurde, sie sei Israelin. “Das war eine wirklich schmerzhafte Erfahrung für mich. Mein Lehrer unterstellte mir, dass meine Identität gar nicht existiere”, sagt sie.

Mariam wurde wegen ihrer pro-palästinensischen Überzeugungen auch von Gleichaltrigen beschuldigt, antisemitisch zu sein. “Der Diskurs in Deutschland ist extrem pro-israelisch”, erklärt sie. “Jede Kritik an Israel oder seinem politischen System wird als antisemitisch angesehen und angeprangert, sogar von gleichaltrigen Kommiliton:innen, die sich dadurch ermutigt fühlen, mich wegen meiner antizionistischen Ansichten als antisemitisch zu bezeichnen. Ich weiß, dass pro-palästinensisch zu sein nicht bedeutet, dass ich antisemitisch bin”, fügt sie hinzu, “aber ich bin vorsichtig, wenn ich über meine Identität oder meine Erfahrungen als Palästinenserin in diesem Land spreche, weil ich Angst vor Diskriminierung habe”.

“Ich müsste sehr vorsichtig sein und genau überlegen, was ich sagen würde”, sagt Shuruq, die jetzt in Berlin studiert. “Mir wurde von einem Lehrer gesagt, ich solle nicht über Palästina sprechen, weil ich nicht in der Lage sei, neutral zu bleiben. Das ist bei mir hängen geblieben. Ich wünschte, Palästina würde auf eine Weise angesprochen, die die palästinensische Gemeinschaft einfach respektiert, vor allem in einem Land, in dem es so viele Palästinenser:innen gibt.”

Thomas Lang, heute 22, erinnert sich, wie er in seiner Schule in Bayern seinem Lehrer gegenüber die Nakba erwähnte. “Er hat mich einfach des Antisemitismus beschuldigt und gesagt, die Nakba sei eine antisemitische Verschwörungstheorie”, so Lang gegenüber +972. “Jede Diskussion darüber, was bei der Gründung Israels wirklich passiert ist, war sinnlos. Ich musste selbst recherchieren, denn sonst wurde uns nur das allgegenwärtige Narrativ vermittelt, dass Israel ein Außenseiter gegen diese arabischen Länder war, die es vernichten wollten, weil es ein jüdischer Staat war.”

Nach Ansicht derjenigen, die mit +972 sprachen, kann ein Großteil dieser feindseligen Atmosphäre auf die von der deutschen Regierung geleiteten Programme und die offiziellen Schulmaterialien zurückgeführt werden, die ein Pro-Israel-Narrativ im Klassenzimmer fördern und gleichzeitig abweichende Meinungen unterdrücken. Und obwohl das Bildungssystem in Deutschland dem Ermessen und der Autorität der 16 Bundesländer überlassen ist, ist das Bestreben, Israel in einem positiven Licht darzustellen — und gleichzeitig die Diskussion über die Unterdrückung der Palästinenser:innen zum Schweigen zu bringen — ein durchgängiger Faktor in allen Bundesländern. Unterstützt wird dieses Bestreben durch intensive Bemühungen, den Kontakt zwischen israelischen und deutschen Schüler:innen zu fördern, ohne dass ein ähnliches Engagement mit palästinensischen Schüler:innen aufgebaut wird, durch die Entfernung der Diskussion über die Besatzung aus den Klassenzimmern und durch gut finanzierte Projekte zur Ausbildung deutscher Lehrer:innen in Israel.

Ausrichtung der Ministerien

Der Rahmen für die Diskussion über Israel in deutschen Klassenzimmern wird größtenteils von der Kultusministerkonferenz vorgegeben, einem Zusammenschluss der für Bildung und Schule zuständigen Minister:innen aller 16 Bundesländer. Obwohl sie kein gesetzliches Gremium ist, spielt die Konferenz eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der pädagogischen Praxis und ihrer Anwendung in den Schulen des Landes.

Anlässlich des 50. Jahrestags der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel veröffentlichte die Konferenz 2015 ein Kommuniqué mit dem israelischen Botschafter in Deutschland, Yacov Hadas-Handelsman, über die Bildungszusammenarbeit beider Länder. Das Kommuniqué betonte den Wunsch Israels, “die Verbindungen zwischen jungen Deutschen und jungen Israelis weiter zu stärken” und hob die Rolle von Geschichte und Religion bei der “weiteren Vertiefung der bilateralen Beziehungen in den kommenden Jahrzehnten” hervor.

Die Konferenz erarbeitete zu diesem Anlass eine Broschüre, die die vielfältigen Aktivitäten und Leistungen der deutsch-israelischen Bildungskooperation auf Ebene der Ministerien und der Bundesländer aufzeigt. Zu den Aktivitäten gehörten Delegationsreisen deutscher Bildungsminister:innen nach Israel, die Durchführung deutsch-israelischer Berufsbildungssymposien und sogar ein geplanter “Israel-Tag” für Schüler:innen in Berlin.

Im gleichen Zeitraum erstellte die Konferenz auch eine Handreichung zu den deutsch-israelischen Beziehungen für Geschichts- und Sozialkundelehrer:innen und stellte sie auf ihrer Website zur Verfügung, in der sie diese und ihre Schüler:innen auffordert, “die Entwicklung der einzigartigen deutsch-israelischen Beziehungen im Schulunterricht zu behandeln”. Ziel sei es, so die Handreichung weiter, “Annäherung und Freundschaft” zwischen beiden Ländern weiter zu fördern. Obwohl die Handreichung nicht direkt an die Schulen verteilt wurde, empfehlen die Bildungsminister, auf die Website der Konferenz zu verweisen, auf der die Handreichung weiterhin verfügbar ist, um auf allgemeine Unterrichtsmaterialien zuzugreifen.

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Ein Abschnitt der Handreichung mit dem Titel “Erinnerung und Verantwortung” enthält kommentierte Primärquellen für den Unterricht, die das Engagement Deutschlands für den Staat Israel zeigen, z. B. eine Unterstützungsdemonstration in München während des Sechstagekrieges 1967 und die Rede der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Knesset im Jahr 2008, in der sie erklärte, dass die Sicherheit Israels “Teil der Staatsräson meines Landes” sei und daher “niemals verhandelbar sein wird”. Die jahrzehntelange militärische Besatzung des Westjordanlandes, des Gazastreifens, der Golanhöhen und der Sinai-Halbinsel seit 1967 wird im Lehrplan nur mit einer Fußnote erwähnt, in der es heißt, dass sie “Kritik provoziert”.

Die Konferenz hat sich in den letzten Jahren auch für einen stärkeren Austausch zwischen deutschen und israelischen Studierenden eingesetzt, unter anderem durch Fahrten in den Semesterferien. “Das höre ich jedes Jahr nach unserer Israel-Reise: Die Unterschiede zwischen uns sind gar nicht so groß. Wir hören die gleiche Musik, haben die gleichen Interessen und verbringen gerne Zeit mit unseren Freunden”, kommentiert Deutschlehrer Axel Schlüter auf einer offiziellen deutschen Website, die für den Austausch wirbt. Schlüter organisiert das Austauschprogramm seit 2015 für seine Schule und schickt jedes Frühjahr 15 bis 20 Schüler:innen nach Israel und empfängt im Sommer junge Israelis in Deutschland.

Nach Berichten ehemaliger Teilnehmer:innen sprechen die Schüler:innen während des Austauschs “heiß diskutierte Themen” wie “Migration, die israelisch-deutsche Vergangenheit oder Homosexualität” an. Der Austausch befasst sich weder mit der Besatzung noch mit palästinensischen Perspektiven; stattdessen besuchen die Schüler:innen Jerusalem, übernachten in einem Kibbuz und machen einen lustigen Ausflug ans Tote Meer.

Es gibt keine Austauschprogramme für deutsche Schüler:innen, die das besetzte Westjordanland besuchen. Außerdem haben die Lehrer:innen nicht immer ein offenes Ohr für die Sorgen der palästinensisch-deutschen Schüler:innen, was den Inhalt der Israel-Reisen oder das Gefühl, nicht willkommen zu sein, angeht. Die Studentin Shuruq bekam in der Schule ein Flugblatt für einen Besuch in West-Jerusalem ausgehändigt, um “die Situation besser zu verstehen”. Als sie der Lehrerin gegenüber ihre Besorgnis darüber äußerte, wie sie als Palästinenserin aufgenommen werden würde, tat die Lehrerin dies mit einem Achselzucken ab.

Umschreiben von Schulbüchern

In den letzten zehn Jahren haben zionistische Gruppen in Deutschland ihr Augenmerk zunehmend auf Schulbücher gerichtet. Im Jahr 2010 wurde die bilaterale deutsch-israelische Schulbuchkommission (DISBK), die ursprünglich in den späten 1970er Jahren gegründet wurde, mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des israelischen Bildungsministeriums wiederbelebt. Ziel der Kommission war es, “Deutschland und Israel einander näher zu bringen, insbesondere durch ihre jungen Menschen”, und sie sah in der Analyse von Schulbüchern “ein wichtiges Instrument zur Erreichung dieses Ziels”.

Die Kommission untersuchte rund 400 deutsche Geschichts-, Geografie- und Sozialkundebücher auf ihre Darstellung Israels. Die DISBK stellte “Defizite” fest und erklärte, sie werde “entsprechende Änderungen” an Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien vornehmen.

Die Mängel, so das DISBK, seien auf eine “einseitige und verzerrte Darstellung Israels” zurückzuführen; in Wirklichkeit zeigten viele der fraglichen Inhalte lediglich das Wesen der israelischen Besatzung. Das Lehrbuch Geschichte Real 3, das von Cornelsen herausgegeben wurde und 2013 in Gymnasien verwendet wurde, zeigte beispielsweise Bilder von israelischen Soldaten, die Waffen auf Palästinenser:innen richten, Barrikaden errichten und israelische Kontrollpunkte bewachen.

Für DISBK lösten diese Darstellungen Angst aus. “Viele Facetten der israelischen Realität wurden ausgeblendet, insbesondere Aspekte der Zivilgesellschaft”, sagte der wissenschaftliche Koordinator von DISBK, Dirk Sadowski, gegenüber der Deutschen Welle. “Schulbuchautor:innen neigen dazu, Palästinenser:innen als Opfer und Israelis als Täter darzustellen.” Sadowski bezeichnete Bilder von israelischer Militärgewalt als “billige Effekthascherei”, die redigiert werden sollte, denn “Israel kommt meist schlecht weg”.

Das Grundschullehrbuch “LolliPop” (2008), das auch im Cornelsen Verlag erschienen ist und in Berlin im Unterricht der dritten und vierten Klasse eingesetzt wird, zeigt Bilder von israelischen Sicherheitszäunen. Eine Lehrerin, Kirsten Tenhafen, war der Meinung, dass diese Bilder implizieren, dass die Zäune “anderen Zwecken dienen als dem Schutz der israelischen Bevölkerung vor Terroranschlägen”.

Doch selbst eine lehrbuchmäßige Überschrift wie “Israel — Krieg ohne Ende?” hält Sadowski für eine zu “deterministische” Aussage. “Israel darf nicht nur im Kontext des Nahostkonflikts gesehen werden”, sagte Sadowski im selben Interview.

DISBK hat diese antagonistische Sichtweise auf Israel offenbar durch Änderungen an den Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien korrigiert. Von 2016 bis 2018 wurden auf der Grundlage der Arbeit der Kommission und in Abstimmung mit dem Center for Educational Technology in Tel Aviv digitale, interaktive Unterrichtsmodule für Lehrkräfte in beiden Ländern erstellt und angepasst.

Ein trilaterales Seminar von jungen Medienschaffenden aus Israel, Palästina und Deutschland, die an einem Workshop der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) teilnahmen, 22. November 2018. (Jugendpresse Deutschland/Omar Sheikh Dieh/CC BY-NC 2.0)

Workshops und Seminare, die an deutschen Schulen angeboten werden, bieten eine weitere Möglichkeit, Schüler:innenn zionistische und pro-israelische Ansichten zu vermitteln. Die Anthropologin Esra Özyürek, die Antisemitismus-Präventionsprogramme unter arabischen und palästinensischen Jugendlichen in Deutschland untersucht hat, schreibt, dass solche Programme darauf abzielen, den “Mythos” und die “pathologischen Gefühle” der “Selbstviktimisierung” unter diesen Schüler:innen zu brechen. “Experten [die an den Programmen beteiligt sind] suggerieren, dass Palästinenser:innen im Besonderen und Araber:innen im Allgemeinen sich selbst ohne triftigen Grund zum Opfer machen” und stellen insbesondere die Palästinenser:innen als gleichberechtigte Partner ihrer eigenen Enteignung dar, schreibt Özyürek.

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) ist ein Anbieter von Schüler:innenworkshops, die sich mit Israel, dem “Nahostkonflikt” und Antisemitismus befassen — wobei letzterer mit Antizionismus gleichgesetzt wird. Ein typischer KIgA-Workshop, “Beyond Black and White: Timeline about the History and Images of History in the Middle East Conflict until 1949” (Zeitleiste zur Geschichte und den Geschichtsbildern im Nahostkonflikt bis 1949) will die Geschichte diskutieren, die der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 vorausging, um die Behauptung zu widerlegen, dass “Juden und Jüdinnen das Land Palästina von Araber:innen gestohlen haben”.

In der Workshop-Broschüre wird betont, dass “über Jahrhunderte hinweg verschiedene Gebiete in der Region von jüdischen [und] muslimischen Glaubensgruppen besiedelt wurden” und dass “es nie einen palästinensischen Staat gegeben hat, auf den man Anspruch erheben könnte”. Die Übung, so die Broschüre weiter, zielt darauf ab, “die historischen Narrative zu hinterfragen, die verwendet werden, um territoriale Ansprüche zu erheben”, um den Schüler:innen zu vermitteln, dass die palästinensischen Ansprüche auf das Land unrechtmäßig sind, weil es keinen Staat gab. Der Workshop stellt die israelischen oder zionistischen Ansprüche auf das Land nicht in Frage.

In ähnlicher Weise bietet das Mideast Freedom Forum Berlin ein dreitägiges Seminar mit dem Titel “Demokratische Werte und Bekämpfung des Antisemitismus” an, das für deutsche Schulen, Universitäten und Einrichtungen der Erwachsenenbildung angeboten wird. Das Seminar soll “Schüler:innen und Lehrer:innen darüber aufklären, wie Antisemitismus, Islamismus und Israelhass die demokratischen Grundwerte beeinträchtigen und gefährden”.

Im vergangenen September veranstaltete die israelische Botschaft einen Projekttag unter dem Motto “Israel anders kennenlernen” an der Leonore-Goldschmidt-Schule in Hannover, Niedersachsen. Die Veranstaltung, an der Schüler:innen, Lehrer:innen, Landesbeamt:innen und Schulverwaltungen sowie israelische Vertreter:innen teilnahmen, wurde von der niedersächsischen Landesregierung als Gelegenheit begrüßt, “neue Begegnungsstätten zwischen Israel und Deutschland zu schaffen”. Auf dem Programm standen unter anderem Workshops zur israelischen Geschichte und Kultur sowie zur israelischen Kampfkunst Krav Maga, die der Selbstverteidigung dient. Ziel der Workshops sei es, so heißt es in einer Pressemitteilung, “den Blick auf Israel als modernen Staat zu erweitern”.

Rahmenbedingungen für Lehrer:innen

Auch deutschen Lehrer:innen werden zunehmend Fortbildungen und Materialien angeboten, die Israel in einem positiven Licht darstellen. Die Bayerisch-Israelische Bildungskooperation, die bei der Bayerischen Staatsregierung angesiedelt ist, organisiert nicht nur Studienreisen für Schüler:innen nach Israel, sondern unterstützt mit einem Budget von 200.000 Euro jährlich Exkursionen von Lehrkräften, Seminarleitern und Schulleitungen, die nach Israel reisen und sich dort fortbilden.

Einer der Workshops für hessische Lehrkräfte mit dem Titel “Proaktiv gegen Antisemitismus” hilft Lehrer:innen, Formen von Antisemitismus zu erkennen, darunter auch “israelbezogener Antisemitismus”. Das Projekt wird vom Land im Rahmen des Programms “Aktiv für Demokratie und gegen Extremismus” gefördert.

“Antisemitismus gehört zum Alltag in Deutschland”, heißt es in der Projektbeschreibung. “Er findet sich nicht nur an den Rändern des politischen Spektrums und im Islamismus als Teil der dort vorherrschenden mehr oder weniger geschlossenen Weltbilder, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft.”

Die Konferenz hat ihrerseits Lehrkräfte wiederholt dazu aufgerufen, ein pro-israelisches Bild im Klassenzimmer zu festigen. 2016 gab die Konferenz eine gemeinsame Erklärung mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland zur Vermittlung jüdischer Geschichte und Kultur in deutschen Klassenzimmern heraus, in der sowohl betont wird, dass Israel “eine besondere Bedeutung für Jüdinnen und Juden” hat, als auch, dass Antizionismus und Antiisraelismus antisemitisch sind.

“In diesem Rahmen ist es notwendig, die Gründungsgeschichte des Staates Israel zu beleuchten, um seine besondere Situation und die Bedrohung seiner Existenz zu verstehen”, heißt es in der Erklärung. Sie warnte Pädagog:innen davor, über die Entwicklungen “in und um den Staat Israel” zu sprechen, und forderte gleichzeitig, dass “das Existenzrecht Israels nicht zur Debatte gestellt werden darf”.

Viele Klassenzimmer haben sich den Geist der Erklärung zu eigen gemacht. Ein auf dem Münchner Schulportal veröffentlichter Lehrplan für die Oberstufe mit dem Titel “Israelisch-palästinensischer Konflikt” widmet dem Thema beispielsweise acht Stunden. Im Rahmen der Kompetenzerwartungen sollen die Lehrkräfte den “Konflikt” nur mit Blick auf seine historischen Wurzeln behandeln und gleichzeitig vermitteln, dass der Zionismus ein zentrales Element des Judentums ist. In einem anderen Unterrichtsplan über das Judentum auf demselben Portal wird von den Schüler:innen erwartet, dass sie eine “begründete Position gegen Antisemitismus” einnehmen, wozu dem Plan zufolge auch der Antizionismus gehört.

Inzwischen sind die Konsequenzen für Lehrer:innen, die sich zu Palästina äußern, klar. Christoph Glanz, ein deutscher Lehrer und pro-palästinensischer Aktivist in Oldenburg, geriet 2016 wegen seiner Unterstützung der Boykott-, Deinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS) unter Beschuss. Die Schulbehörden untersuchten Glanz unter dem Verdacht, dass sein Aktivismus antisemitisch sei und die israelische Botschaft schaltete sich ein und beschuldigte Glanz, “mit Gewalt zu sympathisieren”.

Christoph Glanz, ein deutscher Lehrer und pro-palästinensischer Aktivist in Oldenburg, der wegen seiner Unterstützung der BDS-Bewegung angegriffen wurde. (Mit freundlicher Genehmigung)

Die Vorwürfe entstanden auch aus einem Aufsatz, den Glanz für seine örtliche Lehrer:innengewerkschaft (GEW) über seine Erziehung als liberalen Zionisten und seine Hinwendung zu BDS geschrieben hatte. Der Artikel wurde, während er redigiert wurde, an zionistische Gruppen weitergeleitet, die einen internationalen Sturm gegen die Veröffentlichung auslösten. Der GEW-Sekretär erhielt eine Flut von Drohungen. Schließlich beugte sich die Gewerkschaft dem Druck und zog Glanz’ Artikel zurück und vernichtete mehrere hundert Exemplare, die bereits im Druck waren, bevor sie jemanden erreichten. Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe schrieb einen Entschuldigungsbrief an die Gewerkschaft.

Glanz wurde unter anderem vorgeworfen, er verstoße gegen das Neutralitätsgebot, zu dem Lehrer:innen und Beamte in Deutschland angeblich verpflichtet sind. Glanz weist diese Darstellung jedoch zurück und erklärt gegenüber +972: “Das Produkt meines Unterrichts sollen nicht Kopien meiner politischen Einstellung sein, sondern junge Erwachsene lehren wie man eine faktenbasierte politische Analyse erstellt und diese im gesellschaftlichen Leben anwendet.”

Glanz glaubt, dass es möglich sein muss, dass sich Schüler:innen eine Meinung über die Vorgänge in Palästina bilden können, anstatt sich der deutschen Vorstellung zu unterwerfen, dass “das alles sehr schwierig ist”. “Die historischen Fakten, die Quellen, die Dokumente — es ist alles da, und wenn man eine faktenbasierte politische Analyse zu diesem Thema erstellt hat, ist es mit der Neutralität vorbei”, sagte er. “Der Zugang zu Fakten und die Vermittlung humanistischer Werte ist der Kern meines Berufes — ob es der berüchtigten deutschen ‘Staatsräson’ nun gefällt oder nicht.”

Letztendlich wurde Glanz nicht entlassen, was einen Präzedenzfall dafür schafft, dass es nicht illegal ist, als Lehrer:innen pro-palästinensisch zu sein. Im Jahr 2016 verurteilte das Landgericht Oldenburg eine lokale SPD-Politikerin, die Glanz als Antisemiten verleumdet hatte und untersagte ihr, diesen Vorwurf zu wiederholen.

“Mein Fall zeigt, dass man dem schlimmsten zionistischen Sturm erfolgreich die Stirn bieten kann, wenn man einen klaren und gesunden politischen Kompass hat und von Freund:innen und Genoss:innen unterstützt wird”, sagt Glanz. “Die palästinensische Sache ist für mich eine ständige Quelle der Inspiration gewesen.”

Auslagerung ihrer Ängste und Verantwortung

Während Glanz’ Fall ein Schritt in die richtige Richtung zu sein scheint, sind palästinensische Student:innen, die nicht bei kritisch engagierten Lehrer:innenn wie Glanz lernen, immer noch Opfer von antipalästinensischem Rassismus. “Palästina wird im akademischen Bereich, im allgemeinen Schulsystem und am Arbeitsplatz wie ein verbotenes Wort behandelt”, so die ehemalige Studentin Vakili gegenüber +972.

Die Berliner Polizei verhaftet einen palästinensischen Demonstranten während eines Flashmobs zum Nakba-Tag, nachdem alle Gedenkfeiern zu diesem Tag in der Stadt verboten wurden, 15. Mai 2022. (@thequestionislysh)

“Palästinenser:in in der deutschen Gesellschaft zu sein bedeutet, sich so unsichtbar wie möglich zu machen, um zu überleben”, fährt sie fort. “In meiner Schule gab es für Palästinenser:innen nicht einmal Raum zum Leben. Die meisten Lehrer:innen waren christliche Zionist:innen, die aktiv auf uns herumhackten, uns diskriminierten und uns als Lügner:innen bezeichneten, wenn wir über das Leid unserer Familien in Palästina sprachen.”

“Ich habe einmal mit einem Lokalpolitiker eine Podiumsdiskussion über die Deutsche Demokratische Republik gehalten”, erzählt die Schülerin Mariam gegenüber +972. “Ich war schockiert, als er plötzlich anfing, über Palästinenser:innen zu sprechen. Er behauptete, wir seien nicht so unschuldig, wie wir vorgeben zu sein, und [die Palästinenser:innen] stellten eine Bedrohung für die Israelis dar. Ich war so schockiert, dass ich kein Wort sagen konnte.“

Mariam glaubt, dass die Diskussion über Israel nicht nur besorgniserregend, sondern auch gefährlich für palästinensische Schüler:innen ist. “Der Diskurs in Deutschland ignoriert die Palästinenser:innen völlig. Die Euphemismen, die verwendet werden, um die israelische Armee zu beschreiben — sie als ‘Sicherheitskräfte’ zu bezeichnen — werden die Gewalt gegen mein Volk immer relativieren”, sagt sie.

“Es ist eine Form des Othering”, sagt die ehemalige Schülerin Shuruq gegenüber +972. “Es ist nicht nur eine Projektion der deutschen Erfahrung, sondern ein Weg für sie, all ihre Ängste und Verantwortlichkeiten auf uns auszulagern, während sie sich selbst in diese überlegene Rolle versetzen, um sicherzustellen, dass wir uns entsprechend verhalten. Die Weigerung, die palästinensische Geschichte zu lehren, dient lediglich dem eigenen moralischen Kompass Deutschlands.”

Der Originalartikel mit Links zu allen hier genannten Broschüren, Reden etc. findet ihr hier:

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