Flieg kleiner Vogel, flieg
Mohammad Al Tamimi. Mit freundlicher Genehmigung von Manal Al Tamimi

Flieg kleiner Vogel, flieg

Ein exklusiver Gastbeitrag von Lena, die hier direkt aus Nabi Saleh für Occupied News berichtet. Wie die israelische Besatzungsarmee öffentlich vorgab “den Zwischenfall” des angeschossenen Kindes zu bedauern, während sie zeitgleich weiterhin das gesamte Dorf terrorisierte und weitere schwer verletzte, darunter eine Hochschwangere & ein Journalist. Und warum es unter Besatzung nicht einfach “Zwischenfälle” gibt — & keine normale Kindheit.

Als ich 2015 das erste Mal das Dorf Nabi Saleh besuchte war ich noch neu in Palästina. Wir waren eine Gruppe aus Internationalen und Palästinenser:innen und besuchten den wöchentlichen Protest der Dorfbewohner:innen gegen die Siedlung, die auf dem Land von Nabi Saleh errichtet wurde. Eine Mutter nahm mit ihrem Sohn, der ungefähr 5 Jahre alt war, an der Demonstration teil. Als die Soldat:innen ihre Waffen auf uns richteten bekam er Angst und wollte nach Hause. Seine Mutter ermutigte ihn: „Yalla habibi, los mein Liebling, geh nach vorne“. Ich wurde wütend: Warum brachte sie ihr Kind nicht in Sicherheit? Warum ging sie nicht mit ihm nach Hause? Als ich sie nach der Demonstration mit diesen Vorwürfen konfrontierte schaute sie mir eine Weile in die Augen und sagte dann: „Weil es keine Sicherheit gibt. Weil auch unsere Zuhause nicht sicher sind. Weil die Armee Tag für Tag und Nacht für Nacht in unsere Häuser einfällt. … Weißt du, wir haben es versucht. Wir haben einmal alle Kinder des Dorfes mit ein paar Erwachsenen in einem Haus versammelt, damit die Kinder sicher sind, wenn wir demonstrieren. Die Armee hat dieses Haus gefunden. Sie haben Tränengas durch die Fenster geschossen.“ Das ist jetzt acht Jahre her. Aber am letzten Donnerstag, war das eigene Zuhause einmal mehr kein sicherer Ort in Nabi Saleh. Nicht für Erwachsene. Und nicht für Kinder.

Ein Donnerstag in Palästina

Donnerstag Nachmittag beginnt das Wochenende in Palästina. Familien kommen zusammen, Freunde treffen sich, die Kinder freuen sich über zwei Tage ohne Schule. Auch die Familie Tamimi im Dorf Nabi Saleh freute sich am letzten Donnerstag auf ihr Wochenende. Als es am Abend ein wenig abgekühlt hatte, machten sie sich auf den Weg zu Verwandten. Haytham und Marwa Tamimi leben mit ihrem zweijährigen Sohn am Ortsrand von Nabi Saleh, ein Stück vom Ortskern entfernt.

Mohammad Al Tamimi
Mohammad Al Tamimi (Foto mit freundlicher Genehmigung von Manal Al Tamimi)

Zweieinhalbjährige Kinder können schon sicher laufen. Oft braucht man gerade deswegen auch für kurze Strecken ewig, sie entdecken um sich herum ständig Dinge, die spannender sind als der Weg. Um mit seinem Sohn ins Dorf zu kommen, wollte Haytham Al Tamimi mit seinem Auto fahren. Er stieg ein, seinen kleinen Sohn nahm er für die kurze Strecke auf den Schoß. Haytham machte die Scheinwerfer an und wollte losfahren. Sofort eröffneten israelische Soldaten das Feuer auf das Auto. Sie schießen mindestens vier Mal [1]. Eine Kugel trifft Haytham in der Brust und verletzt ihn im Nacken- Schulterbereich. Eine weitere Kugel trifft den zweijährigen Mohammad im Kopf. Trotz seiner schweren Verletzung versucht Haytham sich und seinen Sohn in Sicherheit zu bringen. Er schafft es in Richtung Dorf zu fahren, wo ihm geholfen wird [2]. Ein Video zeigt Menschen die rennend nach einem Krankenwagen rufen. Weil die Armee das Dorf abgeriegelt hat, müssen beide zum Dorfeingang transportiert werden, um weitere medizinische Hilfe zu erhalten. Haytham, der Vater, wird im Krankenhaus in Ramallah operiert und anschließend ins künstliche Koma versetzt. Mohammad, sein zwei Jahre alter Sohn, wird per Militärhubschrauber in ein israelisches Krankenhaus transportiert.

Mohammad Al Tamimi
Haytham und Mohammad Al Tamimi wenige Tage bevor die Israelische Armee auf sie schoss (Bildrechte: ISM)

Eine Besatzung ist kein Zwischenfall

Später veröffentlicht die Armee eine Stellungnahme, in der es heißt: “Ersten Ermittlungen zufolge schossen zwei Terroristen mehrere Minuten lang auf [die Siedlung], eine IDF Einheit machte den Ursprung der Schüsse aus und erwiderte das Feuer. Es scheint, dass unsere Truppen infolgedessen zwei Palästinenser getroffen haben” [3].

Diese Darstellung steht im Widerspruch zu der Aussage des Vaters Haytham Tamimi, der betont: “Wir wussten nicht, dass im Dorf eine Armeeoperation im Gange war“. Er ergänzt, dass er nicht sehen konnte, was genau passierte oder wer auf sie geschossen hat. Zahlreiche andere Bewohner:innen Nabi Salehs bestätigten auf Nachfrage der israelischen Zeitung Haaretz diese Darstellung. Sie hätten vor dem Schuss auf das Auto keinerlei Schüsse hören können, die aus der Gegend um das Haus der Familie abgefeuert wurden [4].

In dem Statement der Armee heißt es weiter: “Wir bedauern, dass Zivilist:innen verletzt wurden und tun unser Möglichstes, um solche Zwischenfälle zu vermeiden. Es wird Untersuchungen zu dem Fall geben”.

Ein Zwischenfall. Mohammads Mutter, Marwa Al Tamimi, verwendet ein anderes Wort, während sie am Krankenbett ihres Sohnes wacht: „Es war wie eine Hinrichtung“. In einer Stellungnahme der Familie wird klargestellt, dass es sich hier keineswegs um einen Zwischenfall handelt, sondern Mohammad „in Folge der Verbrechen der Besatzung“ starb.

Nachdem Mohammad und sein Vater ins Krankenhaus transportiert wurden, herrschen im Dorf Wut, Trauer und Verzweiflung. Ein weiteres Kind des Dorfes, verloren an israelische Kugeln. Die Menschen gehen auf die Straße. Und die Armee entscheidet, ihnen eine Lektion zu erteilen. Keine halbe Stunde nachdem die Armee auf Mohammad und seinen Vater geschossen hat, der „Zwischenfall“ wie die Armee es nennt, stürmen sie das Dorf Nabi Saleh. Sie schießen direkt auf Wohnhäuser, mehrere Fenster werden zerstört [5].

Israelische Nachtinvasion in Nabi Saleh
Auch am 04.06. fiel die israelische Besatzungsarmee erneut in Nabi Saleh ein & stationierte Soldat:innen auf Wohnhäusern. Foto mit freundlicher Genehmigung von Manal Al Tamimi

Während die Armee beteuert, sie tue ihr Möglichstes, um zu verhindern, dass Zivilist:innen verletzt würden, bauen sich israelische Scharfschützen auf den Dächern Nabi Salehs auf, sie zielen auf Wohnhäuser und schießen auf alles was sich bewegt.

Während die Armee von einem „Zwischenfall“ spricht, wird in Nabi Saleh dem Journalisten Bilal Al Tamimi, der auch als Freiwilliger für die israelische Organisation B’Tselem arbeitet, durch einen gezielten Schuss die Hand zertrümmert, während er versucht den Überfall zu dokumentieren. Er ist mit einer Presseweste und Helm eindeutig als Journalist zu erkennen [6]. Bei demselben Überfall erleidet der 17 Jahre alte Wissam Al Tamimi eine Schädelfraktur durch ein israelisches Geschoss, während er auf dem Dach seines Hauses steht [7].

Während der kleine Mohammad vier Tage lang um sein Leben kämpft, überfällt die Armee Tag für Tag das Dorf. Noura Al Tamimi muss im Krankenhaus behandelt werden, nachdem sie von einem israelischen Geschoss in den Bauch getroffen wurde. Die im siebten Monat schwangere Kafa Al Tamimi ringt um Atem, nachdem Tränengaskanister die Fenster ihres Schlafzimmers zerstört haben. Aber die israelische Armee bedauert, dass Zivilist:innen zu Schaden kamen.

Nabi Saleh — ein Dorf unter Belagerung

Nabi Saleh ist ein kleines Dorf im Nordwesten von Ramallah. Nur etwa 640 Palästinenser:innen leben dort. Obwohl es so klein ist, ist das Dorf ein Beispiel für die Standhaftigkeit und den Mut des palästinensischen Widerstands. Von 2009 bis 2016 protestierten die Dorfbewohner:innen Woche für Woche gegen den Raub ihres Landes und der Wasserquelle des Dorfes durch die Siedlung Halamish. Die Siedlung ist eine von mehr als 200 völkerrechtswidrigen Siedlungen im besetzten Westjordanland, in denen insgesamt mehr als 700 000 jüdische Siedler:innen leben.

Trotz hunderter Verletzter und drei durch die Armee Getöteter setzte das Dorf die Proteste fort. Wie fast alle Dörfer des besetzten Westjordanlandes hat auch Nabi Saleh an den Hauptzugangsstraßen ein großes Metalltor, was die israelische Armee jederzeit schließen und das Dorf damit abriegeln kann. Autos können dann weder in das Dorf hinein, noch aus dem Dorf hinaus. Bei medizinischen Notfällen kann das schnell lebensgefährlich werden. Zusätzlich steht in Nabi Saleh ein Armeeturm am Ortseingang. Seit 15 Jahren belagert die israelische Armee durch diesen Turm das Dorf. Immer wieder wird aus dem Armeeposten auf Protestierende geschossen. Dieser Turm ist nur etwa 300 Meter vom Zuhause von Mohammad und seinen Eltern entfernt. Marwa Al Tamimi, Mohammads Mutter, geht jedoch davon aus, dass die Soldat:innen noch näher waren als sie das Feuer am vergangenen Donnerstag eröffneten. Sie berichtet, dass die Soldat:innen immer wieder den Hofeingang als Versteck nutzen und von dort aus schießen. Die Fenster ihres Hauses wurden in den letzten Jahren immer wieder durch scharfe Munition und andere Geschosse zerstört [8].

Nicht der erste. Und nicht der letzte

Im Alter von zweieinhalb Jahren fangen Kinder an in kurzen Sätzen zu sprechen. Sie können einen Ball kicken und ein kleines Hindernis erklettern. Sie entdecken ihr eigenes ich und ein sehr wichtiges Wort: „Nein!“. Mit zweieinhalb Jahren beginnen Kinder ihren eigenen Namen zu sagen. Mohammad. In einem freien Palästina wäre Mohammad vielleicht mit seinem Vater an die Quelle von Nabi Saleh gefahren, um dort im Wasser zu spielen. Er wäre bald in den Kindergarten gegangen. Ab drei Jahren setzt bei den meisten Menschen die bewusste Erinnerung ein. Aber Mohammad ist tot. Er wird nie seinen dritten Geburtstag feiern. Auf den letzten Bildern sieht man Mohammad auf seinem Bett im Krankenhaus liegen. Sein kleiner Körper ist fast nicht zu sehen unter all den Schläuchen und Pflastern.

Abschied von Mohammad Al Tamimi
Ein Kuss zum Abschied: Der vater verabschiedet sich von seinem verstorben Sohn Mohammad (2). Foto via Twitter/Wafa News Agency

„Aber Lena, ist er das erste Kind, was durch die Besatzung getötet wird?“ fragt mich Ahmad. Und automatisch ergänze ich den Satz: “Und nicht nicht das letzte.” Ein Satz den ich so oft gehört habe, seit ich 2015 neu in Palästina war. Er ist nicht der Erste und wird nicht der letzte sein. Schon lange bin ich nicht mehr wütend auf die Mütter von Nabi Saleh. Die Mütter Palästinas, die hoch erhobenen Hauptes weitermachen, trotz allem, die sich gegenseitig halten in ihrer Trauer, die es immer noch schaffen Liebe zu geben, so viel Liebe. Die Mütter, die ihre Kinder aufziehen in dem Bewusstsein, dass sie sie nicht schützen können werden. Dass ihre Zuhause nicht sicher sind. Dass ein Schuss alles zerstören kann, was sie lieben. Ich bin wütend, untröstbar wütend über eine Armee, die täglich weiter tötet und das ab und zu „bedauert“, ich bin wütend darüber, dass wir das zulassen und wütend darüber, dass ich weiß, dass ein weiteres getötetes Kind keine Meldung wert sein wird in Deutschland.

Seit Beginn des Jahres 2023 hat das israelische Militär mindestens 27 Kinder getötet [9]. Unter ihre Bilder schreiben wir „Ein Vogel von den Vögeln im Paradies“. Mohammad ist in diesem Jahr das kleinste Vögelchen. Bis jetzt.

Mohammad Al Tamimi
Mohammad Al Tamimi. Mit freundlicher Genehmigung von Manal Al Tamimi

Filmempfehlung

Der Film „Thank God it´s Friday“ dokumentiert den Alltag im palästinensischen Dorf Nabi Saleh unter der alltäglichen Gewalt der israelischen Kolonialbesatzung und im Kontrast dazu das Leben in der israelischen Siedlung, die auf dem Land des Dorfes errichtet wurde. Der Film kann in ganzer Länge auf Vimeo angeschaut werden:

Quellen:

1 https://www.haaretz.com/opinion/2023-06-04/ty-article-opinion/few-have-heard-of-baby-mohammed-fewer-will-hear-about-his-killers/00000188-8342-d496-afad-df4a325a0000

2 https://www.haaretz.com/israel-news/2023-06-02/ty-article/.premium/palestinian-man-infant-wounded-in-west-bank-shooting/00000188-7901-d4df-a39c-ff5b18d20000

3 https://www.haaretz.com/opinion/2023-06-04/ty-article-opinion/few-have-heard-of-baby-mohammed-fewer-will-hear-about-his-killers/00000188-8342-d496-afad-df4a325a0000

4 https://www.haaretz.com/israel-news/2023-06-02/ty-article/.premium/palestinian-man-infant-wounded-in-west-bank-shooting/00000188-7901-d4df-a39c-ff5b18d20000

5 https://palsolidarity.org/2023/06/israel-continues-its-assault-on-nabi-salah-after-shooting-toddler-in-the-head/

6 https://www.haaretz.com/opinion/2023-06-04/ty-article-opinion/few-have-heard-of-baby-mohammed-fewer-will-hear-about-his-killers/00000188-8342-d496-afad-df4a325a0000

7 https://palsolidarity.org/2023/06/israel-continues-its-assault-on-nabi-salah-after-shooting-toddler-in-the-head/

8 https://www.haaretz.com/israel-news/2023-06-02/ty-article/.premium/palestinian-man-infant-wounded-in-west-bank-shooting/00000188-7901-d4df-a39c-ff5b18d20000

9 https://www.aljazeera.com/news/2023/6/2/palestinian-toddler-seriously-wounded-by-israeli-fire

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