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Massaker in Jenin — “Sie verwandeln Jenin in ein zweites Gaza”

[Stand 18:45 Uhr]

Die israelische Besatzungsarmee führt aktuell einen Großangriff auf das Flüchtlingslager Jenin im nördlichen Westjordanland durch. Neben massivem Einsatz von Bodentruppen wird das Camp dabei auch aus der Luft bombardiert. Mindestens acht Palästinenser wurden getötet, darunter 3 Minderjährige. Mindestens 80 weitere wurden verletzt, viele schweben auf Intensivstationen noch in Lebensgefahr. Die israelische Armee hat das Flüchtlingscamp Jenin in ein Kriegsgebiet verwandelt.

Vor genau zwei Wochen überfiel die israelische Armee das Flüchtlingscamp Jenin im Norden des besetzten Westjordanlandes. Es war der bis dahin größte Angriff der israelischen Armee auf die Stadt seit zwei Jahrzehnten. Seit heute Nacht wird das Camp von einer Invasion der israelischen Besatzungsarmee erschüttert, die die letzte noch in den Schatten stellt. Nach wochenlangen Aufforderungen des rechtsextremen/faschistischen Flügels der israelischen Regierung hat die israelische Armee in den frühen Morgenstunden des Montags einen Militärangriff in Jenin gestartet. Gegen ein Uhr morgens Ortszeit begann der Angriff auf das Lager, der bis jetzt weiter andauert.

Um das Flüchtlingslager anzugreifen, welches insgesamt nicht einmal einen halben Quadratkilometer groß ist, setzt die Besatzungsarmee mehr als 1000 Soldat:innen ein. Neben etwa 150 gepanzerten Fahrzeugen, Bodentruppen, Bulldozern & Panzern wird das vollständig belagerte Camp auch aus der Luft angegriffen. Bewaffnete Drohnen, Kampfhubschrauber & Kriegsflugzeuge bedeckten den Himmel von Jenin.

Alleine während der ersten Stunden kam es gemäß einem israelischen Militärradiosender zu 15 Luftangriffen. Das macht die Invasion laut der Times of Israel zur größten Militäroperation der Besatzungsarmee im besetzten Westjordanland seit über 20 Jahren.

Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden acht Palästinenser getötet, darunter 3 Minderjährige & mindestens 80 weitere verwundet, 17 davon schwer. Nach Angaben der israelischen Armee wurde ein israelischer Soldat leicht verwundet. Palästinensische Widerstandsgruppen berichten von umfangreichem Widerstand.

Die Getöteten sind: Nour Eddin Husam Marshoud (16), Majdi Ararawi (17), Ali Hani Al Ghoul (17), Husam Mohammad Abu Deibeh (18), Aws Hani Hanoun (18 oder 19, unterschiedliche Angaben), Sameeh Firas Abu Al Wafa (20), Ahmad Mohammad Amer (21), Mohammad Muhannad Al Shami (23).

Ein 9. Palästinenser, Mohammad Hasanein (21), wurde nach Angaben des Gesundheitsministeriums in der Nacht zum Montag von israelischen Soldat:innen am nördlichen Eingang der Stadt Ramallah im zentralen besetzten Westjordanland getötet.

Während Bodentruppen das Gebiet belagerten & Rettungskräfte aktiv daran hinderten zu Verwundeten zu gelangen, wurde das Camp zunächst mithilfe bewaffneter Drohnen bombardiert. Spezialeinheiten drangen in Wohnhäuser ein & nutzen die zivilen Gebäude als militärische Stützpunkte.

Das israelische Militär erklärte, es habe ein “gemeinsames Operationszentrum” angriffen, das als Kommandozentrale der Jenin-Brigaden diente, einer Einheit, die sich aus Kämpfern verschiedener bewaffneter palästinensischer Widerstandsgruppen zusammensetzt. Während die israelische Armee behauptet auf „Infrastrukturen des Terrors“ gezielt zu haben, wurden nachweislich Wohnhäuser & drei Moscheen bombardiert sowie ein Krankenhaus unter Beschuss genommen. Auch das Freedom Theatre Jenin wurde von Bomben getroffen. Familien, die aus ihren Häusern geflohen waren & gehofft hatten, inmitten des Chaos im Theater Zuflucht & etwas Sicherheit zu finden, mussten erneut evakuiert werden.

Der Leiter des Freedom Theatres versucht den Angriff in Worte zu fassen: „Meine Tochter Salma wurde von den heulenden Warnsirenen, die den Einmarsch der Armee ankündigten, in Angst & Schrecken versetzt, ihre Tränen flossen unkontrolliert. Mein Sohn Adam zeigte eine Mischung aus Angst & Neugier & versuchte, den Ernst der Lage zu begreifen. Isra Awartani, die Buchhalterin des Freedom Theatre, schuf eilig einen sicheren Raum in ihrem Haus, um ihre drei Töchter vor Schaden zu bewahren. Ahmed Tobasi, der künstlerische Leiter des Freedom Theatre, sah sich mit einem gepanzerten Fahrzeug konfrontiert, das direkt vor seinem Haus stand & dessen Lauf auf sein Fenster gerichtet war. Rania Wasfi, eine ehemalige Mitarbeiterin des Theaters, versuchte verzweifelt, ihre Mutter & Schwester zu erreichen, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Haus bombardiert worden war. Adnan, der direkt neben dem Freedom Theatre wohnt, kauerte mit seiner Familie in einem Zimmer & versuchte, inmitten des Chaos Trost zu finden.“

Eine 60-jährige Bewohnerin des Flüchtlingslagers Jenin, Afiyeh Jameel Yousef Sbeih, berichtete gegenüber Al Jazeera, wie die israelische Armee mit scharfer Munition auf ihr Haus schoss & dabei ihre Nichte verletzte. Ihre Nichte, die angehende Ärtzin Hanaa Najeeb (25), war erst vor zwei Tagen mit ihrer Mutter zu Besuch aus Jordanien gekommen. “Eine Kugel drang durch die Eingangstür ein & traf meine Nichte als sie im Badezimmer war. Die Kugel durchschlug ihr Bein & trat auf der anderen Seite wieder aus”, sagte Sbeih gegenüber Al Jazeera aus dem Ibn Sina Krankenhaus. “Wir haben mindestens drei Kugeln an unserer Eingangstür & weitere an den Wänden gefunden”.

Angriffe auf Infrastruktur

Wie bei vorherigen Angriffen wurde auch dieses Mal gezielt die zivile Infrastruktur unter Beschuss genommen. Allerdings sind die Schäden dieses Mal weitaus dramatischer. Nach Angaben der Stadtverwaltung von Jenin wurde die Wasserversorgung der Stadt aufgrund schwerer Schäden unterbrochen. Die einmarschierten Streitkräfte lassen die Arbeiter nicht die Schäden zu beheben. Die Straßen des Camps sind nicht wieder zu erkennen. Bulldozer rissen ganze Straßenzüge auf & hinterlassen Schneisen absoluter Verwüstung. Die zerstörten & mit Schutt & Trümmern bedeckten Straßen erschweren es Rettungskräften enorm, zu den Verwundeten zu gelangen oder schwer verletzte aus Jenin für weitere OPs in andere Krankenhäuser des Westjordanlandes zu evakuieren.

Presse unter Beschuss

Einmal mehr wurden in der Invasion auch palästinensische Journalist:innen, die über die Invasion in Jenin berichteten, gezielt angegriffen. Videos & Fotos auf den sozialen Netzwerken zeigen, wie ihre Videokameras in Brand gesetzt werden. Andere Fotos zeigen Journalisten in Pressewesten, die ihre schwer beschädigten Kameras halten. Nach Angaben lokaler Journalisten vor Ort gehörten einige der von den israelischen Besatzungskräften zerstörten Kameras Mitarbeitern von Al Araby TV, die vor Ort über die Ereignisse berichteten. Erst vor einem Jahr erschoss hier ein israelischer Scharfschütze die Journalistin Shireen Abu Akleh während Dreharbeiten. Israel schützt die Täter bis heute.

Verweigerung medizinischer Hilfe

Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass die israelische Armee dringend benötigte medizinische Hilfe blockiert & sogar angreift. Krankenwägen sehen sich angesichts der Belagerung des Camps durch Militärfahrzeuge dazu gezwungen abzudrehen, ohne helfen zu können. Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass alle Wege nach Jenin für Krankenwägen gesperrt seien. Ein Video zeigt drei Palästinenser, die schwer verwundet am Rand einer Straße liegen. Sie sind blutüberströmt & es lässt sich nicht sagen, ob sie noch leben. Gemäß Augenzeugenberichten hinderte das Militär Helfer & medizinisches Personal daran sie zu evakuieren, jeder der sich den Verwundeten näherte geriet unter Beschuss. Erst nach langer Zeit konnten sie ins Ibn Sina Krankenhaus gebracht werden konnten, ihr Zustand sei kritisch.

Ein weiteres Video zeigt, wie die Armee einen verwundeten Palästinenser auf einer Trage in Arrest nimmt & in ein Armee Fahrzeug verlädt, nachdem sie medizinisches Personal daran gehindert haben zu ihm zu gelangen. Der Palästinensische Rote Halbmond forderte im Verlauf des Tages dringend einen “sicheren Durchgang zur Evakuierung der Verwundeten & Verletzten”. “Wir koordinieren uns mit dem Roten Kreuz & internationalen Organisationen, um Israel zu zwingen, einen sicheren Durchgang zu öffnen. Die Zahl der Verwundeten & Verletzten nimmt zu”, erklärte die Organisation. Der Leiter der Chirurgie des Ibn-Sina-Krankenhauses in Jenin, Tawfeeq Al Shobaki, sagte gegenüber Al Jazeera, dass es immer noch Verletzte im Lager gebe, die die medizinischen Teams nur schwer erreichen könnten.

Ungebrochener Widerstand

Trotz des massiv ungleichen Kräfteverhältnisses leisteten Bewohner:innen des Lagers Widerstand gegen den Angriff auf ihr Zuhause. Verschiedene Widerstandsgruppen betonen die Standhaftigkeit des Camps & bewaffnete Selbstverteidigungseinheiten lieferten sich heftige Feuergefechte mit der angreifenden Besatzungsarmee. Durch Sprengkörper wurden mehrere schwer gepanzerte Einsatzfahrzeuge der Armee beschädigt. Drei der Drohnen, die den Himmel über Jenin bedeckten, konnten zum Abstürzen gebracht werden. Videos zeigen Bewohner:innen die mit bloßen Steinen den Bulldozern entgegen treten, die ihr Zuhause zerstören. Kamal Abu al Rub, der stellvertretende Gouverneur Jenins, erklärte:

“Sie sind diejenigen, die unsere Gebiete & Häuser überfallen, & es ist unser Recht, unsere Würde & Ehre zu verteidigen, denn wir sind die rechtmäßigen Besitzer dieses Landes.”

Israels Begründung

Als Ziel des Angriffs benannte der Brigadegeneral Avi Blot reichlich allgemein eine „Erweiterung des Handlungsspielraums“. Für Mustafa Sheta, den Leiter des Freedom Theatres ist die Botschaft des Angriffs dagegen klar: „Bestrafung der Hochburg des Volkswiderstands in Jenin & Vermittlung eines Bildes der Unbesiegbarkeit der israelischen Gesellschaft in Bezug auf ihre militärische Stärke.“ Tatsächlich war die israelische Opposition schnell darin sich hinter die Invasion zu stellen. „Wir stehen alle hinter euch“ postete Lapid auf Twitter & Ganz nannte den Angriff einen „verantwortungsvollen Schritt“.

Der Journalist (Junge Welt) Jakob Reimann heute Morgen über den Angriff in Jenin

Während das Weiße Haus in Washington eine Erklärung abgab, in der es “Israels Sicherheit & sein Recht, sein Volk zu verteidigen […]” unterstützte, verurteilten unter anderem die Vereinten Nationen, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien & Ägypten den Angriff & brachten ihre Sorge um das Leben der Palästinenser:innen zum Ausdruck.

Der Brigadegeneral Avi Blot formuliert als Ziel des Angriffs weiter: „Unsere Aufgabe ist es, die operative Kontrolle zu übernehmen, Terroristen zu stoppen & festzunehmen, die feindliche Infrastruktur zu zerstören & Waffen zu beschlagnahmen“. Wenn das das Ziel des Angriffs war, dann ist er nach Auffassung von Mustafa Sheta gescheitert: „Was liegt vor uns? Für mich lautet die Antwort: nichts. Die Versuche der Besatzer, den Widerstand in Jenin auszulöschen, werden nicht erfolgreich sein, so wie ihre Vorgänger im Jahr 2002 gescheitert sind. Es kann sein, dass Gebäude einstürzen, Autos zu Trümmern werden & zahllose Menschen verhaftet, verwundet oder sogar getötet werden. Diese Aktionen werden jedoch nur dazu dienen, eine neue Generation heranzuziehen, die die Fackel des Widerstands weiter tragen wird, die von ihren Vorgängern weitergegeben wurde, so wie wir es heute tun & wie es unsere Kinder in Zukunft tun werden. Es ist ein unermüdliches Streben, angetrieben von dem Willen, unser Land zurückzuerobern & die Würde eines jeden Menschen wiederherzustellen.“

Als eine unserer occupied-news-Reporterinnen vor zwei Wochen im Camp von Jenin war, hat ein Kioskbesitzer ihr gegenüber noch gezweifelt, ob er die Glasfenster ersetzen soll, die unter dem Dauerbeschuss der Armee zersprungen waren, ersetzen soll. Nicht einmal zwei Wochen hatten die Bewohner:innen von Jenin Zeit, um die Fensterscheiben zu ersetzen, die bei der letzten Invasion zerstört wurden, um beschädigte Wasserleitungen zu reparieren & etwas Luft zu holen. Zwei Wochen, in denen die Toten begraben & betrauert wurden. Zwei Wochen in denen die Bewohner:innen nach kleinen Momenten der Freude suchten. „Auch wir lieben das Leben“ schrieb der palästinensische Lyriker Mahmoud Darwish & so wurde auch im Camp Jenin in der letzten Woche das Eid-Fest gefeiert. Das Freedom Theatre lud ein zu einer Gratisvorstellung des bekannten Comedians Alla Abu Diab. „Wir lieben das Leben — wo wir nur können“ schreibt Darwish. Gestern noch klang Kinderlachen von der Bühne des Theaters. Heute landete eine Bombe im Innenhof des Gebäudes. Bulldozer rissen die Straße vor dem Theater auf. Die Bewohner:innen der Häuser kauerten sich in Todesangst in einem Zimmer zusammen.

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