“Massaker in 2 Schulen — bis zu 200 Tote befürchtet” — Sonntag, 19.11.2023

“Massaker in 2 Schulen — bis zu 200 Tote befürchtet”

Zusammenfassung der heutigen Nachrichtenflut aus dem Gazastreifen, Westjordanland, Israel & dem Roten Meer.

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Nach Angaben von Ärzten starben vier Babys während des israelischen Angriffs auf das Shifa-Krankenhaus im nördlichen Gazastreifen. 31 Frühchen müssen nun ohne Brutkästen, Sauerstoff & Beatmungsgeräte manuell versorgt werden. Foto: Mohammed Abed/AFP

Gaza

  • Bei den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen sind seit 7. Oktober mind. 13.000 Menschen getötet worden
  • Bei israelischen Luftangriffen auf die vom Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) betriebenen Schule Al Fakhoura im Flüchtlingslager Jabalia & in einer weiteren Schule in Tell Az Zaatar wurden Berichten zufolge bis zu 200 Palästinenser:innen getötet. Vorliegendes Videomaterial zu den Angriffen ist derart entsetzlich, dass Occupied News beschlossen hat, dieses nicht zu teilen. Beide Schulen, die als Flüchtlingslager dienten, befinden sich im nördlichen Gazastreifen. Eine Sprecherin der UNRWA, Tamara Alrifai​​​​​​​: “Viele Menschen, die im Norden geblieben sind, sind in der UNRWA-Schule geblieben, weil sie dachten, dass sie dort ein bisschen Sicherheit hätten, aber nirgendwo ist es sicher in Gaza, nicht einmal in unseren Schulen”, sagte sie. “Die Menschen fliehen in unsere Gebäude mit der blauen Flagge, um Schutz zu suchen, aber 70 unserer Gebäude wurden getroffen, so dass wir selbst nicht geschützt sind.” Die Al-Fakhoura-Schule war bereits vor dem Krieg mehrmals von der israelischen Armee angegriffen worden. Sie war 2009, 2014 & Anfang dieses Monats Ziel von Luftangriffen.
  • Der Generalkommissar desr UNRWA, Philippe Lazzarini, verurteilt Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Gaza. Es handele sich dabei nicht um Kollateralschäden: “In den meisten der getroffenen Einrichtungen waren Familien untergebracht, darunter ältere Menschen, Eltern & Kinder. Sie waren alle eindeutig als UN-Gebäude mit einer blauen Flagge gekennzeichnet. Das UNRWA teilt die Koordinaten dieser Gebäude regelmäßig mit den Konfliktparteien”.
  • UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Turk, fordert erneut Waffenstillstand: “Der Schmerz, das Grauen & die Angst in den Gesichtern der Kinder, Frauen & Männer sind nicht mehr zu ertragen”.
  • Israel setzt schwere Bombardierungen fort, wo 1,7 obdachlose Millionen Binnenflüchtlinge nun auch Regen & Gewitter erwarten.
  • Behelfsmäßige Krankenhäuser müssen sofort eingerichtet werden, um die große Zahl der durch israelische Angriffe verletzten Menschen bei immer weniger vorhandenen Krankenhäusern zu behandeln.
  • Israelische Soldat:innen sollen absichtlich Geräte im Shifa-Krankenhaus beschädigt haben, darunter EKG- & MRT-Geräte.
  • mind. 6 palästinensische Journalisten wurden in den vergangenen 24 Stunden durch israelische Angriffe getötet. Insgesamt seit 07.10.2023 mind. 42 Journalist:innen getötet, davon 37 Palästinenser:innen, 4 Israelis, 1 Libanese. Manche palästinensische Quellen sprechen sogar von 60 getöteten Journalist:innen, deren Bilder heute veröffentlicht wurden.
  • Im Süden des Gazastreifens ist die Lage ähnlich wie im Norden. Israel bombardiert weiterhin die südlichen Gebiete des Gazastreifens, nachdem es zuvor die Menschen im Norden dazu aufgefordert hat, in den Süden zu fliehen. Bei getrennten Angriffen auf das Flüchtlingslager Nuseirat & ein weiteres Flüchtlingslager wurden heute im Süden etwa 31 Palästinenser:innen getötet, darunter 2 Journalisten. Auch in Khan Younis wurden Wohnhäuser dem Erdboden gleichgemacht. Beim jüngsten Angriff auf das Europäische Krankenhaus kamen 2 Palästinenser ums Leben, weitere wurden verletzt.
  • Shifa-Krankenhaus: seit 4 Tagen halten sich israelische Soldat:innen in dem Krankenhaus auf, welches von ihnen zwangsgeräumt wird. Am 18. November wurden so schon 2.500 Schutzsuchende sowie einzelne Patient:innen aus dem Krankenhaus vertrieben. Eine Delegation unter Leitung der WHO bekam am Samstag Zutritt in das Krankenhaus & beschrieb es als “Todeszone” aufgrund der aktuell herrschenden Lage. Nach aktuellem Stand können 259 aus medizinischen Gründen nicht evakuiert werden. 31 Frühgeborene, die das Shifa-Krankenhaus auf israelischen Befehl hin verlassen mussten, wurden zum Europäischen Krankenhaus & dem Nasser-Krankenhaus im Süden der Enklave gebracht. Sie sollen später über Rafah nach Ägypten gebracht werden​​​​​​​. Zuvor waren aufgrund des durch die Blockade ausgegangenen Treibstoffs & dem damit verbunden Ausfall von Brutkästen mind. 2 Frühchen verstorben. Die Forderung Israels, das Krankenhaus zu räumen sowie seine Angriffe gegen die medizinische Einrichtung sind gemäß Völkerrecht ein schweres Verbrechen.
  • Kurz vor Redaktionsschluss veröffentlichte die israelische Armee ein Video, das die Existenz ein ausgeklügelten Tunnels nahe dem Shifa-Krankenhaus beweisen soll.

Politische Gefangene

  • Seit 7. Oktober hat Israel Vergeltungsmaßnahmen gegen Palästinenser:innen in seinen Besatzungsgefängnissen ergriffen, darunter die Abschaltung der Elektrizität in den Zellen für 12h täglich, die Streichung aller Besuche von Anwälten & Familienangehörigen. Laut Kommission der Palästinensischen Autonomiebehörde für Gefangene, gehört zu den israelischen Schikanen & Kollektivstrafen ebenfalls, den Häftlingen zu verbieten, ihre Zellenfenster trotz des kalten Wetters zu schließen, ein Stop aller ärztlichen Untersuchungen, Hinderung der täglichen Medikamenteneinnahme bei 70% aller Häftlinge, Reduzierung der Lebensmittelrationen, Abschaffung aller Hofzeiten & Beschlagnahmung aller elektronischen Geräte, Bettwäsche & persönlichen Gegenstände der Häftlinge.

Israel

  • Während einer langwierigen Kabinettssitzung musste Israels Premierminister Netanjahu seine Entscheidung, täglich 2 Lastwagen mit Treibstoff in den Gazastreifen zu lassen, vor anderen Ministern rechtfertigen. Netanjahu erklärte, dass Israel ohne einen solchen Schritt die internationale Legitimität für die Fortsetzung seiner Militäroperation im Gazastreifen verloren hätte & in den Verdacht geraten könnte, “Kriegsverbrechen” zu begehen, so Quellen in israelischen Medien. Die Rechtfertigung erfolgte, als Mitglieder seiner rechtsextremen Koalition sich über die Ankündigung empörten, dass Israel trotz einer katastrophalen humanitären Krise, der zunehmenden Ausbreitung von Krankheiten, zunehmenden internationalen Vorwürfen von Genozid & der UN-Warnung vor der Gefahr einer Hungersnot & der Zivilbevölkerung zugestimmt hatte, den wertvollen Brennstoff in die Enklave zu lassen. 2 Tanklaster werden für die seit über einem Monat von jedem Treibstoff abgeschnittene Enklave nicht ausreichen.
  • Laut israelischen Medienberichten soll Hamas im Vorfeld nicht von dem israelischen Musikfestival gewusst haben. Die Entscheidung zum Angriff dessen soll daher spontan am 7.10. erfolgt sein. Einer Polizeiquelle zufolge deuten die Ermittlungen auch darauf hin, dass ein Kampfhubschrauber der israelischen Armee, der am Ort des Geschehens eintraf & dort auf die Hamas schoss, offenbar auch Festivalteilnehmer traf. Bei dem Festival wurden 364 Menschen getötet. Mehr hierzu:

Westjordanland

  • Seit 7. Oktober wurden 198 Palästinenser:innen, darunter 52 Kinder, von israelischen Besatzungssoldat:innen & weitere 8, darunter ein Kind, von israelischen Siedlern im Westjordanland, & Ost-Jerusalem, getötet (Quelle: UNOCHA). Diese Opfer machen derzeit 43 % aller palästinensischen Todesopfer im Westjordanland im Jahr 2023 (439) aus
  • Die Brennpunkte der heutigen Ereignisse lagen in Nablus & Jenin. Beide Ortschaften wurden gleichzeitig angegriffen. In Nablus kehrte die Besatzungsarmee in das Flüchtlingslager Balata zurück, das gestern sowohl von einem israelischen Luftangriff als auch von einer Bodenoffensive heimgesucht worden war. In der Nacht wurden westlich der Stadt Nablus 74 Häuser von Aktivisten, Familien von Gefangenen & ehemaligen Gefangenen durch die Besatzer:innen gewaltsam durchsucht. Zahlreiche Palästinenser:innen wurden willkürlich vehaftet & befinden sich nach wie vor in Haft.
  • In Jenin bot sich ein ähnliches Bild: Das Flüchtlingslager wurde um 1 Uhr morgens Ortszeit von Besatzungssoldat:innen gestürmt. Auf den Straßen waren auch Bulldozer der Besatzer:innen zu sehen. Ein Palästinenser wurde getötet, 5 weitere verwundet. Außerhalb von Jenin finden weiterhin Razzien statt, und auch Familienangehörige gesuchter Palästinenser werden in & um Jenin einfach festgenommen.

Internationale Reaktionen

  • Jemenitische Houthi-Rebellen haben nach eigenen Angaben ein Schiff im Roten Meer gekapert, dass dem israelischen Geschäftsmann Abraham “Rami” Ungar gehören soll, der als einer der reichsten Männer Israels gilt. Houthis: “Wir meinen es ernst” & beziehen sich damit auf vorherige Drohungen gegen Israel, sollte es nicht seine Angriffe auf Gaza einstellen. Die Kaperung des Schiffes birgt Gefahr weiterer Eskalation & Eröffnung einer weiteren Front: Israel & USA vs. Jemen. Israel wirft Iran vor, der eigentliche Drahtzieher zu sein.
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Das von den Houthis gekaperte Schiff.
  • an der Grenze zwischen Israel & Libanon ist es zu erneuten Kämpfen gekommen. Hisbollah erklärte, mehrere Ziele in der Grenzregion beschossen & den Kibbuz Hanita auf israelischer Seite “direkt getroffen” zu haben. Orte mit israelischen Raketen & Artilleriegranaten & “Ansammlung von feindlichen Personen und Fahrzeugen” wurden angegriffen. Die israelische Armee teilte mit, sie habe mehrere “verdächtige Luftziele” angegriffen, die vom Libanon aus in Richtung Israel geflogen seien.
  • Der außenpolitische Chef der Europäischen Union, Josep Borrell, hat eine “sofortige humanitäre Pause” im Gaza-Krieg gefordert. Auf einer Pressekonferenz in Doha sagte Borrell, dass “ein Schrecken keinen weiteren Schrecken rechtfertigt” und bekräftigte, dass eine “Zwei-Staaten-Lösung der einzige Ausweg” sei.

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