Krieg nach innen & nach außen

Stand 22:00 Uhr

Israel lehnt Waffenstillstandsverhandlungen ab & plant Bodenoffensive| 103 Menschen, darunter 27 Kinder, in Gaza getötet, 530 verletzt, eine ganze Familie ausgelöscht | Beschuss von zivilen Häusern & Angriffe auf Krankenhaus in Gaza durch Israel | Militante Widerstandsgruppen greifen Ziele in Israel an, 2. Flughafen in Israel muss schließen, insgesamt 7 getötet | Mobs rechtsradikaler Israelis ziehen gemeinsam mit Polizei durch arabische Viertel Israels | Mörder eines vor wenigen Tagen ermordeten palästinensischen Israelis wieder frei | Israel versinkt in bügerkriegsähnlichen Zustand | Gegenseitige Angriffe zwischen jüdischen & palästinensischen Bürger*innen Israels in Lod | Sheikh Jarrah erneut gestürmt | Israel schlägt Proteste in Israel & Westjordanland brutal nieder

Gaza

Israel zieht seine Bodentruppen um den seit 14 Jahren belagerten Gazastreifen zusammen. Die israelische Regierung hat mittlerweile mehrere Angebote für Waffenstillstandsverhandlungen abgelehnt & stattdessen 9.000 Reservist*innen einberufen & den Urlaub für alle Kampfeinheiten gestrichen. Die Armee sagte, sie befinde sich in “verschiedenen Stadien der Vorbereitung von Bodenoperationen”. All dies sind Anzeichen für einen ausgewachsenen Krieg. Die Hamas droht in diesem Fall mit vielen “Überraschungen” für die Angreifer.

Schon jetzt sind durch die israelischen Luftangriffe auf Gaza bisher 103 Menschen, darunter 27 Kinder, ums Leben gekommen. 530 wurden verletzt. Unter den Verletzten von heute sind auch 3 Journalisten, deren Pressefahrzeug von Israel angegriffen wurde.

Eine ganze Familie wurde heute im Morgengrauen ausgelöscht & ihre toten Körper von Helfer*innen aus den Trümmern gezogen: Rafat Al Tanani (39), seine schwangere Frau Rawya Al Tanani (36) sowie ihre Kinder Ismail (7), Adham (6), Ameer (5) & Mohammed (4).

Oben: Die beiden auf dem Foto zu sehenden Kinder Zaid & Mariam kamen am 12.05.2021 bei einem israelischen Luftangriff auf den Gazastreifen ums Leben. Unten:: Awad. Er kam in den vergangen Stunden ums Leben. Seine Eltern & alle seine Geschwister verlor er 2006 durch eine israelische Bombe.

Allein bei einem einzelnen israelischen Bombenangriff auf ein Haus in der Stadt Rafah im südlichen Gazastreifen wurden mindestens vier palästinensische Zivilisten, darunter Kinder, getötet & viele weitere verletzt. Eine Palästinenserin & ihr Kleinkind wurden heute ebenfalls bei einem israelischen Luftangriff auf ihr Haus im Flüchtlingslager Al Bureij, mitten im Gaza-Streifen, getötet. Ebenfalls in den vergangen Stunden getötet wurde der Palästinenser Awad. Er verlor seine gesamte Familie im Jahr 2006, als israelische Kampfflugzeuge sein Haus bombardierten & dabei seine Eltern sowie seine 6 Geschwister töteten. Awad war der einzige Überlebende, er war damals 19 Jahre alt. Heute hat die israelische Armee auch in Gaza getötet.

Insgesamt wurden 4 Wohnhochhäuser dem Erdboden gleich gemacht. Drei der vier Turbinen, die in Gazas einzigem Elektrizitätswerk Strom für die abgeriegelte Küstenenklave produzieren, sind wegen Treibstoffmangels außer Betrieb, die verbleibende Turbine liefert für nur 5 Stunden Strom pro Tag. Laut Angaben der israelischen Armee wurden knapp 1000 Ziele im Gazastreifen bombardiert — die gesamte Enklave misst gerade einmal ~360 km². Vor wenigen Stunden wurde das Krankenhaus in Beit Hanoun mit Rauchgranaten angegriffen.

Militante Widerstandsgruppen aus Gaza haben laut Angaben Israels etwa 1750 Flugkörper bzw. kleine Raketen gen Israel abgefeuert, von denen 600 abgefangen wurden. Nachdem Israels Hauptflughafen, der Ben-Gurion Airport in Tel Aviv, aufgrund palästinensischer Raketenangriffe geschlossen werden musste, wurde heute auch der Betrieb an Israels zweitgrößtem Flughafen, Ramon, eingestellt, welcher etwa 250km von Gaza entfernt ist. In Israel kamen bisher 7 Personen ums Leben, darunter eine indische Gastarbeiterin, ein Palästinenser mit seiner 16-jährigen Tochter & ein israelischer Soldat.

Besetztes Jerusalem & Westjordanland

Dutzende Palästinenser*innen wurden heute durch Schussverletzungen & gummiüberzogene Stahlgeschosse durch die israelische Besatzungsarmee verletzt. In Jerusalem mussten 51 Personen ins Krankenhaus eingeliefert werden, in Al Khalil (Hebron) 20, 7 in Nablus & 5 in Tulkaram. Einer von ihnen befindet sich in einem lebensbedrohlichen Zustand, 3 weitere sind schwer verletzt. Ein 25-jähriger Palästinenser wurde in Jerusalem von einem Israeli niedergestochen & befindet sich in einem kritischen Zustand. Trotz allem haben sich heute in Jerusalem mehr als 100.000 Palästinenser*innen versammelt, um das Festgebet zum Ende des Ramadan bzw Eid Al Fitr/Zuckerfest zu zelebrieren. Aktuell ziehen zahlreiche Soldat*innen & Siedler*innen in das von Zwangsvertreibung bedrohte palästinensische Viertel Sheikh Jarrah ein.

Aufstand in Israel

Israels Premierminister Netanjahu hat nun erlaubt, dass die Armee in die Städte Israels einrücken darf. Darüber hinaus darf nun die Administrativhaft innerhalb Israels angewendet werden. Administrativhaft bedeutet Willkürhaft ohne Nennung von Gründen oder Beweisen, ohne Anklage & ohne Gerichtsverfahren. Bisher wurde sie nur gegen Palästinenser*innen im Westjordanland angewandt.

Nach den vielen Angriffen israelisch-jüdischer Rechtsradikaler bilden jetzt Palästinenser*innen in Israel (mit israelischer Staatsangehörigkeit) Gruppen, die ihre Städte & Viertel vor rechtsradikalen Israelis schützen sollen. Videos auf Social Media zeigen, wie große Mobs von Siedler*innen durch die arabische Viertel Israels marschieren, in arabische Geschäfte einbrechen, mehrere niedergebrannten & gezielt nach Araber*innen suchen — das alles unter Beobachtung der israelischen Polizei, die nichts dagegen unternimmt.

Mittlerweile gibt es etliche Telegram-Gruppen, welche jüdische Israelis dazu aufrufen, in bestimmten Städte zu gehen, um die dortigen arabischen Viertel anzugreifen. Eine erstellte Whatsapp-Gruppe, welche schnell viele Mitglieder bekam, hat jedem jüdischen Israeli angeboten, Waffen zu erhalten. Ein palästinensisch-arabischer Abgeordneter des israelischen Parlaments (Knesset) hat sich an den Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte gewendet, um Schutz für die palästinensischen Bürger*innen Israels zu erwirken.

Palästinensische Massenproteste fanden in mehr als 15 Städten innerhalb Israels statt. Die Polizei versuchte sie gewalttätig mit Tränengas & Gummigeschossen zu unterdrücke, was letztlich zu heftigen Konfrontationen zwischen Demonstrant*innen & Polizei führte. In manchen Städte innerhalb Israels wurde auf palästinensische Demonstrant*innen auch mit scharfer Munition geschossen. Israelischen Zeitungsberichten zufolge wurden mehr als 350 Demonstrant*innen binnen 24 Stunden festgenommen.

Die Stadt Lod ist zu einem Schlachtfeld zwischen palästinensischen & jüdischen Bürger*innen Israels geworden, die sich gegenseitig angreifen. Rechtsradikale Israelis griffen den zweiten Tag in Folge die Hauptmoschee der Stadt sowie Wohnhäuser von Arabern mit Schusswaffen an. Eine hoch schwangere Frau wurde dabei am Kopf verletzt & befindet sich nun in einem kritischen Zustand. Das Baby musste vorzeitig per Kaiserschnitt entbunden werden. Ein israelisches Gericht lässt die 4 mutmaßlichen Mörder eines palästinensischen Demonstranten in Lod frei, dessen Tötung der Auslöser für die Gewalt in der Stadt war. Die Polizei verklagte die Mörder wegen vorsätzlichen Mordes, das Gericht setzte sie ohne Auflagen wieder frei, abgesehen davon, dass sie die Stadt für eine Woche verlassen müssen (um weitere Eskalationen zu vermeiden) & eine Geldstrafe zahlen müssen.

In Akko haben Israelis ein Hotel in der Altstadt abgebrannt, während Palästinenser*innen 3 Polizeiautos niedergebrannt haben. In Jaffa wurde ein 19-jähriger Israeli angegriffen & schwer verletzt.

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