„Kommt raus, ihr Tiere“: Was beim Massaker im Al Shifa-Krankenhaus geschah

„Kommt raus, ihr Tiere“: Was beim Massaker im Al Shifa-Krankenhaus geschah

Schäden im zerstörten Al Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt am 1. April 2024. (Foto: Khaled Daoud /APAIMAGES via mondoweiss)

Während des Massakers im Al Shifa-Krankenhaus erschoss die israelische Armee Patient:innen in ihren Betten und Ärzt:innen, die sich weigerten, die Kranken im Stich zu lassen, trennte Menschen mit verschiedenfarbigen Armbändern in Gruppen und richtete Hunderte von zivilen Regierungsangestellten hin.

Dieser Artikel von Tareq S. Hajjaj erschien am 11.04.2024 unter dem Titel „‘Come out, you animals’: how the massacre at al-Shifa Hospital happened“ im Politmagazin Mondoweiss. Hier veröffentlichen wir unsere deutsche Übersetzung.

Von Krähen zerfressene menschliche Köpfe, nicht identifizierte und verwesende Körperteile und Hunderte von Leichen, die aufgestapelt und in Massengräbern verscharrt wurden, sind alles, was von den Opfern des Massakers im Al Shifa-Krankenhaus übrig blieb. Die düstere Szene wirkte wie aus einem dystopischen Film und war das Ergebnis der zweiwöchigen Belagerung des größten Krankenhauses im Gazastreifen, die mit seiner völligen Zerstörung endete.

Nach Abschluss der Zerstörung dieses Krankenhauses verkündete die israelische Armee, dass es sich um eine der erfolgreichsten Operationen seit Beginn des Krieges gehandelt habe, und behauptete, sie habe Hunderte von Mitgliedern der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Jihad (PIJ) auf dem Gelände des Krankenhauses festgenommen. Doch niemand schien sich die Frage zu stellen, wie eine so große Zahl so genannter „Agenten“ der Hamas und des PIJ im Al Shifa-Hospital zusammenkommen konnte, wohl wissend, dass der Ort schon einmal von der Armee durchkämmt worden war und Gaza-Stadt seither von der Armee besetzt war.

Mondoweiss kontaktierte viele Überlebende der Ereignisse im Al Shifa-Krankenhaus. Die meisten von ihnen weigerten sich zu sprechen und fürchteten, ihre Identität preiszugeben. Einige wenige erklärten sich unter der Bedingung der Anonymität bereit, da sie befürchteten, durch ihre Aussagen zur Zielscheibe der israelischen Armee zu werden und anschließend getötet zu werden. Im Lichte der von Mondoweiss gesammelten Zeugenaussagen ergibt sich ein Bild der Geschehnisse, dass von den Schilderungen Israels deutlich abweicht.

Das Geheimdienstleck

Ein junger Mann, der nur wenige Augenblicke vor Beginn des Einmarsches der Armee aus dem Krankenhaus fliehen konnte, sagte, dass sich tatsächlich Hunderte von Mitarbeiter:innen der Hamas und des PIJ in dem Krankenhaus befunden hätten, aber keiner von ihnen sei ein Militärangehöriger gewesen. Es handelte sich um Angestellte des zivilen Bereichs der Regierung im Gazastreifen, darunter Mitarbeiter:innen des Zivilschutzes, der Polizei, der internen Sicherheitsdienste, des Innenministeriums und anderer Bereiche der lokalen Regierung. Sie alle hatten sich in Al Shifa-Krankenhaus versammelt, um ihre Gehälter zu erhalten, da dies einer der wenigen Orte war, die noch relativ sicher vor den Kämpfen sein sollten.

„Es gab einen Raum im Gebäude der Spezialpraxen, der als Büro für die oberirdisch tätigen Regierungsstellen diente“, sagte der junge Mann (im Folgenden „Z“ genannt) und bezog sich dabei auf die zivilen Stellen der Hamas-Regierung.

Z bestätigte auch, dass eine Reihe von PIJ-Mitgliedern, die nicht-militärische Jobs ausübten, ebenfalls dort waren, um ihre Gehälter zu erhalten. „Es gab ein weiteres Gebäude, das als Büro für die [PIJ]-Bewegung diente, und die Männer, die für die Bewegung arbeiteten, gingen dorthin, um ihre Gehälter abzuholen.“

„Es war lange her, dass sich diese Angestellten gesehen hatten“, erklärte Z. „Deshalb unterhielten sie sich alle auf dem Gelände der Krankenstation und tauschten sich aus.“

Diese Ansammlung stellte die israelische Armee als ein Treffen zahlreicher „Terroragenten“ beider Gruppierungen im Shifa-Krankenhauses dar, auf dass sie durch Berichte des Geheimdienstes hingewiesen worden seien. Nach der Razzia gab die Armee bekannt, dass sie 900 „Verdächtige“ festgenommen und bestätigt habe, dass 500 von ihnen „Terroristen“ seien, und dass sie 200 weitere „Bewaffnete“ getötet habe, darunter „Top-Kommandeure der Hamas und des PIJ“.

Die Belagerung beginnt

Z. sagte gegenüber Mondoweiss, er habe Minuten vor dem Angriff gehört, wie sich Armeefahrzeuge und Panzer dem Krankenhaus näherten. Er und sein Kollege waren ebenfalls im Al Shifa eingetroffen, um ihre Gehälter entgegenzunehmen.

„Als wir die Fahrzeuge hörten, sagte ich meinem Kollegen, dass wir sofort gehen müssten, weil ich dachte, sie könnten auf das Krankenhaus selbst zusteuern“, sagte Z. Er erklärte, dass jeder, der bei der Hamas-Regierung angestellt ist, von Israel als gesucht gilt. Sein Kollege hörte nicht auf ihn, weil er glaubte, dass die Armee stattdessen in ein nahe gelegenes Gebiet eindringen würde. „Er sagte mir, dass sie wahrscheinlich auf dem Weg in die Industriezone seien.“

Zunächst weigerte sich sein Kollege, die Stadt zu verlassen, doch als das Geräusch der Panzer näher kam, beschlossen beide, sofort zu gehen. Sie waren zwar beide Zivilisten ohne militärischen Hintergrund, aber beide waren Mitglieder der Hamas-Bewegung.

Wenige Augenblicke später begann die Invasion. Sie sahen die Panzer, die das Gelände umgaben, und die Ankunft von Quadcopter-Drohnen, die über dem Gelände schwebten. Im Handumdrehen war das gesamte Krankenhaus vom Land und aus der Luft belagert.

Ein anderer Überlebender, dem es gelungen war, aus der Anlage zu fliehen, sagte, dass die meisten Informationen über die Menschen, die sich in der Anlage versammelt hatten, von Informanten, Kollaborateuren und verdeckten israelischen Spionen an Israel weitergegeben wurden.

„In der Nacht der Invasion gab es zwei Straßenverkäufer, die immer am Eingang des Al Shifa-Krankenhauses saßen“, sagte der Überlebende gegenüber Mondoweiss. „Einer von ihnen verkaufte Wasser, der andere Lebensmittelkonserven. Als die Invasion stattfand, gaben sich die beiden Händler als Soldaten zu erkennen. Sie zogen Handfeuerwaffen und betraten mit anderen Soldat:innen das Krankenhaus und wiesen ihnen den Weg. Sie waren schon lange dort und wussten, wo sich alles befand.“

Der medizinische Komplex umfasste mehrere Gebäude, darunter Entbindungsstationen, spezialisierte Operationsgebäude und eine kardiologische Abteilung. Als die Soldat:innen das Gelände betraten, wurde allen befohlen, die Gebäude zu evakuieren. Drohnen mit Lautsprechern übertrugen die Befehle der Armee und forderten die Menschen auf, das Gebäude zu verlassen und sich im Innenhof zu versammeln.

„Die Drohnen sagten immer wieder: ‚Kommt raus, ihr Tiere'“, so Z gegenüber Mondoweiss.

Exekutionen von Ärzten und mutmaßlichen Regierungsangestellten

Als alle die Gebäude verlassen hatten, begann die Armee, die Menschenmassen in Gruppen aufzuteilen und jeder Gruppe verschiedenfarbige Plastikarmbänder anzulegen. Die Soldat:innen erklärten ihnen, dass diese Armbänder mit einem System verbunden waren, das Scharfschützen auf ihre Bewegungen aufmerksam machte. Die Armbänder wurden in zwei Farben eingeteilt: gelb für Krankenhauspersonal und Personen, die von der Armee als Zivilist:innen betrachtet wurden, und rot für Personen, die sich nicht selbständig bewegen konnten, wie Patient:innen, Verletzte, Amputierte oder Menschen mit gebrochenen Gliedmaßen.

Die Armee sammelte auch Personen, die verdächtigt wurden, der Hamas oder dem PIJ anzugehören. Sie erhielten keine Armbänder, wurden aber von den Verletzten und dem Krankenhauspersonal getrennt und in ein anderes Gebäude gebracht.

Eine dritte, viel größere Gruppe wurde aufgefordert, das Krankenhaus vollständig zu verlassen – Tausende von Vertriebenen, die auf dem Gelände Zuflucht gefunden hatten, sowie einige Mitarbeiter:innen des Krankenhauses. Einige der Mitarbeiter:innen, darunter auch Ärzt:innen, weigerten sich zu gehen. Als sie sich den Befehlen der Armee widersetzten, wurden sie sofort und ohne Diskussion hingerichtet.

Die Armee holte dann eine große Anzahl von Männern aus der Gruppe der mutmaßlichen Hamas- und PIJ-Mitglieder und -Mitarbeiter heraus und versammelte sie in der Mitte des Hofes. Dann wurden sie einer nach dem anderen hingerichtet. Als das Gemetzel vorbei war, türmten Bulldozer der Armee die Leichen zu Dutzenden auf, zogen sie durch den Sand und vergruben sie.

Währenddessen stürmten andere Soldat:innen verschiedene Gebäude des Geländes auf der Suche nach Menschen, die sich geweigert hatten, auf den ersten Befehl hin zu evakuieren. Sie töteten jeden, den sie fanden, da sie ihn als Verdächtigen betrachteten.

Im Krankenhaus gab es einige, die Widerstand leisteten und versuchten, das Feuer zu eröffnen, darunter auch Polizeibeamte mit Handfeuerwaffen. Es handelte sich um eine geringe Anzahl von Menschen, und ihr Widerstand rettete sie nicht – sie wurden zusammen mit denjenigen getötet, die keinen Widerstand leisteten.

Ein in den sozialen Medien veröffentlichtes Video, das ein Journalist im Krankenhaus aufgenommen hat, zeigt eine Ärztin, die sich als Amira Al Safadi identifiziert, bei der Beschreibung der Ereignisse.

„Nach dem ersten Tag des Angriffs, von dem wir um 2 Uhr morgens überrascht wurden, befahl uns die Armee, das Krankenhaus nicht zu verlassen, als sie einrückte“, sagt Dr. Safadi. „Am zweiten Tag gab sie uns dann die Armbänder und betonte, dass wir sie tragen müssten und dass jeder, der das Gebäude verlasse, ohne eines zu tragen, sofort getötet würde.“

„Wir wurden in vier verschiedene Gebäude geschickt“, fährt sie fort und schildert, dass sie zusammen mit anderen Ärzt:innen und Krankenpfleger:innen ihre Patient:innen versorgte. „Etwa 16 verletzte Patient:innen starben, weil wir sie nicht behandeln konnten.“

Als sich die Armee aus dem Al Shifa-Krankenhaus zurückzog, war die gesamte Anlage fast völlig zerstört, nur noch Schutt und verbrannte Gebäude.

Eines der „größten Massaker in der palästinensischen Geschichte“

Die NGO Euro-Med Human Rights Monitor bezeichnete das Massaker in Al Shifa-Hospital als eines der größten in der palästinensischen Geschichte und schätzt, dass mindestens 1.500 Menschen getötet wurden, von denen etwa die Hälfte Frauen und Kinder waren. Die Organisation bestätigt auch, dass mindestens 22 Patient:innen in ihren Krankenhausbetten erschossen wurden, während die Zahl der im Krankenhaus untergebrachten Vertriebenen, die nach Süden evakuiert werden mussten, auf 25.000 Menschen geschätzt wird. Darüber hinaus wurden 1.200 Wohneinheiten in der Umgebung des Al Shifa-Krankenhauses zerstört [auch dabei kamen zahlreiche Menschen ums Leben. Occupied News hat mit Betroffenen gesprochen, einer berichtete, wie seine Schwester und ihr Mann, die ganz in der Nähe des Krankenhauses lebten, von Soldat:innen erschossen und anschließend verbrannt wurden].

Trotz der Behauptungen der Armee über die strategische und militärische Bedeutung der Al Shifa-Operation und die Zahl der festgenommenen und getöteten mutmaßlichen Hamas- und PIJ-Mitglieder wurde der eigentliche Zweck der Operation in den Hintergrund gedrängt, nämlich die Zerstörung des Gesundheitssystems im nördlichen Gazastreifen und die Verschlimmerung der ohnehin schon katastrophalen humanitären Bedingungen. Das gesamte Gelände ist nun unbrauchbar. Sogar die Leichenhalle, in der sich unzählige Leichen der Getöteten befanden, wurde niedergebrannt.

Israels „Operation“ im Al Shifa-Krankenhaus war in der Tat ein Erfolg, und dieser Erfolg bestand darin, das größte Krankenhaus des Gazastreifens außer Betrieb zu setzen.

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