Kind in den Kopf geschossen & Angriff auf die Armee — Weekly Summary, 01.07.2022

Was in der Woche vom 23.-29.06.2022 im historischen Palästina passierte:

Getötet

Der Palästinenser Mohammad Maher Maree (25) aus dem besetzten Jenin wurde gestern, am 29. Juni, von Besatzungssoldat:innen getötet. Er stellte sich den Besatzer:innen entgegen, als diese erneut Jenin überfielen. Die militante Widerstandsgruppe “Palästinensischer Islamischer Jihad” veröffentlichte in einem Statement, dass sie um eines ihrer Mitglieder trauern.

Diese Woche verstarb das palästinensische Kind Mohammed Abdullah Salah Suliman, das von israelischen Soldat:innen, die in einem militärischen Wachturm im besetzten Dorf Silwad nordöstlich von Ramallah stationiert waren, direkt erschossen wurde. Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen bestätigen, dass die Besatzungsarmee ungerechtfertigterweise das Feuer auf das Kind aus einer Entfernung von 50 Metern eröffnete, als es sich auf der Straße befand. Das Kind wurde etwa 2h lang blutend zurückgelassen, während die Soldat:innen ihm erste Hilfe verweigerten. Palästinensische Krankenwagen wurden daran gehindert, ihn zu erreichen & die Armee eröffnete wahllos & heftig das Feuer auf Umstehende, um zu verhindern, dass sich jemand dem Kind näherte. Am Ende wurde es von einem israelischen Hubschrauber in ein Jerusalemer Krankenhaus gebracht, wo es für tot erklärt wurde.

Im Jahr 2022 wurden bei Angriffen der Besatzungsarmee bisher mind. 65 Palästinenser:innen im Westjordanland getötet, darunter 14 Kinder/Minderjährige & 5 Frauen, einschließlich der Journalistin Shireen Abu Akleh.

Westjordanland

Alltag: Zwischen dem 23. & 29.06.2022 fiel die israelische Besatzungsarmee 175 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat:innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Dabei wurden diese Woche 78 Palästinenser:innen willkürlich verhaftet, darunter 6 Kinder & 2 Frauen.

Im Jahr 2022 ist die israelische bisher 4.312 Mal gewaltsam in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich Jerusalem, eingefallen, wobei 2.776 Palästinenser:innen festgenommen wurden, darunter 279 Kinder/Minderjährige & 25 Frauen.

https://twitter.com/EyeonPalestine/status/1542391504848752640

Die Besatzungsgewalt & Landraub rief auch diese Woche zahlreiche Demonstrationen von Palästinenser:innen hervor. Die Proteste wurden erneut mit Gewalt der Besatzer beantwortet. Es kam zu zahlreichen Verletzten, darunter ein Rettungssanitäter & Kinder.

Der Sanitäter Anan Aliwi wurde durch eine Tränengasgranate, die von den Besatzungssoldaten bei der Niederschlagung eines palästinensischen Protestes im Dorf Beit Dajan östlich von Nablus abgefeuert wurde, im Gesicht verletzt.

Am 25. Juni wurden bspw. 5 Palästinenser:innen, darunter ein Kind, durch Gummigeschosse verwundet, nachdem die Besatzungsarmee den wöchentlichen Protest in Kafr Qaddoum niedergeschlagen hatte. Am selben Tag wurde eine ältere Frau von einem Tränengaskanister in den Fuß getroffen, als die israelische Armee einen von Dutzenden Bewohner:innen des Dorfes Kisan östlich von Bethlehem organisierten Protest gegen die Aktivitäten illegaler Siedler in der Nähe ihrer Häuser im Dorf unterdrückte. Auch am selben Tag wurde ein Palästinenser durch Soldat:innen in der Nähe eines Militärcheckpoints im Zentrum von Al Khalil (Hebron) durch scharfe Munition im Unterleib verletzt. Nur 2 Tage später wurden 2 Palästinenser in den Flüchtlingslagern von Jenin & Al Bireh durch scharfe Munition von einfallenden Soldat:innen verletzt.

Am heutigen Tag attackierte die israelische Armee zu dem die Beerdigung einer verstorben Frau im besetzten Beit Ommar.

Die Besatzungsgewalt ruft auch militanten Widerstand hervor. In der Nähe von Nablus überfielen bewaffnete Palästinenser:innen die israelische Armee & Siedler:innen aus dem Hinterhalt, als diese die Stätte des Joseph Grabs besuchten. Dabei wurden der Anführer der Besatzungsarmee im nördlichen Westjordanland zusammen mit zwei Siedlern verletzt. Seit der israelischen Besetzung des Westjordanlandes im Jahr 1967 ist es den Muslimen verboten, die für sie heilige Stätte zu betreten. Es liegt in der Nähe des Dorfes Balate, in dem die Armee & die Siedler in den letzten Monaten 8 Palästinenser getötet haben, weil sie gegen eine neue illegale Siedlung auf ihren Feldern protestierten.

Systematische Vertreibung der Palästinenser:innen zu Gunsten von Siedler:innen/Israelis:

Die Vertreibung & Zwangsenteignung von Palästinenser:innen ging auch diese Woche weiter. Die Besatzungsarmee zerstörte ein Wohnhaus & eine Wohnbaracke, wodurch eine Familie mit 2 Personen obdachlos wurde. Außerdem zerstörte die Armee eine gewerbliche Einrichtung, sowie landwirtschaftliche Infrastruktur, namentlich 3 Viehzelte & 11 Schuppen, ein nennenswerter wirtschaftlicher Schaden für die betroffenen palästinensischen Bauern.

Die UN bezeichnet diese Praxis als Kriegsverbrechen, Amnesty International, Human Rights Watch & weitere Menschenrechtsorganisationen sowie die UN zeigen, dass es sich um eine Praxis israelischer Apartheidspolitik handelt, um die Demographie im besetzten Westjordanland zu Gunsten jüdisch-israelischer Siedler:innen zu verschieben.

Seit Anfang 2022 hat die Besatzungsarmee 78 palästinensische Familien obdachlos gemacht, insgesamt 447 Personen, darunter 91 Frauen & 210 Kinder. Dies war das Ergebnis des Abrisses von 78 Häusern & 40 Wohnzelten durch die Armee. Diese zerstörte außerdem 52 weitere zivile Objekte (für Verwaltung, Bildung, Landwirtschaft, Medizin, Religion, etc.).

Siedlergewalt: Am 24. Juni 2022 marschierten israelische Siedler:innen durch das Dorf Kisan, östlich von Bethlehem, schrieben rassistische Parolen an die Wände & hissten die israelische Flagge auf dem Dach der Moschee des Dorfes.

Am 26. Juni 2022 griffen Siedler:innen aus der völkerrechtswidrigen Siedlung “Shilo” nordöstlich von Ramallah palästinensische Bauern an, die sich auf ihren Feldern zwischen den Dörfern Turmus Ayya & Al Mughayyir befanden. Außerdem wurden zwei Palästinenser schwer zusammengeschlagen & 2 Fahrzeuge in Brand gesetzt.

In diesem Jahr haben Siedler bisher 154 Angriffe auf Palästinenser:innen & ihr Eigentum im Westjordanland verübt.

Keine Bewegungsfreiheit auf eigenem Land: Im Westjordanland, einschließlich des besetzten Jerusalem, schränkt die israelische Besatzungsarmee weiterhin die Bewegungsfreiheit — ausschließlich — von Palästinenser:innen ein. Zusätzlich zu den 108 permanenten Militärcheckpoints richtete die Armee in dieser Woche 92 temporäre Militärcheckpoints ein.

Im Jahr 2022 hat die Besatzungsarmee zusätzlich zu 108 permanenten Militärcheckpoints bisher 2.098 temporäre Militärcheckpoints eingerichtet & 109 Palästinenser:innen an diesen willkürlich verhaftet.

Politische Gefangene

Der Gefangene Ahmad Manasra bleibt weiterhin in einem israelischen Gefängnis in Einzelhaft. Das beschlossen die israelischen Behörden. Die psychische Gesundheit des Gefangenen Ahmad Manasra hat sich so stark verschlechtert, dass er vor 2 Wochen in ein Gefängniskrankenhaus in Ramleh (Israel) gebracht werden musste. Ahmad ist ein zugrunde gerichtetes Kind. Er ist seit Beginn seiner Haft — er war erst 13 — immer wieder Folter & Isolationshaft ausgesetzt.

Sein Cousin beging 2015 einen (nicht tödlichen) Messerangriff auf zwei Siedler nahe einer illegalen Siedlung. Während dieser von einem Israeli erschossen wurde, wurde der erst 13-jährige Ahmad, der an der Tat nicht beteiligt war — wie israelische Gerichte bestätigten — von einem israelischen Mob verprügelt & anschließend mit dem Auto überfahren. Während der Junge mit einer Schädelfraktur anschließend blutend auf der Straße lag & um Hilfe rief, beschimpften ihn umstehende Israelis & brüllten “stirb du Sohn einer Hure!”

Israelische Beamte verhörten ihn später brutal & folterten ihn immer wieder. Obwohl er an der Tat nicht beteiligt war, wird er zu 12, später 9 Jahren Haft verurteilt. Die traumatischen Ereignisse sowie Monate der Einzelhaft haben seine Psyche derart geschädigt, dass er nun als junger Mann in Haft unter Schizophrenie leidet. Laut seinem Anwalt ist er hochgradig suizidal. Mehr Informationen zu seinem Fall gibt es hier:

Ein zugrunde gerichtetes Kind

Der palästinensische Gefangene Raed Rayan (27) befindet sich nach wie vor im Hungerstreik gegen seine Administrativhaft. Er hungert seit 86 Tagen für seine Freiheit, auch sein Gesundheitszustand ist lebensbedrohlich. Administrativhaft bedeutet Willkürhaft ohne Nennung von Gründen oder Beweisen & ohne Anklage oder Gerichtsurteil. Sie kann beliebig oft ohne Nennung von Gründen verlängert werden. Er wurde von den Besatzungsbehörden im Ofer-Gefängnis in Einzelhaft gehalten, um ihn unter Druck zu setzen, seinen Hungerstreik zu beenden.

Der verletzte Gefangene Mahmoud Al Dubee befindet sich seit 12 Tagen im Hungerstreik, um gegen harte Folter & medizinische Vernachlässigung durch die israelischen Besatzungstruppen zu protestieren. Der an Nierenversagen leidende Gefangene Jamal Zaid (63) hat aus Protest gegen seine Administrativshaft beschlossen, die Dialyse zu boykottieren.

Ca. 640 weitere Palästinenser:innen befinden sich aktuell in Administrativhaft in israelischen Besatzungsgefängnissen. Mittlerweile boykottieren über 500 von ihnen seit über 180 Tagen in Folge die Besatzungsgerichte, um ein Ende der Politik der Administrativhaft zu fordern. Die UN sowie zahlreiche Menschenrechtsorganisationen bezeichnen Israelis Praxis dieser Haft als illegal & menschenrechtswidrig.

Infografik Administrativehaft
Infograpfic Administrativehaft (Visualizing Palestine CC BY-NC-ND 4.0)

Der bewaffnete Arm der Hamas veröffentlichte diese Woche ein Video ihrer israelischen Geisel Hisham Alsayed, die sie seit 2015 in Gewahrsam der Organisation ist. Laut Hamas befindet er sich in einem schlechten Gesundheitszustand — das Video zeigt den Mann an medizinische Geräte zur Beatmung angeschlossen. Die Hamas wollte ihn im Austausch mit palästinensischen Patient:innen in israelischen Gefängnissen freilassen, was die israelische Regierung bisher ablehnt.

Während Israel & Human Rights Watch sagen, dass es sich bei ihm um einen Zivilist handelt, der an psychischen Störungen leidet, beharrt die Hamas, dass er ein Soldat ist. Hisham hatte einst den Gazastreifen durch eine Lücke im israelischen Zaun um das Gebiet betreten.

Freiluft Gefängnis Gaza

Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Sie ist völkerrechtlich illegal. Die 2.2 Mio dort lebenden Menschen Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollaboriertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird. Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten sind mehr als 62,2 % der Bevölkerung von Ernährungsunsicherheit betroffen. Laut der UN gilt der Gazastreifen aufgrund der Zustände als unbewohnbar.

Die wöchentlichen Angriffe auf Gazas Fischer durch israelische Kanonenboote gingen auch diese Woche weiter. 5 Mal wurde auf Fischerboote vor der Küste des Gazastreifens durch israelische Kanonenboote geschossen. Insgesamt wurden in diesem Jahr durch solche wöchentlichen Attacken schon 15 Fischer verletzt. Durch diese regelmäßigen Übergriffe auf Fischer ist die Fischerei-Industrie im Gazastreifen um über 50% eingebrochen.

Die israelische Armee fiel im Jahr 2022 stückweise 22 Mal in den östlichen Gazastreifen ein & nahm 65 Palästinenser:innen fest, darunter 41 Fischer, 23 Personen, die versuchten, den Grenzzaun zu überwinden sowie 3 Reisende die über den Grenzübergang Beit Hanoun “Erez” nach Israel oder ins Westjordanland reisen wollten.

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