Ein Keller in Gaza jenseits von Dostojewski

Ein Keller in Gaza jenseits von Dostojewski

Bild: Reuters/Ibraheem Abu Mustafa via Middle East Eye

Dieser Artikel von Yousef Fares erschien am 24.01.2024 in der Zeitung Al-Akhbar unter dem Titel „قبو «اليمني السعيد»: حياة تحت الصفر“. Hier veröffentlichen wir unsere deutsche Übersetzung.

Dieser Journalist aus Nordgaza dachte, er hätte in den letzten Wochen alles an Leid möglichem gesehen und erlebt, bis er den Keller des „Jemenitischen Krankenhauses“ in Jabalia sah

Man muss schon viel Mut aufbringen, um das Untergeschoss des Krankenhauses „Al Yamani Al Said“, das Jemenitische Krankenhaus, im Flüchtlingslager Jabaliya im Norden des Gazastreifens zu betreten.

Um ehrlich zu sein, hat dieser Ort außer dem Namen nichts mit einem Krankenhaus zu tun. Mit dem Bau des Krankenhauses wurde vor fast sieben Jahren begonnen, und alle Bauarbeiten wurden nach dem Ausbruch des saudi-arabischen Krieges gegen den Jemen eingestellt. Der Ort wurde mit dem Beginn der „Al Aqsa-Flut“ zu einem der größten und am stärksten überfüllten Schutzzentren im Norden des Gazastreifens.

Im Außenhof des Gebäudes werden Sie feststellen, dass es einen Wettbewerb um den Boden hier gibt, und zwar zwischen den Zelten der geflüchteten Menschen und den Gräbern der Getöteten, die beide jeden Tag mehr von der Gartenfläche verschlingen. Von dort aus führt Sie der Weg in eine Parallelwelt, in der mehr als 800 Menschen außerhalb der uns bekannten Geografie leben, nachdem sie in den peripheren Kampfgebieten der Stadtteile Beit Lahia, Beit Hanoun und der Beduinendörfer festsaßen und ihre Häuser bombardiert wurden. Als sie in Jemenitischen Krankenhaus ankamen, mussten sie feststellen, dass alle fünf oberen Stockwerke bereits mit Zehntausenden von Menschen vollgestopft waren, so dass sie keinen freien Platz mehr finden konnten, außer im Keller des Gebäudes.

Auf dem Weg in den Keller gibt es große Müllberge und Pfützen mit Abwässern.

Sie werden alles vergessen, was Sie über das Elend der Menschheit gelesen haben, zu dessen Füßen sich Raskolnikow, der Protagonist aus „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, demütig niederwirft. Sie werden sich daran erinnern, was für ein Luxus es war, bei den kleinen Details des Epos „Les Miserables“ von Victor Hugo zu erschaudern, denn es gibt kein größeres Elend als Hunderte von Familien, die auf dem Boden dieses Kellers ausgebreitet sind und im Schlamm ertrinken, in der Dunkelheit. Die Dunkelheit, die Feuchtigkeit, der Geruch der Verwesung und die Kranken, die sich in den engen Gängen drängen. Alles hier sagt einem, dass die Schrecken des Krieges draußen und sogar der Tod in all seinen Formen sehr barmherzig waren.

Nichts erreicht diesen Ort, kein Strom, kein Wasser und kein Sonnenlicht.

Wenn man ein paar Meter zwischen den Zelten des dunklen Kellers hindurchgegangen ist, muss man das Licht des Mobiltelefons einschalten, damit man nicht über seine Füße stolpert oder auf schlafende Kinder oder Tote tritt. Was die Zahl der kranken Kinder betrifft, so gibt es keinen klareren Hinweis auf ihren Zustand als das, was uns Umm Ahmad, eine vierzigjährige vertriebene Frau, über die Würmer erzählt hat, die aus den toten Körpern kommen, die auf den Straßen verwesen, und die jetzt aus der Wunde ihrer kleinen Tochter Shadha kommen.

Nichts erreicht diesen Ort: kein Strom, kein Wasser und kein Sonnenlicht. Dennoch überraschen die meisten Menschen hier die Zuhörer mit Worten des Segens und des Lobes. Die Wahrheit ist, dass Sie viel Zeit brauchen werden, um sich von dem Schock zu erholen, den Sie durch das Gesehene erlitten haben. Wer mehr als hundert Tage an diesem Ort verbracht hat, gibt einem das Gefühl, hier geboren zu sein. Als ich mich neben ihn setzen wollte, hob Abu Wafa beide Hände und wies mich an, mich nicht zu setzen, denn das Bett, auf dem sein Körper lag, war so schmutzig, dass er sagte: „Ich werde niemanden, weder Freund noch Feind, mit mir darauf sitzen lassen.“ Ich widerstand seinem Wunsch und setzte mich neben ihn: „Für dich, Herr, werde ich meinen Kopf dorthin legen, wo du deine Füße hinsetzt.“

Abu Wafa, ein älterer Mann von sechzig Jahren, verlor vier seiner Söhne bei dem Bombenangriff auf sein Haus im Dorf Umm Al Nasr. Seitdem beschloss er, die Erinnerung an ihren Tod zu verdrängen, indem er allen befahl, ihn nach seiner überlebenden Tochter Wafa, also Abu Wafa, zu nennen. Vor dem Krieg lebte er in einem geräumigen Haus neben einem Garten, der mit Jasmin und Zitrusfrüchten bepflanzt war. Er erzählt: „Wer mich jetzt in diesem Zustand sieht, wird denken, dass ich in meinem Leben noch nie einen guten Tag erlebt habe.“

„Bei Gott, wir sind die anständigsten, saubersten und elegantesten Menschen, aber das ist die Ungerechtigkeit der Zeit. Vor einem Monat bin ich fortgegangen und hierher gekommen. Ich will nicht gehen, bis dieser Krieg aufhört. Ich will nicht sehen, wie es den Menschen geht, und ich will nicht, dass die Leute meinen Zustand sehen“, so Abu Wafa. Es war eine Stunde, bevor ich gehen wollte. Die Menschen schenken den Journalist:innen keine große Aufmerksamkeit. Dies ist der einzige Ort, an dem uns niemand nach den neuesten politischen Nachrichten fragt. An der Kellertür, dort, wo die Sonnenstrahlen schmerzen, trafen wir Mayar, ein Mädchen, das Gott mit den schönsten Augen der Welt gesegnet hat. Sie lächelte uns an, als wir in einem Meer von Depressionen ertranken, und sagte: „Lacht nur, Herr… Oder sind sowohl die Dunkelheit des Kellers als auch Ihr trauriges Gesicht gegen uns?“

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