Kein sicherer Ort. Nirgends. — Daily Update 13.11.

Kein sicherer Ort. Nirgends

Den zweiten Tag in Folge kann die Zahl der Getöteten nicht mehr vollständig durch das Gesundheitsministerium erfasst werden. In den letzten Updates des Gesundheitsministeriums wird von 11 240 Getöteteten berichtet, darunter 4 630 Kinder. Mehr als 3250 Menschen werden demnach vermisst, ein großer Teil von ihnen ist unter Trümmern begraben. Darunter befinden sich etwa 17000 Kinder. Das Gesundheitsministerium warnte außerdem, dass in den nächsten Tagen (voraussichtlich Donnerstag) die Telekommunikations- und Internetinfrastruktur vollkommen zusammenbrechen wird, wenn Israel weiterhin die Zufuhr von Treibstoff blockiert.

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zerstörte Gebäuden in Khan Younis.

Kein sicherer Ort. Nirgends.

In den letzten zwei Tagen wurden erneut UN Einrichtungen, Schulen und Krankenhäuser von Israel angegriffen. In Bezug auf die Bombardierung einer Schule und eines von der UN genutzten Gebäudes bemerkte die UNRWA dazu: “Dieser Angriff ist ein weiterer Beleg dafür, dass es in Gaza nirgendwo sicher ist.” Gegenüber Al Jazeera bemerkte ein vertriebner Palästinenser: “Lassen wir einmal die Lebensmittel, das Wasser, den Strom und den Treibstoff beiseite; das Problem ist: es gibt keine Sicherheit. Uns wurde gesagt: Geht in den Süden, dort ist es sicher. Aber jeden Tag höre ich, dass mehr Krankenwagen ins Krankenhaus kommen, ich sehe mehr Menschen, die ihre Angehörigen zum Friedhof bringen, ich sehe mehr verletzte Kinder, mehr Menschen mit Amputationen. Wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen, der Norden ist nicht sicher, der Süden ist nicht sicher.”

Einige der israelischen Ziele der letzten 2 Tage:

11.11: Ash-Shabora Nachbarschaft (angeblich “sicherer” Süden) > 13 Tote, 15 Verwundete
11.11.: Schwedische Klinik im Ah-Shati Camp > Zahl der Toten unklar
11./12.11: Al Mahdi Krankenhaus > Zwei Ärzt:innen werden getötet
11./12.11.: Gebäude in der die Koordination des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, genutzt als Unterkunft für Vertriebene > Zahl der Toten unklar
11./12.11.: UNRW Schule in Beit Lahiya, genutzt als Unterkunft für 8 300 Vertriebene > Zahl der Toten unklar
12.11. Flüchtlingscamp Jabalia > 18 Getötete
12.11. Wohnhaus in Bani Suhaila (angeblich “sicherer” Süden) > 13+ Getötete, 20+ Verletzte
13.11. Khan Younis (angeblich “sicherer” Süden) wird zum dritten mal in 24 Stunden angegriffen > 2+ Getötete
13.11. Flüchtlingscamp Jabalia, massive Angriffe, 12 Häuser wurden komplett zerstört > 30+ Getötete, Menschen unter den Trümmern können nicht erreicht und evakuiert werden, da die Ausrüstung fehlt

Angriffe auf die Gesundheitsversorgung

Nach Angaben der UN mussten aufgrund der anhaltenden Bombardierungen und des Treibstoffmangels die Hälfte der Krankenhäuser inzwischen die Versorgung aufgeben. Für hunderttausende Menschen im Norden gibt es seit heute kein funktionierendes Krankenhaus mehr nachdem auch das al-Shifa und das al-Quds Krankenhaus den Betrieb weitgehend eingestellt haben. Eine Evakuierung der Patient:innen aus dem Krankenhaus musste abgebrochen werden, nachdem das israelische Militär den Konvoi trotz vorheriger Inspektion blockierte.

In den nördlichen Gebieten mussten alle Krankenhäuser infolge der israelischen Angriffe und der Blockade schließen. Das einzig verbleibende geöffnete Krankenhaus in Gaza Stadt ist damit Al-Ahli Krankenhaus, das bereits durch Luftangriffe beschädigt wurde. Das rote Kreuz berichtet, das Verschüttete und Verwundete im nördlichen Teil Gazas nicht erreicht werden können.

Am Nachmittag des 11. November griff Israel die Schwedische Klinik im Ash-Shati Camp aus der Luft an, die Zahl der Toten ist noch nicht klar. In der letzten Nacht griff Israel auch das Al Mahdi Krankenhaus in Gaza an, zwei dort arbeitende Ärzt:innen wurden getötet, während sie versuchten anderen das Leben zu retten. Heute wurde das Al Quds Krankenhaus massiv angegriffen, wie der palästinensische rote Halbmond berichtete.

In einem Tweet der israelischen Armee wurden Krankenwägen und Krankenhäuser zu “legitimen Ziel” erklärt. Der entsprechende Tweet wurde inzwischen gelöscht.

Seit dem Nachmittag des 11. November ist insbesondere das Shifa Krankenhaus unter Beschuss (wir berichteten). Die UN berichtet, dass drei Pflegekräfte direkt getötet wurden, die Sauerstoffleitung und Wasserversorgung, sowie die Herz- und Entbindungsstation wurden beschädigt. Das palästinensische Gesundheitsminiserium gab an, dass in den letzten drei Tagen mindestens 32 Patient:innen durch die Unterbrechung der Stromversorgung ihr Leben verloren hätten. Die Behauptung der israelischen Armee die Hamas habe eine angebotene Treibstofflieferung abgelehnt wurde inzwischen widerlegt. Netanyahu hatte argumentiert, dass der Treibstoff für militärische Zwecke eingesetzt werden sollte, was allerdings im Widerspruch zur Erklärung der Armee steht, dass dieser nicht abgeholt wurde. Der Direktor des al-Shifa Krankenhauses gab eine andere Erklärung: Die angebotene Menge hätte lediglich den Bedarf für 15–30 Minuten gedeckt. Sie hätte inmitten von Kriegsflugzeugen und Panzern durch das medizinische Personal abgeholt werden müssen. “Ehrlich gesagt: Das habe ich abgelehnt. Das Einsammeln des Treibstoffes ist sehr gefährlich, es gibt ständige Schüsse und Luftangriffe.” Zudem seien Scharfschützen um das Krankenhaus postiert, vier Menschen im Krankenhaus seien bereits durch Schüsse getroffen worden.

Gestern gab die Weltgesundheitsorganisation an, den Kontakt in das Shifa Krankenhaus verloren zu haben, den letzten Berichten zufolge sei das Krankenhaus von Panzern umrundet gewesen. Die WHO schrieb darüber hinaus: “Berichten zufolge wurde auf Fliehende geschossen, sie wurden verwundet und auch getötet”. Die Leichen von mindestens 100 Toten im Hof des Krankenhauses können nicht beerdigt werden. Heute Mittag berichtete Al Jazeera, dass sich noch etwa 650 Patient:innen, 500 Gesundheitsarbeiter:innen und 2 500 Vertriebene im Krankenhaus befänden. Ein UN Vertreter machte deutlich, dass eine Evakuierung der verbliebenen Patienten nur mit ausreichend ausgestatteten Krankenwägen überhaupt denkbar sei. Bislang müssen Menschen, die aus den nördlichen Gebieten fliehen mehrere Kilometer zu Fuß gehen.

Tödliche Blockade

Der Arzt Tom Potokar berichtet aus dem European Krankenhaus in Khan Younis, dass sie keine Blutreserven zur Versorgung Schwerstverwundeter hätten. Ein Arzt aus dem Al Ahli Krankenhaus berichtet, dass viele Menschen sterben, weil die nötige medizinische Ausstattung fehlt.

Der Arzt Ghassan Abu Sitta berichtet von extrem schmerzhaften Behandlungen, die — auch bei Kindern — ohne Betäubungsmittel durchgeführt werden. Bereits früher hatte die Weltgesundheitsorganisation davon berichtet, dass Amputationen teils ohne Narkosemittel durchgeführt werden müssen.

Alle staatlichen Brunnen im Gazastreifen sind aufgrund des Treibstoffmangels außer Betrieb. Im Süden können Vertriebene lediglich mit 1,5 Litern Trinkwasser pro Tag versorgt werden, im Norden gar nicht. Auch im Süden wird der Mangel an Nahrungsmitteln immer akuter. Weizenmehl, Milchprodukte, Eier und Mineralwasser sind vollständig aus den Regalen der Geschäfte verschwunden, auch Reis, Hülsenfrüchte und Pflanzenöl sind so gut wie aufgebraucht. Am Abend des 13.11. kündigte die UNRWA an, morgen keine Hilfsgüter empfangen zu können, da der Kraftstoff der Transportautos aufgebraucht sei.

Die Situation im Norden

Die UN geht davon aus, dass hundertausende Zivilisten im Norden um das Überleben kämpfen. Wassermangel, Hunger und die Ausbreitung von Krankheiten, durch den Genuss verschmutzen Wasserswerden zunehmend lebensbedrohlich. Die UN Berichten seit über einer Woche kein Wasser mehr an Vertriebene im Norden verteilen zu können, auch Nahrungsmittel gelangen keine in den Norden. Zehntausende versuchten weiterhin Richtung Süden zu fliehen und risikieren dabei ihr Leben.

Geiseln

Ein Sprecher der Hamas erklärte gegenüber Al Jazeera, dass Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch immer wieder an Israel scheiterten, da Israel wiederholt in letzter Sekunde die Bedingungen ändern würde. Am Abend des 13.11. gaben die Qassam Brigaden an eine weitere Geisel, eine Soldatin, sei durch einen israelischen Luftangriff getötet worden und veröffentlichten ein vor ihrem Tod aufgenommenes Video. Angehörige von Entführten kritisieren die israelische Politik, die auf eine Zerstörung Gazas zielt massiv.

Gebrauch ziviler Infrastruktur für militärische Zwecke

Die UNRWA gab an Berichte darüber erhalten zu haben, dass das israelische Militär Verhöre und Festnahmen von Vertriebenen in ziviler Infrastruktur, konkret einer Schule und einem Gesundheitszentrum durchgeführt habe. “In einem Gesundheitszentrum wurden Berichten zufolge fünf Menschen getötet. Den Berichten zufolge wurden die Vertriebenen anschließend gezwungen, die UNRWA-Einrichtungen zu verlassen und nach Süden in Richtung Wadi Gaza zu ziehen. Zeugen berichteten, dass die israelischen Streitkräfte dann die beiden Gesundheitszentren mit Artilleriefeuer beschossen haben”, sagte die Agentur und fügte hinzu, dass sie die Berichte überprüfe. “Sollte sich dies bestätigen, gibt die militärische Nutzung von UNRWA-Einrichtungen Anlass zu ernster Besorgnis, da dadurch Zivilisten ernsthaft gefährdet werden. Die Ausrichtung von Angriffen auf zivile Objekte stellt einen schweren Verstoß gegen das Völkerrecht dar. Insbesondere Gesundheitszentren genießen einen besonderen Schutz vor Angriffen.”

Westbank

Am 12. November starb ein Palästinenser, der bei einer Verhaftungsoperation des israelischen Militärs in Burqa (Nähe Nablus) verletzt wurde. Am Abend des 13.11. tötete die israelische Armee zwei Palästinenser in Tulkarem. Seit dem 7. Oktober tötete israelisches Militär im Westjordanland 174 Palästinenser:innen, darunter 46 Kinder.

Die israelische Armee hat nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums ein Krankenhaus in der Ortschaft Turmus Ayye in der Nähe von Ramallah gestürmt.

Die Siedlergewalt in der Westbank nimmt weiter zu. Seit dem 7.Oktober hat die UN 241 Angriffe durch Siedler:innen auf Palästinenser:innen registriert, das entspricht im Schnitt 6–7 Angriffen pro Tag. Ein Drittel dieser Angriffe erfolgt unter Anwendung von Schusswaffen. 8 Palästinenser:innen, darunter ein Kind, wurden seit dem 7. Oktober durch israelische Siedler getötet. In fast der Hälfte der Angriffe wurden die Siedler:innen durch israelische Soldaten begleitet oder sogar aktiv unterstützt.

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