Wie Israel versucht Journalist:innen zum Schweigen zu bringen — und ihre Familien tötet

Wie Israel versucht Journalist:innen zum Schweigen zu bringen — und ihre Familien tötet

Keine Zeit für Trauer: Nur einen Tag, nachdem der Chefredakteur von Al Jazeera Chefredakteur in Gaza seine Kinder, seine Frau und seinen Enkelsohn verabschieden musste, trat er heute wieder vor die Kameras. Seine Botschaft war klar: Ihr könnt uns nicht zum Schweigen bringen. Doch Journalist:innen in Gaza leben in Angst: Sie fürchten, dass ihre Familien angegriffen werden, als Strafe dafür, dass weil sie nicht bereit sind zu schweigen. Wir übersetzen einen Artikel von Mohammed El-Kurd, der auf Mondoweiss erschienen ist.

Wenige Tage nachdem Blinken forderte, die Berichterstattung des Senders solle ‚verringert‘ werden, tötet Israel die Familie eines Al-Jazeera Korrespondenten

Ein Artikel von Mohammed El Kurd, übersetzt von Occupied News

Der Chefredakteur von Al Jazeera in Gaza berichtete live aus Gaza, als ein israelischer Luftangriff seine Frau und zwei Kinder tötete. Jetzt haben auch andere Journalist:innen Angst, ihre Familien könnten das Ziel von Angriffen werden, nur weil sie ihrem Job nachgehen.

Wael El-Dahdouh, Al-Jazeera Chefredakteur in Gaza, berichtete gerade live, als ein israelischer Luftangriff das Gebäude im südlichen Gaza, in dem seine Familie Zuflucht suchte, traf und dabei seine Frau, Sohn, Tochter und Enkelsohn tötete.

Nur wenige Stunden zuvor hatte Axios einen Bericht veröffentlicht, wonach Außenminister Antony Blinken US-amerikanischen jüdischen Communityleadern berichtete, er habe Qatar gebeten, „den Umfang der Berichterstattung von Al-Jazeera“ über die israelische genozidale Kampagne im Gazastreifen „zu reduzieren“ und der Nachrichtenplattform vorwarf „anti-israelisch“ zu sein.

Mondoweiss hat Kontakt mit Journalist:innen in Gaza aufgenommen. Sie brachten ihre Sorgen zum Ausdruck, ihre Familien könnten Opfer von Bombardierungen als Strafmaßnahmen werden, nur weil sie ihrem Job nachgehen. „Ich habe das Gefühl, dass ich eine Gefahr für die Menschen um mich herum bin,“ gestand ein Journalist. „Ich hatte dieses Gefühl seit dem Beginn des Krieges, seit meine Stimme anfing, Gehör zu bekommen… Es sind so viele Unschuldige um mich herum, Menschen, die nichts mit mir, meinem Geschriebenen oder meiner Arbeit zu tun haben.“

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Beerdigung des Journalisten Mohamad Abu Khatab

Der Journalist, der aus Angst vor Vergeltung anonym bleiben will, sagte: „Die Familie von jemandem zu attackieren ist schmerzvoller als nur die Person selbst zu attackieren.“ „Vielleicht“, fügte er hinzu, „ist dies die Botschaft, die sie an alle Journalist:innen schicken wollen: ‚du bist nicht der oder die Einzige, die wir attackieren werden; wir können dein Herz verbrennen indem wir deine Familie attackieren und dich danach deines Willens zu leben berauben.‘“

Heute etwas früher erreichte Mohammed Farra, einen anderen palästinensischen Journalisten, die Nachricht, dass seine Frau und Kinder in einem israelischen Luftangriff auf Khan Yunis getötet wurden, während er in Ramallah stationiert war, viele Meilen und Checkpoints entfernt von Gaza.

„Jeder Person, deren Stimme gehört wird oder die internationale Aufmerksamkeit bekommt, wird ein Preis auferlegt,“ erzählte der Journalist Mondoweiss. „Man kann die heftige Überwachung von allem, was aus Gaza kommt, spüren. Und wenn irgendjemand irgendetwas sagt, sogar nur einen Satz oder ein Wort, was Israel nicht gefällt, wird diese Person attackiert und ihre Familie angegriffen.“

Dieser Bericht stimmt mit den Attacken auf Studierende, Aktivist:innen, und alltäglichen Social Media Nutzer:innen im besetzten Jerusalem und den 1948er-Gebieten überein, die sie aufgrund ihrer Social Media Posts der Volksverhetzung beschuldigt werden.

Seit dem 7. Oktober hat Israel 20 Journalist:innen in Gaza und einen libanesischen Journalisten in Südlibanon getötet.

Auf Videoaufnahmen ist El-Dahdouh, ein erfahrener Reporter, zu sehen, wie er auf dem Boden kniet und das blutverschmierte Gesicht seines 15-jährigen Sohns, Mahmoud, streichelt, der selbst Journalist werden wollte. „Sie rächen sich an unseren Kindern,“ sagte Dahdouh, umgeben von Kollegen. Weitere seiner Familienmitglieder liegen noch unter den Trümmern.

Während dem Mondoweiss Gespräch mit dem Journalisten aus Gaza, erinnerte dieser sich an ein englischsprachiges Video, das Dahdous verstorbene Kinder erst kürzlich gedreht und online geteilt hatten. „Sie beschrieben was gerade in Gaza passiert. Sie sprachen darüber, wie ganze Nachbarschaften zerstört wurden und niemand irgendwo sicher ist. Sie fragten, was das internationale Recht und die Menschenrechte dazu zu sagen haben. Und sie beendeten ihr Video mit einer Botschaft: ‚Helft uns am Leben zu bleiben.‘ Die Welt hat sie im Stich gelassen.“

In Qatar weinte ein Al-Jazeera Nachrichtensprecher, als er die Nachricht verkündete, dass die gesamte Familie seines Kollegen in einem Luftangriff des Nuseirat Flüchtlingscamps getötet wurde, im Herzen des belagerten Küstenstreifens, wo Dahdouh und seine Familie Zuflucht suchten.

Die Familie wurde aus dem Norden Gazas vertrieben, nachdem ihre Nachbarschaft bombardiert wurde. Wie 1,4 Millionen weitere Palästinenser:innen, flohen sie nach Drohungen des israelischen Militärs, dass diejenigen, die im Norden der Enklave bleiben würden, als „Angehörige einer Terrororganisation behandelt werden“ könnten. „Eure Anwesenheit im nördlichen Gaza-Tal erhöht die Wahrscheinlichkeit getötet zu werden,“ war auf tausenden Flugblättern zu lesen, die von israelischen Kampffliegern über Gaza abgeworfen wurden.

Es wurde berichtet, dass 43 Prozent der Gebäude im Gazastreifen durch israelischen Beschuss beschädigt oder zerstört wurden. „Dies ist das ‚sichere‘ Gebiet von dem die Besatzungsarmee sprach,“ sagte El-Dahdouh Medienvertreter:innen vor dem Al-Aqsa Märtyrerkrankenhauses in Deir el-Balah.

„[Dahdouh’s Kinder] versuchten ihren Stimmen Gehör zu verschaffen und Israels Verbrechen zu entlarven. Ganz ehrlich: das erschreckt mich. Aktuell erreicht meine Stimme Menschen und ich bekomme eine große Zahl an Antworten von Israelis auf meine Twitterposts. Sie greifen mich persönlich an und sagen, sie hätten nicht mal angefangen,“ berichtet der Journalist in Gaza Mondoweiss.

Das Al-Jazeera Nachrichtennetzwerk verurteilt „den rücksichtlosen Angriff der Besatzungsstreitkräfte, der im tragischen Verlust von [Dahdouhs] Frau, Sohn und Tochter resultierte, während seine restliche Familie unter den Trümmern begraben wurde.“

Am Ende des Gesprächs erzählte der anonyme Journalist Mondoweiss: „Wenn der Preis dafür, der eigenen beruflichen Pflicht oder journalistischen Pflicht in Gaza nachzukommen bedeutet, seine ganze Familie zu verlieren, dann, habe ich das Gefühl, dauert es nicht mehr lang bis die meisten Journalist:innen ihre Jobs für die Sicherheit ihrer Familien aufgeben.“

„Ich beginne zu denken, dass ich vielleicht wirklich eine Gefahr für ihre Leben darstelle, und für mein Leben auch, aber wie ich Ihnen gesagt habe, wenn du dein Leben verlierst, spürst du es nicht. Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht.“

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