Iran holt zum Gegenschlag aus

Iran holt zum Gegenschlag aus

Iranische Geschosse am Himmel über Tel Aviv(Reuters/via News18)

Iran warnt Israel und die USA vor einer „harten Reaktion“ im Falle eines Vergeltungsschlags

Erstmals hat Iran Israel direkt angegriffen. Mehr als 300 Drohnen und Raketen wurden vergangene Nacht aus dem Iran, aber auch dem Irak, dem Jemen und Libanon auf Israel abgefeuert.

Der Angriff Irans war eine Reaktion auf Israels Luftangriff auf die iranische Botschaft in Damaskus, Syriens Hauptstadt, am 01. April dieses Jahres. Bei diesem Angriff auf Irans diplomatische Vertretung kamen nach offiziellen Angaben 7 Menschen, darunter 2 hochrangige Militärangehörige ums Leben.

Der iranische Außenminister Hossein Amir-Abdollahian bezeichnete diesen Angriff als „Verstoß gegen alle internationalen Verpflichtungen und Konventionen“. In einer separaten Erklärung sagte der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Nasser Kanani, der Iran behalte sich das Recht vor, zu reagieren und werde über die Art der Reaktion und die Bestrafung des Angreifers entscheiden“. Der syrische Außenminister Faisal Mekdad verurteilte den „terroristischen Angriff“.

Der Angriff auf das iranische Konsulat in Damaskus war nach iranischer Auffassung ein Angriff auf iranischen Boden. Gemäß der Wiener Konvention von 1961 dürfen keine diplomatischen Einrichtungen, Botschaften oder Konsulate angegriffen werden.

Der gestrige Raketenangriff war eine Vergeltungsaktion. Laut iranischen Angaben sei diese nach der UN-Charta völlig legitim. Artikel 51 der UN-Charta besagt, dass das inhärente Recht auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung im Falle eines bewaffneten Angriffs auf einen Mitgliedstaat der Vereinten Nationen durch nichts beeinträchtigt werden darf.

Nach dem Iran vergangene Nacht verkündet hatte, dass Drohnen gen Israel unterwegs seien, wurde außer dem israelischen auch der Luftraum über Jordanien, Irak und dem Libanon vollständig gesperrt. In Syriens Hauptstadt waren nach Berichten von Augenzeugen, die mit Occupied News sprachen, überall Luftsirenen zu hören, es wurden israelische Vergeltungsschläge sowie potentielle iranische Querschläger in Damaskus befürchtet.

Die de facto den Nordjemen regierenden Ansarollah schlossen sich dem iranischen Beschuss an, auch aus dem Libanon heraus hat sich die Hisbollah beteiligt. Als die ersten Geschosse Israel erreichten, ertönten überall die Alarmsirenen. Es war der bisher größte Angriff auf Israel in dieser Art.

Am heutigen Sonntag meldete Israel geringe Schäden und öffnete seinen Luftraum nach dem beispiellosen direkten Angriff wieder. Die israelische Armee erklärte, sie hätten mehr als 99% der iranischen Drohnen und Raketen abgeschossen. Laut israelischen Medienberichten soll das Abfangen der iranischen Geschosse etwa eine Milliarde Dollar gekostet haben. Der israelische Luftraum ist wieder geöffnet. Der Genozid in Gaza geht ungehindert weiter. Auch während des iranischen Angriffs wurde die Bombardierung der belagerten Küstenenklave fortgesetzt.

Es liegen keine Berichte über Todesopfer vor. Jedoch soll ein 10-jähriger Beduinenjunge aus dem Naqab /Negev (Südisrael) verletzt worden sein. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die indigene Bevölkerung des Naqab, obwohl sie israelische Staatsbürgerschaft besitzen, über keine Luftschutzräume verfügen, wie sie im Rest des Landes üblich sind, geschweige denn über eine normale Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung. Israel versucht seit Jahrzehnten gewaltsam die einheimische Bevölkerung von hier zu vertreiben und verweigert ihnen Grundrechte, wie sie andere israelische Staatsbüger:innen genießen. Im Fall von Luftangriffen kommt es daher immer wieder im Naqab unter „palästinensischen Israelis“ zu Verletzten und Toten.

Das Video zeigt, wie vergangene Nacht die Ramon Air Force Base in der Wüste Naqab/Negev getroffen wurde

Der Iran hat Israel vor einem größeren Angriff auf sein Territorium gewarnt, sollte es sich an den nächtlichen Drohnen- und Raketenangriffen Teherans rächen, und fügte hinzu, dass die Vereinigten Staaten eine israelische Militäraktion nicht unterstützen sollten.

„Wenn das zionistische Regime [Israel] oder seine Unterstützer:innen ein rücksichtsloses Verhalten an den Tag legen, werden sie eine entschlossene und viel stärkere Antwort erhalten“, sagte der iranische Präsident Ebrahim Raisi heute in einer Erklärung. Der iranische Militärchef sagte, dass der nächtliche Angriff „alle seine Ziele erreicht“ habe und fügte hinzu, dass US-Stützpunkte bedroht seien, falls sie eine israelische Vergeltung unterstützen.

Unterdessen warnte der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant in einer im Fernsehen übertragenen Erklärung, dass die Konfrontation mit dem Iran „noch nicht vorbei“ sei. Der israelische Fernsehsender Channel 12 zitierte einen ungenannten israelischen Beamten mit den Worten, es werde eine „deutliche Antwort“ auf den Angriff geben. Israels oberster Militärsprecher, Konteradmiral Daniel Hagari, bezeichnete das iranische Vorgehen ebenfalls als „sehr schwerwiegend“ und sagte in einer im Fernsehen übertragenen Besprechung, dass es „die Region zur Eskalation treibt“.

Trotz der Rhetorik meint Farzan Sabet, ein iranischer Analyst und leitender Forscher am Global Governance Centre in Genf, die Erklärungen aus dem Iran böten den gegnerischen Parteien die Möglichkeit, von einer größeren Konfrontation Abstand zu nehmen. Er wies daraufhin, dass Israel mit einer „weitgehend symbolischen und nicht oder nur geringfügig tödlichen Antwort“ eine mögliche Ausweichmöglichkeit habe. Angesichts der „historisch niedrigen Bedrohungstoleranz und der Praxis unverhältnismäßiger Reaktionen“ Israels seien jedoch weitere Vergeltungsmaßnahmen und Eskalationen zu erwarten, so Sabet in einer auf X veröffentlichten Analyse.

Es sei an dieser Stelle ebenfalls erwähnt, dass Iran Waffen wählte, die Israel mehrere Stunden Zeit gaben, sich auf den iranischen Angriff vorzubereiten.

Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock verkündete heute, der Iran habe den Nahen Osten an den „Rand des Abgrunds“ gebracht. Nicht der Genozid in Gaza, und auch nicht die israelischen Angriffe auf Syrien, Libanon oder iranische Konsulate. Auch nicht die zahlreichen Angriffe Israels auf iranische Militärbasen oder die Ermordungen von Armeeangehörigen, auch innerhalb Irans, in den vergangenen Jahren. Bundeskanzler Olaf Scholz verurteilte die „schwere Eskalation“, betonte die „Solidarität“ Berlins mit Israel und rief zur Zurückhaltung auf. Bei einem Besuch in China sagte er vor Reporter:innen: „Wir können nur an alle appellieren, insbesondere an den Iran, diesen Weg nicht weiter zu gehen.“

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