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“Ich weiß nicht, ob ich in einem Krankenhaus bin oder in einem Flüchtlingslager”

Heute ist der 27. Tag, an dem Gaza ohne Unterbrechung angegriffen wird. Bis gestern 14 Uhr wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza 8805 Palästinenser:innen in Gaza getötet, 3648 davon Kinder. Gestern wurden zum zweiten Mal inerhalb von 6 Tagen alle Kommunikationskanäle unterbrochen, die Sperre hielt von etwa 3 Uhr morgens bis 11.15 vormittags an. Mehr als 1,4 Millionen Menschen in Gaza haben nach Angaben der UN ihr Zuhause verloren, das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung Gazas. Bis zum 26. Oktober haben 192 palästinensische Familien zehn oder mehr Mitglieder verloren, 136 palästinensische Familien haben sechs bis neun Mitglieder verloren und 444 Familien haben zwei bis fünf Mitglieder verloren, so das Ministerium.

Foto: Hassan Aslih, QNN

In der Westbank wurden zwischen dem 31. Oktober und 2. November 7 Palästinenser:innen getötet, darunter zwei Kinder. Damit steigt die Zahl der in der Westbank getöteten Palästinenser:innen auf 132, darunter 37 Kinder.

Bomben ohne Ende

Die Bombardierung hält ununterbrochen an. Eine Grafik von Al Jazeera zeigt die Zerstörung, die Israel umgerechnet auf eine Stunde in Gaza anrichtet:

Nach dem Massaker in Jabalia vor zwei Tagen, wurde das Flüchtlingscamp gestern und heute zwei weitere Male bombardiert.

Bei dem Angriff am 31.10. wurden laut Regierungsangaben in Gaza 195 Palästinenser:innen getötet, 777 verwundet und 120 weitere Menschen werden noch vermisst. Gestern gab Hamas bekannt das auch 7 israelische Geiseln durch den Luftangriff auf Jabalia getötet wurden. Zuvor hatten sie bereits gemeldet, dass weitere 50 israelische Geiseln durch israelische Luftangriffe getötet wurden.

Einige der tödlichsten Angriffe der letzten Tage:

> Am 31. Oktober trifft ein israelischer Luftangriff das neunstöckige Gebäude “Mohandessin Tower” im Flüchtlingscamp An Nuseirat. 45 Palästinenser:innen werden getötet.

> Am ersten November gegen 13 Uhr Ortszeit wird das Jabalia Flüchtlingscamp schwer bombardiert. Mehrere Wohngebäude werden zerstört, Dutzende getötet.

> Ebenfalls am 1. November gegen 4.15 werden zwei Gebäude in Khan Yunis bombardiert. 12 Palästinenser:innen werden getötet und 40 weitere verletzt.

> Am 2. November wurde die Tal al-Hawa Nachbarschaft mit Bomben und Panzern angegriffen, die Zahl der Toten ist noch unklar. Wafa berichtet, dass Krankenhäuser keinen Zugang zu dem Gebiet hätten.

> Am 2. November wurde die UNRWA Schule “Abu Hussein” im Flüchtlingscamp Jabalia bombardiert, mindestens 12 Menschen wurden getötet. In der Schule hatten hunderte Vertriebene Schutz gesucht.

https://twitter.com/RamAbdu/status/1720020237272199274

Während tausende Menschen noch unter den Trümmern begraben liegen und auf Rettung hoffen, fehlt dem palästinensischen Katastrophenschutz Treibstoff, um seine Aufgabe zu erfüllen.

(K)ein Kriegsziel — Gesundheitsversorgung unter Beschuss

14 von 35 Krankenhäusern im gesamten Gazastreifen sind durch Bombardierungen und den Treibstoffmangel nach Angaben der UN nicht mehr funktionsfähig. 71% (51/72) aller Gesundheitseinrichtungen in Gaza sind außer Betrieb. Weiterhin lässt Israel keinen Tropfen Treibstoff in den Gazastreifen. Ein Sprecher des palästinensischen Gesundheitsministeriums gab gestern eine finale Warnung aus: Die Hauptgeneratoren im al-Shifa Krankenhaus und dem Indonesischen Krankenhaus, zwei der wichtigsten Krankenhäuser Gazas seien nur noch wenige Stunden von einem kompletten Shutdown entfernt. Die Bevölkerung wurde dazu aufgerufen, alle Treibstoffreste an die Krankenhäuser zu spenden. Nach Angaben der Krankenhausleitungen besteht in diesen Krankenhäusern für 42 Kinder an lebenserhaltenden Geräten, 62 Patient:innen an Beatmungsgeräten und 650 mit Nierenversagen akute Lebensgefahr im Falle eines Stromausfalls.

Ein Video von einem Mitarbeiter des Shifa Krankenhauses zeigt Verwundete die in dunklen Krankenhausfluren auf dem Boden liegen. Während er durch Gänge mit Verwundeten und Vertriebenen geht kommentiert er: “Ich habe nichts um die kalten Körper dieser Kinder zu heilen…Ich weiß nicht, ob ich in einem Krankenhaus oder in einem Flüchtlingslager bin”.

Heute Nacht fiel der Hauptgenerator des Indonesischen Krankenhauses endgültig aus. Das Krankenhaus ist nun gezwungen, einen Notstromgenerator zu verwenden, um zumindest die Intensivstationen versorgen zu können. Belüftung und Klimaanlage sind ausgefallen . Auch die Kühlschränke, mit denen die Leichen gekühlt werden, funktionieren nicht. Offiziell heißt es, dass das Krankenhaus noch einige Tage lang teilweise mit dem Notstromaggregat arbeiten kann, bevor es komplett geschlossen werden muss. Hani Mahmoud berichtet aus Khan Younis: “Wir wissen nicht, wie lange sich das Krankenhaus selbst versorgen kann. Wir rechnen jederzeit damit im Laufe des Tages die Ankündigung einer vollständigen Schließung des Krankenhauses zu hören. Das wäre eine Katastrophe. Das Krankenhaus wäre eine große Leichenhalle.” In dem Krankenhaus liegen alle Verwundeten der Angriffe auf das Jabalia Flüchtlingscamp. Aktuell arbeitet das Krankenhaus unter dem 50fachen seiner Kapazitäten.

Am 1. November ging auch dem Türkisch-Palästinensischen Freundschaftskrankenhaus in Gaza Stadt nach Angaben der UN endgültig der Treibstoff aus. Das Krankenhaus musste den Betrief weitgehend einstellen. 70 dort behandelte Krebspatienten sind damit in Lebensgefahr.

Um 20 Uhr des gestrigen Tages griff Israel das Al Hilo Krankenhaus in Gaza Stadt an. Das Krankenhaus hatte die Entbindungsstation des Shifa Krankenhauses übernommen.

Das rote Kreuz berichtet, dass die israelische Armee mehrere Stunden lang intensiv um das Al-Quds Krankenhaus bombardierte, auch heute wurden die Angriffe fortgesetzt.

Krankenhausmitarbeiter:innen und mehr als 14 000 Vertriebene, die dort Schutz suchen gerieten teilweise in Panik:

Der palästinensische rote Halbmond gab an, die Zahl der Krankenwägen aus Mangel an Treibstoff reduzieren zu müssen. Verwundete werden teils auf Pferdefuhrwerken in die verbleibenden Krankenhäuser transportiert.

Unter schwersten Bedingungen arbeitet Klinikpersonal weiter, um Leben zu retten. Immer wieder kommt es vor, dass sie iher eigenen Eltern, Geschwister oder Kinder auf der Trage sehen, wie in diesem Video die Ärztin Dr. Ghada Abu Eida die während der Arbeit unterbrechen muss, weil ihre Tochter verwundet ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Blockade und Grenzübergänge

Gestern gegen 11 Uhr wurde der Grenzübergang Rafah zwischen Gaza und Ägypten zum ersten Mal seit dem 10. Oktober für Menschen geöffnet. Der Grenzübergang ist eine lebenswichtige Verbindung zwischen dem unter Blockade stehenden Gazastreifen und dem Rest der Welt. Er war geschlossen worden nachdem Israel den Grenzübergang mehrfach bombardiert während Geflüchtete sich darin befanden die daraus hofften, einen Ausweg aus Gaza zu finden.

Nach UN Angaben konnten 81 verwundete Palästinenser:innen in ein ägyptisches Feldkrankenhaus evakuiert werden, 345 Menschen mit ausländischen Pässen konnten den Gazastreifen verlassen. Ägypten kündigte an etwa 7000 weitere Personen mit doppelter Staatsangehörigkeit ausreisen zu lassen.

10 Lastwagen mit Wasser, Essen und Medikamenten überquerten gestern den Grenzübergang. Die Einfuhr von Treibstoff, der für den Betrieb lebensrettender Geräte dringend benötigt wird, bleibt weiterhin verboten. Der Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen, Martin Griffiths, erklärte am 1. November die Lastwagen mit Hilfsgütern stellten “zwar eine geringe Linderung” dar, würden “aber bei weitem nicht ausreichen”.

Eine von drei Wasserleitungen wurde am 31. Oktober das erste Mal seit dem 8. Oktober wieder in Betrieb genommen. Eine andere Wasserleitung, die Khan Younis mit Wasser versorgte wurde am 30. Oktober aus unklaren Gründen unterbrochen und nicht wieder hergestellt.

Da auch 11 Bäckereien durch Bomben zerstört werden, haben die Menschen zunehmend Schwierigkeiten an Brot zu kommen. Menschen stehen stundenlang in Schlangen an, wo sie der Gefahr von Luftschlägen ausgesetzt sind.

Westjordanland

Auch im Westjordanland tötet die Besatzungsmacht weiter. Vom 31. Oktober bis zum Nachmittag des 1. November wurden 5 Palästinenser im Westjordanland getötet, darunter ein Kind. Heute wurde ein Palästinenser in Ramallah und ein 15 jähriger Junge in Qalqilya getötet. Damit stieg die Zahl der seit dem 7. Oktober in der Westbank getöteten Palästinenser:innen auf 132, darunter 37 Kinder.

Die Nachrichtenagentur Wafa meldet, dass Magdy Zakaria Youssef, 65 Jahre alt und geistig eingeschränkt, heute in Tulkarem von israelischen Soldaten erschossen wurde. Kurz zuvor wurde der erst 16 jährige Abdullah Muhammad Hassan Muqbel in der Nähe von Hebron erschossen.

Im Norden des Westjordanlandes wurde ein israelischer Mann mit Schusswunden tot in seinem Auto gefunden. Israel blockierte daraufhin die Verkehrsverbindungen in der Gegend und begann eine Suche nach den Tätern.

In zahlreichen Städten des Westjordanlandes kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Palästinenser:innen und dem Militär.Heute Nacht wurde die Stadt Nablus gestürmt. Auch in Jenin führte Israel gestern erneut eine Invasion durch (es war die vierte Invasion innerhalb von zehn Tagen). Eingesetzt wurden neben Bulldozern und gepanzerten Militärfahrzeugen auch Apache Hubschrauber und Luftschläge mit Drohnen. Straßen wurden aufgerissen und sind mit dem Auto kaum noch passierbar, Wasserleitungen beschädigt:

Die Soldat:innen schossen mit Schockgranaten, Tränengas und scharfer Munition auf zahlreiche Gebäude. Drei Personen wurde getötet, damit war die Invasion in Jenin am 1. November einer der tödlichsten Militäreinsätz im Westjordanland seit dem 7. Oktober. mehrere Personen wurden verhaftet, darunter Jamal Haweel, ein Dozent an der Arab American University.

Insgesamt wurden vom 31 Oktober bis zum 2. November mindestens 130Palästinenser:innen in der Westbank und dem besetzten Ostjerusalem verhaftet. Damit steigt die Zahl der seit dem 7. Oktober Inhaftierten auf mindestens 1830. Gleichzeitig werden immer neue Videos öffentlich, auf der israelische Soldaten mit der Demütigung und Folter palästinensischer Gefangenen prahlen. Das UN Büro wertet diese Berichte als glaubwürdig und spricht von einer “weit verbreiteten, grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung von Gefangenen” in den israelischen Gefängnissen. Seit dem 7. Oktober sind zwei palästinensische Gefangene in israelischem Gewahrsam gestorben.

Vereinte Nationen

Craig Mokhiber, ein hochrangiger Menschenrechtsbeauftragter der Vereinten Nationen, trat am Wochenende wegen der Reaktion der Organisation auf die israelischen Angriffe auf Gaza zurück. Er forderte die UNO auf, an Israel dieselben Maßstäbe anzulegen, wie sie es bei der Beurteilung von Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern der Welt tun. In der Erklärung zur Niederlegung seines Amtes schrieb er: “Das derzeitige Massaker am palästinensischen Volk, beruht auf einer ethnisch-nationalistischen Kolonial- und Siedlerideologie. Es setzt die jahrzehntelange systematische Verfolgung und ethnische Säuberung des palästinensischen Volkes fort” .

In einem Interview mit Al Jazeera erklärte Craig Mokhiber: “Normalerweise ist der schwierigste Teil des Nachweises von Völkermord der Vorsatz, denn es muss die Absicht bestehen, eine bestimmte Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten. In diesem Fall wurde die Absicht der israelischen Führung so ausdrücklich und öffentlich erklärt — vom Premierminister, vom Präsidenten, von hochrangigen Kabinettsministern, von führenden Militärs -, dass es ein leichtes ist, dies zu beweisen. Es ist alles öffentlich.” Zuletzt hatte die Kneset Abgeordnete und ehemalige Ministerin Galit Distel getwittert: “Vernichtet ganz Gaza, so dass die Gaza-Monster zum südlichen Zaun fliehen und versuchen werden, in ägyptisches Gebiet einzudringen, sonst werden sie sterben und ihr Tod wird böse sein — Gaza sollte ausgelöscht werden!”

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