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16 Highlights aus dem Jahr 2021

Wir haben hier 16 “highlights” des vergangenen Jahres im historischen Palästina kurz zusammengefasst: Sowohl positive, als auch negative, die die aktuelle Situation in Nahost widerspiegeln. Die meisten davon hatten es nie in die Berichterstattung von Tagesschau, FAZ oder SZ geschafft.

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1. 60 Teenager verweigern den Dienst in der israelischen Armee

Zu Beginn des Jahres 2021 unterzeichneten dutzende israelische Teenager einen öffentlichen Brief, in dem sie den obligatorischen Militärdienst wegen Israels Politik der “Apartheid, des Neoliberalismus & der Leugnung der Nakba” ablehnten. Es ist der erste seiner Art, der über die Besatzung von 1967 hinausgeht & sich auf die systematische Vertreibung der Palästinenser:innen im Jahr 1948 im Zuge der israelischen Staatsgründung (Nakba) bezieht:

“… unsere Verweigerung ist ein Akt der Übernahme von Verantwortung für unsere Handlungen & deren Auswirkungen. Die Einberufung, genauso wie die Verweigerung, ist ein politischer Akt. Es ergibt keinen Sinn, dass wir, um gegen systemische Gewalt & Rassismus zu protestieren, zuerst Teil genau des Systems der Unterdrückung sein müssen, das wir kritisieren […] Man befiehlt uns, die blutbefleckte Militäruniform anzuziehen & das Vermächtnis der Nakba & der Besatzung zu bewahren. Die israelische Gesellschaft ist auf diesen verrotteten Wurzeln aufgebaut worden & das zeigt sich in allen Facetten des Lebens: im Rassismus, im hasserfüllten politischen Diskurs, in der Polizeibrutalität & mehr.”

Den vollständigen, sehr empfehlenswert zu lesenden Verweigerungsbrief sowie Hintergrundinfos zu den Teenagern hinter dem Brief & wie dieser zu Stande kam, findet ihr:

2. B’Tselem & Human Rights Watch: Israel praktiziert Apartheid

Nachdem 2020 schon eine der größten israelischen Menschenrechtsorganisationen, Yesh Din, in einem Bericht Israel als Apartheidsstaat bezeichnete, zogen 2021 nun die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem sowie die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) nach. Im Januar veröffentlichte B’Tselem einen Bericht sowie einen Artikel im britischen The Guardian mit dem Titel “Wir sind die größte Menschenrechtsgruppe Israels — und wir nennen das Apartheid”.

Im April 2021 veröffentlichte HRW einen Bericht, in dem sie israelischen Behörden vorwarf, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, nämlich Apartheid & Verfolgung, zu begehen. Diese Feststellung beruht auf der übergeordneten politischen Richtlinie der israelischen Regierung, die Vorherrschaft jüdischer Israelis über Palästinenser:innen aufrechtzuerhalten, sowie auf den schweren Verbrechen, die gegen Palästinenser:innen verübt wurden, die in den besetzten Gebieten, einschließlich Ost-Jerusalem, leben. Der 213-seitige Bericht „A Threshold Crossed: Israeli Authorities and the Crimes of Apartheid and Persecution“ zeigt dies ausführlich auf.

„Prominente Stimmen haben jahrelang davor gewarnt, dass es nur ein kleiner Schritt hin zur Apartheid ist, wenn Israel nicht von dem eingeschlagenen Weg zur Vorherrschaft über die Palästinenser:innen abweicht [..]. Diese detaillierte Studie zeigt, dass die israelischen Behörden diesen Schritt bereits hinter sich haben & heute die Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Apartheid & der Verfolgung begehen.“ — Kenneth Roth, Executive Director von HRW

Die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs sollte jene strafrechtlich ermitteln und verfolgen, die nachweislich in die Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Apartheid & der Verfolgung involviert sind, so HRW. Weiter: Andere Länder sollten dies im Rahmen ihrer eigenen nationalen Gesetzgebung nach dem Prinzip der universellen Gerichtsbarkeit ebenfalls tun & individuelle Sanktionen, einschließlich Reiseverboten & dem Einfrieren von Vermögen, gegen jene Offizielle verhängen, die für diese Verbrechen verantwortlich sind.

Die deutschsprachige Zusammenfassung sowie der vollständige englischsprachige Bericht „A Threshold Crossed: Israeli Authorities and the Crimes of Apartheid and Persecution“ (mit Erklärvideos) von HRW

Der Bericht von B’Tselem sowie unsere deutschsprachige Übersetzung ihres Guardian-Artikels

3. Internationaler Strafgerichtshof gibt grünes Licht für Ermittlungen zu Kriegsverbrechen im besetzten Palästina

Im Februar 2021 wurde die letzte Hürde für eine internationale Untersuchung von Kriegsverbrechen im besetzten Palästina genommen. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag (IStGH) hat dem Antrag der Chefanklägerin auf Eröffnung eines Verfahrens wegen Kriegsverbrechen in den besetzten palästinensischen Gebieten, einschließlich Gaza, endgültig zugestimmt. Eine Blamage für Deutschland, das genau das aktiv verhindern wollte. Eine Katastrophe für Benjamin Netanjahu & Benny Gantz, denen nun bei Auslandsreisen weltweit Befragung & Verhaftung drohen. Netanjahu nennt die IStGH-Entscheidung “blanken Antisemitismus”. Der damalige Außenminister Steinmeier stellte im vergangenen Jahr immer wieder klar: Deutschland ist gegen eine Untersuchung möglicher Kriegsverbrechen durch den Internationalen Strafgerichtshof.

Die genauen rechtlichen Hintergründe & die beachtlichen Konsequenzen & Reaktionen zur Entscheidung des IStGH

4. Das Mai-Massaker in Gaza

Im Mai 2021 eskalierte Israel die Besatzungsgewalt, bis es erneut zum Krieg zwischen Israel & militanten palästinensischen Widerstandsgruppen in Gaza kam. Insgesamt kamen dabei im Gazastreifen 254 Menschen durch die 11-tägigen israelischen Luftangriffe ums Leben, darunter 66 Kinder & 39 Frauen. (Im Westjordanland töteten Soldat:innen & Siedler im gleichen Zeitraum 28 Palästinenser:innen, in Israel selbst gab es Lynchmobs gegen Palästinenser:innen mit isr. Staatsangehörigkeit.) Auf israelischer Seite verstarben durch palästinensischen Raketenbeschuss 6 Zivilisten, 2 Soldaten sowie 3 ausländische Arbeiter. Die UN fordert seitdem eine Untersuchung wegen Kriegsverbrechen durch Israel & Hamas, Deutschland stimmte dagegen. Die Ereignisse, die zum Beginn des Krieges am 10. Mai führten, könnt hier nachlesen

Die Nacht auf den 16. Mai war womöglich die schlimmste des 11-tägigen Kriegs. In dieser beschoss die israelische Armee u.a. mit F35- & F16-Bombern alle Gebiete des Gazastreifens mit Hunderten von Luftangriffen. Allein innerhalb einer Stunde wurden 100 Bombenabwürfe gezählt. Erneut wurden Familienhäuser angegriffen, die meisten Opfer waren Kinder & Frauen. Unter den Toten dieser Nacht befanden sich 16 Mitglieder der Familie Al Kolak, 8 der Familie Abu Al Oul (einer von ihnen ein Chefarzt), sowie 4 der Familie Eshkuntana. Der einzige Überlebende der Familie Al Kolak ist der 10-jährige Aziz. Ganze Familien wurden im Krieg 2021 ausgelöscht.

Am 15. Mai brachte sich der erst 14-jährige, traumatisierte Junge Hamza in Gaza um. Er verlor im Krieg 2009 seinen jüngeren Bruder, als dieser während des Fußballspielens von einem israelischen Luftgeschoss getötet wurde. 2012 verlor er seinen älteren Bruder, ebenfalls durch einen israelischen Angriff. In Israels Krieg gegen Gaza 2014 verlor er auch seinen Vater. Im Mai 2021 starb seine Mutter bei einem israelischen Angriff. Er stürzte sich kurz darauf aus dem 8. Stock eines Gebäudes

Während des Krieges blockierten die USA 3 Mal eine Resolution des UN-Sicherheitsrates, die einen Waffenstillstand forderte, gleichzeitig genehmigte die Biden-Regierung am 17. Mai mitten während des Bombenhagels den Verkauf von präzisionsgelenkten Waffen im Wert von 735Mio USD an Israel. Israel bedankte sich für die volle Unterstützung der USA, Deutschlands & der Niederlande für seine Militäroperation, der damalige deutsche Regierungssprecher Seibert nannte Israels militärisches Vorgehen im Mai “moderat” & “angemessen”

Einzelne Menschen aus Gaza berichteten nach dem Krieg von ihren Ängsten & Erlebnissen während des 11-tägigen israelischen Angriffs im Mai 2021 auf die seit 15 Jahren abgeriegelte Enklave.

“Als wir hörten, wie die Bomben immer näher kamen & mehrere Krankenwagen sich näherten, warfen wir uns Abschiedsblicke zu & umarmten uns dann herzlich” — Ibrahim Al Talaa (17).

Seine Geschichte & die weiterer Menschen aus Gaza haben wir für euch hier gesammelt

5. Elf Kinder während Trauma-Behandlung getötet

Der Norwegische Flüchtlingsrat berichtete, dass 11 von 66 Kindern, die durch die israelischen Luftangriffe im Mai auf den Gazastreifen getötet wurden, an seinem psychosozialen Programm teilnahmen, das ihnen helfen sollte, ihre Traumata durch Israels Krieg gegen Gaza im Jahr 2014 & darauf folgende, einzelne Luftangriffe, zu verarbeiten. Sie sind nun tot.

6. Zu Tode geängstigte Großmutter

Die wöchentlichen, gewaltsamen Überfälle & willkürlichen Razzien israelischer Soldat:innen auf palästinensischen Familien in deren Wohnungen & Häusern gingen 2021 unvermindert weiter. Sie alle sind ein Schock für die Betroffenen & alltäglicher Terror. Bei einer dieser Überfälle verstarb letztes Jahr die 67-jährige Rahma Khalil Abu Ahour. Sie erlag einem Herzinfarkt, den sie während der willkürlicher Razzia der Besatzungssoldat:innen im Haus ihres Neffen erlitt.

7. Knesset: Terroristen ziehen ins Parlament ein, Netanjahu geht, der noch rechtere Bennett kommt, Apartheid & Besatzung bleiben

In Israel gibt es seit 2021 eine neue Regierung. Diese soll die ersten beiden Jahre vom Vorsitzenden der Partei Yamina (Die Rechte), Naftali Bennett, geführt werden. Er steht politisch noch weiter rechts als Netanjahu, lehnt einen palästinensischen Staat kategorisch ab & wurde in der Siedlerbewegung politisiert. Ayelet Shaked, Bennetts Parteifreundin & 2015–2019 bereits Justizministerin, erhielt den Innenministerposten. Der deutsche Außenminister Heiko Maaß & sie bezeichnen sich als gute persönliche Freunde. Shaked ist für ihren Rassismus gegen Palästinenser:innen sowie Aufrufe zum Genozid bekannt.

Außerdem zogen mit der Partei “Jewish Power” Terroristen in die Knesset, dem israelischen Parlament, ein. Die Partei ist ideologisch dem Kahanismus verbunden, einer releigiös-extremistischen rassistischen Ideologie, die nichtjüdische Menschen versklaven oder vertreiben will & einen theorkratischen Ethno-Staat auf dem gesamten Gebiet des historischen Palästina sowie Teilen der Nachbarländer errichten will. Die Kahanistische Gruppe Kach, deren Nachfolger „Jewish Power“ ist, wird in der EU, den USA & Israel als terroristische Organisation eingestuft oder wird zumindest als solche bezeichnet. Der aktuelle Parteichef, Itamar Ben-Gvir, hat an seiner Wohnzimmerwand ein Portrait des israelischen Terroristen & Kahanisten Baruch Goldstein hängen, der 1994 in die Ibrahimi-Moschee im besetzten Al Khalil (Hebron) eindrang, 29 Palästinenser:innen erschoss & 125 weitere verletzte. Mehr zur Jewish Power-Partei & dem Kahanismus

8. Sheikh Jarrah — ein Lehrstück der ethnischen Säuberung

Die Ereignisse in Sheikh Jarrah bestimmten das ganze Jahr über die Nachrichten aus Palästina. Die dort lebenden Menschen sollen nach dem Willen der israelischen Regierung, des Obersten Israelischen Gerichtshofes sowie der Siedlerverbände ihre Häuser verlassen. Ein Paradebeispiel ethnischer Säuberung & israelischer Besatzungsgewalt, das gleichfalls Israels Apartheidscharakter offenbart. Wir haben die Hintergründe dazu im Mai zusammengefasst

9. “Spatenstich”: Ganzes Viertel wird für Bibelpark abgerissen

Nicht nur Sheikh Jarrah ist von ethnisch motivierter Zwangsvertreibung betroffen. Ein weiteres erschütterndes Beispiel im Jahr 2021 ist das Viertel Al Bustan/Silwan. Zahlreiche palästinensische Familien verlieren seit dem 19. Juli 2021 ihr Zuhause im besetzten Vorort Jerusalems. Sie werden zu Gunsten eines religiösen Themenparks in die Obdachlosigkeit getrieben — auf Gerichtsbeschluss der israelischen Besatzung. Obwohl dies völkerrechtswidrig ist, wüten hier seit dem die Abrissmaschinen & bewaffnete Einsatzkräfte

10. Ein Vater hungert für die Freiheit seiner Tochter

Eine berührende Schlagzeile im Jahr 2021 war diese: Ein Vater hungert für die Freiheit seiner Tochter. Die junge Journalistin wurde von der Besatzung in Administrativhaft genommen, das heißt willkürlich & ohne Nennung von Gründen, Beweisen oder Gerichtsurteil geschweige denn Anklage verhaftet. Aus Protest trat der Vater, selber politischer Gefangener in einem Besatzungsgefängnis, in den Hungerstreik

11. “Das ist eine Rückkehr zur Schule, die niemand verdient”

Als im September das neue Schuljahr im Westjordanland begann, attackierten israelische Soldat:innen in der ersten Schulwoche mehrmals palästinensische Schüler:innen. Die Besatzungsarmee feuerte Tränengaskanister auf “mindestens 8 Kindergärten & UNRWA-Schulen [darunter eine für Mädchen] im südlichen Teil des besetzten Hebron”, so die palästinensische Journalistin Maha Hussaini. Dies verursachte schwere Atemnot & Panik unter Panik unter den Kindern. Immer wieder werden Kinder auf dem Weg zur Schule oder auch während des Unterrichts Opfer von Soldatenwillkür.

“So traurig & schrecklich ist es, in Al Khalil (Hebron) im Westjordanland zur Schule zu gehen. Die Schule dieser Mädchen wurde von den israelischen Streitkräften mit Tränengas beschossen. Das ist eine Rückkehr zur Schule, die niemand verdient” — Bericht des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge (UNRWA).

12. Impfungleichheit

“Während sich Israel dafür feiern lässt, die höchste Impfrate weltweit vorweisen zu können, kämpfen die Palästinenser darum, wenigstens einige Dosen Vakzin egal welchen Herstellers für das medizinische Personal zu erhalten. […] Schon am 22. Dezember 2020, als die israelische Gesundheitsbehörde begann, die eigene Bevölkerung flächendeckend zu impfen, haben zehn israelische, palästinensische & internationale Gesundheits- & Menschenrechtsorganisationen von der Regierung Premier Netanjahus gefordert, Impfstoffe auch für die besetzten Gebiete bereitzustellen. Israel ist als Besatzungsmacht dazu nach Artikel 56 der IV. Genfer Konvention von 1949 verpflichtet”

Im Juni beschwerte sich der Pharmakonzern “Pfizer”, dass israelische Privatfirmen versuchten, Millionen ihrer Impfdosen an Drittländer zu verkaufen: Frankreich & den Niederlanden wurden mehr als 30 Millionen Dosen angeboten, der Schweiz rund 3 Millionen. Das widerspricht dem Deal des Pharmaunternehmens mit Israel. Israel hat die gesamte israelische Bevölkerung, auch in den Siedlungen, geimpft & darüber hinaus Impfdosen an andere Länder “im Tausch” gegen politische Entscheidungen verkauft. Die Gleichgültigkeit der Besatzung gegenüber palästinensischem Leben kam kurz darauf noch einmal deutlich zum Vorschein: Israel versuchte, kurz vor dem Verfallsdatum stehende Covid-19-Impfdosen gegen eine zukünftige Lieferung von Pfizer zu tauschen. Laut Medienberichten beabsichtigte Israel, über eine Million fast abgelaufener Vakzindosen an die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) zu liefern. Rein logistisch wäre es unmöglich gewesen, unter den gegeben Umständen diese rechtzeitig vor dem zeitnahen Verfallsdatum zu verimpfen. Dennoch fiel auf israelischer Seite die Formulierung des „Gebens“ oder „Teilens“, als ob man hier einen großzügigen Gefallen leisten würde

13. Menschenrechtsarbeit seit 2021 offiziell Terrorismus

In Israel gelten seit dem 22.Oktober 2021 sechs international angesehene palästinensische Menschenrechtsorganisationen offiziell als Terrororganisationen. Human Rights Watch & Amnesty International reagierten entsetzt & veröffentlichten ein gemeinsames Statement:

“Das jahrzehntelange Versagen der internationalen Gemeinschaft, schwere israelische Menschenrechtsverletzungen anzuprangern & sinnvolle Konsequenzen dafür zu verhängen, hat die israelischen Behörden ermutigt, auf diese dreiste Weise zu handeln”. Die Reaktion der internationalen Gemeinschaft wird “ein echter Test für ihre Entschlossenheit sein, die Menschenrechtsverteidiger zu schützen”

Die genauen Infos hierzu hier

14. Orwell auf israelisch

Im November 2021, enthüllte die irische Menschenrechtsorganisation “Front Line Defenders” (FLD) eine systematische Kampagne Israels, deren Ziel die Ausspähung palästinensischer Menschenrechtsverteidiger:innen & Anwälte mittels Spionageprogrammen ist. Mindestens 75 iPhones wurden hierzu mit der Spionagesoftware Pegasus der NSO Group verwanzt. Bestätigte wurde dies auch von Citizen Lab sowie das Security Lab von Amnesty International

Außerdem wurde bekannt, dass Israel jedes Telefongespräch abhören kann, das im Westjordanland & im Gazastreifen geführt wird. Jedes Handy oder Telefon, das über den Kerem-Shalom-Übergang — im Süden des Gazastreifens — in den Gazastreifen eingeführt wird, ist mit einer israelischen Wanze versehen & jeder, der die beiden einzigen Mobilfunknetze nutzt, die die besetzten Gebiete versorgen — Jawwal & Wataniya — wird ebenfalls überwacht.

Zu jedem Zeitpunkt hören Hunderte von Soldaten die geführten Gespräche mit. Die Audioüberwachung lässt sich in 2 Gruppen einteilen. Die erste Gruppe sind Palästinenser:innen, die politisch aktiv sind oder die in den Augen Israels eine Sicherheitsbedrohung darstellen. Die zweite Ebene der Überwachung wird vom Shin Bet, dem inländischen Sicherheitsdienst, genutzt, um “Druckpunkte” in der palästinensischen Gesellschaft zu finden, z.B. Schwule ausfindig zu machen & sie unter Druck setzen, sie einfach zu outen, oder einen Mann finden, der seine Frau betrügt, oder jemanden in finanziellen Schwierigkeiten Geld für Spionagedienste anzubieten.

“Das ist eine ganze Welt, in der der Shin Bet Macht über Palästinenser erlangen kann, die sie letztlich dazu zwingt, mit ihnen zusammenzuarbeiten oder Dinge über andere Leute zu verraten & das alles ist Teil des Kontrollsystems”, sagte er. “Manchmal sind es private Gespräche, vielleicht sogar intime Gespräche. Menschen, die Soldaten in der Armee sind, lachen, wenn sie Sexgespräche hören. Die Soldaten speichern die Gespräche & schicken sie an ihre Freunde. Das ist ein sehr harter Eingriff in die Privatsphäre jedes Palästinensers, der dort lebt” — ehemaliges Mitglied der israelischen Armee

15. Pogrome

2021 kam es zu zahlreichen Pogromen von Israelis gegen Palästinenser:innen. Hier nur 2 Beispiele:

Nachdem im April zum wiederholten Male ein Mob jüdisch-israelischer Rechtsradikaler & Faschisten — teils bewaffnet — durch die Altstadt von Jerusalem zog & unter “Tod den Arabern”-Rufen Jagd auf Palästinenser:innen & linke Israelis machten & über 110 Araber:innen verletzte, hatten sich Palästinenser:innen in den besetzten Gebieten in Solidarität mit den Jerusalemern erhoben. Überall kam es zu Protesten & Solidaritätskundgebungen

Am 28.09.2021, am Tag des jüdischen Sukkot-Festes, machte sich eine Gruppe von 80–100 jüdischen Siedlern auf den Weg in das Dorf Al Mufaqara im besetzten Westjordanland. Was sich ereignete, bezeichnen Palästinenser:innen & jüdische Aktivist:innen als ein Pogrom, u.a. musste ein 3-jähriger Junge mit Schädelriss & inneren Blutungen ins Krankenhaus. Soldat:innen schützten die Siedler bei ihrem Treiben, feuerten Tränengas & Blendgranaten auf sich verteidigende sowie fliehende Palästinenser:innen — keiner der Attentäter wurde verhaftet, stattdessen nahmen sie 2 palästinensische Dorfbewohner, Naim Shehadeh Al Hamamda (62) & Suleiman Eid Al Hathaleen (75), fest

16. “Wir sind die Christen Palästinas: Das Schweigen ist eine Sünde”

Eine christlich-palästinensische Kirchenkoalition rief dieses Jahr alle Christen & Kirchen zum Handeln auf. Sie schrieben:

„Es ist Zeit für die Internationale Gemeinschaft anzuerkennen, dass Israel ein Apartheidstaat im Sinn des Völkerrechts ist […] Das Kirchesein der Kirche, die Integrität des christlichen Glaubens & die Glaubwürdigkeit des Evangeliums stehen auf dem Spiel […] Wir können nicht Gott dienen & gleichzeitig zur Unterdrückung der Palästinenser schweigen! […]

Die christliche Unterstützung des Zionismus ist unvereinbar mit dem christlichen Glauben und ein schwerer Missbrauch der Bibel […] Die Lage ist mehr als dringlich. Wir stehen an der Schwelle eines katastrophalen Kollapses. Dies ist nicht eine Zeit für schale Diplomatie, ihr Christen! […]

Wir laden dazu ein, dass palästinensische Recht zum Widerstand zu bekräftigen & an die Seite der Palästinenser:innen in ihrem kreativen & gewaltfreien Widerstand zu treten. Der palästinensische Aufruf zum Boykott (BDS) von 2005 bietet einen Rahmen als gewaltfreies Mittel, die Besatzung & Unterdrückung zu beenden.“

Näheres zu diesem Aufruf sowie eine Verlinkung zu dessen vollständigem Wortlaut

Allgemeines zum Schluss

2021 war das tödlichste Jahr seit 2014: Israel tötete 319 Palästinenser:innen in den besetzten Gebieten; darunter 71 Minderjährige. 236 Menschen verloren im Gazastreifen ihr Leben, davon 232 während der Operation “Guardian of the Walls”. 77 Palästinenser:innen wurden im Westjordanland (einschließlich Ostjerusalem) durch Soldat:innen getötet, 4 weitere durch Siedler & ein Minderjähriger durch einen israelischen Zivilisten. Auf israelischer Seite wurden im vergangenen Jahr 9 israelische Zivilisten, darunter 2 Minderjährige, getötet. 6 von ihnen kamen durch Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen während der Operation “Guardian of the Walls” ums Leben. 3 ausländische Staatsangehörige wurden ebenfalls durch Raketen getötet. 2 Mitglieder der israelischen Armee/Polizei wurden von Palästinensern getötet.

2021 gab es einen 5-Jahres-Rekord bei der Zerstörung von palästinensischen Eigentum: 895 Palästinenser:innen, darunter 463 Minderjährige, wurden obdachlos, nachdem 295 Wohnhäuser abgerissen wurden — die höchste Zahl seit 2016. Außerdem zerstörte die Besatzung weitere 548 Nicht-Wohngebäude, darunter Zisternen, Lagerhäuser, landwirtschaftliche Gebäude, Unternehmen & öffentliche Gebäude — die höchste Zahl seit 2012. [Quelle: B’Tselem]

1.595 Palästinenser:innen wurden 2021 in Administrativhaft, also Willkürhaft ohne Nennung von Beweisen, Gründen oder Gerichtsverfahren, genommen. Etwa der 60 Administrativhäftlinge traten in den Hungerstreik, um ihre Freiheit wiederzuerlangen. Der längste Hungerstreik dauerte 141 Tagen (Abu Hawwash), 133 Tagen (Fasfous). [Quelle: QudsNews]

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Ausführlicher Bericht zur Lage der Gefangenen in den Kerkern der Besatzung anlässlich des Tages der palästinensischen Gefangenen.