Israelische Studie: 61% der Getöteten in Gaza sind Zivilisten 

Israelische Studie: 61% der Getöteten in Gaza sind Zivilisten 

Auch eine schön gerechnete israelische Studie kommt zu beängstigendem Schluss: Mindestens 61 Prozent der Todesopfer in Gaza sind Zivilist:innen — Israel legt keinen Wert auf ihren Schutz.

Am 30. November erschien ein Bericht des israelischen Journalisten Yuval Abraham (+972 Magazin), der einige Hintergründe dazu aufklärt, weshalb die Zahl der zivilen Todesopfer im aktuellen Gazakrieg derart hoch ist. Nun argumentiert auch eine neue Studie des israelischen Soziologen Yagil Levy, welche am 09. Dezember in Haaretz veröffentlicht wurde, dass Israel es mit dem Grundsatz der Unterscheidung (zwischen militärischen Zielen und Zivilist:innen) sowie dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit im aktuellen Krieg in Gaza — vorsichtig ausgedrückt — nicht so genau nimmt.

Außergewöhnlich hoher Anteil ziviler Opfer in Gaza

Der Bericht des +972 Magazins basierte größtenteils auf der Grundlage von Interviews mit sieben derzeitigen oder ehemaligen israelischen Geheimdienstlern und beschreibt vor allem den Versuch der Armee, über zivile Opfer und Infrastrukturschäden indirekt Druck auf die Hamas aufzubauen, sowie den Einfluss einer neuen AI Technologie “The Gospel” (“Habsora”) als Hauptursachen für die hohen Zahlen ziviler Todesopfer. Dabei spielt “Gospel” insofern eine zentrale Rolle bei der rein zahlenmäßigen Bombardierung Gazas, als AI basiert sehr viel schneller und mehr Ziele für den militärischen Beschuss generiert werden können als menschlichen Soldat:innen vorher möglich war. Zuvor hatte auch die New York Times davon berichtet, dass es selbst konservativen Einschätzungen von Expert:innen zufolge bezüglich des Ausmaßes der Bombardierung sowie der Rate der Todesopfer in Gaza “in diesem Jahrhundert” nur “wenig vergleichbare Fälle” gäbe. Auch die neue Studie der Haaretz unterstützt die These, dass Israel die Grundsätzte der Unterscheidung und Verhältnismäßigkeit in der Bombardierung Gazas eklatant verletzt — und liefert dafür diesmal sogar Zahlen.

Palästinenser eilen nach einem israelischen Luftangriff auf das Haus der Familie Salah im Viertel Al Batn Al Thameen in Khan Yunis im südlichen Gazastreifen zu den Verletzten. 07.12.2023 Mit freundlicher Genehmigung: Activestills

Israelischer Forscher spricht von “Kollateralnutzen” statt “Kollateralschaden”

Die Haaretz-Studie vergleicht die Zahl der palästinensischen zivilen Opfer in den ersten drei Wochen des aktuellen Krieges, 07.-27. Oktober, bevor die Bodenoffensive begann, mit Zahlen aus früheren ebenfalls rein aus der Luft geführten Angriffen auf Gaza: Der einwöchige Angriff “Pillar of Defense” im November 2012, der zehntägige Angriff “Guardian of the Walls” im Mai 2021, der dreitägige Angriff “Breaking Dawn” im August 2022, sowie der fünftägige Angriff “Shield and Arrow” im Mai diesen Jahres. Dabei bezieht sich Yagil Levy für seine Berechnungen hauptsächlich auf Daten des 2002 gegründeten und dem israelischen Verteidigungssektor nahestehenden Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center, wohlwissend, dass diese nicht unproblematisch sind. Denn, so argumentiert Levy, sich auf dessen Daten zu beziehen “dürfte den Widerstand gegen die folgenden Argumente unter den Befürwortern der israelischen Politik verringern, auch wenn es Probleme mit den Daten und Unterschiede zwischen ihnen und anderen Berichten gibt.” Nur für die Todeszahlen des aktuellen Krieges greift Levy aus Mangel an Alternativen auf Daten des Gesundheitsministeriums in Gaza zurück, korrigiert diese jedoch nach unten — beispielsweise indem 10 Prozent der Opfer rausgerechnet werden um etwaige Todesopfer durch fehlgezündete palästinensische Raketen zu berücksichtigen — damit auch sie misstrauischen Stimmen genügen. So kommt es beispielsweise auch, dass männliche Palästinenser in den Berechnungen nur dann als Zivilisten gelten, wenn sie unter 17 oder über 60 Jahren alt sind. Kurzum: wenn diese Berechnungen schon Grund zur Sorge geben, sieht es tatsächlich noch viel schlimmer aus. Und diese Berechnungen geben Grund zur Sorge!

Zum einen beobachtet Levy, dass der Anteil der zivilen Todesopfer in den Angriffen von 2012, 2021 und 2022 mit 40–42 Prozent relativ stabil bleibt und das, obwohl seit 2021 der Einsatz von Präzisionswaffen ausgebaut wurde. Levy schlussfolgert daraus, dass “die erhöhte Präzision […] zu größerer Kühnheit und nicht zu einer Verringerung des Schadens, der der Zivilbevölkerung zugefügt wurde, führte.” Beim Angriff im Mai 2023 wurde der Anteil der Zivilist:innen unter den Todesopfern dagegen auf 33 Prozent reduziert. Levy verweist hier auf die Begründung Herzl Halevis, eines Stabschefs der israelischen Armee, dass diese Reduzierung durch “präzise Planung und verbesserter Geheimdienstleistungen” möglich war. Levy hat Recht, wenn er darauf verweist, dass diese Aussage bezüglich der aktuellen Explosion ziviler Todesopfer in Gaza tief blicken lässt. Und auch Aussagen israelischer Führungspersonen, dass es in diesem Krieg um Zerstörung, nicht um Präzision gehe, weisen in diese Richtung.

Im aktuellen Krieg betrug der Anteil der Zivilist:innen unter den Todesopfern vor der Bodenoffensive nämlich selbst bei der oben beschriebenen “vorsichtigen Reduzierung” der Zahlen enorme 61 Prozent. Folgerichtig interpretiert Levy die Statistik mit deutlichen Worten: “Angesichts des hohen Anteils von Nichtkombattanten unter den in ‘Swords of Iron’ Getöteten können wir vermuten, dass der Grundsatz der Unterscheidung nicht eingehalten wurde oder dass der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit einer sehr flexiblen Auslegung unterlag. Es handelte sich also nicht um einen Fall von ‘Kollateralschaden’, sondern vielmehr um das Gegenteil: Da es sich bei den meisten Geschädigten um Zivilisten handelte, entstand ein ‘Kollateralnutzen’ in Form einer geringen Zahl getöteter Kombattanten im Gazastreifen.” Und das, obwohl es sich bei den zugrundeglegten Daten um Daten von einem staats- und geheimdienstnahen Forschungszentrum handelt und die angewendete “Korrektur” der Todeszahlen aus diesem Krieg nach unten, sowie die zugrunde gelegte Definition, wer überhaupt (nicht) als Zivilist:in gilt, durchaus stark kritisiert werden kann und sollte.

Düstere Aussichten für Menschenrechte auf der ganzen Welt

Levy schließt für sein israelisches Zielpublikum mit der Feststellung, dass dieser Krieg, dass diese hohe Zahl an zivilen Opfern, “nicht nur nichts zur Sicherheit Israels beiträgt, sondern auch die Grundlage für eine weitere Untergrabung dieser Sicherheit enthält.” Der Guardian geht weiter und schreibt für seine englischsprachigen Leser:innen, dass die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft im Angesicht von Grausamkeiten wie dem Genozid in Gaza gar zu einem weltweit steigenden Risiko solcher Gewalttaten führt. Dabei war am vergangenen Wochenende der 75. Jahrestag sowohl der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, als auch der Völkermordkonvention. Beide wurden nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust unterschrieben, so der Guardian, “in der Hoffnung, dass die Welt gemeinsam handeln würde, um eine Wiederholung solcher Massenmorde zu verhindern.” Denn Menschenrechte nur für manche kann es nicht geben. Wenn systematische Menschenrechtsverletzungen sehenden Auges toleriert werden, fühlen sich immer mehr Akteure ermutigt, Menschenrechte ebenfalls nicht zu Ernst zu nehmen. Stellt sich also die Frage: In was für einer Welt wollen wir leben?

Khan Younis, 03.12.2023 Mit freundlicher Genehmigung: Activestills

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