Geschlagen, gefoltert & lebendig begraben: Was mit der Frau auf dem israelischen Lastwagen geschah

Was mit der Frau auf dem israelischen Lastwagen geschah

Foto: Israelische Soldaten stehen am 8. Dezember 2023 im belagerten Gazastreifen neben einem Lastwagen, der mit hemdlosen palästinensischen Männern und einer Frau beladen ist (Reuters/Yossi Zeliger/via Middle East Eye)

Hadeel Al Dahdouh war mehr als 50 Tage lang von ihrem Sohn, den man noch stillen muss, getrennt, als sie auf den Rücksitz eines israelischen Lastwagens geworfen wurde. Sie berichtet, dass sie schrecklichen Folterungen ausgesetzt war

Dieser Artikel von Maha Hussaini erschien am 28.03.2024 unter der dem Titel „Beaten, tortured and buried alive: What happened to the woman on the Israeli truck“ im Nachrichtenmagazin Middle East Eye. Hier veröffentlichen wir unsere deutsche Übersetzung

Es ist ein Bild, das Schock und Empörung hervorgerufen hat. Dutzende palästinensische Männer, gefesselt, mit verbundenen Augen und bis auf die Unterwäsche entkleidet, zusammengepfercht in einem offenen israelischen Lastwagen im belagerten Gazastreifen.

Das Foto zeigt schockierte Palästinenser, die kalt, hungrig und traumatisiert aussehen, und das bei kühlem und regnerischem Dezember-Winterwetter.

Doch rechts vom Zentrum der Szene sticht eine Person besonders hervor.

Hadeel Al Dahdouh, eine Mutter von zwei Kindern, ist die einzige Frau, von der bekannt ist, dass sie von israelischen Soldat:innen entführt wurde, als diese Ende letzten Jahres das Viertel Zaytoun in Gaza-Stadt stürmten.

In einem Gespräch mit Middle East Eye (MEE) in Rafah nach ihrer langen Haft sagte sie, dass ihr, ihrem Ehemann, ihren Schwiegereltern und Nachbarn unbekannte Substanzen injiziert wurden und sie in israelischer Gefangenschaft langen und brutalen Verhören und sogar Scheinhinrichtungen ausgesetzt war.

Dahdouh, die immer noch das gleiche „Gebetskleid“ trägt wie bei ihrer ersten Festnahme, hat Tränen in den Augen, wenn sie von den Erniedrigungen erzählt, die sie ertragen musste.

Ihre Aussagen, die aus ihrer Haft in Teilen des besetzten Gazastreifens und Israels stammen, scheinen mit denen anderer ehemaliger Gefangener übereinzustimmen, die nach den Angriffen vom 7. Oktober von israelischen Soldat:innen entführt wurden.

Die israelische Kriegsführung gegen die Hamas im Gazastreifen ist bereits Gegenstand eines Verfahrens vor dem Internationalen Gerichtshof, in dem Israel des Völkermordes beschuldigt wird, sowie einer laufenden Untersuchung von Kriegsverbrechen durch den Internationalen Strafgerichtshof.

„Wenn ich mich bewege, werden sie mich schlagen“.

Dahdouh erzählte MEE, dass ihr Leidensweg begann, als die israelische Armee ihr Gebiet mit Panzern und anderen gepanzerten Fahrzeugen belagerten und ihre Familie – bestehend aus ihrem Mann, ihren Kindern, ihren Schwiegereltern und zwei Mitgliedern der Familie Al Mughrabi – zwangen, in ihrem kleinen Haus Schutz zu suchen.

„Wir suchten Schutz im Keller, als israelische Soldat:innen eine der Wände bombardierten und eindrangen. Sie brachten uns alle nach draußen und trennten die Männer von den Frauen“, sagt sie.

„Einer der Offiziere rief mich an und sagte: ‚Komm her, wir werden einen Test an dir durchführen‘. Ich fragte ihn, was für eine Art von Test – er sagte mir dann, dass es ein kleiner Test an meiner Hand sein würde und dass ich zu meinen Kindern zurückgebracht werden würde.“

„Ich war entsetzt. Ich hatte Angst um die Sicherheit meiner Kinder.“ Dahdouh erzählt, dass sie, bevor sie ihren Keller verließ, ihren vierjährigen Sohn Muhammad und ihren neun Monate alten Sohn Zain ihrer Schwiegermutter übergab, da sie das Schlimmste befürchtete.

„Israelische Soldat:innen brachten uns dann zu einem anderen Haus, das im Stadtteil Zaytun evakuiert worden war. Als wir das Haus betraten, begannen sie sofort, uns zu schlagen und zu foltern“, sagte sie.

„Sie hielten uns dort eine Weile fest, bevor ein Soldat kam und den Männern eine Beruhigungsspritze in den unteren Rücken gab. Kurz darauf begannen sie zu halluzinieren und waren nicht mehr ganz bei Bewusstsein. Die Soldat:innen haben uns nicht gesagt, was sie ihnen gegeben haben, aber ich vermute, dass es ein Beruhigungsmittel war, weil ich zuvor einen Kaiserschnitt hatte und eine Beruhigungsspritze bekam, die mich ebenfalls halluzinieren ließ.“

Einer der Soldaten zwang Dahdouh dann in eine Stressposition, in der ihr Kopf auf dem Boden lag und ihre Arme hinter ihren Knien gefesselt waren. Sie berichtet, dass ihr Rücken unbedeckt war und ihr eine Substanz in der Nähe ihres Rückenmarks injiziert wurde.

„Über eine Stunde lang wurde ich gezwungen, so zu sitzen, und durfte mich nicht bewegen. Wenn ich mich bewegte, schlugen sie mich so hart. Ich habe ihn gefragt, was sie mit mir machen, aber sie haben nicht geantwortet. Sie fingen einfach an, mich zu beschimpfen und zu sagen: ‚Du bist eine Hamas-Schlampe‘.“

„Ich habe geweint, gebettelt und gesagt: ‚Ich schwöre bei Gott, das bin ich nicht, ich bin eine ganz normale Bürgerin wie alle anderen'“, sagt sie.

„Ich weiß nicht, was sie mir gespritzt haben, aber es war eine Art Lösung, und sie haben auch etwas aus meinem Körper entnommen, etwa eine Blutprobe“, fügte sie hinzu.

Dahdouh sagte, dass die israelischen Soldat:innen sie und die anderen Männer dann über den Angriff vom 7. Oktober verhörten und sie fragten, was sie taten, als die Hamas-Kämpfer den Grenzzaun stürmten und den Süden Israels angriffen.

„Einer der israelischen Soldat:innen fragte mich und schlug mich hart auf meinen Rücken und meine Beine. Die Plastikfessel an meinen Händen war sehr eng und tat mir sehr weh, ich sagte ihm: ‚Bitte lockern Sie sie ein wenig. Stattdessen zog er sie noch fester an.“

„Wir wurden eine Nacht lang in diesem Haus festgehalten. Am Morgen brachten sie uns an einen anderen Ort, von dem sie sagten, er sei das Scharia-Gericht. Dort gab es mehr als hundert Gefangene. Sie setzten mich zu den Männern und fingen an, mich zu schlagen und Dinge auf mein Gesicht zu werfen, um mir Angst zu machen.“

„Ich werde dich lebendig begraben“

Am dritten Tag, so Dahdouh, gruben die israelischen Soldat:innen etwas, das wie ein Loch aussah, und warfen sie und Dutzende von anderen Männern hinein.

„Ich fing an zu weinen und zu schreien und fragte: ‚Was machen Sie da?‘. Ein Offizier sagte dann zu mir: ‚Ich werde euch lebendig begraben.‘ Ich sagte ihm: ‚Erschießt uns direkt, das ist besser, als uns so zu foltern'“, berichtet sie.

„Er fing an, mich zu schlagen und zu beschimpfen, dann nahm er mir das Kopftuch ab, ich weinte und hatte das Gefühl, ich würde fallen. Mein Gefühl war unbeschreiblich.“

„Mir wurden die Augen verbunden, aber ich konnte ein wenig durch den Verband auf meinen Augen sehen. Sie nahmen meinen Mann und legten ihn ganz nah an einen Panzer auf den Boden und taten so, als würden sie ihn überfahren. Dann hörte ich zwei Schüsse, und ein Soldat sagte zu mir: ‚Ich habe Ihren Mann getötet'“.

Dahdouh sagt, dass man sie dann glauben ließ, ihr Mann sei tot.

Die nächsten 54 Tage habe sie geglaubt, sie sei eine Witwe. Erst nach ihrer Freilassung erfuhr sie, dass ihr Mann noch am Leben war und dass der Soldat eine Scheinhinrichtung durchgeführt hatte.

Dahdouh berichtet, die Soldat:innen hätten sie und einige der Männer dann unter einer Sanddecke begraben. Sie ließen sie einige Zeit in dem Loch, bevor sie sie herausholten und in ein Internierungslager brachten.

„Sie schütteten Sand auf uns und beschimpften uns. Wir dachten, sie würden uns begraben.“

Kurz darauf sei sie auf einen israelischen Militärlastwagen gezwungen worden, wie auf dem Foto zu sehen ist, das sich inzwischen im Internet verbreitet hat. „Ich war die einzige Frau unter Dutzenden von Männern“, sagt sie.

mit freundlicher Genehmigung von QudsNews

„Sie brachten uns in das Grenzgebiet, wo ich drei andere Frauen aus der Familie Abuzor traf. Drei Tage lang wurden wir ohne jede Art von Nahrung zurückgelassen, ich hatte Schmerzen, weil meine Brüste verstopft waren, denn zu dieser Zeit stillte ich mein Kind noch, und da ich es tagelang nicht stillen konnte, waren meine Brüste voll mit Milch.“

Dahdouh sagt, sie sei dann in ein anderes Haftzentrum in Jerusalem gebracht worden, wo sie einer Leibesvisitation unterzogen und ihr Hab und Gut beschlagnahmt wurde.

„Sie nahmen mir mein gesamtes Geld und Gold ab, das ich in meinen Socken und meinem BH aufbewahrte, sowie meinen Ausweis und mein Mobiltelefon“, sagte sie. „Dann verhörten sie mich erneut zu den Ereignissen vom 7. Oktober und fragten mich nach dem Verbleib von [Hamas-Führer] Yahya Sinwar.“

„Ich weinte und bat den Beamten, mich nach Hause zu meinen Kindern zu schicken, weil ich nichts von dem wusste, was er sagte. Er sagte mir: ‚Ich werde Sie erst nach Hause schicken, wenn unsere Söhne in Gaza wieder zu Hause sind‘.“

„Wir wurden dann in eine Zelle gesteckt, die wie ein Tierkäfig aussah. Es regnete auf uns und es war sehr kalt. Sie schlugen und folterten uns jeden Tag, von etwa 4 Uhr morgens bis 22 Uhr abends.“

„Sie zwangen uns, auf dem Boden zu sitzen, und erlaubten uns nicht, uns zu bewegen oder unsere Position zu verändern.“

„Als ich meine Kinder sah, waren sie dünn und unterernährt.

Dahdouh berichtet, die israelischen Soldat:innen hätten sie dann in ein anderes Gefangenenlager in Beer Sheva gebracht, wo sie geschlagen, gefoltert und direkt auf ihre Kaiserschnittwunde getreten wurde.

Nachdem sie bei den Schlägen verletzt worden war, sagt Dahdouh, sie habe erwartet, dass die israelische Armee sie zurück nach Gaza schicken würde. Stattdessen, so sagt sie, wurde sie in das Damon-Gefängnis in Israel gebracht, wo sie sechs Tage lang gefoltert wurde, bevor man sie zum Karem Abu Salem Grenzübergang entlang des Grenzzauns zum Gazastreifen brachte.

„Sie ließen uns dort zurück und befahlen uns, in Richtung Gaza zu laufen, ohne uns umzudrehen“, erklärt Dahdouh.

„Wir kamen in einer UN-Einrichtung in Rafah [im südlichen Gazastreifen] an, wo ich erfuhr, dass mein Mann noch am Leben war und einige Tage zuvor freigelassen worden war. Aber meine Kinder waren noch in Gaza-Stadt – eines von ihnen bei meiner Mutter, das andere bei meiner Schwiegermutter.“

„Ich war nicht nur während meiner Haft von meinen Kindern getrennt, sondern konnte auch nicht nach Gaza-Stadt zurückkehren, nachdem ich freigelassen worden war, und meine Mutter und meine Schwiegermutter konnten nicht in den Süden kommen, weil sie älter sind und nicht riskieren konnten, die gefährliche Rashid-Straße zu überqueren und israelische Checkpoints zu passieren.“

Nach tagelangem Warten sei sie endlich wieder mit ihren Kindern vereint gewesen, nachdem ihre Schwägerin die mutige Entscheidung getroffen hatte, Gaza-Stadt zu verlassen und ihre Kinder zu ihr zu bringen.

„Ich war schockiert, als ich meine Kinder sah. Sie waren sehr dünn und litten an schwerer Unterernährung.“

„Zu allem Übel hat mir die Armee auch noch mein ganzes Geld und Gold weggenommen und mich bei schlechter Gesundheit zurückgelassen. Die Wunde von dem Kaiserschnitt war aufgerissen und die Stelle war infiziert. Ich kann mich nicht bewegen und mich nicht um meine Kinder kümmern.“

Der Krieg im Gazastreifen, der sich nun schon dem sechsten Monat nähert, hat dazu geführt, dass etwa die Hälfte der Palästinenser:innen im Gazastreifen – etwa 1,1 Millionen Menschen – unter „katastrophalem“ Hunger leidet, wie Hilfsorganisationen warnten.

Mehr als 32.000 Palästinenser:innen wurden in der Enklave getötet, und Tausende von Leichen sind in den Trümmern verschollen. Die meisten Krankenhäuser im Gazastreifen mussten schließen, und die wenigen, die noch teilweise funktionieren, verfügen nicht über genügend medizinisches Material, Ärzt:innen oder Personal, um die Zahl der Toten und Verwundeten zu bewältigen.

MEE hat die israelische Armee um einen Kommentar gebeten, aber bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Antwort erhalten.

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