Der Vater von Alaa Qaddoum, einem fünfjährigen palästinensischen Mädchen, trägt ihre Leiche weg, nachdem sie durch einen israelischen Luftangriff im Viertel Shujaiyya in Gaza-Stadt getötet wurde, 5. August 2022. (Mohammed Zaanoun / Activestills)

„Wir haben einen kleinen Jungen getötet, aber es war im Rahmen der Regeln”

Dieser Artikel erschien am 11.08.2022 im +972 Magazine unter dem Titel: ‘We killed a little boy, but it was within the rules’. Hier veröffentlichen wir die Deutsche Übersetzung

Ehemalige Soldat:innen enthüllen, wie die israelische Armee (IDF: Israeli Defence Forces) Angriffe im Gazastreifen genehmigt, wohl wissend, dass dabei Zivilist:innen getötet werden, solange die Zahl gering genug gehalten wird.

Screengrab von Luftaufnahmen des Gazastreifens, auf denen drei Kinder eingekreist sind, aus einem Video, das auf dem YouTube-Konto der israelischen Streitkräfte mit dem Titel “IDF Strike Aborted” hochgeladen wurde.

Israels jüngster Angriff auf den Gazastreifen endete mit 48 getöteten Palästinenser:innen, darunter 16 Kinder. Israel behauptete, dass 15 dieser Palästinenser:innen durch irrtümlich abgefeuerte Raketen des Palästinensischen Islamischen Dschihad (PIJ) getötet wurden, die innerhalb des Gazastreifens landeten, und dass israelische Luftangriffe 24 PIJ-Kämpfer und 11 “Nichtkombattanten” töteten.**

Die israelische Nachrichtenseite Ynet zitierte Armeevertreter:innen, die sich damit brüsteten, dass das Verhältnis zwischen “Nichtkombattanten” und getöteten Kämpfern “das beste aller Operationen” gewesen sei. Dennoch gibt Israel zu, dass mindestens 11 Menschen getötet wurden, die nichts mit militanten Aktivitäten zu tun hatten, darunter ein fünfjähriges Mädchen.

Die Armee hat auch zugegeben, dass sie auf unbewaffnete Menschen schießt, wie eine Offizierin in einem Interview mit Ynet nach dem jüngsten Angriff sagte. “Der [PIJ-]Kämpfer kam von seinem Posten herunter, da er unbewaffnet war, und ich eröffnete das Feuer”, sagte sie. “Als er fiel, habe ich weiter geschossen.”

Die Mehrheit der Israelis glaubt, dass alle Kinder oder Familien, die im Gazastreifen während der israelischen Militäroperationen — deren einziges Ziel natürlich die Sicherheit ist -unbeabsichtigt getötet werden. Im Gegensatz zu den Terrororganisationen, so die Meinung, töten die israelischen Streitkräfte nicht bewusst Unschuldige. Dieser Mechanismus ermöglicht es der israelischen Gesellschaft, die blutigen und schrecklichen Szenen zu vergessen und die Hunderten von Kindern, die die Armee im Laufe der Jahre in Gaza getötet hat, aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen.

Der Vater von Alaa Qaddoum, einem fünfjährigen palästinensischen Mädchen, trägt ihre Leiche weg, nachdem sie durch einen israelischen Luftangriff im Viertel Shujaiyya in Gaza-Stadt getötet wurde, 5. August 2022. (Mohammed Zaanoun / Activestills)

Doch die Realität ist weitaus komplexer. Aus Gesprächen mit Israelis, die in den letzten Monaten in verschiedenen Einheiten des IDF-Nachrichtendienstes dienten, geht hervor, dass die Armee bei ihren Militäroperationen in vielen Fällen schon vor einem Angriff weiß, dass sie unbewaffnete Zivilisten töten wird. Die Entscheidung, sie zu töten ist kein Fehler, sondern eine kalkulierte und bewusste Entscheidung.

Die ehemaligen Soldat:innen sagten aus, dass ihnen von ihren Vorgesetzten gesagt wurde, dass die Armee bei ihren Einsätzen eine bestimmte Anzahl von “Nichtkombattanten” — also Familien und Kinder — töten darf. Solange diese Zahl nicht überschritten wird, kann die Tötung im Voraus genehmigt werden.

„Sie haben den Hamas-Agenten getötet — und den kleinen Jungen”

Dana — die wie alle für diesen Artikel befragten ehemaligen Soldat:innen um ein Pseudonym gebeten hat — ist Kindergärtnerin und lebt in einer mit Holz verkleideten Wohnung voller Philosophiebücher im Zentrum von Tel Aviv. Während ihres Militärdienstes nahm sie an einer Operation teil, bei der ein fünfjähriger Junge in Gaza getötet wurde.

„Als ich in der Gaza-Division diente, verfolgten wir jemanden von der Hamas, weil [die Armee] wusste, dass er Raketen versteckte”, sagte sie. “Sie trafen die Entscheidung, ihn zu eliminieren.”

Dana diente als Offizierin für die Analyse des Signalverkehrs in der Einsatzzentrale, wo ihre Aufgabe darin bestand, zu bestätigen, dass die Rakete die richtige Person getroffen hatte. “Wir schickten eine Drohne aus, um dem Mann zu folgen und ihn zu töten”, sagte sie, “aber wir sahen, dass sein Sohn bei ihm war. Ein Junge, der fünf oder sechs Jahre alt war, glaube ich“.

“Vor einer gezielten Tötung müssen Informationen aus zwei verschiedenen Quellen abgeglichen werden, damit wir wissen, dass wir das richtige Ziel töten”, erklärte Dana. “Ich sagte dem Kommandeur, einem Oberstleutnant, dass ich das Ziel nicht vollständig identifizieren konnte. Ich bat darum, den Schuss nicht freizugeben. Er sagte: ‘Das ist mir egal’, und gab ihn frei. Er hatte auch Recht. Es war das richtige Ziel. Sie töteten den Hamas-Militärangehörigen und den kleinen Jungen, der neben ihm stand.”

Die Folgen eines israelischen Luftangriffs in Gaza, 5. August 2022. (Mohammed Zaanoun)

Dana bot mir ein Glas Wasser an, während der Geruch von Sägemehl von einem nahe gelegenen Holzlager herüberwehte. “Wie hast du dich nach all dem gefühlt?” fragte ich sie. “In der Armee hatte ich Abwehrmechanismen”, sagte Dana und erklärte mir, dass sie es nicht wahrhaben wollte.

“Die Befehlshaber sagten, dies entspreche den Vorschriften und sei daher erlaubt”, fuhr sie fort. “Wir hatten in der Armee Regeln dafür, wie viele Nichtkombattanten in Gaza zusammen mit denen, die getötet werden sollten, getötet werden durften.

Warum diese Zahl? Ich weiß es immer noch nicht. Heute kommt sie mir verrückt vor. Aber es gibt Regeln und die interne Logik, die sie sich ausgedacht haben, die es einfacher machen, das zu tun. Das macht es okay.” Dana diente bis 2011 im Geheimdienstkorps.

Die Trauer der Palästinenser:innen wird in Arabischunterricht verwandelt

Danas Worte wurden von mehreren anderen Mitarbeiter:innen des Nachrichtendienstes, mit denen ich ebenfalls gesprochen habe und die in den letzten Jahren, während der Kriege im Gazastreifen im selben Korps dienten, bestätigt.

Drei von ihnen, darunter auch Dana selbst, sagten, dass die Soldat:innen gebeten werden nach einem israelischen Beschuss in Gaza, bei dem Palästinenser:innen getötet wurden, die Telefongespräche von Familienmitgliedern zu überwachen, um den Moment mitzuhören, in dem sie sich gegenseitig mitteilen, dass ihr Angehöriger gestorben ist.

“Das ist eine weitere Möglichkeit, um zu überprüfen, wer getötet wurde, und eine Möglichkeit, um sicherzustellen, dass die Person, die wir suchen, auch tot ist”, erklärt Dana. Dies war ihre Aufgabe nach der Ermordung des fünfjährigen Jungen. “Ich hörte eine Frau sagen: ‘Er ist tot. Das Kind ist tot.’ So habe ich bestätigen können, dass es passiert ist.”

Eine palästinensische Frau trauert vor einer Leichenhalle nach einem israelischen Luftangriff in Gaza, 5. August 2022. (Mohammed Zaanoun/Activestills)

Einige dieser Gespräche werden gespeichert und später verwendet, um Soldat:innen Arabisch beizubringen, sagte Ziv, der vor drei Jahren seinen Dienst in einer top-secret Geheimdiensteinheit beendet hat. Das erste Mal, dass er ein solches Gespräch hörte, war während der Ausbildung. Er sagt, es sei ein Moment gewesen, der sich als „besonders schockierend” in das Gedächtnis der Soldat:innen eingebrannt habe.

“Während der Ausbildung lernten wir Arabisch durch Telefonanrufe von Palästinenser:innen”, erinnert er sich. “Eines Tages präsentierten die Kommandeur:innen das Gespräch einer Mutter und ihrem Mann, der ihr am Telefon mitteilte, dass ihr Kind getötet wurde. Sie fing an zu schreien und zu weinen — es war sehr schwer, das zu hören. Es zerriss einem das Herz. Wir mussten ihre Schreie ins Hebräische übersetzen. Wir waren ein Haufen Kinder, 18 Jahre alt. Alle verließen die Klasse völlig aufgewühlt.“

“Es war nicht einmal ein politischer Akt — es gab sogar einen extrem Rechten unter uns, der darüber entsetzt war”, fuhr Ziv fort. “Das Gespräch betraf vor allem die Jungen, mehr als die Mädchen — ich weiß nicht, warum. Ich habe die Kommandant:innen später gefragt, ob wir wirklich durch diese Gespräche Arabisch lernen mussten, aber sie hatten keine Antwort. Sie waren auch Kinder, 19 Jahre alt.”

Die „Truman-Show” in Gaza

Adam, 23, wurde letztes Jahr aus dem Geheimdienst entlassen, nachdem er drei Jahre in der SIGNIT-Einheit gearbeitet hat, die den Gazastreifen überwacht. Er sagte, dass die Kontrolle der Grenzen durch und die Abhängigkeit der Bewohner:innen von Israel, Israel mit überlegenen Geheimdienstinformationen versorgt und es möglich macht, Kollaborateure zu rekrutieren. “Sie haben keine Möglichkeit, von dort wegzukommen”, sagte er. “Auch die Ägypter arbeiten mit uns zusammen”.

“Sie kontrollieren alle Grenzübergänge — das gibt ihnen eine Menge Macht”, sagte ein anderer Soldat, der 2019 in einer technischen Einheit des Geheimdienstes diente. “Wenn der Gazastreifen mit dem Westjordanland verbunden wäre, verliert man etwas von dieser Macht. Heute kontrollieren wir alles, was rein- und rausgeht, sei es physisch, elektronisch oder in Form von Menschen. Das ermöglicht mehr Handlungsmöglichkeiten: Menschen in Gaza betteln zum Beispiel darum, reisen zu können, um im Ausland zu studieren oder Verwandte außerhalb des Streifens zu besuchen. Das kann genutzt werden, um sie zu Kollaborateur:innen zu machen.“

“Es gab Leute, für die ich überhaupt kein Mitgefühl hatte. All die hochrangigen Mitglieder der Hamas, die sehr ideologisch waren — man hörte wirklich, dass sie für das Vaterland sterben wollten”, sagte Adam. “Ich konnte mich mit ihrem Nationalismus nicht identifizieren. Deshalb war es für mich gerechtfertigt, sie zu verletzen. Aber wir haben auch Informationen über viele Leute auf niedrigeren Ebenen gesammelt, die einfach nur ihre Arbeit machten. Sie kommen ins Büro. Sie fragen ihre Frau, was es zum Abendessen geben soll.“

Adam zufolge werden die persönlichen Informationen, die die Armee sammelt, dazu verwendet, Kollaborateur:innen zu rekrutieren. “So etwas wie Privatsphäre gibt es nicht”, sagte er. “Man weiß alles über die Person. Was sie mag, was sie [auf ihrem Handy] fotografiert haben, ob sie einen Liebhaber haben und ihre sexuelle Orientierung. Alles ist völlig offengelegt. Sie können Informationen über jede:n sammeln, den sie wollen. Und du weißt auch, dass diese Leute nicht wollen würden, dass du diese Dinge erfährst”.

Shira, eine weitere Soldatin des Intelligence Corps, sagte, sie sei überrascht gewesen, wie viele palästinensische Kollaborateur:innen mit der Armee zusammenarbeiteten. “Ich erinnere mich, dass die Offizier:innen mir zeigten: ‘Er ist ein Kollaborateur. Und er auch. Und er auch.’ Hamas- und Fatah-Leute versorgen uns mit Informationen ohne Ende. Irgendwann hatte ich das Gefühl, als ob alle mit uns zusammenarbeiten würden. Als ob es nur Israel gäbe, ohne Konflikt, und wir alle in einer Version von ‘The Truman Show’ leben würden.”

  • Yuval Abraham, +927 Magazine

** zur Leugnung palästinensischer Todesopfer im August 2022 durch israelische Luftangriffe siehe auch:

+972 Originalartikel:

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