Gaza-Genozid löst neue Studentenbewegung in den USA aus

Nach der gewaltsamen Auflösung eines Zeltlagers an der New Yorker Columbia-Universität durch die Polizei besetzen Studierende an Dutzenden anderen amerikanischen Universitäten Universitätsgebäude und Wiesen. Universitätsleitungen und Behörden reagieren mit harter Repression.

Die junge Generation findet eine Stimme

Studierenden schützen ein Gebet in New York (Bild: Twitter)

Muslimische Studenten versammeln sich zum Gebet auf dem Rasen der Columbia University in New York. Um sie herum wartet die Polizei, die auf Anweisung der Universitätsleitung ihr Protestcamp in Solidarität mit Gaza auflösen soll. Zwischen den beiden Fronten bildet sich eine Menschenkette aus nicht-muslimischen Studenten, darunter viele Juden, die dicht nebeneinander stehen und Kuffiyehs und Decken in die Luft halten, um den Fotografen der Boulevardzeitungen den Blick zu versperren und die betenden Studenten vor der Veröffentlichung ihrer Gesichter in den rechten Medien zu schützen. Später versammelt sich eine Gruppe jüdischer und nichtjüdischer Studenten auf der Wiese, um gemeinsam den Seder, das Abendmahl des jüdischen Pessach-Festes, zu feiern. Sie sprechen darüber, wie Pessach ein Fest der Befreiung ist und welche Bedeutung es für die Freiheit der Palästinenser hat. Auf der anderen Seite des Atlantiks berichtet die TAZ: „Judenhass in der Universität: Studierende an der Columbia-Universität in den USA lassen ihrem Hass auf Juden freien Lauf“.

Trotz der medialen Diffamierung gehen diese starken Bilder der Solidarität um die Welt. Auf den Zelten der Vertriebenen im Süden Gazas tauchen Dankes- und Ermutigungsworte an die amerikanischen Studenten auf, auch der offizielle Twitter-Account der Bir-Zeit-Universität in Ramallah zeigt sich solidarisch. Vor allem in den USA war die Reaktion stark: An einer amerikanischen Universität nach der anderen tauchen ähnliche Camps auf. Inzwischen sollen es fast hundert oder mehr Camps sein. Die junge Generation, die immer wieder als apathisch, schwach oder egozentrisch beschrieben wird, scheint ihre Stimme zu finden. Und sie ist stark und deutlich: Die Studierenden formulieren klare Forderungen, die sich meist gegen die Zusammenarbeit ihrer Universitäten mit dem zionistischen Apartheidregime richten. „Disclose and Disinvest“ lautet meistens die Forderung – die Universität soll transparent machen, wo die Studiengebühren der Studierenden investiert werden und sicherstellen, dass sie nicht für Völkermord und Besatzung verwendet werden. Eine klare und sensible Forderung, die von vielen Seiten als Terrorismus verleumdet wird.

Erinnerungen an Ohio

Erschossener Student in Kent State, Ohio, 1970. (Bild: Corbis)

In den sozialen Medien kursieren Bilder von Solidarität und politischem Engagement, aber auch von Repression und Polizeigewalt, die viele Amerikaner an die studentische Antikriegsbewegung der 1960er Jahre und ihre brutale Niederschlagung durch den Staat erinnern. Die Besetzung der Columbia-Wiesen erinnert an die Besetzung derselben Universität im April 1968, als Studenten eine Woche lang verschiedene Universitätsgebäude besetzten, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Die Reaktion der Polizei erinnert an dunkle Kapitel dieser Zeit, wie das Massaker an der Kent State University in Ohio, als die Universitätsleitung die Nationalgarde auf den Campus ließ, um die Proteste aufzulösen, und die Soldaten vier Studenten erschossen. Damals wie heute wendet sich der amerikanische Imperialismus nach innen.

Die Repression zeigt auch den lokalen Charakter der Proteste und die Reaktion des Staates darauf. An der Emory-Universität in Atlanta, unweit des Ortes, an dem die Polizei die sogenannte „Cop-City“ errichtet, ein Trainingsgelände für die Polizei, das zum Teil auf Einrichtungen der IDF basiert, geht die Polizei besonders hart vor. Auf Videos ist ein junger schwarzer Student zu sehen, der Berichten zufolge als Demo-Sanitäter an der Demonstration teilgenommen hat. hinter dem Rücken gefesselt wird er von mehreren Polizisten zu Boden gedrückt und wiederholt mit Elektroschockern attackiert. Auf demselben Campus wird eine Wirtschaftsprofessorin, die einen Polizisten fragt, warum er ihre Studenten auf dem Gelände ihres Arbeitsplatzes verprügelt, auf den harten Boden geworfen und brutal verhaftet (Video unten). Manche Videos sind fast lustig, so bizarr sind sie: Eine weiße Frau mittleren Alters wird gefesselt von der Polizei abgeführt. Als ein Demonstrant sie fragt, was man für sie tun könne, antwortet sie: „Bitte sagen Sie bei der Philosophie-Fakultät Bescheid, dass ich verhaftet wurde. Ich bin die Lehrstuhlinhaberin der Fakultät“.

Während diese Szenen vor allem an die Black Lives Matter-Proteste im Jahr 2020 erinnern, tauchen auch Szenen auf, die eher an das Massaker in Ohio erinnern. Auf Twitter werden Videos und Fotos von Scharfschützen auf den Dächern von Universitätsgebäuden veröffentlicht, zum Beispiel an der Indiana University und der Ohio University. Doch diese Bilder scheinen das Gegenteil zu bewirken – weitere Universitäten werden besetzt, die Studierenden bleiben unerschrocken.

Disziplin und Zielstrebigkeit trotz Provokationen

Studierenden bei einer Besatzung in Kalifornien (Bild: Jersey Noah/Twitter)

Wie so oft in Deutschland versuchen auch in den USA an vielen Orten Unterstützer des Völkermords in Gaza, die Studierenden zu provozieren und der Polizei einen Vorwand zu geben, mit Gewalt vorzugehen. Die Northeastern University in Boston hetzte die Polizei auf ihre friedlichen Studenten und löste die Demonstration auf, weil eine Person auf dem Campus angeblich „Tötet alle Juden!“ gerufen haben sollte. Bald stellte sich heraus, dass dies zwar stimmte, der Ruf aber von einem zionistischen Gegendemonstranten kam. Eine Entschuldigung der Universität gab es aber auch nach der Veröffentlichung in den Medien bisher nicht.

Die zionistischen Provokationen führten auch zu geradezu komischen Szenen: Eine Frau stellte sich mit den Aufschriften „Judin“ und „Israel“ auf ihrem T-Shirt mitten in das Protestcamp an der Yale-Universität und versuchte, Reaktionen zu provozieren. Die einzige Reaktion, die in dem bizarren Video zu sehen ist, sind zwei Studierende, die hinter ihr ein Transpi mit der Aufschrift „Juden gegen Völkermord“ entrollen.

Solche Provokationen zeigen oft auch, wie diszipliniert, organisiert und entschlossen die Studierenden sind. So hat die rechtsgerichtete Influencerin Montana Tucker, die Teil der Propagandakampagne der israelischen Regierung ist, ein Video gedreht, in dem sie versucht, die Studierenden der UCLA-Universität in Los Angeles bloßzustellen. Doch ein Student nach dem anderen gab ihr die gleiche Antwort: „Sprechen Sie mit unserer Pressestelle“. Die enttäuschte Tucker musste laute Bilder von vermummten Studierenden zusammenschneiden, bekam aber nicht den gewünschten Content für ihren Twitter-Kanal.

Manche Besetzungen sind auch militanter als andere – an der Cal Poly University in Kalifornien, einer Fachhochschule, die viel mehr Studierenden aus der Arbeiterklasse bedient, als die sogenannten Ivy-League-Universitäten wie Yale oder Columbia, haben Studierende ein ganzes Gebäude besetzt und bereiten sich auf eine massive Räumung vor. Sie haben das besetzte Gebäude in „Intifada Hall“ umbenannt. Ein Video, in dem ein Student während einer versuchten Räumung einen Polizisten mit einem leeren Wasserkrug auf den Kopf trifft, wurde viral und verursachte kunstvolle Interpretationen.


Auch europäische Studierende zeigen sich stark

FU Berlin, Dezember 2023 (Bild: Baki/Klasse gegen Klasse)

Auch in Europa finden und fanden solche Besetzungen statt. Im Dezember besetzten Studierende der FU Berlin einen Hörsaal und mussten sich gegen polizeiliche Räumung und zionistische Provokationen wehren. In Großbritannien wurden kürzlich Räume an der Goldsmith-Universität in London besetzt, derzeit auch an der Universität Warwick. Ähnliche Bilder kommen auch aus Paris. Während in Gaza der Völkermord im vollen Gange ist, scheint die brutale Repression der westlichen Länder gegen jeden und alles, was sich dagegen auflehnt, das Gegenteil zu bewirken. Palästina hat der jungen Generation im Westen eine Stimme gegeben, und diese Stimme wollen sie jetzt erheben.

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