Gaza: Genozid könnte 186.000 Tote verursacht haben

Gaza: Genozid könnte 186.000 Tote verursacht haben

Vor wenigen Tagen wurde in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ eine Abschätzung der durch den aktuellen Gaza-Krieg verursachten Zahl an Todesopfern im Gazastreifen publiziert.

Bewaffnete Konflikte haben indirekte gesundheitliche Auswirkungen, die über die direkten Schäden durch Gewalt hinausgehen. Selbst wenn der Gaza-Krieg sofort beendet wird, wird es in den kommenden Monaten und Jahren weiterhin viele indirekte Todesfälle geben, die mit diesem Krieg in Zusammenhang stehen. Daten aus anderen Konflikten der jüngeren Zeit zeigen, dass die indirekten Todesfälle 3- bis 15-mal so hoch wie die Zahl der direkten Todesfälle waren. Wendet man auf die vom Gesundheitsministerium 37.396 gemeldeten Todesfälle eine vorsichtige Schätzung von 4 indirekten Todesfällen pro direktem Todesfall an, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass bis zu 186.000 oder sogar mehr Todesfälle auf den aktuellen Gaza-Krieg zurückzuführen sind. Das entspricht etwa 8 % der Gesamtbevölkerung des Gazastreifens.

The Lancet ist eine der ältesten und renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt, die ein Peer-Review einsetzen.
Im Folgenden haben wir den Artikel aus dem „The Lancet“ übersetzt:

Zählung der Toten in Gaza: schwierig, aber wichtig

Bis zum 19. Juni 2024 wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen 37.396 Menschen seit dem 07. Oktober 2023 getötet, wie das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten berichtet.

Die Zahlen des Ministeriums wurden von den israelischen Behörden angefochten, obwohl sie von den israelischen Geheimdiensten, den UN und der WHO als korrekt anerkannt wurden. Diese Daten werden durch unabhängige Analysen gestützt, in denen die Veränderungen bei der Zahl der Todesfälle von Mitarbeitern des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) mit den Angaben des Ministeriums verglichen werden, wobei sich zeigte, dass die Behauptungen der Datenfälschung unplausibel sind.

Die Erhebung von Daten wird für das Gesundheitsministerium im Gazastreifen aufgrund der Zerstörung eines Großteils der Infrastruktur immer schwieriger. Das Ministerium musste seine übliche Berichterstattung, die sich auf die in den Krankenhäusern gestorbenen oder tot eingelieferten Menschen stützt, durch Informationen aus zuverlässigen Medienquellen und von Ersthelfern ergänzen. Diese Änderung hat zwangsläufig zu einer Verschlechterung der zuvor erfassten detaillierten Daten geführt. Daher weist das Gesundheitsministerium im Gazastreifen nun die Zahl der nicht identifizierten Leichen gesondert aus, die zur Gesamtzahl der Todesopfer hinzukommen. Mit Stand vom 10. Mai 2024 waren 30 % der 35.091 Toten nicht identifiziert worden.

Einige Beamte, Politiker und Nachrichtenagenturen haben diese Entwicklung, mit der die Datenqualität verbessert werden soll, genutzt, um den Wahrheitsgehalt der Daten zu untergraben.

Die Zahl der gemeldeten Todesopfer ist jedoch wahrscheinlich zu niedrig angesetzt. Die NGO Airwars führt detaillierte Bewertungen von Vorfällen im Gazastreifen durch und stellt häufig fest, dass nicht alle Namen identifizierbarer Opfer in der Liste des Ministeriums enthalten sind. Darüber hinaus schätzen die UN, dass bis zum 29. Februar 2024 35 % der Gebäude im Gazastreifen [vollständig] zerstört waren, so dass die Zahl der noch unter den Trümmern begrabenen Leichen wahrscheinlich beträchtlich ist und auf mehr als 10.000 geschätzt wird.

Bewaffnete Konflikte haben indirekte gesundheitliche Auswirkungen, die über die direkten Schäden durch Gewalt hinausgehen. Selbst wenn der Konflikt sofort beendet wird, wird es in den kommenden Monaten und Jahren weiterhin viele indirekte Todesfälle geben, beispielsweise durch reproduktive, übertragbare und nicht übertragbare Krankheiten.

Angesichts der Intensität des Konflikts, der zerstörten Infrastruktur des Gesundheitswesens, des gravierenden Mangels an Nahrungsmitteln, Wasser und Unterkünften, der Unmöglichkeit für die Bevölkerung, an sichere Orte zu fliehen, und des Verlusts von Finanzmitteln für das UNRWA, eine der wenigen humanitären Organisationen, die noch im Gazastreifen tätig sind, wird die Gesamtzahl der Todesopfer voraussichtlich hoch sein.

In den jüngsten Konflikten war die Zahl der indirekten Todesfälle drei- bis 15-mal so hoch wie die Zahl der direkten Todesfälle. Wendet man auf die 37.396 gemeldeten Todesfälle eine vorsichtige Schätzung von 4 indirekten Todesfällen pro direktem Todesfall an, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass bis zu 186.000 oder sogar mehr Todesfälle auf den aktuellen Konflikt im Gazastreifen zurückzuführen sind. Legt man die für 2022 geschätzte Bevölkerungszahl des Gazastreifens von 2 375 259 zugrunde, so würde dies 7,9 % der Gesamtbevölkerung des Gazastreifens entsprechen.

In einem Bericht vom 7. Februar 2024, als die unmittelbare Zahl der Todesopfer 28.000 betrug, wurde geschätzt, dass es ohne Waffenstillstand bis zum 6. August 2024 zwischen 58.260 Todesopfer (ohne Epidemie oder Eskalation) und 85.750 Todesopfer (wenn beides eintritt) geben würde.

Ein sofortiger und dringender Waffenstillstand im Gazastreifen ist unabdingbar, begleitet von Maßnahmen, die die Verteilung von medizinischen Hilfsgütern, Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und anderen Ressourcen für die menschlichen Grundbedürfnisse ermöglichen. Gleichzeitig müssen das Ausmaß und die Art des Leids in diesem Konflikt dokumentiert werden. Die Dokumentation des wahren Ausmaßes ist von entscheidender Bedeutung, um die historische Rechenschaftspflicht zu gewährleisten und die vollen Kosten des Krieges anzuerkennen. Dies ist auch ein rechtliches Erfordernis. Die vom Internationalen Gerichtshof im Januar 2024 erlassenen einstweiligen Maßnahmen verpflichten Israel, „wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um die Zerstörung von Beweismaterial zu verhindern und die Erhaltung von Beweismaterial zu gewährleisten, das sich auf Anschuldigungen von Handlungen bezieht, die in den Anwendungsbereich der Völkermordkonvention fallen“.

Das Gesundheitsministerium von Gaza ist die einzige Organisation, die die Toten zählt. Darüber hinaus werden diese Daten für den Wiederaufbau nach dem Krieg, die Wiederherstellung der Infrastruktur und die Planung der humanitären Hilfe von entscheidender Bedeutung sein.
 
Link zum Original-Artikel: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(24)01169-3/fulltext

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