Ein Schritt weiter Richtung Bodenangriff — hat die Invasion begonnen?

Ein Schritt weiter Richtung Bodenangriff

Am Abend des 27.10. brachen alle Kommunikationswege aus Gaza zusammenbrachen und der israelische Kriegsminister Yoav Gallant kündigte nach bis dahin etwa 7700 getöteten Palästinenser:innen eine “neue Phase des Krieges” an. Wir fassen die wichtigsten Entwicklungen zusammen.

Kurzzusammenfassung: Seit 3–4 Tagen bewegen sich israelische Bodentruppen innerhalb des Gazastreifens und liefern sich an verschiedenen Stellen Gefechte mit palästinensischen bewaffneten Einheiten. Es handelt sich bisher allerdings um punktuelle Kämpfe außerhalb von Wohngebieten, die unterschiedlich tief in den Gazastreifen reichen. Sie haben bisher nicht den Charakter einer flächendeckenden Invasion haben. Diese Einzelstöße werden kombiniert mit der flächenmäßigen Bombardierungen urbaner Zentren und ziviler Infrastruktur.

Auch heute kündigte die israelische Armee an, mit den Bodenoperationen im Gazastreifen fortzufahren. Soldaten, sowie Hubschrauber und Drohnen würden eingesetzt.

Für die Bodeneinsätze werden verschiedene Militäreinheiten eingesetzt, darunter auch Panzereinheiten, die keine Spezialeinheiten darstellen

Tendenziell dringen einzelne Vorstöße der israelischem Bodentruppen immer tiefer in den Gazastreifen vor. Am heutigen Montag wurden diese Aktivitäten im Inneren des Gazastreifens weiter ausgeweitet Sie bleiben jedoch lokal und zeitlich begrenzt. Bis jetzt gibt es keine Berichte über israelische Armeefahrzeuge in palästinensischen Wohngebieten.

Am Vormittag berichtete Al Jazeera von längeren Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen bewaffneten Einheiten und dem israelischen Militär. Israelische Panzer haben sich demnach an den südlichen Ausläufern von Gaza Stadt positioniert.

Weitere Gebiete in die die israelische Fahrzeuge eingedrungen sind, liegen östlich und nordwestlich von Gaza Stadt. Die israelischen Armeefahrzeuge wurden ihr Berichten zufolge mit Panzerabwehrraketen beschossen.

Heute wurden Videoaufnahmen eines israelischen Panzers im Gazastreifen veröffentlicht. Der Panzer befand sich ca. 3 km von der Sperranlage entfernt auf der Salah Ed-Din Straße, eine zentrale Verkehrsachse, die den nördlichen Gazastreifen mit dem Süden verbindet. Wenn Palästinenser:innen trotz der Bomben versuchen ihre Häuser zu verlassen und Richtung Süden zu fliehen, ist dieser Weg eine zentrale Route. Auf dem Video ist zu sehen wie der Panzer ein ziviles Fahrzeug beschoss. Der Weg ist insbesondere für Verwundete wichtig, die in das Al-Shifaa Krankenhaus gebracht werden sollen. Aktivisten aus Gaza und bewaffnete Gruppen betonten, dass die Bedeutung dieses Vorstoßes nicht überschätzt werden solle.

Al Jazeera schätzt die Entwicklungen wie folgt ein: “Von Begrifflichkeiten abgesehen handelt es sich bei den nicht sehr großen und nicht sehr schnellen Vorstößen der letzten Tage um einen weiteren Schritt im Verleich zu den beiden schnellen nächtlichen Angriffen (quick in-and-out). Aber es handelt sich nicht um eine vollständige Invasion. Im Militär wird dieses Vorgehen als “Aufklärungsoperationen” bezeichnet. In Vorbereitung einer Offensive greifen kleinere Einheiten an, um die Stellungen, die Stärke, die Taktik und die Einsatzbereitschaft des Gegners zu erkunden. Anhand der gewonnenen Erkenntnisse werden dann die ersten Angriffspläne angepasst.”

Israel erneuert die Drohungen gegen in Gaza lebende Palästinenser:innen. Menschen werden telefonisch dazu aufgefordert die nördlichen Gebiete zu verlassen. Die Al Jazeera Korrespondentin Youmna El Sayed berichtet von einer privaten Nummer aus kontaktiert worden zu sein. Die Person habe sich als Angehöriger der israelischen Armee identifiziert und sie zur sofortigen Evakuierung aufgefordert, da es “in den kommenden Stunden extrem gefährlich” würde. Als sie antworteten, dass sich auf der Hauptroute Richtung Süden israelische Panzer befänden, antwortete der Anrufer, er könne nicht sagen auf welcher Route sie fliehen sollten, das sollten sie selbst herausfinden. Noch während die Journalistin berichtet wird sie von ununterbrochenen Bombeneinschlägen unterbrochen. Sichere Fluchtrouten gibt es genauso wenig wie sichere Orte, an die die Menschen fliehen könnten.

Unterdessen hält die heftige Bombardierung an. Die Taktik der Armee scheint es zu sein, großräumig zu bombardieren, was -außer den inzwischen 50 durch israelische Bomben getötete Israelis- keine Verluste bringt, und punktuell mit Bodentruppen vorzustoßen. In Middle East Eye wird dieses Vorgehen auch als eine Lektion, aus vorhergegangenen Angriffen auf Gaza gedeutet. In einem Artikel von Al Jazeera wird auch die Möglichkeit erwogen, dass die israelischen Truppen nicht ausreichend für intensive Bodengefechte vorbereitet seien.

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