Israa Jabis' verbrannte Hände
Israa Jabis zeigt Journalist:innen während einer Gerichtsverhandlung ihr verbrannten Hände.

Zum Frauentag — Frauen unter Besatzung

29 palästinensische Frauen saßen am Frauentag, dem 08.03.2023, unter unmenschlichen Bedingungen in israelischen Besatzungsgefängnissen, wo sie Opfer einer systematischen Politik der medizinischen Vernachlässigung sind, so die Gefangenenhilfs- & Menschenrechtsgruppe Addameer, die sich aus palästinensisch-israelischen Anwält:innen & Jurist:innen zusammensetzt.

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Bei der Veröffentlichung der Zahlen am 7. März nutzte die Menschenrechtsorganisation die Gelegenheit, um auf die Notlage zweier 16-jähriger Teenagerinnen aufmerksam zu machen, die sich unter den palästinensischen Inhaftierten befinden.

Dem Bericht von Addameer zufolge sind mehrere weibliche Gefangene verletzt, während 15 an verschiedenen gesundheitlichen Problemen leiden, zusätzlich zu 6 Müttern, 2 Minderjährigen & einer weiblichen Gefangenen, die sich in sogenannter Administrativhaft (Willkürhaft ohne Nennung von Gründen & Beweisen & ohne Anklage oder Gerichtsurteil) befinden.

Infograpfic Administrativehaft (Visualizing Palestine
CC BY-NC-ND 4.0)

Unter ihnen ist Israa Jaabis (36), welche im Oktober 2015 festgenommen wurde, nachdem eine defekte Kochgasflasche in ihrem Auto 500 Meter von einem israelischen Militärcheckpoint im besetzten Westjordanland entfernt in Flammen aufgegangen war.

Israa Jabis' verbrannte Hände
Israa Jabis zeigt Journalist:innen während einer Gerichtsverhandlung ihr verbrannten Hände.

Jaabis wurde bei dem Brand schwer verletzt. 65 % ihrer Haut verbrannten, ihre Hände wurden schwer verstümmelt, 8 Finger mussten amputiert werden. Die israelischen Besatzungstruppen beschuldigen die Frau, die einen 10-jährigen Sohn hat, versucht zu haben, israelische Soldat:innen an dem Militärcheckpoint in der Nähe des Explosionsortes zu verletzen. Es wurden keine Beweise vorgelegt & bis heute weist sie die Vorwürfe vehement zurück.

Trotz ihrer schwerwiegenden Verletzungen verweigerten die israelischen Besatzungsbehörden ihr die dringend benötigte medizinische Versorgung. Sie leidet bis heute unter starken Schmerzen, außerdem kann sie durch die Verbrennungen, die ihre Haut regelrecht aufschmolzen, ihre Gliedmaßen nicht vollumfänglich bewegen. Im Jahr 2022 weigerten sie sich die Besatzer:innen, eine dringende Operation durchführen zu lassen, die ihr das Atmen durch die Nase wieder ermöglichen würde. Sie benötigt mindestens 8 Operationen, darunter eine Gesichtsrekonstruktion & eine Hauttransplantation im Bereich des rechten Auges — die Besatzung weigert sich seit Jahren. Sie ist im Gefängnisalltag auf die stete Hilfe von Mitgefangenen angewiesen.

Im Folgenden findet sich hier ein Auszug aus einem Interview mit Jaabis’ Schwester Mona, das in Ramzy Barouds Buch “These Chains Will Be Broken” veröffentlicht wurde:

Kein Schmerz ist wie meiner

Es ist zu schwierig, das erste Mal zu beschreiben, als wir Israa’ sahen. Wir erfuhren hier und da etwas über die Art ihrer Wunden und die Tatsache, dass einige ihrer Finger amputiert waren. Ich dachte, dass ich mental darauf vorbereitet war, meine Schwester in diesem Zustand zu sehen, aber ich hatte mich geirrt. […]

Ich versuchte, meinen Neffen Mu’tasim auf die Veränderung vorzubereiten, die stattgefunden hatte. Ich sagte ihm, dass seine Mutter einen Unfall gehabt hatte und dass er sie bald sehen dürfe. Aber er ist ein kluges Kind. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt erst acht Jahre alt war, suchte er in den Nachrichten und fand heraus, was passiert war. Aber er konnte immer noch keine Bilder von ihr nach dem Unfall finden. Ich setzte mich wieder zu ihm und sagte: “Ich liebe meine Mutter, egal wie sie aussieht, ob weiß, schwarz oder rot, ob ihr Gesicht entstellt ist oder nicht.” Er sagte: “Ich liebe meine Mutter auch, egal wie sie aussieht.” Dann zeigte ich ihm ein Foto von ihr, das absichtlich verzerrt war. Ich wollte nicht, dass er auf Anhieb sieht, wie entsetzlich ihre Entstellung ist. Er saß lange Zeit schweigend da. Er schien emotional unbeteiligt zu sein, als ob die Geschichte von jemand anderem handelte. […]

Das erste Mal, dass wir uns offiziell mit ihr treffen durften, war im HaSharon-Gefängnis. Wir waren durch eine dicke Glaswand getrennt. Meine Mutter erkannte sie nur an ihrer Größe, denn Israa’ ist besonders groß. Meine Mutter stützte ihren Kopf in die Hände und sagte nichts, sie weinte nur.

Aber ich konnte mich nicht beherrschen, zu weinen. Ich sagte zu Israa’: “Wir lieben dich und wir werden an deiner Seite stehen, egal was für Hindernisse es gibt.” Mein Vater schien seinen Verstand verloren zu haben. Er humpelte weinend im Zimmer herum: “Israa’, mein Schatz. Israa’, ich bin dein Vater.” Israa’ sagte es ihm immer wieder: “Ich bin Israa’, Daddy. Bitte sieh mich an, sieh mich einfach an. Mein Gesicht ist verbrannt, aber mein Herz, mein Geist und mein ganzes Wesen sind noch dieselben.” Ich versicherte ihm immer wieder, dass dies Israa’ war, aber er war zu verwirrt und lief weiter im Kreis und schrie ihren Namen. Sie war immer eine Quelle der Kraft für ihn. Als er endlich begriff, dass sie seine Tochter war, brach er zusammen und weinte wie ein Kind.

Israa’ war das Rückgrat unserer Familie. Als ich sie das zweite Mal besuchte, sagte ich zu ihr: “Du musst nicht immer die Starke sein. Es ist in Ordnung, manchmal verletzlich zu sein.” Kaum hatte ich das gesagt, fing sie an zu weinen, und sie weinte lange. […]

Ein Jahr und zwei Monate später durfte Mu’tasim sie endlich sehen. Er war damals neun Jahre alt. Ich nahm ihn mit, denn meine Mutter konnte den Schmerz nicht mehr ertragen, ihre Tochter in diesem Zustand zu sehen. Aber die Gefängniswärter erlaubten mir nicht, ihr Zimmer zu betreten. Sie erlaubten Mu’tasim nur, hinter der Glasbarriere mit ihr zu sprechen. Er flehte sie an, seine Mutter umarmen zu dürfen, und schließlich gaben sie nach und erlaubten ihm, zehn Minuten mit ihr zu verbringen. Ich beobachtete hinter der Glasscheibe, wie Israa’ in einem Tigger-Kostüm hereinkam. Sie hatte es im Gefängnis genäht, da sie weiß, wie sehr Mu’tasim den Zeichentrickfilm Winnie the Pooh liebt. Sie hat sogar eine Tigger-Maske entworfen und getragen. Als Israa’ jünger war, liebte sie es, sich zu verkleiden und als Clown bei verschiedenen Veranstaltungen für Kinder aufzutreten. Mu’tasim sagte zu ihr: “Ich weiß, dass du meine Mutter bist. Ich will nicht Tigger. Ich will dein Gesicht sehen.” Also nahm sie die Maske ab. Mu’tasim war schockiert. Seine Augen füllten sich schnell mit Tränen. Er sagte zu ihr: “Ich liebe dich, egal was passiert.” Er sagte ihr, dass die “Akne in deinem Gesicht bald verschwinden wird”. Als es Zeit war zu gehen, klammerte er sich an sie und weigerte sich, sie loszulassen. Die Wachen baten mich, einzugreifen. Mu’tasim wiederholte immer wieder: “Entweder ihr lasst mich bleiben oder ihr lasst sie mit mir nach Hause kommen.”

Auf dem Heimweg sagte Mu’tasim nach langem Schweigen zu mir: “Meine Mutter wird immer schön sein, auch wenn die Akne nie weggeht.”

Mein Herz bricht für Israa’, meine große, schlanke Schwester mit dem schönen Gesicht, die schöne, deren Hände immer mit Henna verziert waren. In ihr sahen wir Hoffnung, Stärke und Schönheit. Die Härte der Besatzer hat ihr Gesicht und ihren Körper entstellt, ihre Finger amputiert und versucht unerbittlich, ihren Geist zu brechen. Ich werde nie vergessen, wie ein Journalist sie am anderen Ende des Gerichtssaals fragte, während sie von bewaffneten israelischen Beamten umgeben war: “Haben Sie Schmerzen?” Sie hob die Reste ihrer Hände und antwortete: “Kein Schmerz ist wie meiner.”

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