Flucht aus Flüchtlingslager — Dienstag, 04.07.2023

Flucht aus Flüchtlingslager

Der Angriff auf Jenin hält seit über 38 Stunden an. Auch an Tag zwei der Invasion wird das dortige Flüchtlingslager aus mehreren Richtungen vom Boden & aus der Luft angegriffen. Die Menschen fliehen zu Tausenden aus dem Flüchtlingslager, während die Zahl der Verletzten auf über 120, die Zahl der Toten auf 11 steigt. Alle Zugänge des Camps sind blockiert & von der Armee kontrolliert, es gibt weder Strom noch Wasser. Journalist:innen & medizinischem Personal wird der Zugang verweigert, teilweise werden sie von der Armee beschossen. Ärzte ohne Grenzen übt harsche Kritik an Israel. Die israelische Armee erklärt, die Angriffe fortsetzen zu wollen.

Jenin, 04.07.2023. Fotos: @wahaj_banimoufleh and @oren_ziv/Activestills.

Tag 2 der Invasion

Am zweiten Tag der Invasion setzt die israelische Besatzungsarmee die Angriffe aus der Luft & vom Boden fort. UN Berichte bestätigen, dass durch die Luftangriffe auch Wohnstrukturen im Zentrum des Flüchtlingslagers angegriffen & mehrere Wohnhäuser erheblich beschädigt wurden. Durch die Bombenangriffe aus der Luft wurden gestern drei Palästinenser getötet, ein weiterer, Oday Ibrahim Kahmaysa, erlag heute seinen Verletzungen. Zahlreiche Bewohner:innen des Camps durch Granatsplitter teils schwer verwundet. In einem ersten Bericht von gestern Abend geht die UN davon aus, dass etwa die Hälfte der Verletzungen auf die Luftangriffe zurückzuführen sei.

https://ochaopt.org/content/israeli-forces-operation-jenin-flash-update-1

Heute stieg die Zahl der Verletzten nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums auf über 120 an, 20 davon seien lebensbedrohlich. Fünf weitere Palästinenser:innen, darunter zwei Kinder, wurden gemäß der UN durch israelische Kugeln getötet. Heute morgen wurde die Leiche von Oday Khamaisheh in einer Straße Jenins gefunden, zwei weitere starben heute aufgrund der israelischen Angriffe, damit steigt die Zahl der Todesopfer der aktuellen Invasion auf 11. Fünf von ihnen waren Angaben verschiedener Widerstandsfraktionen zufolge Teil des bewaffneten Widerstandes, die anderen waren Zivilisten, darunter Minderjährige.

Jenin, 04.07.2023. Foto: activestills (@ahmad.al.bazz)

Weiterhin versuchen Bewohner:innen aus dem Lager zu fliehen. Arab48 berichtet, dass Journalist:innen daran gehindert werden ins Camp zu gelangen, teilweise wurde das Feuer auf sie eröffnet. Die UN bestätigt , dass gestern den ganzen Tag über Sanitäter:innen durch israelisches Militär aktiv daran gehindert wurden, zu Verletzten ins Camp zu gelangen oder Verwundete zu evakuieren.

https://twitter.com/larare111/status/1675997990710923265

Auch Krankenhäuser wurden direkt angegriffen, wie bspw. das Khalil Sleiman Regierungskrankenhaus, welches mehrfach mit Tränengaskanistern beschossen wurde, während im Innenhof Verletzte versorgt wurden — Dutzende Personen erlitten daraufhin Atemnot. Ein Video zeigt einen Armeebulldozer, der direkt auf Personen zusteuert, die vor dem Krankenhaus stehen & versuchen, die israelischen Invasoren mit Steinen abzuwehren. Der Bulldozer hält ohne abzubremsen auf sie zu & fährt in die Mauer des Krankenhauses, die dabei beschädigt wird. Ärzte ohne Grenzen verurteilte das Vorgehen der israelischen Armee in einer Stellungnahme: “Wir verurteilen die israelischen Streitkräfte, die medizinisches Personal daran hindern, das Flüchtlingslager Jenin zu betreten.”

https://twitter.com/occupiednews1/status/1676271362288099329/photo/1

Vertreibungen

In der Nacht hat die israelische Armee die Angriffe auf das Flüchtlingslager Jenin auf einer neuen Stufe fortgesetzt. Hunderte Familien wurden durch die Besatzungsarmee aus ihren Häusern vertrieben. Der Palästinensische Rote Halbmond bestätigt, dass ca. 3.000 Menschen evakuiert wurden. Videos zeigen wie ganze Familien, ältere Menschen in Rollstühlen & kleine Kinder mit erhobenen Händen das Camp verlassen. Teilweise wurden noch die fliehenden Menschen mit Tränengas beschossen.

https://twitter.com/kodetalah/status/1675977547299926021?s=35

Angesichts der Evakuierungen wächst derweil die Sorge vor einer noch größeren Angriffswelle auf das Camp. Bei einer geschätzten Zahl von 13.000 bis 15.000 Bewohner:innen (UN Angaben) muss davon ausgegangen werden, dass sich noch um die 10.000 Menschen im Camp befinden.

Angesichts der Zerstörungen & Vertreibung antworten die Bewohner:innen Jenins mit Solidarität. Die Restaurants in Jenin verteilen kostenloses Essen an die Geflohenen, Hotels & Privathäuser öffneten die Türen. Der Journalist Alaa Badrneh berichtet:

“Ganz Jenin öffnet die Haustüren. Die Menschen eilen auf die Straßen um zu helfen. […] Ich traf eine Frau mit ihren vier Kindern im Hof des Hotels. Die Kinder zitterten vor Angst. Die Mutter schilderte mir Unbegreifliches. In wenigen Augenblicken öffneten sich die Hotelzimmer. […] Jetzt kam eine weitere Familie & noch mehr Kinder. Die Journalist:innen stehen unter Schock. Wir werden unsere Zimmer verlassen, damit die Kinder schlafen können. Das Hotelpersonal tut was sie können, um den Menschen Sicherheit zu geben. Ganz Jenin tut was es kann”.

https://twitter.com/RazanShawamreh/status/1676056398608621568

Widerstand & Israelische Statements

Es wird weiterhin im Camp von Jenin Widerstand gegen die israelische Besatzungsarmee geleistet, wodurch es zu bewaffneten Zusammenstößen kommt. Ein Sprecher der israelischen Besatzungsarmee bestätigte heute, dass seit Beginn der Invasion 120 Palästinenser:innen verhaftet wurden. Teilweise wurden Verwundete auf Tragen liegend verhaftet & in die Armeefahrzeuge verladen.

Jenin, 04.07.2023, Fotos: @wahaj_banimoufleh and @oren_ziv/Activestills.

Bereits gestern morgen gegen 10 Uhr Ortszeit gab das israelische Militär bekannt, ein Labor des palästinensischen Widerstandes zur Herstellung von Sprengstoff entdeckt & zerstört zu haben. Zudem seien zahlreiche Waffen beschlagnahmt worden, darunter ein Raketenwerfer. Heute erklärte ein Sprecher der Armee, dass insgesamt fünf Labore zur Herstellung von Sprengstoff zerstört & hunderte von Sprenkörpern gefunden worden sein. Allerdings sei der Einsatz damit keineswegs beendet. “Im Lager Jenin verbleiben noch zehn Ziele, die die Armee erreichen & zerstören will”.

Bewaffnete Selbstverteidigungseinheiten des Camps werden gejagt, umkreist & mit Angriffen aus der Luft bedroht, allerdings gelingt es ihnen trotz der Übermacht der Besatzer:innen immer wieder zu fliehen. Im israelischen Armeeradio wurde eine israelische Sicherheitsquelle zitiert, derzufolge die Armeeoperation in der Nacht langsamer vorangekommen sei als erhofft. Der Sprecher der Armee betonte, dass die Streitkräfte die Militäroperation in Jenin so lange fortsetzen werden, bis alle ihre Ziele erreicht seien & sagte, dass „der Kampf gegen den Terrorismus nicht mit einer Militäroperation enden wird“. Im Laufe des heutigen Tages traf gemäß der Berichte von Arab48 mehrfach militärische Verstärkung der israelischen Besatzungsmacht ein. Heute Vormittag findet auch eine Beratung israelischer Militärs zur Bewertung der Lage statt. Israelischen Medien zufolge besteht allerdings keine Absicht, dass der Militäreinsatz mehrere Tage verlängert werden soll.

Palästinensische Reaktionen

In ganz Palästina ist die Anspannung spürbar. Die Meldungen aus Jenin werden in jedem Haus verfolgt & die Hilflosigkeit, diese Bilder zu sehen & nichts tun zu können ist kaum zu ertragen. Aber: Die Besatzung ist hier nie fern. Viele Menschen müssen nur einen Schritt vor die Türe treten, um mit der Besatzung konfrontiert zu werden. Und das tun sie in diesen Stunden in großer Zahl. Für den heutigen Dienstag wurde in mehreren Städten des Westjordanlandes & in Jerusalem ein Generalstreik angekündigt, in zahlreichen Städten kam es zu Demonstrationen & Protesten, mehrere Militärcheckpoints der Besatzer:innen wurden beschossen, darunter Al Tur, Qualanida, Surra.

https://twitter.com/RazanShawamreh/status/1676032686064893952

Das Ausmaß der Zerstörung

Das Ausmaß der Schäden im Lager kann vorerst nur erahnt werden. Die UN bestätigt, dass israelische Armeebulldozer alle Hauptzugangstraßen zum Camp bis auf eine einzige völlig zerstört haben. Der einzig verbliebene Zugang werde vollständig von israelischem Militär kontrolliert. Die Hauptwasserleitung des Flüchtlingslagers wurde so massiv beschädigt, dass die Menschen von der Wasserversorgung abgeschnitten sind. Auch die drei Haupttrafos wurden durch die Besatzer:innen zerstört, so dass der größte Teil des Camps ohne Strom ist. Für die Mitarbeiter:innen der Stadt ist es weiter unmöglich diese Gebiete zu erreichen, um die Schäden zu beheben. Angesichts der massiven Zerstörung warnt der Palästinensische Rote Halbmond in einer kurzen Stellungnahme heute vor einer Verschlimmerung der humanitären Lage. Ahmed Tobasi, der künstlerische Leiter des Freedom Theatre beschreibt die Situation im Camp gestern Abend:

Es ist verrückt, es ist einfach verrückt was hier passiert. Ich glaube alle stehen unter Schock darüber, was die israelischen Besatzer hier anrichten. Ja, wir sind noch schockiert, denn wir wissen, dass sie brutal sind … aber ich glaube wir haben vergessen, wie weit sie gehen könnten. … Wir wissen nicht was passiert, wir können nicht raus, wir wissen nicht was los ist, das ist das Problem. All diese Schüsse, die Bomben, wir wissen nicht was draußen passiert. Wir sind gefangen in unseren Häusern ohne Strom, ohne Internet, ohne alles & bald werden unsere Handys ausgehen. Leute, wir wissen es nicht. Ich hoffe diese Nacht wird vorbei gehen & es wird wieder alles ok sein im Flüchtlingscamp Jenin” Er hebt die Schultern & lässt sie fallen, schüttelt nochmal den Kopf: “Ich hoffe es”. Wenige Stunden später begannen die Vertreibungen.

Das kann Sie auch interessieren:

“Lavender”: Die KI-Maschine, die Israels Bomben-Amoklauf auf Gaza steuert

„Lavender“: Die KI-Maschine, die Israels Bomben-Amoklauf auf Gaza steuert

Ein KI-System der israelischen Armee nimmt den Tod tausender Zivilisten im Kauf und bevorzugt die Bombardierung von Häusern.