Getötetes Baby Gaza
Familien trauern im Al Najjar-Krankenhaus um ihre Angehörigen, nachdem am 19.12.2023 in Rafah drei Wohnhäuser von der israelischen Armee bombardiert wurden, wobei mindestens 29 Menschen getötet wurden. Foto mit freundlicher Genehmigung: MohammedZaanoun/ Activestills

Fehlgeburten im Gazastreifen um 300% angestiegen

Humanitäre Organisationen berichten, dass Frauen aufgrund der israelischen Versorgungs- und Wasserblockade mit einer alarmierenden Zahl schwerer Infektionen konfrontiert sind.

Dieser Artikel von Kylie Cheung erschien am 17.01.2024 im feministischen Magazin Jezebel unter dem Titel „Miscarriages in Gaza Have Increased 300% Under Israeli Bombing„. Hier veröffentlichen wir unsere deutsche Übersetzung.

Im Al Emirati Krankenhaus in Rafah suchte eine Frau, die von Ärzte ohne Grenzen als Maha identifiziert wurde, nach einem Kreißsaal, als die Wehen einsetzten, doch sie wurde abgewiesen: „Alle Kreißsäle waren voll“, berichtet ein Notfallkoordinator der Hilfsorganisation in einer am Mittwoch veröffentlichten Pressemitteilung. Maha „wusste, dass etwas nicht stimmte“ und dass sie Hilfe brauchte. Doch da sie keine andere Möglichkeit hatte, kehrte sie in ihr Zelt zurück. Ihr neugeborener Sohn starb, als sie ihn im Badezimmer neben ihrem Zelt zur Welt brachte. „Ohne diesen Krieg hätte sie ihren Sohn nicht verloren“, schrieb der Notfallkoordinator.

Kurz nach Beginn der israelischen Bombardierung des Gazastreifens im Oktober schlugen internationale Gesundheitsorganisationen Alarm, dass es für schwangere Frauen keinen sicheren Ort mehr für die Entbindung gibt. Mehr als drei Monate nach Beginn der Belagerung haben sich die Bedingungen nur verschlechtert, und schwangere und menstruierende Frauen sind besonders gefährdet. Mitarbeiter des Gesundheitswesens berichten von einem 300% Anstieg der Fehlgeburtenrate bei Schwangeren im Gazastreifen seit Beginn der israelischen Angriffe vor drei Monaten, so Nour Beydoun, CARE-Regionalberaterin für Schutz und Gender in Notfällen, gegenüber Jezebel.

Palästinenser:innen leben in improvisierten Zelten in einem der internen Vertriebenenlager in Rafah, im Süden des Gazastreifens. Rund 1,9 Millionen der 2,3 Millionen Einwohner des Gazastreifens sind seit dem 7. Oktober vertrieben worden & leben unter harten Bedingungen, fast ohne Nahrung, sauberes Wasser & Zugang zu den Grundbedürfnissen. Foto mit freundlicher Genehmigung: MohammedZaanoun / Activestills (07.01.2024)

Der Mangel an Versorgungsgütern aufgrund der anhaltenden israelischen Blockade hat dazu geführt, dass schwangere Frauen Schwierigkeiten haben, eine gesunde Schwangerschaft auszutragen, ein höheres Infektions- und Sterberisiko nach der Geburt oder einem Kaiserschnitt besteht, die Säuglingssterblichkeit zunimmt und eine Reihe anderer tödlicher Folgen für die sexuelle und reproduktive Gesundheit auftreten. Beydoun erzählte Jezebel, dass CARE von „erheblichem Gewichtsverlust“ bei schwangeren Frauen gehört hat, „aufgrund des eingeschränkten Zugangs zu Nahrungsmitteln, zu angemessener Ernährung“, was „zu einer schlechten persönlichen Gesundheit und auch zu einer schlechten Gesundheit des Fötus und des Neugeborenen führt.“

Ammal Awadallah, geschäftsführender Direktor der palästinensischen Vereinigung für Familienplanung und -schutz, erklärte gegenüber Jezebel, dass „alle schwangeren Frauen jetzt einem hohen Risiko ausgesetzt sind, unter unsicheren Bedingungen zu entbinden, da sie in Autos, Zelten und Notunterkünften entbinden müssen“. In den Gesundheitszentren werden schwangere Frauen nur aufgenommen, „wenn sie vollständig geweitet sind, und sie werden innerhalb weniger Stunden nach der Geburt entlassen, weil die Einrichtungen überfüllt sind und die Ressourcen extrem begrenzt sind.“ Hinzu kommt, dass viele Frauen den Weg zu den Krankenhäusern oder Gesundheitszentren – wo sie aufgrund mangelnder Kapazitäten abgewiesen werden könnten – zu Fuß zurücklegen müssen, so Beydoun.

Palästinenser:innen leben in improvisierten Zelten in einem der internen Vertriebenenlager in Rafah, im Süden des Gazastreifens. Rund 1,9 Millionen der 2,3 Millionen Einwohner des Gazastreifens sind seit dem 7. Oktober vertrieben worden & leben unter harten Bedingungen, fast ohne Nahrung, sauberes Wasser & Zugang zu den Grundbedürfnissen. Foto mit freundlicher Genehmigung: MohammedZaanoun / Activestills (07.01.2024)

Aufgrund der begrenzten Mittel werden laut Awadallah viele Kaiserschnitte und Geburten „ohne medizinische Grundversorgung, ohne Anästhesie und ohne postnatale Betreuung durchgeführt“. Nur wenige sind in der Lage, nach der Geburt Termine bei ihren Ärzten zu bekommen oder wahrzunehmen, und viele „haben keine andere Möglichkeit, als in den überfüllten Unterkünften zu bleiben“. Infolgedessen sind viele „Frauen gefährlichen Infektionen ausgesetzt“, und das Risiko der Müttersterblichkeit ist hoch: „Das Risiko von Blutungen und Infektionen ist ohne die richtigen Hilfsmittel und Medikamente so groß“, sagte Beydoun. Und die vielen Frauen, die sich einem Notkaiserschnitt unterziehen müssen, sind auch mit Infektionen der Kaiserschnittwunde konfrontiert, weil es an sauberen medizinischen Instrumenten für den Eingriff fehlt.

Diese Bedingungen sind auch für Neugeborene gefährlich, die aufgrund des Fehlens einer sterilen Umgebung und von Fachpersonal sterben“, so Beydoun.

Das alles setzt natürlich voraus, dass schwangere Frauen überhaupt in Krankenhäuser aufgenommen werden können, wo „Frauen, die in den Wehen liegen, oft keine Priorität haben“ und nur selten Betten für sie verfügbar sind, so Awadallah. Die Bedingungen im Al Emirati-Feldkrankenhaus in Rafah zeigen, wie überlastet die Krankenhäuser in Gaza sind: Beydoun sagte, das Krankenhaus sei „ursprünglich für 30 bis 40 ambulante Konsultationen von schwangeren Frauen pro Tag ausgelegt gewesen – jetzt werden dort täglich 300 bis 400 Fälle behandelt.“ Das Krankenhaus hat nur einen Operationssaal und ist „für zwei bis drei Kaiserschnitt-Entbindungen pro Tag ausgelegt – jetzt sind es 20 pro Tag.“

Palästinenser:innen stehen Schlange für eine von Freiwilligen zubereitete Mahlzeit in Rafah im südlichen Gazastreifen. 80% aller weltweit aktuell unter lebensbedrohlichem Hunger leidenden Menschen leben in Gaza. Foto mit freundlicher Genehmigung: MohammedZaanoun/Activestills

Im Oktober wurde geschätzt, dass mindestens 50.000 Frauen im Gazastreifen schwanger waren. Die International Planned Parenthood Federation berichtete damals, dass noch mehr Frauen Fehlgeburten erlitten oder aufgrund des Schocks und des Stresses unter dem Bombardement vorzeitig in den Wehen lagen. Und es ist noch nicht klar, wie viele dieser Tausenden von schwangeren Frauen in Gaza zu den schätzungsweise 24.000 Palästinenser:innen gehören, die bei den israelischen Angriffen getötet wurden, oder zu den Tausenden, die weiterhin vermisst werden. In seiner Anklage wegen Völkermordes gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof behauptet Südafrika, dass „schätzungsweise jede Stunde zwei Mütter in Gaza getötet werden“. (Die Zahl der israelischen Todesopfer der Hamas-Angriffe vom 7. Oktober beläuft sich auf 1.139. Die Hamas hält weiterhin etwa 200 Menschen als Geiseln fest.)

Nach monatelangem israelischem Bombardement ist das Gesundheitssystem in Gaza „völlig zusammengebrochen“, warnte Ärzte ohne Grenzen letzten Monat. Eine am 12. Januar veröffentlichte CNN-Untersuchung ergab, dass mindestens 20 von 22 Krankenhäusern im nördlichen Gazastreifen in den ersten beiden Monaten des israelischen Krieges gegen den Gazastreifen beschädigt oder zerstört wurden, 14 davon wurden direkt von israelischen Truppen angegriffen. Die Weltgesundheitsorganisation berichtete im Dezember, dass im nördlichen Gazastreifen kein einziges „funktionsfähiges“ Krankenhaus mehr existierte, und nur 9 von 36 Krankenhäusern im Süden waren überhaupt noch teilweise funktionsfähig, um die 2 Millionen Einwohner:innen von Gaza zu versorgen. Am Dienstagabend berichteten Journalist:innen in Gaza, dass die israelischen Streitkräfte das Nasser-Krankenhaus beschossen und angegriffen hätten.

Komplikationen bei der Geburt sind nur eine der Bedrohungen für Menschen, die ihre Menstruation haben: Wie die in Gaza lebende unabhängige Journalistin Bisan Owda Anfang des Monats berichtete, ist es fast unmöglich, Menstruationsartikel zu finden. Laut Awadallah können nur wenige Menschen „eine Apotheke in der Nähe finden“, geschweige denn eine, die noch Hygieneartikel führt. Viele sind gezwungen, Stoffstreifen zu benutzen, die sie wegen des Wassermangels nicht waschen können, Plastiktüten anstelle von Binden oder, wenn sie Glück haben“, zerschnittene Babywindeln. Eine Krankenhausmitarbeiterin berichtete Owda, dass sie „jeden Tag“ zahlreiche Fälle von Fieber erlebt, die direkt mit vaginalen Hefepilzinfektionen zusammenhängen, die durch unzureichende Hygiene und das Fehlen von Hygieneartikeln verursacht werden. Ein anderer berichtete ihr, dass der Mangel an grundlegenden Produkten zu mehr Krankenhausbesuchen, längeren Krankenhausaufenthalten und einer Verschlechterung des Zustands“ aufgrund von Infektionen und Krankheiten führt. Schwerer Wassermangel und überfüllte öffentliche Toiletten tragen ebenfalls zu „der hohen Zahl von Infektionen der Geschlechtsorgane und der Harnwege“ bei, so Awadallah.

Aufgrund des Leidens, der Angst und des sich verschlechternden psychologischen Zustands der Frauen im [Gaza-]Streifen“, so Awadallah, bekäme ein Großteil der Frauen ihre Periode jetzt mehrmals im Monat“ statt einmal.

Der Wassermangel und die Unterernährung als Folge der israelischen Blockade haben sich besonders für stillende Mütter nachteilig ausgewirkt: Frauen haben Schwierigkeiten, ihre Babys zu stillen, da sie nicht in der Lage sind, Milch zu produzieren, „ohne Wasser zu trinken und ausreichend Nahrung zu sich zu nehmen“, so Awadallah. In einem von CARE zur Verfügung gestellten Brief schrieb Alaa, eine Mutter in Gaza, dass „niemand genug isst“ und „es sind normalerweise die Mütter, die zuletzt essen“, um ihre Kinder zuerst zu füttern. „Ich habe jede Nacht mit leerem Magen geschlafen, damit meine Kinder nicht hungern müssen“, schrieb Alaa. Im Oktober teilte das Al-Aqsa-Krankenhaus der Nachrichtenagentur Associated Press mit, dass viele Mütter im Gazastreifen gezwungen seien, Säuglingsnahrung mit verunreinigtem Wasser zu mischen, was „zum Anstieg der kritischen Fälle“ in der Neugeborenenstation des Krankenhauses beigetragen habe.

Awadallah erklärte gegenüber Jezebel, dass Einschränkungen beim Zugang zu medizinischer Grundversorgung und Ressourcen für die Frauen und Mädchen in Gaza nicht neu seien: „Palästinensische Frauen und Mädchen lebten bereits in einer sehr gefährdeten Umgebung, in einem Gebiet, das seit mehr als einem Jahrzehnt von der grundlegenden Gesundheitsversorgung und von wichtigen Produkten abgeschnitten ist.“ [Der Gazastreifen wird seit 17 Jahren von Israel belagert, Anm. d. Red.] Aber die Krise ist schlimmer denn je, und „ohne einen vollständigen und sofortigen Waffenstillstand und die ungehinderte Lieferung humanitärer Hilfe in allen Teilen des Gazastreifens werden die Todesfälle bei Müttern und Neugeborenen weiter ansteigen.“

Zu diesem Thema siehe auch unseren übersetzten Artikel von Aseel Mousa aus Gaza-Stadt:

Das kann Sie auch interessieren:

Palästinakongress

Wir klagen an! – Palästinakongress gegen Deutschland

Politische Organisationen und Aktivisten der Palästina-Solidarität veranstalten am 12. und 14. April in Berlin einen großen "Palästinakongress".