Erste Hilfe verboten

Erste Hilfe verboten — Donnerstag, 20.08.2020

2 Palästinenser von Besatzungsarmee getötet, seit 8 Nächten Bomben auf Gaza, Israel stoppt Treibstofflieferungen: seit 2 Tagen Gaza ohne Strom — eine Katastrophe für Krankenhäuser, Militärübungen zwischen Deutschland & Israel, Polizeigewalt gegen pal. Arbeiter (Video)

Getötet: 2 Palästinenser wurden in den letzten 3 Tagen von der israelischen Besatzungsarmee getötet. Mohamed Matter (16) wurde von der Armee in Deir Abu Mashal schwer verletzt, erste Hilfe verboten die Soldat*innen. Trotz seiner Verletzungen wurde er verhaftet. Am nächsten Morgen gab die Armee seinen Tod bekannt. Ashraf Attar (30) wurde in Jerusalems Altstadt von Soldaten erschossen. Ein zufälligerweise in der Nähe befindlicher Arzt durfte ihm keine erste Hilfe leisten. Als er ihm zu Hilfe eilte & schon sein Hemd als Verband auszog, vertrieben ihn Soldaten mit vorgehaltener Waffe: “Ich hatte sein Blut an meinen Händen, aber ich durfte ihm nicht helfen.“ Angeblich soll Attar versucht haben, schwerbewaffnete Soldaten zu erstechen. Nach seinem Tod verhafteten Soldaten seine Mutter und zwei seiner Geschwister.

Foto des Arztes, der versucht, den verwundeten Attar zu retten & mit seinem Hemd zu verbinden, jedoch von Soldaten mit Waffengewalt vertrieben wird.

Gaza: Seit 8 Nächten wird der Gazastreifen von Israel schwer bombardiert. Es kam bisher zu schweren Sachschäden & Verletzen, darunter auch Kinder. Darüber hinaus hat Israel seine illegale Blockade des Gazastreifens massiv verschärft: Gazas Fischer dürfen nicht mehr Fischen, Baumaterialien & Treibstoff dürfen nicht mehr eingeführt werden. Daher steht seit Dienstag Gazas einziges Elektrizitätswerk still. Das ist nicht nur eine Katastrophe für Gazas Schulen & Privathaushalte während der brütenden Sommerhitze, die schon vorher aufgrund der Blockade bis zu 20h keinen Strom hatten. Es bringt auch die ohnehin am Limit arbeitenden Krankenhäuser zum Stillstand, ebenso die letzten Wasseraufbereitungsanalgen. Vor dem Hintergrund der Corona — Krise besonders grausam.

Militärübung zum Gedenken: Während Israels Armee gerade Gaza bombardiert & jahrzehntelange Besatzung & Menschenrechtsverletzungen fortsetzt, zelebrieren deutsche Medien & Politiker*innen die derzeitigen gemeinsamen Militärübungen zwischen Deutschland & eben jener israelischen Armee als “Gedenken” & “Zeichen gegen Antisemitismus“. Ein interessanter Artikel/Kommentar dazu von Arn Strohmeyer findet sich weiter unten auf dieser Seite.

Polizeigewalt: Ein verstörendes Video zeigt, wie israelische Polizei palästinensische Arbeiter anspucken, niederwefen, blutig schlagen, auf den Kopf treten, beschimpfen, entkleiden. Wir haben es hier verlinkt:

Artikel von Arn Strohmeyer, 14.08.2020:

“In jedem Jahr am Holocaustgedenktag (27. Januar) donnern israelische Kampfjets über das frühere Vernichtungslager Auschwitz, während israelische Schulkinder unten zwischen den Baracken Fahnen mit dem Davidstern schwenken und Treuschwüre für ihren Staat ablegen. Was dort im ehemaligen KZ alljährlich stattfindet – ein emotionsgeladenes und symbolträchtiges Ritual – hat der israelische Historiker und Holocaustforscher Saul Friedländer als „Vereinigung von Kitsch und Tod“ bezeichnet. Und sein israelischer Kolle Tom Segev ergänzt: „Diese Veranstaltungen verströmen statt Offenheit und Menschenliebe Isolationismus bis hin zur Fremdenfeindlichkeit.“
Ein solches martialisches Militär-Schauspiel wird nun auch im Himmel über Deutschland stattfinden. Kampfjets der Bundeswehr und Israels werden über Fürstenfeldbruck im Gedenken an die Opfer des Olympiamassakers 1972 und über das ehemalige Konzentrationslager Dachau donnern, während unten am Boden Kränze niedergelegt und auch israelische Fahnen geschwenkt werden. Das Ganze soll – so der deutsche Luftwaffenkommandeur Ingo Gerhartz – ein bewegendes Zeichen unserer Freundschaft und ein Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus sein.
Diese Worte und das geplante militärische Schauspiel am Himmel belegen die ganze Fragwürdigkeit des deutsch-israelischen Verhältnisses. Man kann grundsätzlich aus guten Gründen gegen solche militärischen Demonstrationen sein, die dem Frieden eher abträglich sind, in diesem Fall kommt aber etwas Besonderes hinzu: Wie kann es ein gemeinsame Auftreten der Bundeswehr mit der Armee eines Staates geben, der seit Jahrzehnten ein brutales Besatzungsregime über vier Millionen Palästinenser in den besetzten Gebieten aufrechterhält und die Palästinenser im Kernstaat als Menschen zweiter oder dritter Klasse in schlimmer Weise diskriminiert? Anders gesagt: Mit dem Staat Israel gibt es keine gemeinsamen Werte, die einen Auftritt beider Armeen rechtfertigen können, denn Israel ist ein Staat der Okkupation und Repression – und seine Armee ist das ausführende Organ dieser völkerrechts- und menschenrechtswidrigen Politik.
Der israelische Sozialwissenschaftler und Philosoph Moshe Zuckermann hat diesen Sachverhalt schon vor Jahren deutlich gemacht und auch eine Beziehung zum Holocaust hergestellt: „Das jüdische Kollektiv im Staat Israel ist es, welches der Konfrontation mit der entsetzlichen Wahrheit nicht entkommen kann, dass jede ‚Abnormität‘ im Gazastreifen, jedes Opfer eines ‚Schusses in die Luft‘ in der Westbank, jeder Akt brutaler Repression, der sich direkt oder indirekt aus dem Tatbestand der israelischen Okkupation ableitet, es – das jüdische Kollektiv in Israel – von der sittlich-humanen, ihm von den Holocaust-Opfern als verpflichtendes Erbe auferlegten Identität entfernt, um es in zunehmenden Maße an eine der Mörder-Identität verschwisterten Mentalität zu ketten. Es irrt, wer den Spruch ‚Meine Vernunft ist in Auschwitz verbrannt‘ zur Rechtfertigung einer jeden Untat des israelischen Staates heranzieht: Nicht seine Vernunft, sondern seine Sittlichkeit ist dort verbrannt.“
Diese Sätze Zuckermanns werfen grundsätzliche Frage nach dem dem Holocaust angemessenen Erinnern auf. Es ist kein Geheimnis, dass Israel dieses Mega-Verbrechen für seine politischen, wirtschaftlichen und militärischen instrumentalisiert, was eine Verflachung, Banalisierung und Ideologisierung des Gedenkens an dieses Verbrechen und seine Opfer zur Folge hat. Das ritualisierte Andenken geht heute so weit, dass es auch die neuen Opfer, die Israels Politik permanent produziert, rechtfertigen muss. Die israelischen Kampfjets, die jetzt am deutschen Himmel „Gedenken“ zelebrieren, haben vermutlich gestern oder vorgestern noch ihre mörderische Last über dem eingeschlossenen Gazastreifen abgeworfen. Werden sich demnächst deutsche Kampfjets – natürlich auch im Namen des Holocaust – an diesem tödlichen Spiel über dem Himmel von Gaza beteiligen?
Die Lehre von Auschwitz kann nur eine universalistische sein: Nie wieder Krieg, nie wieder Lager, nie wieder Repression, Besatzung und Diskriminierung. Eine Politik des Gedenkens in diesem Sinne braucht keine martialischen militärischen Beweise von Kraft und Stärke am Himmel oder auf dem Boden. Die Opfer des Massenmords würden – wenn sie sich denn äußern könnten – mit Ekel und Abscheu von solchem Gehabe auf Distanz gehen.”

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