Erst wird medizinische Hilfe & jetzt das Begräbnis verweigert

Der palästinensische Gefangene Nasser Abu Hmaid (50) ist gestern in einem israelischen Gefängnis gestorben, obwohl seit langem seine Freilassung gefordert & der israelischen Regierung nach seiner späten Krebsdiagnose vor mehr als einem Jahr vorsätzliche medizinische Vernachlässigung vorgeworfen wird.

Wie die palästinensischen Behörden mitteilten, starb Nasser Abu Hmaid am Dienstagmorgen im israelischen Krankenhaus Assaf Harofeh bei Tel Aviv. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) & das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hatten am Montagabend einen dringenden Besuch für seine Mutter & seinen Bruder im Krankenhaus organisiert, aber er lag schon im Koma.

Die Mutter des Gefangenen Nasser Abu Hamid. [Foto: via Social Media]

Nach Angaben der Palestinian Prisoner’s Society (PPS) litt Abu Hmeid lange Zeit unter Schmerzen, doch die Gefängnisleitung weigerte sich, ihn medizinisch zu untersuchen. Erst als im August 2021 die Schmerzen in seiner Brust besonders stark wurden, wurde er zu Untersuchungen verlegt. Dabei wurde — letztlich zu spät — Lungenkrebs diagnostiziert, der sich schnell ausbreitete.

Die Familie kämpfte gemeinsam mit Menschenrechtsorganisationen für seine Freilassung, um ihn eine angemessene medizinische Behandlung zu ermöglichen. Als der zu spät diagnostizierte Krebs immer weiter metastasierte, erklärte sie wiederholt, sie wolle, dass ihr Sohn an ihrer Seite stirbt. Das Assaf-Harofeh-Krankenhaus empfahl im September 2022 die sofortige Entlassung von Abu Hmaid & erklärte, er befinde sich “in seinen letzten Tagen”. Stattdessen wurde er jedoch in die Gefängnisklinik von Ramla zurückgeschickt & blieb inhaftiert.

Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen dokumentieren seit langem eine “vorsätzliche israelische Politik der medizinischen Vernachlässigung”. Israelische Gefängnisbehörden verzögern regelmäßig Kontrolluntersuchungen & dringende Operationen für palästinensische Gefangene um Jahre. Spezialisierte Ärzte stehen nicht regelmäßig zur Verfügung, mit Ausnahme von Zahnärzten, & “rezeptfreie Schmerzmittel werden als Heilmittel für fast alle Gesundheitsprobleme verabreicht”, so Menschenrechtsgruppen in einem gemeinsamen Bericht an die Vereinten Nationen.

Im Jahr 2020 starben vier palästinensische Gefangene in israelischem Gewahrsam. Im November 2021 verstarb der Gefangene Sami Umour (39), nachdem eine dringend notwendige Operation zur Behandlung seiner schweren Herzprobleme monatelang verschoben worden war.

Seit der Beginn der völkerrechtswidrigen israelischen Besatzung des Westjordanlandes & des Gazastreifens im Jahr 1967 sind nach Angaben der PPS 233 palästinensische Gefangene in israelischen Besatzungsgefängnissen gestorben, 74 von ihnen durch medizinische Vernachlässigung.

Die israelischen Besatzungsbehörden erklärten am heutigen Mittwoch, den Leichnam des krebskranken palästinensischen Gefangenen Nasser Abu Hmeid nicht an seine trauernde Familie zu übergeben. Das hat heute der israelische Verteidgungsminister Benny Gantz beschlossen & somit seiner Familie verboten, ihn zu beerdigen & ihm auf würdige Weise Lebewohl zu sagen.

Das Zurückhalten der Leichen palästinensischer Opfer von Soldatengewalt & verstorbener Häftlinge ist eine langjährige israelische Praxis, die für die Familien eine kollektive Bestrafung darstellt, die gegen das humanitäre Völkerrecht verstößt.

Der traumatische Verlust eines geliebten Menschen kann ohne eine Beerdigung lange nicht verarbeitet werden. Wird der Leichnam nach langer Zeit endlich doch frei gegeben — teilweise erst nach Jahren — reißt das erlittene Trauma erneut auf. Israel hält aktuell immer noch die Leichen von über 100 palästinensischen Toten zurück, die seit 2015 verstarben, die überwiegende Mehrheit meist durch Gewalt der Besatzungsarmee. Die Praxis betrifft auch getötete palästinensische Frauen & Kinder. So wurde bspw. im April 2021 der tote Körper des 16-jährigen Yusuf Abu Jazar aus dem Gazastreifen beerdigt, 3 Jahre nach seiner Ermordung durch israelische Scharfschützen. Im August dieses Jahres wurde die tiefgefrorene Leiche der 29-jährigen Mai Afani endlich von ihrem Mann & ihrer 5-jährigen Tochter begraben — über ein Jahr nach dem sie von Soldat:innen erschossen wurde.

Das Festhalten palästinensischer Gefangener innerhalb Israels & somit außerhalb der besetzten Gebiete, aus denen sie stammen, ist völkerrechtswidrig. Diese Praxis unterbindet unter anderem Familienbesuche & Besuche von Anwälten, da diese Israel nur mit einer von den israelischen Behörden auszustellenden Einreisegenehmigung betreten können, die oft verweigert wird, auch ohne Angabe von Gründen.

Abu Hmaid war ein ehemaliger Führer des bewaffneten Flügels der Fatah-Partei, der sogenannten Al Aqsa-Märtyrerbrigade. Er stammte aus einer Flüchtlingsfamilie, die im Al Amari-Flüchtlingslager in Ramallah im israelisch besetzten Westjordanland lebte. Er war seit 2002 inhaftiert & wurde wegen seiner Rolle bei Anschlägen während der zweiten Intifada zu 7 Mal lebenslänglich verurteilt.

Vier weitere Brüder Nassers befinden sich in israelischen Gefängnissen: Nasr (47), Sharif (45), Mohammad (38) & Islam (35). Israel hat sie alle zu lebenslanger Haft verurteilt. Darüber hinaus haben israelische Besatzungstruppen 1994 einen fünften Bruder, Abdul Meniem, erschossen. Auch das Haus der Familie wurde mehrmals von den Besatzern zerstört.

Zum Vorwurf der systematischen Verweigerung medizinischer Hilfe: https://www.un.org/unispal/wp-content/uploads/2021/02/AHRC46NGO90_170221.pdf

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