Palästinensische Häftlinge aus Gaza [Screengrab/Aljazeera]

Entführt ohne Anklage – Verstümmelt entlassen

Ausführlicher Bericht zur Lage der Gefangenen in den Kerkern der Besatzung anlässlich des Tages der palästinensischen Gefangenen.

„Als sie mich gefangen nahmen, hatte ich zwei Beine. Heraus kam ich mit einem“ – Folter und Entführungen durch die israelische Armee reißen nicht ab

Der Palästinenser Sufyan Abu Salah aus Khan Younis (Gazastreifen) kann sich nur mit Mühe fortbewegen. Mit einer Hand versucht er sich auf einen dünnen Stock zu stützen, zwei Männer halten ihn rechts und links. Vor zwei Tagen, am Morgen des 15. April, wurde Abu Salah aus israelischer Geiselhaft entlassen. Sein linkes Hosenbein ist unter dem Oberschenkel hochgebunden, vom linken Bein ist ihm nur ein Stumpf geblieben. Es ist nicht der erste Fall dieser Art. Anfang April berichtete der Arzt eines israelischen Gefängnisses in einem offenen Brief, dass in nur einer Woche zwei Gefangenen die Beine amputiert werden mussten. Sie waren durch das Anlegen von Fesseln (häufig werden hierfür Kabelbinder verwendet) so stark verwundet worden, dass ihre Beine nicht mehr gerettet werden konnten. „Leider sind solche Amputationen inzwischen Routine geworden“ schreibt der Arzt weiter. Die Zustände in der Gefangenensammelstelle Sde Teiman beschreibt er drastisch: Alle Gefangenen seien 24 Stunden am Tag gefesselt. Die Fesseln verursachten schwere Verletzungen, die „wiederholte chirurgische Eingriffe erfordern“, sage er. Mehr als die Hälfte der Verletzungen, die er in der Gefangenensammelstelle behandelte, seien hierauf zurück zu führen. Auch auf der Krankenstation seien alle Patient:innen an allen vier Gliedmaßen gefesselt, unabhängig davon, ob sie als gefährlich eingestuft werden. Ihnen würden die Augen verbunden, Nahrung erhielten sie nur durch einen Strohhalm. „Unter diesen Bedingungen verlieren selbst junge und gesunde Patient:innen nach ein oder zwei Wochen Krankenhausaufenthalt an Gewicht“.

Bevor Abu Salah in Gefangenschaft geriet, sei er immer gesund gewesen, beteuert er im Gespräch mit dem palästinensischen Journalisten Hassan Eslaih von Middle East Eye: „Ich hatte überhaupt keine Probleme, kein Diabetes, kein hoher Blutdruck, nichts. Ich hatte ein völlig gesundes Bein und das ist jetzt daraus geworden.“

Eine kleine Verletzung an seinem Bein habe sich entzündet. Er berichtet mehrfach medizinische Behandlung eingefordert zu haben, diese sei ihm jedoch verweigert worden: „Ich habe sie eindringlich gebeten mich ins Krankenhaus zu bringen, damit ein Arzt sich das anschauen kann. Sie haben es verweigert“.1 Erst nach sieben Tagen, als ein Wundbrand ausbrach und sich schnell ausbreitete, habe die israelische Armee einen Transfer ins Krankenhaus ermöglicht. Die Infektion hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon bis auf den Knochen ausgebreitet. Es blieb nur noch die Amputation: „Ich stand vor der Wahl: Entweder verliere ich mein Leben oder ich verliere mein Bein“.

@thenationalnews

A former Gazan detainee says he had a leg amputated after being denied treatment for a minor infection while in an Israeli prison. #news #gaza #palestine #israel

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Tag der palästinensischen Gefangenen – Anzahl unbekannt

Heute ist der 17. April, der Tag der palästinensischen Gefangenen. Seit 1974 würdigen Palästinenser:innen in Palästina und der Diaspora all jene, die in den Kerkern der Besatzungsmacht verschwunden sind. Gewöhnlich veröffentlichen Gefangenenorganisationen an diesem Tag Berichte, in denen Zahl der Entführten und die Systematik der Gewalt in den Gefängnissen dargestellt wird. Doch in diesem Jahr ist es kaum möglich, das Ausmaß der Entführungen zu erfassen. Seit dem 7. Oktober hat die Welle der Verschleppungen nicht abgerissen. Zwar gibt es Zahlen zum Westjordanland, allerdings ist unbekannt wie viele Menschen in oder aus dem Gazastreifen verschleppt wurden.

Seit Oktober wurden im besetzten Westjordanland, einschließlich des besetzten Jerusalems, 8.270 Palästinenser:innen entführt, darunter etwa 275 Frauen, 520 Kinder und 66 Journalist:innen. Insbesondere die Zahl der Palästinenser:innen in Administrativhaft hat massiv zugenommen. Administrativhaft, auch Verwaltungshaft genannt, ist zentrales Element der Militärgesetzgebung, die ausschließlich die unter Besatzung lebenden Palästinenser:innen betrifft. Die auf demselben Gebiet lebenden israelischen Siedler:innen stehen unter Zivilgesetzgebung. Für Palästinenser:innen gibt es keine Unschuldsvermutung. Die Administrativhaft ist eine Haft ohne Anklage, ohne Gerichtsurteil und sogar ohne Beweisnennung, Gefangene verbringen teils Jahre im Gefängnis, ohne jemals den Grund ihrer Gefangenschaft zu erfahren.2 Bis Anfang April lag die Zahl der seit dem 7. Oktober in Administrativhaft genommenen Palästinenser:innen bei 3.660. Auch 45 der 66 seit Oktober inhaftierten Journalist:innen sind in Administrativhaft. Verschiedene Gefangenenorganisationen berichten von gegenwärtig über 9.500 Gefangenen, darunter 80 Frauen und mehr als 200 Kindern und Minderjährigen3 – ohne die Gefangenen aus Gaza.

Infografik Administrativehaft
Infograpfic Administrativehaft (Visualizing Palestine CC BY-NC-ND 4.0)

Ihre Zahl wird auf mehrere Tausend geschätzt. Entführt wurden auch hunderte Palästinenser:innen die sich mit Arbeitsgenehmigungen oder Genehmigungen zur medizinischen Behandlung im besetzten Jerusalem aufhielten, teils wurden sie aus den Krankenhäusern heraus abgeführt.4

Die Frage der Gefangenen ist auch zentral für die Verhandlungen über einen Waffenstillstand. Am 15. März schlug die Hamas-Führung einen Waffenstillstand vor, der die Freilassung aller israelischen Gefangenen im Austausch mit 700-1000 gefangenen Palästinenser:innen vorsah.5

Elektroschocks, Nagelpistolen, Scheinrichtungen – Folter in den Gefängnissen der Besatzung

Diejenigen, die den Gefängnissen entrinnen berichten Grausames. Psychische und physische Folter, Missbrauch, erzwungene Geständnisse, Haft ohne Anklage – all das ist Alltag in der angeblich „einzigen Demokratie des Nahen Ostens“. Es gibt zahlreiche von der UN dokumentierte Zeugenaussagen von Gefangenen im Alter zwischen sechs und 82 Jahren6 7, die von tagelangem Verharren in Zwangspositionen, Schlägen, Schlägen mit Metallstöcken, Elektroschocks, Übergießen mit heißem Wasser und der erzwungenen Injektion unbekannter Substanzen berichten. In einem entsprechenden UN Bericht heißt es: „In den meisten Fällen sind die freigelassenen Häftlinge extrem desorientiert, hungrig, körperlich erschöpft und zeigen sichtbare Anzeichen eines körperlichen und seelischen Traumas und tragen schmutzige Kleidung, manchmal mit sichtbaren Blutflecken. Sie sind sich oft nicht bewusst, dass der Krieg weitergeht, manchmal wissen sie nicht, dass sie nach Gaza zurückgekehrt sind, und sie kennen weder den Aufenthaltsort noch das Schicksal ihrer Angehörigen“.8 Ein 26-jähriger berichtet: „Sie schlugen mich mit einer ausziehbaren Metallstange. Ich hatte Blut an meiner Hose, und als sie das sahen, schlugen sie mich dort. Sie benutzten eine Nagelpistole für mein Knie. Diese Nägel steckten etwa 24 Stunden lang in meinem Knie, bis ich ins Naqab-Gefängnis gebracht wurde“.9

Insbesondere aus Gaza mehren sich die Berichte über Scheinhinrichtungen. So wurden etwa Gefangene gezwungen Gruben auszuheben und sich hineinzulegen oder sie mussten sich auf den Boden legen, während ein Panzer so knapp an ihnen vorbeifuhr, dass sie glaubten, überrollt zu werden (wir berichteten: Was mit der Frau auf dem israelischen Lastwagen geschah und Eisenstangen, Elektroschocks, Scheinhinrichtungen: Wie Palästinenser in Israels Gefängnissen gefoltert werden). Teils wurden jüdische Israelis auch in die Gefängnisse gebracht, um sich an der Folter der Palästinenser:innen zu belustigen. Die Folter nackter palästinensischer Gefangener als Unterhaltung für israelische Zuschauer:innen10 .

Angesichts dieser Gewalt wundert es nicht, dass es immer wieder Fälle von Palästinenser:innen gibt, die im israelischen Gefängnis so gebrochen werden, dass ihnen nur noch der Ausweg in die Dissoziation bleibt. Wir berichteten etwa vom Gefangenen Basil Ayida, der nach 11 Jahren in israelischen Gefängnissen, sechs Jahre davon in Einzelhaft, sein Gedächtnis verlor.

Gefangenschaft über den Tod hinaus

Die Verweigerung medizinischer Versorgung, die Abu Salah sein Bein kostete, hat System. Am 7. April 2024 starb der Gefangene Walid Daqqa in Folge der Verweigerung medizinischer Behandlung. Er verbrachte fast 40 Jahre seines Lebens in Gefangenschaft.

Seit 1967 sind mehr als 250 Gefangene hinter den Gefängnismauern gestorben oder wurden umgebracht. Teilweise werden sie noch über ihren Tod hinaus gefangen gehalten, so hat die israelische Besatzungsmacht die Körper von 27 in Haft Verstorbenen oder Getöteten bis heute nicht freigegeben.11Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete, dass seit dem 7. Oktober 27 Gefangene aus Gaza während ihrer Verhöre und ihrer Inhaftierung in israelischen Militäreinrichtungen nach schweren Folterungen und Misshandlungen ums Leben gekommen sind. Nach Angaben der Zeitung starben die Gefangenen, während sie im Stützpunkt Sde Teman in der Nähe von Beerscheba im Süden Israels und im Stützpunkt Anatot in der Nähe des besetzten Jerusalems festgehalten wurden oder während sie in anderen israelischen Einrichtungen untersucht wurden. Die Armee hat keine Informationen über diese Todesfälle veröffentlicht.12 Das Lager Sde Teman wurde unmittelbar nach dem 7. Oktober errichtet, hierhin werden Gefangene aus dem Gazastreifen verschleppt.

Der Kampf in den Gefängnissen

Gefangenschaft ist in Palästina keine Ausnahme, sondern die Regel. Generation für Generation durchläuft Gefängnisse. Vier von zehn Palästinensern, fast jeder zweite männliche Palästinenser, verbringt einen Teil seines Lebens in den Gefängnissen der Besatzung.13 Die Sprecherin von Samidoun, einer in Deutschland verbotenen Organisation für die palästinensischen Gefangenen, Charlotte Kates, betont: „Seit den Anfängen der palästinensischen nationalen Befreiungsbewegung war die Inhaftierung immer eine Waffe, die von den Kolonialherren eingesetzt wurde“. Der Palästinenser Marwan Tamini aus Nabi Saleh beschreibt, dass für alle Eltern in Palästina ein Zeitpunkt kommt, an dem sie erkennen müssen, dass sie ihre Kinder nicht vor der Gewalt der Besatzung schützen können.14 Lieder über Gefangenschaft und Flucht sind ein fester Bestandteil palästinensischer Kultur. So wurde etwa das Lied „Ya taliin eljabal“ (auf deutsch etwa: An diejenigen, die die Berge erklimmen) traditionell von Frauen gesungen, um einen bevorstehenden Befreiungsversuch weiterzugeben. Mit der Gesangstechnik „Tarweedeh“ konnten versteckt hinter scheinbar harmlosen Melodien und trällern geheime Botschaften in die Gefängnisse der britischen Besatzung transportiert werden.

Immer wieder kommt es zu Aufständen und Protesten in den Gefängnissen. „Die Gefangenen sind ein Kompass in unserem Kampf“ ist ein geflügeltes Wort in Palästina. Und unvergessen sind spektakuläre Fluchten, wie etwa der Ausbruch aus dem Gilboa-Hochsicherheitsgefängnis. Sechs Gefangenen gelang es mithilfe von primitivem Werkzeug wie Löffeln einen Tunnel zu graben und so aus dem Gefängnis zu fliehen, was als eines der sichersten weltweit galt. „Angesichts der Tatsache, dass sowohl die Palästinenser:innen als auch unsere Befreiung sowohl im historischen Palästina als auch in der Diaspora kriminalisiert werden“, so die Palästinensische Jugendbewegung, „ist es nicht verwunderlich, dass die Palästinenser:innen unsere Gefangenen als Repräsentant:innen einer Nation in Gefangenschaft betrachten“, als „Kompass“ auf dem Weg zur Befreiung.15 Kates ergänzt: „[Die Gefangenen waren] immer eine Inspiration für den palästinensischen Widerstand.“ Sie seien nicht nur Opfer der Kolonialherren, sondern auch „Anführer:innen, Organisator:innen und Kämpfer:innen“, erklärte sie. Sie organisieren sich hinter Gittern und verwandeln Gefängnisse in ‚revolutionäre Schulen‘ der Unterdrückten.16

Walid Daqqa, der nach fast 40 Jahren Gefangenschaft in den Kerkern der Besatzung starb schrieb: „Liebe ist mein einziger Sieg über diejenigen, die mich gefangen halten“ und an seine Tochter „Du bist die schönste Flucht … meine Botschaft an die Zukunft“.17

Faktenblatt, herausgegeben von den Institutionen für Inhaftierte anlässlich des „Tages der palästinensischen Gefangenen“ am 17. April
  1. https://www.youtube.com/watch?v=f2zvtbQ5Ol0 ↩︎
  2. https://www.addameer.org/israeli_military_judicial_system/administrative_detention ↩︎
  3. https://www.middleeastmonitor.com/20240416-israel-has-imprisoned-over-9500-palestinians-in-its-jails-report/ ↩︎
  4. https://www.middleeasteye.net/news/israel-palestine-war-police-detain-gaza-visitors-hospital ↩︎
  5. https://www.palestinechronicle.com/the-rights-of-our-peoplehamas-presents-latest-ceasefire-proposal/ ↩︎
  6. https://www.aljazeera.com/news/2024/3/13/after-the-unrwa-report-more-accounts-of-israels-torture-in-gaza
    ↩︎
  7. https://www.theguardian.com/world/2024/jan/21/gaza-activist-tells-of-beating-and-abuse-in-israeli-detention ↩︎
  8. https://www.aljazeera.com/news/2024/3/13/after-the-unrwa-report-more-accounts-of-israels-torture-in-gaza ↩︎
  9. https://www.aljazeera.com/news/2024/3/13/after-the-unrwa-report-more-accounts-of-israels-torture-in-gaza ↩︎
  10. https://occupiednews.com/folter-als-volksbelustigung/ ↩︎
  11. https://www.middleeastmonitor.com/20240416-israel-has-imprisoned-over-9500-palestinians-in-its-jails-report/ ↩︎
  12. https://www.haaretz.com/israel-news/2024-03-07/ty-article/.premium/27-gaza-detainees-died-in-custody-at-israeli-army-facilities-since-the-start-of-the-war/0000018e-1322-d950-a18e-f3bbaa370000 ↩︎
  13. https://www.aljazeera.com/news/2023/10/8/why-are-so-many-palestinian-prisoners-in-israeli-jails ↩︎
  14. https://apnews.com/article/palestinian-boys-prison-west-bank-israel-war-d0f73d0a1581749894ffc0e078b4b160 ↩︎
  15. https://www.palestinechronicle.com/prisoners-are-the-compass-of-our-struggle-palestinian-prisoners-day-amid-gaza-genocide/ ↩︎
  16. https://www.palestinechronicle.com/prisoners-are-the-compass-of-our-struggle-palestinian-prisoners-day-amid-gaza-genocide/ ↩︎
  17. https://www.palestinechronicle.com/prisoners-are-the-compass-of-our-struggle-palestinian-prisoners-day-amid-gaza-genocide/ ↩︎

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