Endlich wieder Schule: Der Schulweg führt auch im neuen Schuljahr durch Tränengas— Weekly Summary

Westjordanland

Getötet: Israelische Besatzungstruppen haben am Montag bei einem ihrer Überfälle auf das besetzte Jenin 4 junge Palästinenser erschossen. Die israelischen Besatzungsbehörden gaben an, dass ihre Einheiten während der Razzia unter schwerem Beschuss standen, auf den sie reagierten. Es wurde kein israelischer Soldat verletzt.

Bei den Getöteten handelt es sich um Raed Abu Saif (21), Saleh Omar (20), Nour Jarrar (19) & Amjad Hussainiya (21). Die Leichen der beiden Letztgenannten wurden von den Streitkräften einfach mitgenommen. Es ist israelische Praxis, die Leichen getöteter Palästinenser:innen über Monate, teilweise Jahre den Angehörigen vorzuenthalten & ihnen somit eine Beerdigung & Verarbeitung der Trauer zu verwehren. Laut Zeugenaussagen verwehrte das israelische Militär während ihres Angriffs dem medizinischen Personal, alle Erschossenen & Verwundeten zu erreichen, um ihnen die notwendige Behandlung zukommen zu lassen.

Die Stadt Jenin trat nach den Ereignissen noch am selben Tag in einen Generalstreik aus Protest gegen die Besatzung. Im Laufe des Tages wurden die Leichen von 2 der Getöteten beerdigt. Tausende von Bürger:innen Jenins nahmen an der Beerdigung teil, um ihren Widerstand gegen die Besatzung & ihre tödlichen Angriffe & regelmäßigen Überfälle bzw. Razzien durch Soldat:innen auf ihre Stadt zu bekunden.

Am selben Tag nahm die israelische Armee einen Palästinenser fest, der angeblich eine israelische Uniform trug und eine Waffe bei sich hatte, was auf einen Plan zur Rache an den getöteten Palästinensern in seiner Stadt hindeutet. Bei dem Verhafteten handelt es sich um den ehemaligen Häftling Usama Fayyad (22 Jahre).

Besatzungsalltag: Die israelische Besatzungsarmee fiel 92 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat*innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Während der Übergriffe in dieser Woche wurden 49 Palästinenser:innen verhaftet, darunter 4 Kinder.

Bei einer der Angriffe in dieser Woche überfiel die IOF die palästinensische Werbeagentur in Al Khalil (Hebron), beschlagnahmte alle Druckmaschinen und schloss sie. Die Mitarbeiter:innen befinden sich somit in einer aktuten wirtschaftlichen Notlage.

Laut dem Bericht einer UN-Organisation verletzten israelische Streitkräfte zwischen 27.07. — 09.08. 2021 im Westjordanland 764 Palästinenser:innen. Die meisten von ihnen wurden bei Demonstrationen verletzt, bei denen Palästinenser:innen Steine auf israelische Soldat:innen warfen, welche wiederum mit scharfer Munition, gummiumantelten Stahlgeschossen & Tränengas schossen. 586 Menschen wurden allein in Beita & 10 in Beit Dajan (beide nahe Nablus) verletzt, wobei es sich in beiden Fällen um Proteste gegen die illegalen Siedlungen in den Ortschaften handelte.

https://www.ochaopt.org/poc/27-july-9-august-2021

Bei Protesten anlässlich der Beerdigung des in Beit Ummar getöteten 12-jährigen palästinensischen Kindes Mohammad Allami wurden insgesamt 107 Menschen verletzt. Weitere 53 Palästinenser:innen wurden bei Protesten gegen die laufenden Abrissarbeiten im Dorf Sa’ir bei Al Khalil (Hebron) verletzt. Eine Frau, die nach Angaben des israelischen Militärs versucht hatte, einen Soldaten zu erstechen, wurde am Kontrollpunkt Huwwara (Nablus) angeschossen — Recherchen zeigen, dass die Beweise für einen Messerangriff der israelischen Armee gefälscht sind. Auf 16 der verletzten Palästinenser:innen wurde mit scharfer Munition gezielt.

Systematische Vertreibung: Laut demselben UN-Bericht haben die israelischen Besatzungsbehörden 57 palästinensische Gebäude im Westjordanland innerhalb von 2 Wochen abgerissen, beschlagnahmt oder die Familien dazu gezwungen, ihr Wohneigentum/Geschäfte eigenhändig abzureißen. Als Vorwand dienen nicht vorhandene Baugnehmigungen — die die Besatzung in der Regel Palästinenser:innen regelmäßig verweigert, wie auch die UN feststellte. 97 Menschen, darunter 67 Kinder, wurden dadurch innerhalb von 14 Tagen obdachlos & die Lebensgrundlage von 240 weiteren Menschen beeinträchtigt. Heute wurde zu dem ein palästinensischer Kindergarten in Beit Safafa, ebenfalls ein Jerusalemer Viertel, abgerissen.

In der Zwischenzeit teilt die israelische Besatzung das Westjordanland weiterhin in getrennte Zonen auf, deren Verbindungsstraßen von der Besatzung seit dem Jahr 2000 blockiert werden & mit hunderten temporären & permanenten Militärcheckpoints versehen sind. Sie schränken die Bewegungsfreiheit von ausschließlich palästinensischen Zivilisten massiv ein, außerdem können sie hier willkürlich verhaftet werden. Neben den 108 permanenten Militärcheckpoints errichtete die Besatzungsarmee diese Woche 42 neue temporäre Militärcheckpoints.

Politische Gefangene

10 palästinensische Gefangene befinden sich im Hungerstreik gegen ihre Verhaftung ohne Prozess & Anklage.

Der längste der 10 aktuellen Hungerstreiks hält nun seit 39 Tagen an. In israelischen Gefängnissen sitzen derzeit rund 4.800 Palästinenser:innen, die einen Bezug zu Aktivitäten gegen die Besatzung haben sollen. 550 von ihnen befinden sich in Administrativhaft, was bedeutet, dass sie weder den Grund noch die Dauer ihrer Verhaftung kennen. Weder sie noch ihre Anwälte dürfen die Beweise sehen, die die israelische Armee angeblich gegen sie hat. Es gibt keine Anklage oder Gerichtsverfahren.

Siedlergewalt: Eine Gruppe von Siedler:innen hat diese Woche mit Unterstützung der israelischen Armee einen neuen völkerrechtswidrigen Außenposten, welcher nicht einmal von Israel genehmigt ist, in der Nähe von Al Khalil (Hebron) auf privatem palästinensischem Land errichtet. Die Häuser des Dorfes werden immer wieder von der israelischen Armee zerstört. Die illegalen Siedler:innen in der Westbank, einschließlich Jerusalem, sind etwa 650.000, die in 164 völkerrechtswidrigen Siedlungen & 116 Außenposten leben. Siedlungen stellen gemäß Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen dar.

Eine Gruppe israelischer Siedler griff heute einen palästinensischen Arbeiter in Jerusalem an & stach ihm brutal in den gesamten Körper. Der Arbeiter wurde schwer verletzt & in das Shaare Zedek Medical Center in der besetzten Stadt gebracht, wo er in ernstem Zustand behandelt wurde. “Er saß dort am Ende seiner Arbeitsschicht. Sie stachen ihm in den ganzen Körper”, berichtete ein Augenzeuge Walla News. “Er versuchte wegzurennen, bis er zusammenbrach.”

https://twitter.com/i/status/1428285326271913991

Freiluftgefängnis Gaza

Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird.

Im Gazastreifen führte die israelische Armee erneut einen begrenzten Einmarsch in den zentralen Gazastreifen durch. Außerdem beschossen Kanonenboote der israelischen Marine 5 Mal Fischerboote. Verletzt wurde dabei dieses Mal niemand. Derartige Angriffe auf Fischer sind wöchentlich.

Rückkehr zur Schule — Nicht viele können das feiern

Rund 1,2 Millionen Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten sind diese Woche in die Schule zurückgekehrt. Die meisten Kinder haben die Tage heruntergezählt & sich auf die Wiedereröffnung der Schulen gefreut. COVID-19 hat dazu geführt, dass es im letzten Schuljahr schwieriger war, dem Unterricht von zu Hause aus zu folgen, zumal nur 35% der palästinensischen Haushalte Zugang zu Heimcomputern hatten. Die Schulen im Gazastreifen waren seit der israelischen Bombardierung im Mai 2021 geschlossen: Diese Woche konnten endlich wieder knapp 180.000 Kinder im Alter von 4 — 17 Jahren im Gazastreifen Schulen besuchen. Dabei mussten sie auch in Schulen zurückkehren, die noch immer beschädigt sind, weil das für die Reparaturen benötigte Material von Israel nicht in den Gazastreifen gelassen wird.

Seit Anfang 2021 wurden insgesamt 79 palästinensische Kinder getötet & 1.269 verletzt. 67 Kinder wurden im Gazastreifen während des letzten Krieges im Mai 2021 getötet, ein weiteres im Juni durch einen explosiven Blindgänger. Im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, wurden dieses Jahr bisher 11 Kinder getötet — 10 seit Mai — & 584 verletzt (378 durch Tränengas) durch israelische Streitkräfte.

24 palästinensische Kinder (5 Mädchen, 19 Jungen) wurden seit Anfang des Jahres im Westjordanland von Siedler:innen verletzt. Israel ist als Besatzungsmacht dafür verantwortlich, Kinder & Lehrer:innen vor den Schikanen & der Gewalt durch Siedler:innen auf dem Weg zur & von der Schule zu schützen & zwar immer. Alle Parteien müssen sich zum Schutz der Kinder im Einklang mit dem Völkerrecht verpflichten, egal wo sie sich befinden.

Ende Juni wurden 225 palästinensische Kinder in israelischen Hafteinrichtungen festgehalten. Am 29. Juli beschlagnahmte die Besatzung Ausrüstung, darunter Computer & Festplatten, aus den Büros von Defence for Children International — Palestine, einer Kinderschutzorganisation. Zu den beschlagnahmten Gegenständen gehörten auch die Rechtshilfeakten der Kinder, die vor Militärgerichten angeklagt sind.

Trotz all dieser Widrigkeiten können die palästinensischen Kinder stolz auf sich sein. Fast 97 % der Kinder im Grundschulalter in Palästina gehen zur Schule, eine der höchsten Schulbesuchsquoten in der MENA-Region. Die die Analphabetenrate ist von 1,1 % im Jahr 2007 auf 0,8 % deutlich gesunken. Im Jahr 2021 bestanden 71,3 % der 82.924 Schüler:innen in Palästina die Tawjihi-Prüfungen, die den Zugang zur Hochschulbildung & zu akademischen Stipendien eröffnen.

https://www.ochaopt.org/poc/27-july-9-august-2021

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