Einziges Kampfmittel: Der leere Magen & die eigene Gesundheit — Weekly Summary, 24.06.2021

Der Gefangene Khodor Adnan wird nach 25 Tagen Hungerstreik endlich freigelassen, 2 weitere Hungern noch gegen ihre Willkürhaft, einer von ihnen seit 51 Tagen, er liegt nun auf der Krankenstation. Im besetzten Beita versuchen die Einwohner*innen ihr von Siedlern gestohlenes Land zurückzugewinnen & versuchen sie mit Lärm & brennendem stinkendem Dauerfeuer von Autoreifen zu verscheuchen. In Sheikh Jarrah im besetzten Jerusalem gehen seit mehreren Nächten Siedler auf Palästinenser*innen los & attackierten sie — die israelische Polizei macht mit & attackiert selbst die Krankenwagen, die Verwundete abtransportieren wollen. Über 20 Palästinenser*innen werden in einer Nacht verletzt. Knessetmitglied: “Diskriminierung & Apartheid gegen alles, was arabisch oder palästinensisch ist. Es geht darum, ob man Araber*in ist oder nicht […] es gibt keinen direkteren Rassismus als das.” Ein Palästinenser wird gezwungen, sein eigenes Haus in Jerusalem abzureißen, “30 Jahre Arbeit in 10min zerstört”. Er & sein nächsten Monat heiratender Sohn sind nun obdachlos. Leichte Lockerung der israelischen Blockade: Gazas Fischer dürfen nun 3 Seemeilen weiter von der Küste entfernt fischen, ein großer Fang ist dennoch weiter unmöglich. Israel öffnet Warenübergang ein klein wenig. Und auch ein israelischer Pass schützt nicht: Der Kampf gegen palästinensische Dörfer in Israel, älter als dieser Staat, geht weiter. Im Westjordanland & Gaza kam es zu Massenprotesten, nachdem die pal. Autonomiebehörde Nizar Banat bei der Verhaftung tötet, nun unterdrückt sie den Protest gewaltsam. Das & mehr: Was in der Woche vom 17.-24.06.2021 im historischen Palästina passierte.

Politische Gefangene: Khodor Adnan konnte heute nach 25 Tagen erfolgreich seinen Hungerstreik beenden. Dies geschah, nachdem das israelische Militär entschieden hatte, seine derzeitige Administrativhaft nicht zu verlängern, was bedeutet, dass er bis Montag freigelassen wird. Administrativhaft bedeutet Willkürhaft ohne Nennung von Gründen oder Beweisen & ohne Anklage oder Gerichtsurteil. Sie ist beliebig oft ohne Begründung verlängerbar. Adnan verbrachte insgesamt Jahre in Administrativhaft & durchlief viele erfolgreiche Hungerstreiks. Der längste betrug 66 Tage im Jahr 2012, ein anderer 52 Tage im Jahr 2015 & einer war 59 Tage im Jahr 2018. Er wurde nie mit irgendwelchen Anschuldigungen konfrontiert, es kam nie zu einem Prozess.

2 weitere Palästinenser befinden sich noch immer im Hungerstreik: Ghadhanfar Abu Atwan, der seit 51 Tagen keine Nahrung zu sich nimmt. Die israelische Armee weigert sich immer noch, ihn freizulassen oder seine Administrativhaft zu begrenzen, obwohl sein Gesundheitszustand erschreckend schlecht ist. Sie mussten ihn mehrmals verlegen, zuerst in Isolationszelle als Strafe für seinen begonnen Hungerstreik, später musste er in die Klinik des Gefängnisses gebracht werden. Die Familie berichtet, dass er sogar in der Klinik vom israelischen Gefängnispersonal geschlagen wurde. Sein Anwalt durfte ihn noch nicht sehen.

Ghadhanfar Abu Atwan

Jamal Al Taweel befindet sich seit 21 Tagen im Hungerstreik, ebenfalls ohne Gerichtsverfahren. Die Zahl der Palästinenser*innen in Administrativhaft ist von 280 zu Beginn des Jahres auf mittlerweile 520 angestiegen, 3 von ihnen sind israelische Staatsbürger, was beispiellos ist.

Landraub: Beita. Auf einen Hügel der besetzten Stadt Beita wurde innerhalb eines Monats eine neue illegale Siedlung errichtet, schon 50 Siedlerfamilien sind auf das gestohlene Land, dass die eigentlichen Besitzer nun nicht mehr betreten & bewirtschaften dürfen, eingezogen. Die israelische Besatzungsarmee half beim Aufbau. Seit Wochen gibt es friedliche Massenproteste gegen die Siedlung, dabei erschossen isr. Soldat*innen 4 Palästinenser*innen, darunter 2 Teenager von gerade 15 & 16 Jahren.

Vorher-Nachher: In rasender Geschwindigkeit wurde der grüne Hügel Jabel Sabih planiert & entgrünt & eine illegale Siedlung auf ihr errichtet.

Die Menschen in Beita & Umgebung organisieren sich zunehmend, um den Siedlern & schwerbewaffneten Soldat*innen entgegenzutreten: Mit Steinen & Molotovcoktails attackieren sie die schwer bewaffneten Besatzungssoldat*innen, mit dem Anzünden von Autoreifen in der Nacht & am Tag sowie Krach mit Hilfe von Lautsprechern versuchen sie die Siedler*innen massiv zu stören & so zum Aufgeben ihrer Siedlung zu zwingen, damit die Beitas Bewohner*innen somit ihr Land zurückzuerhalten. Dabei teilen sich die Bewohner*innen Beitas in mehrere Gruppen auf, denen verschiedene Aufgaben zufallen: Versorgung der Verletzten, Beobachten der Soldat*innen, Versorgung der Protestierenden, Beschaffung von Autoreifen, … Einige palästinensische Jugendliche organisierten heute auch einen Haarschnitt für diejenigen, die an den täglichen Protesten im Dorf Beita im besetzten Westjordanland teilnehmen.

Systematische Vertreibung: Sowohl Sheikh Jarrah als auch Silwan im besetzten Jerusalem sind aktuell von einer ethnisch motivierten Zwangsräumung bedroht: Hunderte palästinensische Familien sollen ihre Wohnhäuser, in denen sie seit Generationen leben, verlassen, damit sie israelischen Siedler*innen zur Verfügung stehen, einige von ihnen aus Brooklyn. Solche Zwangsvertreiben sowie Siedlungen sind gemäß Völkerrecht illegal. Montagnacht griffen Siedler die palästinensischen Einwohner*innen in Sheikh Jarrah an, bewarfen sie mit Steinen, Stühlen & attackierten sie mit Pfefferspray, u.a. ein 12-jähriges Mädchen wurde dadurch verletzt. Die israelische Polizei griff ein — nicht aber zum Schutz der Bewohner*innen: Sie unterstützten die Attacken der Siedler & griffen ebenfalls die Palästinenser*innen sowie deren Wohneigentum an. Auch ein Krankenwagen wurde von Siedlern attackiert & anschließend von den israelischen Einsatzkräften per Wasserwerfer mit Stinkwasser — einer nach Gülle riechenden wässrigen Substanz — besprüht. Nach Angaben des Roten Halbmonds wurden mindestens 20 Palästinenser*innen verletzt.

Ein 12-jähriges Mädchen wurde von einem Siedler mit Pfefferspray attackiert. Sheikh jarrah, besetztes Jerusalem, 21.06.2021

Am gestrigen Abend wiederholten sich die Szenen in Sheikh Jarrah. Siedler, israelische bewaffnete Polizist*innen & Soldat*innen attackierten erneut die BEwohner*innen & verschafften sich mit Gewalt Zugang zu den palästinensischen Wohnungen & randalierten. Sami Abu Shehadeh, Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit & Mitglied sprach am gestrigen Abend in dem Viertel von “der Anwesenheit von Diskriminierung & Apartheid gegen alles, was arabisch oder palästinensisch ist. Es geht darum, ob man Araber*in ist oder nicht […] es gibt keinen direkteren Rassismus als das.”

Doch nicht nur in Sheikh Jarrah & Silwan sind Palästinenser*innen Vertreibung & Willkür ausgesetzt: Ein Bauernhof, ein Geschäft & eine Autowaschanlage wurden im Westjordanland abgerissen, um den Menschen ihre wirtschaftliche Grundlage zu entziehen. Auch 3 Häuser wurden zerstört, während 21 Abriss- & Baustopp-Bescheide im Westjordanland, einschließlich des besetzten Jerusalem, verteilt wurden. Ahmad Obeid wurde am Dienstag von der Besatzung gewzungen, sein Haus, das er über 30 Jahre ausgebaut hatte, selber abzureißen. Die über die Jahre hinzugefügten 3 Etagen seines Wohnhauses waren für seine Kinder gedacht: Nächsten Monat heiratet sein Sohn & wollte hier mit seiner Frau wohnen. “Das Haus ist das Ergebnis von 30 Jahren harter Arbeit, und nach 30 Jahren verschwindet es binnen 10 min — das Haus und die harte Arbeit, weg.” Er erhielt kurzfristig einen Abrissbescheid der Besatzungsbehörden: Bis heute Abend selber abreißen oder die Besatzung tut dies morgen & stellt eine Strafe von umgerechnet etwa 103.000 Euro aus. Letzteres wäre neben der Obdachlosigkeit der vollkommene finanzielle Ruin. Monatlich, manchmal jede Woche, werden Palästinenser*innen zur eigenhändigen Zerstörung ihrer Häuser gezwungen.

Besatzungsgewalt: 150 Mal fiel die isr. Besatzungsarmee gewaltsam in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich Jerusalem, ein: Dabei wurden 140 pal. Zivilisten willkürlich verhaftet, darunter 14 Kinder & 3 Frauen. Die meisten palästinensischen Zivilisten wurden bei willkürlichen nächtlichen Razzien pal. Familienhäuser durch die isr. Armee verhaftet. Diese Razzien sind durch exzessive Gewaltanwendung, Verwüstung, Waffeneinsatz, Angriffe auf & Misshandlungen von Zivilisten durch die Soldat*innen gekennzeichnet. Es handelt sich um eine jahrzehntelange Praxis der Besatzung.

Gegen jede Form von Protest geht die Besatzungsarmee mit Gewalt vor, aktuell vor allem im besetzten Jerusalem & Beita. Dutzende Paästinenser*innen wurden verletzt, darunter mindestens 2 Kinder sowie 2 Journalistinnen, die einen friedlichen Protest in Jerusalem dokumentierten: Die eine, Sondos Abed Al Rahman ‘Awis (25) erlitt Schrapnellwunden am Rücken, die andere, Latifa Redwan Abed Al Latif (31), erlitt Schrapnellwunden am Fuß.

Freiluftgefängnis Gaza: Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 14. Jahr in Folge an, ohne jegliche Verbesserung des Personen- & Warenverkehrs, der humanitären Bedingungen & mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit.

Die israelische Armee kündigte heute kleine “Lockerungen” für die Belagerung des Gazastreifens an. Ab morgen dürfen die Fischer in 9 statt 6 Seemeilen Entfernung zu Gazas Küste fischen. Diese Entfernung ist bei weitem nicht ausreichend zum existenzsichernden Fischen, bietet aber etwas bessere Chancen für einen Fang. Dennoch wurden auch diese Woche wieder 3 Fischerboote durch israelische Kanonenboote beschossen — ein wöchentliches “Ereignis”. Ebenfalls ab morgen wird der einzige Handelsübergang mit Gaza für die wenigen Waren, die in den oder aus dem Gazastreifen transportiert werden dürfen, von Israel geöffnet. Dieser war seit dem letzten Angriff auf Gaza die meisten Tage geschlossen.

Wie das palästinensische Landwirtschaftsministerium in Gaza mitteilte, haben die Verluste des Landwirtschaftssektors aufgrund der andauernden israelischen Schließung der Grenzen zum Gazastreifen & der fehlenden Möglichkeit, landwirtschaftliche Produkte aus dem Gazastreifen zu exportieren, etwa 16 Millionen Dollar erreicht. Bewaffnete palästinensische Widerstandsgruppen aus dem Gazastreifen haben in den letzten Tagen über Ägypten verlauten lassen, dass sie nicht ruhig bleiben werden, solange die Blockade das Leben der Palästinenser*innen noch fest im Griff hat.

Palästinenser*innen innerhab Israels: Auch Palästinenser*innen mit israelischer Staatsbürgerschaft sind nicht vor Zwangsvertreibung & Enteignung innerhalb Israels sicher. Israelische Behörden zerstörten diese Woche Dutzende von Olivenbäumen & landwirtschaftlichen Gebäuden westlich von Rahat im Naqab (Negev), die Palästinenser*innen gehörten. Die Angriffe auf die palästinensischen Dörfer im Negev, die Israel nicht anerkennt obwohl sie älter als der israelische Staat sind, sind in den letzten Jahren & Monaten eskaliert.

Palästinensische Autonomiebehörde (PA): Die Tötung des Palästinensers Nizar Banat durch Kräfte der PA am frühen Donnerstag wurde mit Wut auf den Straßen & Verurteilung von palästinensischen Fraktionen & Menschenrechtsorganisationen beantwortet. Sowohl im Westjordanland als auch in Gaza kam es zu Massenprotesten. Im Westjordanland versuchte die PA diese gewaltsam niederzuschlagen, es kam zu zahlreichen Verletzten.

Nizar, ein offener Kritiker der PA, der bei den Parlamentswahlen kandidieren wollte, bevor diese Anfang des Jahres abgesagt wurden, starb nach seiner heutigen Verhaftung durch PA-Kräfte. Er wurde im Krankenhaus für tot erklärt. Eine erste Obduktion ergab als Todesursache schwere Schläge, die er während der Verhaftung eritt.

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