Ein Erdbeben & ein stolzer Widerstand — Mittwoch, 05.07.2023

Ein Erdbeben & ein stolzer Widerstand

Nach dem Rückzug der israelischen Truppen tauchen nun Fotos auf, die eine Geschichte der Zerstörung erzählen. Die Armee ist stolz auf das, was sie angeblich erreicht hat. Der palästinensische Widerstand verkündet das Scheitern der Invasion: “unsere Fähigkeiten sind weiterhin intakt”. Einheimische berichten Journalist:innen von einem ungebrochenen Geist der Hoffnung, Solidarität & des Widerstands. Ein riesiger Beerdigungsumzug ging heute durch Jenin.

Bilder der Zerstöung in Jenin, 05.07.2023. Fotos: arab48

Laut eigenen Angaben des israelischen Militärs sind ihre Einheiten aus dem Flüchtlingslager vollständig abgezogen. Nach dem Rückzug der israelischen Besatzungstruppen aus dem Lager von Jenin in der vergangenen Nacht bot sich den Bewohner:innen heute ein schockierendes Bild: Die Besatzer:innen haben die Infrastruktur vollständig zerstört, Strom, Trinkwasser & Festnetztelefone sind außer Betrieb. Auf den Straßen ist es ist schwierig, zu Fuß zu gehen, da ganze Straßenzüge von den israelischen Einheiten aufgerissen wurden. Am Straßenrand stehen Dutzende von zerstörten Fahrzeugen, die sich in einen Eisenhaufen verwandelt haben, & Wohnhäuser, die verbrannt sind.

Kamal Abu Al Rub, stellvertretender Gouverneur der Stadt, erklärte, dass fast 80% der Häuser im Flüchtlingslager beschädigt sind. Gegenüber der Nachrichtenagentur Andolu berichtete er: „Häuser & Infrastruktur wurden bei der Offensive schwer beschädigt. Fast 80 % der Häuser im Flüchtlingslager wurden entweder zerstört, beschädigt oder verbrannt“

Bei ihrem Angriff auf das 0,4 km² große Flüchtlingslager, in dem schätzungsweise 13.000–15.000 Flüchtlinge zusammengepfercht leben, setzte die Besatzungsarmee Kampfflugzeuge, Hubschrauber & bewaffnete Drohnen ein. Gleichzeitig stürmten Bodentruppen seit dem Morgengrauen des 03. Juli in das Lager, um die dortigen Widerstandskämpfer ins Visier zu nehmen, was zum Tod von 12 Palästinenser:innen & zur Verwundung von etwa 120 weiteren Personen führte, von denen sich 20 nach wie vor in einem kritischen Zustand befinden. Colin Wallace, Spezialist für psychologische Kriegsführung, erklärte gegenüber Al Jazeera, dass der Einsatz von Luftwaffen in einem dicht besiedelten Gebiet wie dem Flüchtlingslager kaum zu rechtfertigen sei. Die 12 Getöteten wurde heute in Jenin begraben, an dem Trauerzug nahmen Tausende teil.

Trauerzug in Jenin, 05.07.2023

Die israelische Besatzungsarmee behinderte aktiv den Zugang von Rettungssanitäter:innen zu Verwundeten, mehrere Krankenhäuser wurden von Soldat:innen mit scharfer Munition beschossen sowie mit Tränengas angegriffen, Patient:innen erlitten hierdurch schwere Atemnot & dringend benötigte Operationssäle konnten wegen des aggressiven Reizgases nicht genutzt werden. Ärzte ohne Grenzen verurteilte gestern das Vorgehen der israelischen Armee in einer Stellungnahme: “Wir verurteilen die israelischen Streitkräfte, die medizinisches Personal daran hindern, das Flüchtlingslager Jenin zu betreten.” Die Einsatzkoordinatorin in Jenin für Ärzte ohne Grenzen, Jovana Arsenijevic: „Die Angriffe auf das Lager Jenin folgen inzwischen einem bekannten Muster: Krankenwagen werden von gepanzerten Fahrzeugen gerammt & Patienten & medizinischem Personal wird routinemäßig der Zugang zum Lager verweigert“. Des Weiteren hielt die Organisation fest, dass besonders viele Patient:innen am Kopf verwundet wurden.

Ärzte ohne Grenzen berichtete gestern von Tränengasangriffen auf das Khalil Suleiman Krankenhaus in Jenin — der massive Einsatz des Tränengases machte die Nutzung dringend benötigter OP-Räume & weiterer Einrichtungen der Notaufnahme unmöglich, die Menschen mussten in den Krankenhausfluren versorgt werden.

Mehr als 3.000 Menschen flohen aus dem Flüchtlingslager, langsam kehren sie heute zurück. Bewohner:innen des Lagers erzählten den Journalist:innen von ARab48, die das Lager betreten durften, ihre Geschichte. Ahmed Al Ghoul (29), der Besitzer eines Webstuhls, der Ziel eines israelischen Bombenangriffs wurde, arbeitet mit seinen Freunden daran, das wieder aufzubauen, was wieder aufgebaut werden kann. Er beschrieb, wie die Besatzungsarmee das Haus seiner Familie bombardiert hatte, was zur Zerstörung der Wände des Erdgeschosses führte, während das dreistöckige Haus vollständig verbrannte. Trotz allem, was ihm widerfahren ist, betonte er: “Die israelische Armee wurde besiegt & hat keine Erfolge erzielt. Dem Lager in Jenin geht es gut & der Jugend geht es gut”. Andere, wie Umm Akram Hamdan, berichteten auf derselben Website, wie die Armee in ihr Haus eindrang & sie zwang, es zu verlassen, & schilderten die Angst & den Terror, den sie erlebten. Hilfsorganisationen verteilen Nahrung & Wasser.

Bilder der Zerstöung in Jenin, 05.07.2023. Fotos: arab48

Die israelische Armee begann den mehrtägigen Überfall auf Jenin mit dem Titel “ein Haus und ein Garten” (in Anlehnung an eine biblische Erwähnung der Stadt) mit dem Versprechen, den palästinensischen Widerstand (gegen die völkerrechtswidrige, 50-jährige Besatzung) in dem Gebiet zu eliminieren & sprach von 350 Kämpfern. Am Ende verkündete die israelische Armee einen Sieg & feierte ihre Macht mit dem Einmarsch in das Lager. Die abziehenden israelischen Truppen wurden allerdings bis zum Schluss von palästinensischen Widerstandskämpfern beschossen, welche dabei in den letzten Minuten der Invasion einen israelischen Elitesoldaten töteten.

Bilder der Zerstöung in Jenin, 05.07.2023. Fotos: arab48

Die meisten der in Jenin von den Besatzer:innen festgenommenen Palästinenser wurden zudem nach kurzer Zeit wieder freigelassen, da sie keinerlei Verbindungen zum Widerstand hatten — die meisten Widerstandskämpfer entwischten ihnen also. Die bewaffneten Flügel der verschiedenen palästinensischen Gruppen verkündeten stolz ihre Erfolge, indem sie angeben, die Armee an vielen Orten in einen Hinterhalt gelockt, ihr den Zugang zu bestimmten Punkten zu verwehrt & neue Taktiken & Sprengstoffe eingesetzt zu haben. Sie versicherten ihren Anhängern: “Unsere Kampffähigkeiten sind intakt wie eh & je & wir haben noch nicht alles gezeigt, was wir haben”. Der Anführer des Palästinensischen Islamischen Dschihad (der wohl größten bewaffneten Gruppe in dem Lager) erklärte, die meisten der Getöteten seien Zivilist:innen.
Unter den Namen der getöteten oder verhafteten Widerstandskämpfer der bewaffneten Gruppen finden sich keine der von Israel am stärksten gesuchten.

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