Israelischer Bombenanschlag auf Zivilisten während zweiter Intifada
Die israelische Armee warf eine 1000kg schwere Bombe auf dieses Gebäude mit 4 geschäften ab — Anlass war eine einzige von der Armee gesuchte Person. Foto: Mohamed Al-Zanon, Maan Images

Die Zweite Intifada

Am 28. September 2000 begann der über 5 Jahre andauernde palästinensische Aufstand, der später als Zweite Intifada oder Al-Aqsa-Intifada in die Geschichtsbücher einging. Diesem Jubiläum widmen wir diese Woche ein ausführliches Spotlight.

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Diese Intifada hat Bilder & Entwicklungen hervorgebracht, die unser Leben sowie unsere Erinnerung als Palästinenser:innen, auch in Deutschland, bis heute prägen: Die Ermordung des 12-jährigen Muhammad Al Durrah im Schoß seines Vaters in Gaza, die Zerstörung ganzer palästinensischer Stadtgebiete & Flüchtlingslager, die Errichtung der illegalen Mauer im Westjordanland, aber auch die zum Teil stark verzerrte, anti-palästinensische Berichterstattung in Deutschland — all das prägt auch heute noch den Kampf & Aktivismus für die Rechte & Freiheit der Palästinenser:innen sowie aller Menschen auf der ganzen Welt.

Wir erinnern deshalb an die Al-Aqsa-Intifada als einen von zahlreichen Höhepunkten des palästinensischen Widerstandes gegen die Ungerechtigkeiten Israels & gegen das Schweigen der internationalen Staatengemeinschaft angesichts der andauernden Unterdrückung der Palästinenser:innen.

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Was in dieser Woche vor über 20 Jahren als spontane Demonstration begann, wurde zu einer der intensivsten Phasen des Widerstands gegen Unterdrückung & Besatzung, die die Geschichte der Region veränderte. Jahrelanger kontinuierlicher Aufstand & dessen gewaltsame Niederschlagung: Demonstrationen & deren absichtlicher Beschuss mit scharfer Munition, bewaffnete Angriffe & Bombardierungen ganzer ziviler Stadtviertel, Massenverhaftungen, die Errichtung einer massiven Trennmauer, weitere Siedlungen wurden gebaut, nur wenige wurden geräumt. Mehr als 5000 Palästinenser:innen & 1000 Israelis wurden getötet. Mehr als 60.000 Palästinenser:innen wurden verhaftet. Alles hatte sich verändert — für immer.

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Hintergrund

7 Jahre nach den Oslo-Abkommen waren viele Palästinenser:innen einschließlich Teilen der pal. Führung vom sogenannten “Friedensprozess” vollkommen desillusioniert. Nichts hatte sich an ihrer Unterdrückung geändert, die Besatzung verfestigte sich weiter. Während die israelische Armee aus dem Libanon endlich im Mai 2000 nach massiven Angriffen des dortigen Widerstands bedingungslos abzog, nahm gleichzeitig der Bau illegaler israelischer Siedlungen im Westjordanland & im Gazastreifen rapide zu, ein eigener palästinensischer Staat rückte in immer weitere Ferne & der Status Quo der Besatzung blieb bestehen, egal welche israelischen Parteien an die Macht kamen.

Bei einer weiteren Verhandlungsrunde im Camp David im Juli 2000 zeigte Israel keinerlei Kompromissbereitschaft in den Kernfragen. Die Öffentlichkeit sah nun, dass der Strategiewechsel der PLO (Palestinian Liberation Organisation) von aktivem Widerstand zu Verhandlungen nichts gebracht hatte. Der Kontrast zwischen erfolgreichem militärischen Widerstand im Libanon im Mai & dem Versagen von palästinensisch-israelischen Verhandlungen nur 2 Monate später hätte nicht größer sein können.

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Der Auslöser & die ersten Tage

Am 28. September, nur wenige Tage nach dem Jahrestag des Massakers von Sabra & Schatila*, betrat der israelische Oppositionsführer Ariel Scharon , der Hauptverantwortliche des Massakers & “Schlächter von Beirut”, mit einer Delegation der Likud-Partei, umgeben von Hunderten israelischer Bereitschaftspolizisten, die Al-Aqsa-Moschee: Eine sowohl kolonialistische als auch religiös-fanatische Provokation. Es kam zu wütenden Demonstrationen palästinensischer Jerusalemer, welchen die israelischen Besatzungskräfte mit Gewalt begegneten.

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Am nächsten Tag setzte Israel noch mehr scharfe Munition gegen die palästinensischen Demonstrationen ein: 7 palästinensische Demonstranten wurden in Jerusalem getötet. Doch trotz aller Gewalt der Besatzungstruppen ließ sich die Welle des Protests nicht mehr aufhalten: Palästinenser:innen in Gaza, dem gesamten Westjordanland sowie Palästinenser:innen mit israelischer Staatsbürgerschaft in Israel gingen auf die Straße. In den ersten wenigen Tagen der Proteste schoss Israel mehr als 1 300 000 Kugeln scharfer Munition auf die unbewaffneten Demonstrant:innen ab, so der damalige Direktor des Militärgeheimdienstes Amos Malka.

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Am 30. September wurde, neben vielen weiteren Palästinenser*innen, der 12-jährige Muhammad Al Durrah, im Schoß seines Vaters von israelischen Soldaten ermordet. Minutenlang schossen sie auf die beiden, ungeachtet der Rufe des Vaters, den Jungen zu verschonen. Ein palästinensischer Rettungssanitäter, der ihm zu Hilfe eilen wollte, wurde erst von Soldaten abgehalten, dann erschossen. Eine französische Kamera filmte 45 Minuten lang den Vorfall. Mohammad wurde eine Ikone der Intifada & zum Symbol für Israels Gewalt gegen jede Form von Protest.

Hintergrundinfo zur Ermordung Mohammad Al Durrahs: https://occupiednews.com/heute-vor-20-jahren/

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Amnesty International berichtete, dass nicht nur Demonstrant:innen getötet wurden, sondern sogar Umstehende. 80% der Palästinenser:innen, die im 1. Monat der Intifada getötet wurden, befanden sich auf Demonstrationen, bei denen für die israelischen Besatzungskräfte keinerlei Lebensgefahr bestand. Auch palästinensische Demonstrant:innen mit israelischer Staatsangehörigkeit — also Bürger Israels — wurden mit scharfer Munition angegriffen. Innerhalb einer Woche töteten im Oktober 2000 israelische Kräfte 13 Palästinenser:innen, 12 davon mit israelischer Staatsangehörigkeit bei Demonstrationen in Israel. Eine offizielle israelische Untersuchungskommission kam zwar zu dem Schluss, dass diese Tötungen nicht gerechtfertigt seien, es wurde aber dennoch kein einziger israelischer Polizist zur Rechenschaft gezogen.

Im Angesicht all dieser Ereignisse während der ersten Wochen beschlossen zahlreiche palästinensische Fraktionen, dem bewaffneten Kampf mehr Gewicht beizumessen als bei der 1. Intifada, die fast ausschließlich friedlich von Palästinenser:innen durchgeführt wurde.

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Verlauf & Meilensteine

Jahrelang fanden permanent Demonstrationen in ganz Palästina statt — einige der wöchentlichen Demonstrationen dauern bis heute an. Genauso wie der Protest hielt auch die gewaltsame Unterdrückung des palästinensischen Freiheitskampfes an: Die gesamte israelische Militär- & Polizeimaschinerie wurde aufgeboten & ihnen waren keine Grenzen gesetzt: Willkürlich wurden Demonstrationen & Einzelpersonen beschossen, ganze pal. Stadtviertel & Flüchtlingslager wurden bombardiert & zerstört. Auch Massenverhaftungen, das Stürmen von Familienhäusern, außergerichtliche Hinrichtungen & die Beschlagnahmung von Wohneigentum & Feldern wurden gegen Palästinenser:innen eingesetzt.

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Israelische Siedler organisierten bewaffnete Angriffe auf die palästinensischen Stadtviertel & Dörfer. Es wurden Attentate auf militärische & politische Führer verübt, ohne Rücksicht auf Zivilisten in der Gegend. Beispielsweise wurde ein Gebäude mit 4 Geschäften, in dem eine gesuchte Person saß, von einer 1000 kg-Bombe getroffen; ein marxistischer politischer Führer wurde in seinem Büro von einem Hubschrauber aus erschossen.

Es blieb nicht nur bei Demonstrationen & Steinwürfen: Einige palästinensische Fraktionen & Einzelpersonen entschieden sich, auf die israelische Gewalt mit Gegengewalt zu antworten: Es kam zu Schießereien an israelischen Militärcheckpoints, Angriffe auf illegale Siedlungen & deren Wachpersonal. Es gab auch Monate, in denen Bombenattentate auf militärische & zivile israelische Ziele die Intifada überschatteten.

Israel besetzte erneut die Zentren aller palästinensischen Städte, in denen die Sicherheit gemäß den Osloer Verträgen an die Palästinenser:innen übergeben worden waren. Sie demütigten die palästinensischen Sicherheitskräfte vor laufenden Kameras & umzingelten das Gebäude des palästinensischen Yassir Arafat mehr als 2 Jahre lang bis zu seinem Tod (was letztlich zu dem Gerücht führte, Arafat sei vergiftet worden).

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Israel begann den Bau einer Sperrmauer. Obwohl der Internationale Gerichtshof IGH 2004 urteilte, dass diese völkerrechtswidrig ist & abgerissen werden muss, wurde sie unbeirrt weitergebaut. Sie verläuft teilweise innerhalb des Westjordanlandes, umzingelt viele Stadtviertel, isoliert Dutzende von pal. Gemeinden von der Außenwelt & konfisziert die dahinter liegenden weiten pal. Felder de facto, was die Wirtschaft zahlreicher Dörfer & Städte ruiniert hat.

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Israel zog sich aus dem Gazastreifen “zurück”, indem es seine Soldat:innen abzog & seine dortigen illegalen Siedlungen auflöste. Jedoch bedeute dies nicht Freiheit für Gaza: Was folgte, ist eine bis heute anhaltende illegale Blockade, die jeden einzelnen Aspekt des Lebens der Menschen in Gaza von außen kontrolliert. Und das im Einvernehmen mit der anderen Seite des Streifens: Ägypten.

Die Folgen

Die 2. Intifada hatte kein offizielles Ende: Nach der langen, massiven Kampagne nicht enden wollender Gewalt im Westjordanland, waren viele pal. Städte & Flüchtlingslager zerstört & die Führung der meisten palästinensischen Fraktionen entweder getötet oder verhaftet, was die pal. Aktivitäten zu Beginn des Jahres 2005 erheblich schwächte. Einige sagen, die 2. Intifada hielt bis 2008 an, andere sogar bis 2010. Die Zahl der Todesopfer ist deswegen je nach Quelle unterschiedlich.

Infograph: Tote während der zweiten Intifada
Tote während der weiten Intifada von 29.09.2000 – 30.04.2008.

Die (eher konservativen) Zahlen der israelischen Menschenrechtsorganisation B’tselem nehmen die Intifada bis 2008 an. Demnach wurden 4789 Palästinenser von israelischen Sicherheitskräften getötet, darunter 955 Kinder. Mindestens 2204 (46,4%) der getöteten Palästinenser:innen “beteiligten sich nicht an den Kampfhandlungen”. 719 israelische Zivilisten wurden getötet (davon 123 Kinder) sowie 334 israelische Soldat:innen & Polizist:innen.

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Zu den obigen Zahlen gehören 135 kranke Palästinenser:innen ergänzt, welche an den mehr als 600 während der Intifada von Israel errichten Militärcheckpoints verstarben, da diese ihnen schnelle medizinische Hilfe verunmöglichten. Hunderte dieser Checkpoints existieren bis heute & schränken den Alltag der Palästinenser:innen massiv ein.

32.720 Palästinenser:innen wurden durch israelisches Militär verletzt, 3.530 von ihnen erlitten dadurch permanente körperliche Behinderungen.

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Während der 9 Jahre seit Beginn der 2. Intifada verhaftete Israel mindestens 69.000 Palästinenser:innen, mehr als 90% davon im Westjordanland. Darunter waren 7800 Kinder & 850 Frauen. Über 20.000 mal wurde Administrativhaft (Willkürhaft ohne Nennung von Gründen & ohne Anklage) gegen Palästinenser:innen verhängt. 74 Gefangene verstarben in den Besatzungsgefängnissen.

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Am Ende der Intifada wurde die Trennung zwischen dem Westjordanland & dem Gazastreifen vollendet sowie die Bewegung innerhalb des Westjordanlandes extrem eingeschränkt — bis heute. Durch die Mauer wurden viele palästinensische Städte & Gemeinden de facto annektiert. Der Gazastreifen wurde zwar frei von isr. Soldat:innen & Siedlungen, aber zum größten Freiluft-Gefängnis der Welt. Kleine Siedlungen in der Nähe des Intifada-Hotspots Jenin im Westjordanland wurden aufgelöst.

Vergleich Berliner Mauer mit israelischer Trennmauer
Vergleich der völkerrechtswidrigen israelischen Trennmauer mit der Berliner Mauer. Grafik aus „A Land Without People for a People Without Land“ by Nuno Coelho and Adam Kershaw

Eine neue Generation von Palästinenser:innen im Westjordanland, im Gazastreifen & in Israel erlebte die israelische Brutalität hautnah mit & wurde dadurch geprägt. Die Illusion des Friedensprozesses unter amerikanischer Führung wurde zu Grabe getragen. Eine neue Generation von Aktivisten innerhalb & außerhalb Palästinas wurde geboren. Die Frage, ob diese Intifada eine Niederlage oder ein weiterer Meilenstein im 100 Jahre lang währenden palästinensischem Freiheitskampf war, wird erst die Zukunft abschließend beantworten können. Aber was niemand bestreiten kann, ist, dass diese Intifada erneut bewiesen hat, dass die Besatzung niemals unangefochten bleiben wird. So lange Besatzung & Unrecht andauern, werden weitere Generation des Widerstands geboren werden.

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